Archive for the ‘buchkritik’ Category

Buchkritik: Mir selber seltsam fremd – von Willy Peter Reese

10. Dezember 2014

Was hier in die Schlacht zieht, kann kaum als Kritik siegen. Die Kriterien sind in dieser Stellung hierfür nicht gegeben, und gerade darum: Soll es Erwähnung finden.

Reeses Bericht von seinen Einsätzen an der Ostfront während des 2. Weltkrieges ist noch nicht einmal Bericht. Zeugnis viel mehr, aber ohne Zeugenschaft. Beteiligter, der wenig teilt oder mitteilt, aber dennoch –
Willy Peter Reese hatte schriftstellerische Ambitionen. Während des Krieges an der Ostfront schreibt er, und er schrieb viel. Er selber stirbt 1944 im Krieg, sein Nachlass verbleibt ohne Aufmerksamkeit, bis sich eine Zusammenarbeit mit dem Stern-Reporter Schmitz ergibt. 2004 wird das Büchlein „Mir selber seltsam fremd“ herausgegeben.

Wäre damit alles gesagt: Schreibender Wehrmachtssoldat?

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Badeferien-Leseliste 2011

20. Juli 2011

 
Die Mediokren:
 
 
John Griesemer: „Niemand denkt an Grönland“

1959: Rudy, zum Militärdienst verknackt, landet in einem streng geheimen Lazarett in Grönland, wo menschliche Wracks aus dem Koreakrieg (man denke an „Johnny Got His Gun“), offiziell als vermisst gemeldet, bis zu ihrem Tod gepflegt werden. Er freundet sich mit einem der Patienten an, verliebt sich in die Schnalle des (latent psychopathischen) Kommandanten, gibt auf Befehl des besagten Kommandanten eine Lagerzeitung heraus und erlebt mit, wie der Stützpunkt mit Ankunft der arktischen Nacht zunehmend im Chaos versinkt. Als er schliesslich erfährt, dass das Lazarett aufgelöst wird, wird’s *richtig* kitzlig …

Militärsatire, die Propaganda, Geheimniskrämerei und bürokratischen Irrwitz auf die Schippe nimmt. Zwar nicht ganz so lustig oder schockierend, wie Griesemer sich das gedacht haben mag, aber doch recht unterhaltsam (jedenfalls musste ich zwei- oder dreimal laut auflachen). Die fortgeschrittene Idiotie der Hauptfigur (Rudy unternimmt wirklich alles Menschenmögliche, um sich so tief in die Scheisse zu reiten, wie’s nur geht) nervt mit der Zeit ein wenig.

Fun Fact 1: Der Klappentext versucht verzweifelt, aus der tragikomischen Satire einen reisserischen Thriller zu machen.
Fun Fact 2: John Griesemer ist auch als Schauspieler unterwegs; den meisten dürfte er als imaginärer Vater des herumbrüllenden Psychos in „Langoliers“ bekannt sein.
 
 
Robert Lamont: „Professor Zamorra Bd. 83: Als die Knochenreiter kamen…” & „Professor Zamorra Bd. 85: Der Feuergötze“

Im ersten Band wird Dschingis Khan zu einem Dämon verteufelt (die Mongolen bedanken sich) und sucht die Erde heim; im anderen lässt ein reicher Tunesier Zamorra sein magisches Amulett klauen, um damit einen Baal-Tempel wiederzuerwecken.

Falls diese gerade mal zwei Hefte repräsentativ sind, so war PZ im Jahre 1977 nur halb so infantil wie heute (sowohl was den Schreibstil als auch Story und Charaktere betrifft). Es macht zudem einen ganz anderen Eindruck, wenn Zamorra und Co. nicht dreissig Jahre an Hintergrundgeschichte mit sich herumschleppen, die immer wieder rekapituliert werden muss, und es hilft, dass das Konzept noch relativ frisch ist (man sich also nicht irgendwelchen wirren Strunz aus den Fingern saugen musste, um noch Seiten füllen zu können). Und: Damals hatte man noch richtige Titelbilder, keine talentlos hingeschissene Digitalkacke.
Nicht, dass das alte Zeug grosse Kunst wäre; „Der Feuergötze“ leidet zum Beispiel darunter, dass die Hälfte der „Laufzeit“ mit zwei Nebenfiguren vertrödelt wird, die für die Handlung keinerlei Bedeutung haben. Aber als hirnlose Unterhaltung funktionieren die „Klassiker“ weitaus besser als das aktuelle Gerumpel, scheint mir.

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Buchkritik: Hunkeler macht Sachen von Hansjörg Schneider

30. Juni 2011

Hunkeler, der alte Basler Komissär, entdeckt nach einer Sauftour den alten IV-Bezüger Hardy auf einer Parkbank sitzen – erdrosselt und mit einem abgeschnittenen Ohrläppchen. Die ersten Spuren führen ins Albaner-Milieu, genauer gesagt, zum mafiösen Drogenschmuggel (Hardy war daran beteiligt) und zu einer Fehde zwischen drei albanischen Familien. Eigentlich ist Hunkeler dem Fall gar nicht zugeteilt, aber weil der Mord an Hardy Ähnlichkeiten zu dem Mord an der Prostituierten Barbara Amsler hat, für den der alte Kommissär zuständig ist, mischt er sich in die Ermittlungen ein – und bringt es dabei fertig, sich von einem verdächtigten albanischen Familienoberhaupt niederschlagen zu lassen. Weil besagtes Familienoberhaupt infolgedessen aus dem Gefängnis entkommt, wird Hunkeler beurlaubt.

Selbstverständlich führt er seine Untersuchungen dennoch weiter und stellt schließlich fest, dass die albanischen Mafiosi mit den Morden kaum etwas zu tun haben dürften. Als dann ein Zigeuner-Mädchen angegriffen wird, offenbar vom selben Täter, der auch Hardy und Barbara auf dem Gewissen hat, ist Hunkeler längst auf eine ganz andere Fährte gestoßen …

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Buchkritik: Superhero von Anthony McCarten

27. Juni 2011

Originaltitel: Death of a Superhero
Übersetzung: Manfred & Gabriele Kempf-Allié
Verlag: Diogenes, 2007

Der 14jährige Donald leidet an Leukämie und hat die Schnauze voll von seinen Eltern, seinem Bruder, seinen Freunden und vor allem von seinen aufwallenden Hormonen und verbringt seine Zeit damit, einen Comic über Miracle Man zu zeichnen, einen furzenden und unsterblichen Superhelden, der es ständig mit rattenscharfen Weibern treibt.

Der kunstliebende Psychotherapeut Adrian, der hartnäckig versucht, Donald wieder zu Lebensfreude zu verhelfen (auch wenn der griesgrämige kleine Krebskrüppel den verweichlichten Therapeuten-Fettsack anfangs genau so wenig leiden kann wie sonst irgendwen), setzt sich schliesslich ein Ziel: Ausgehend von Donalds Wunsch, nicht als Jungfrau zu sterben, will er den Jungen heimlich einer Prostituierten zuführen …

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Buchkritik: Wilhelm Storitz‘ Geheimnis von Jules Verne

25. Juni 2011

Originaltitel: Le Secret de Wilhelm Storitz
Übersetzung: Gaby Wurster
Verlag: Piper, 2009

Franzmann Marc reist nach Ungarn, wo sein kleiner Bruder reich und berühmt geworden ist und eine Tochter aus gutem Hause heiraten will. Ebenfalls auf besagte Tochter aus gutem Hause hat es der deutsche Chemiker Storitz abgesehen. Weil aber eine rechte Ungarin niemals einen dreckigen Preussen heiraten würde, kriegt Storitz einen Korb – und rächt sich mithilfe eines Unsichtbarkeits-Serums …

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Buchkritik: Herr Lehmann von Sven Regener

16. Mai 2011

1989, Westberlin: Frank geht stramm auf die Dreißig zu, weswegen er nur noch Herr Lehmann genannt wird (was ihn nervt). Eigentlich führt er ein halbwegs glückliches Leben (mit einem ausfüllenden Beruf als Barkeeper), doch überstürzen sich plötzlich die Ereignisse: Er verliebt sich in die neue (und schwierige) Köchin Katrin, seine Eltern kommen aus der Provinz zu Besuch und sein bester Freund Karl gleitet allmählich in den Wahnsinn ab. Kommen diverse Begegnungen mit aggressiven Kötern, nicht minder aggressiven Lederschwuchteln oder engstirnigen Busfahrern hinzu …
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Buchkritik: Chase von Dean Koontz

7. Januar 2011

Originaltitel: Chase
Autor: Dean Koontz
Übersetzung: Thomas Hag
Verlag: Heyne

Dean Koontz ist so etwas wie der hässliche und dumme Zwilling von Stephen King: Ungefähr im gleichen Alter, hat ebenfalls den literarischen Durchbruch Anfang der 1970er erlebt, ebenfalls in der Horrorliteratur unterwegs (wenn auch stärker auf Thriller/Science Fiction konzentriert), fast genau so erfolgreich auf den Bestsellerlisten – aber als Schriftsteller signifikant untalentierter und weltanschaulich vor allem in der Spätphase absolut zum Kotzen (nach der so reaktionären wie doofen Esoterik-Strunze „Der Geblendete“ aka „From the Corner of his Eye“ hab ich fast acht Jahre lang keins seiner Bücher auch nur angefasst).
„Chase“ gehört zu seinen ersten Werken, allerdings hatte ich hier nicht das 1972er Original vorliegen (das damals unter dem Pseudonym K.R. Dwyker erschien), sondern die „vom Autor vollständig überarbeitete Ausgabe“ von 1995. Bekanntlich hat Koontz auch „Demon Seed“ und andere Texte dergestalt rezykliert – was zu einem Autoren passt, dessen Originalität sich darauf beschränkt, neben seinen ganzen Serienkiller-Geschichten ab und zu auch etwas mit sprechenden Hunden zu schreiben.

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Buchkritik: Stadt der Untoten von David Wellington

1. Juli 2010

STADT DER UNTOTEN

Originaltitel: Monster Island
Autor: David Wellington
Übersetzung: Andreas Decker
Herausgegeben (im Original): 2004 (E-Book)
Verlag: Piper

(Herzlichen Dank an Lebendes PAL-Feld aus dem Badmovies.de-Forum für die generöse Sachspende.)

Die Toten erheben sich und überrennen die Lebenden. Die westliche Zivilisation geht innerhalb von Rekordzeit unter, während sich (Ironie oder so) die kriegserprobten Völker der Dritten Welt gegen die Invasion behaupten können. Dekalb, ein Waffeninspektor der UNO, flüchtet zusammen mit seiner siebenjährigen Tochter Sarah (seine Frau wurde zombiefiziert) aus Kenia und schlägt sich bis Somalia durch, wo die beiden der Glorious Girl Army of the Free Women’s Republic of Somaliland in die Hände fallen. Mama Halima, die Führerin der FWRS, leidet an AIDS – schlecht für Mama Halima, gut für Dekalb, der nur deswegen nicht auf der Stelle erschossen wird, weil er sich in den UN-Gebäuden Afrikas auskennt und daher der Girl Army auf der Suche nach Medikamenten als Führer dienlich ist.
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Buchkritik: So finster die Nacht von J.A. Lindqvist

12. Januar 2010

Originaltitel: Låt den rätte komma in
Autor: John Ajvide Lindqvist
Übersetzung aus dem Schwedischen: Paul Berf
Erstmals veröffentlicht: 2004 (Deutschland 2007)
Verlag: Bastei Lübbe

1981 in einem schwedischen Vorort: Oskar Eriksson hat es nicht leicht, wird er doch in der Schule regelmässig brutal von Jonny und dessen Spiessgesellen gehänselt. Hilfe findet er weder bei seinen Freunden, noch bei den Lehrern, noch bei seiner alleinerziehenden Mutter, die meist ausser Hauses ist, und schon gar nicht bei seinem Vater, einem Gelegenheits-Säufer, der die Familie schon vor Jahren verlassen hat. Dafür leidet er (also Oskar) an Inkontinenz, begeht Ladendiebstähle und hat Gewaltfantasien.
Da lernt er eines Tages Eli kennen, die Tochter von Håkan Bengtsson, der kürzlich in die Wohnung nebenan eingezogen ist. Sie ist irgendwie seltsam, soll heissen, sie wäscht ich offensichtlich nicht, läuft mitten im Winter in leichter Kleidung herum, hat irgendwie hypnotische Augen, löst einen Zauberwürfel in kürzester Zeit, etc. Er verliebt sich in sie, sie wiederum treibt ihn dazu an, sich gegen seine Peiniger zur Wehr zu setzen – was auf lange Sicht schlimme Folgen hat.

Natürlich weiss Oskar nicht, dass Eli in Wirklichkeit ein Vampir und ihr „Vater“ der sogenannte Ritualmörder von Vällingby ist – der Fall des dreizehnjährigen Jungen, der in einem Waldstück mit durchschnittener Kehle kopfüber aufgehängt wurde, um ihn auszubluten, ist in aller Munde. Als Håkan sich weigert, erneut zu morden, muss Eli sich selbst Beute suchen – und wählt sich als Opfer Jocke. Ein entfernter Bekannter desselben, der Katzennarr Gösta, beobachtet die Tat und berichtet später dessen Freundeskreis davon. Mit der Geschichte des mörderischen Kindes kann man nicht zur Polizei, also muss man wohl selbst was unternehmen – zumindest ist Lacke, Jockes bester Freund, der Meinung.
Als sich Håkan endlich wieder bereit erklärt, Eli Blut zu beschaffen, endet das Unternehmen in einer Katastrophe – er wird entdeckt, in die Ecke getrieben und versucht, sich das Leben zu nehmen, indem er sich selbst Säure ins Gesicht schüttet. Er überlebt allerdings und landet schwer entstellt im Krankenhaus. Eli muss infolge dessen wieder selber los und sucht sich als nächstes ausgerechnet Virginia aus, die Freundin Lackes.

Inzwischen muss sich Tommy, ein um ein paar Jahre älterer Kumpel Oskars, damit auseinandersetzen, dass sich seine Mutter mit Staffan, einem frömmlerischen Polizisten, eingelassen hat – insbesondere deshalb eine kitzlige Sache, weil er einerseits über den Tod seines Vaters noch nicht hinweggekommen ist und sich andererseits mit Schnüffeln und Einbrüchen seine Zeit vertreibt. Als er schliesslich in die Vampirgeschichte mit hineingezogen wird, werden seine schlimmsten Albträume wahr…

Abteilung: Alter Schwede! (Und Achtung: Spoiler voraus.)

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Buchkritik: Ein Inspektor kommt von J. B. Priestley

5. Dezember 2009

Originaltitel: A Inspector Calls. A Play in Three Acts
Autor: J. B. Priestley
Übersetzung: Michael Raab
Herausgegeben im Original: 1945
Verlag: Reclam

Eines Abends im Jahre 1912: Die Birlings, eine stinkreiche Industriellen-Familie, die kurz vor dem Adelstitel steht, feiert die Verlobung von Tochter Sheila mit Gerald Croft, Sohn einer ebenfalls reichen und angesehenen Familie. Mitten in die gemütliche Runde platzt ein Inspektor Goole, der den Tod von Eva Smith untersucht – die junge Frau hat Selbstmord begangen, indem sie Desinfiziermittel getrunken hat. Im Laufe der Befragungen stellt sich heraus, dass alle Anwesenden auf die eine oder andere Art mit ihr zu tun hatten: Arthur Birling, der Familienvater, hat sie einst aus einer seiner Fabriken entlassen, Sheila hat aus Eitelkeit dafür gesorgt, dass sie an ihrer nächsten Stelle gefeuert wurde, Gerald hat sie sich daraufhin als Geliebte genommen, um sie schliesslich wieder fallen zu lassen, etc. Tragen sie alle Schuld am Tod der jungen Frau?

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