Badeferien-Leseliste 2011

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Die Mediokren:
 
 
John Griesemer: „Niemand denkt an Grönland“

1959: Rudy, zum Militärdienst verknackt, landet in einem streng geheimen Lazarett in Grönland, wo menschliche Wracks aus dem Koreakrieg (man denke an „Johnny Got His Gun“), offiziell als vermisst gemeldet, bis zu ihrem Tod gepflegt werden. Er freundet sich mit einem der Patienten an, verliebt sich in die Schnalle des (latent psychopathischen) Kommandanten, gibt auf Befehl des besagten Kommandanten eine Lagerzeitung heraus und erlebt mit, wie der Stützpunkt mit Ankunft der arktischen Nacht zunehmend im Chaos versinkt. Als er schliesslich erfährt, dass das Lazarett aufgelöst wird, wird’s *richtig* kitzlig …

Militärsatire, die Propaganda, Geheimniskrämerei und bürokratischen Irrwitz auf die Schippe nimmt. Zwar nicht ganz so lustig oder schockierend, wie Griesemer sich das gedacht haben mag, aber doch recht unterhaltsam (jedenfalls musste ich zwei- oder dreimal laut auflachen). Die fortgeschrittene Idiotie der Hauptfigur (Rudy unternimmt wirklich alles Menschenmögliche, um sich so tief in die Scheisse zu reiten, wie’s nur geht) nervt mit der Zeit ein wenig.

Fun Fact 1: Der Klappentext versucht verzweifelt, aus der tragikomischen Satire einen reisserischen Thriller zu machen.
Fun Fact 2: John Griesemer ist auch als Schauspieler unterwegs; den meisten dürfte er als imaginärer Vater des herumbrüllenden Psychos in „Langoliers“ bekannt sein.
 
 
Robert Lamont: „Professor Zamorra Bd. 83: Als die Knochenreiter kamen…” & „Professor Zamorra Bd. 85: Der Feuergötze“

Im ersten Band wird Dschingis Khan zu einem Dämon verteufelt (die Mongolen bedanken sich) und sucht die Erde heim; im anderen lässt ein reicher Tunesier Zamorra sein magisches Amulett klauen, um damit einen Baal-Tempel wiederzuerwecken.

Falls diese gerade mal zwei Hefte repräsentativ sind, so war PZ im Jahre 1977 nur halb so infantil wie heute (sowohl was den Schreibstil als auch Story und Charaktere betrifft). Es macht zudem einen ganz anderen Eindruck, wenn Zamorra und Co. nicht dreissig Jahre an Hintergrundgeschichte mit sich herumschleppen, die immer wieder rekapituliert werden muss, und es hilft, dass das Konzept noch relativ frisch ist (man sich also nicht irgendwelchen wirren Strunz aus den Fingern saugen musste, um noch Seiten füllen zu können). Und: Damals hatte man noch richtige Titelbilder, keine talentlos hingeschissene Digitalkacke.
Nicht, dass das alte Zeug grosse Kunst wäre; „Der Feuergötze“ leidet zum Beispiel darunter, dass die Hälfte der „Laufzeit“ mit zwei Nebenfiguren vertrödelt wird, die für die Handlung keinerlei Bedeutung haben. Aber als hirnlose Unterhaltung funktionieren die „Klassiker“ weitaus besser als das aktuelle Gerumpel, scheint mir.

Sehr unterhaltsam ist übrigens der galoppierende Sexismus. So wird in der Dschingis-Khan-Story explizit darauf hingewiesen, dass Nicole Duval (Zamorras junge, leicht dümmliche Assistentin, gell) nicht nur im Ausschnitt, sondern am ganzen Körper gebräunt ist, denn sie „liebt es, sich vollkommen nackt in die Sonne zu legen“. Und in „Der Feuergötze“ kriegt sie beinahe einen Herzinfarkt, als Zamorra ihren Perücken-Koffer verschwinden lässt.

Fun Fact: Auf der Rückseite wird ein Muskelstärkungsmittel beworben und zwar mit einem Bodybuilder, der stark einem gewissen Arnold Schwarzenegger ähnelt.
 
 
R. Scott Reiss: „Black Monday“

Seuchenthriller mal anders: Eine winzige Bazille greift die Ölvorräte der Welt an und macht dieselben unbrauchbar. Die Folge: Flugzeuge stürzen vom Himmel, die Nahrungsmittelversorgung droht zusammenzubrechen, für den Winter gibt es kaum Heizöl, etc. Ein junger Seuchenexperte versucht, der Epidemie Herr zu werden, während er sich mit terrorismusbesessenen Militärs, karriereversessenen Potikikern und machtbesessenen Nachbarn herumschlagen muss – und dann wird ihm auch noch ein psychopathischer Killer auf die Fährte gesetzt.

Eine frische, interessante Prämisse hübsch spannend umgesetzt. Aber das Ding tendiert schon heftig zum Holzschnitt: Plumpe Öko-Propaganda und aufdringliches Pro-Links-Gedöns, US-Hurra-Patriotismus und eindimensionale Klischee-Charakter auf allen Seiten – und unser Held ist eine ziemliche Mary Sue: Nicht nur, dass er zusammen mit seiner wunderschönen Frau Kinder aus verschiedenen Dritte-Welt-Ländern adoptiert und ein unübertroffener Seuchenexperte ist, der überall auf der Welt Epidemien besiegt, er ist auch der geborene Führer und muss die Avancen seiner wunderschönen Chefin zurückweisen.
Frech ist zudem, dass mit dem erwähnten Nachbarn (ein Möchtegern-Warlord, der versucht, das Viertel unseres Helden im „Mad Max“-Stil zu übernehmen) künstlich ein zusätzliches Spannungsmoment aufgesetzt wird, dieses aber in einer derben Antiklimax ausläuft.
Als zum Schluss der eigentliche Bösewicht aufflog, musste ich übrigens sehr lachen.

Trotzdem: Spannend und unterhaltsam, als hirnlose Ferienlektüre durchaus geeignet.
 
 
 
Die Tollen:
 
 
Philip K. Dick: „Die seltsame Welt des Mr. Jones“

Dick-Frühwerk von 1956. Nach einem verheerenden Weltkrieg hat der Relativismus die Herrschaft übernommen und ein Gesetz erlassen, das das Wiederaufkommen von religiösem oder ideologischem (also kommunistischen) Fanatismus verhindern soll: Wer absolute Behauptungen aufstellt, ohne sie beweisen zu können, landet im Arbeitslager.
Der junge Geheimpolizist Cussick lässt nun einen gewissen Mr. Jones verhaften, der behauptet, genau ein Jahr in die Zukunft sehen zu können. Da seine Prophezeiungen tatsächlich eintreffen, müssen die Relativisten ihn wieder gehen lassen. Das Dumme daran: Mr. Jones schart Millionen von Anhängern um sich, die er davon überzeugt, die „Drifter“ (völlig harmlose Riesenzellen aus dem Weltall) mit allen Mitteln zu vernichten und den Weltraum zu erobern. Während er die relativistische Regierung stürzt, kümmert sich Cussick um ein geheimes Programm, für das Menschen für die Lebensbedingungen auf der Venus gezüchtet werden (zur Kolonisation). Dieses Projekt entwickelt sich in den politischen Unruhen zu seiner letzten Hoffnung …

Auf knapp 200 Seiten schneidet Dick hier eine Menge Themen an: Das verheerende Verhältnis von Idealismus und Fanatismus, die Schwierigkeit, eine rationale Weltsicht durchzusetzen, der im Grunde kindische Glaube an die Eroberung ferner Welten, vorschnelles und im Endeffekt katastrophales Handeln angesichts völlig fremdartiger „Bedrohungen“, genetische Eingriffe und Menschenzüchtung, Feminismus, Erziehung durch den Staat, etc. Dabei bietet Dick niemals einfache Botschaften oder Lösungen an, sondern bleibt bei der Ambivalenz und begnügt sich, die paradoxen Seiten des Lebens herauszuarbeitet.

Besonders interessant ist zudem Mr. Jones, der stets zugleich die aktuelle Gegenwart und seine zukünftigen Erlebnisse durchlebt und eine spezielle Art von Fanatiker ist, der nicht an einen Gott oder an ein höheres Prinzip, sondern einfach an seine künftigen Erinnerungen glaubt – ein grandioses Konzept, bei dem sich mitunter die Hirnwindungen krümmen.

Wenn man das mal mit Heinleins plumpem Starship Troopers vergleicht, der gerade mal drei Jahre später rauskam …
 
 
Albert Sánchez Piñol: „Im Rausch der Stille“

Ein junger irischer Widerstandskämpfer hat von seinen Landsleuten die Nase voll und lässt sich als Wetterbeobachter auf eine ferne, winzige Insel versetzen, wo ansonsten nur noch ein verrückter deutscher Leuchtturmwärter lebt. Besagte Insel wird jede Nacht von menschenähnlichen Meeresungeheuern überrannt – aber der junge Ire hat nicht nur mit den Fischmonstern, sondern auch mit dem abweisenden Deutschen zu kämpfen. Der sich übrigens eines der Fischmonster-Weibchen als Haustier/Sklave hält und es auf regelmässiger Basis vögelt.

Surrealer Horror mit Anspruch (wobei „Horror“ etwas übertrieben ist, eigentlich ist das eine Abenteuer-Story). Das Reizvolle an dem Roman (neben dem äusserst spannend geschilderten Überlebenskampf der beiden menschlichen Inselbewohner) ist der subtil gezeichnete Protagonist, bei dem es sich gleichzeitig um den Erzähler der Geschichte handelt (teils in Tagebuchform): Der junge Ire hat einerseits praktische Erfahrungen im bewaffneten Untergrund, hat andererseits aber eine humanistische Bildung durchgemacht und eine Leidenschaft für Philosophie.
So handelt er zwar brutal, amoralisch und triebgesteuert, manchmal auch wehleidig, dumm oder naiv, redet sich das aber stets mit pseudointellektuellem Geschwätz oder möchtegern-tiefsinnigen philosophischen Überlegungen schön. Diese durchgehende ungewollte Selbstentlarvung ist immens interessant und macht den Roman zu einer bitterbösen Intellektuellen-Satire.
 
 
Robert Sheckley: „Die Menschenfalle“

Eine Sammlung von Kurzgeschichten. Ähnlich wie Isaac Asimov oder Stanislaw Lem nimmt Sheckley jeweils eine knackige Prämisse und spielt diese im Hinblick auf eine überraschende Pointe durch. Er macht dies jedoch mit einer Menge Ironie und Witz und schafft dabei ungeheuer amüsante Geschichtchen, bei denen ich dauern grinsen oder brüllend lachen musste. Dass nicht jede Pointe von der Logik her völlig aufgeht, ist da leicht zu verschmerzen.
Das Highlight ist für mich die Titelgeschichte, eine „Millionenspiel“-Variante, bei der Kandidaten ein Stück Land gewinnen können (die Erde ist völlig überbevölkert und -bewohnt), sofern sie ein Wettrennen durch ein im Chaos versunkenes New York gewinnen (und überleben). Sheckley entwirft mit knappen und lapidaren Schilderungen einen fantastischen Moloch von Stadt (der an diverse Postapokalypse-Streifen oder die Welt von Judge Dredd erinnert) und tränkt seine Geschichte auf sehr subtile Weise mit bösartigstem Humor. Genau mein Ding.
 
 
 
Der Abfall:
 
 
Richard Bach: „Die Möwe Jonathan“

Weil für sie das Fliegen nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Lebensinhalt ist, wird die Möwe Jonathan von ihren engstirnigen Mitvögeln verstossen. Als gefiederter Einzelgänger mutiert sie zum Flug-Mystiker und erreicht als solcher höhere Daseinsebenen, bevor sie als Lehrer zu ihren Artgenossen zurückkehrt.

Ich habe den Film nie gesehen, aber das Buch ist eine selten verquaste Idioten-Mixtur aus Vulgär-Buddhismus, deppertem Reinkarnationsgedöns, christlichem Erlösungsgeschwurbel und Yoga für Arme (über körperliche Ertüchtigung höhere geistige Sphären erreichen). 70er-Jahre-New-Age-Bullshit vom Hirnamputiertesten, durch und durch selbstgefällig („Ich bin was besonderes“), herablassend (erleuchtete Bessermöwen gegen ignorante Durchschnittsmöwen) und unverhohlen narzisstisch („Du hast in einem Leben mehr gelernt, als andere Möwen in hundert Leben“); dazu noch unfreiwillig komisch, wenn zum Beispiel Jonathans Fortschritte beim Fliegen mit immer höheren Stundenkilometerzahlen angegeben werden. Östliche Philosophie von einem Ober-Nixblicker schlecht verdaut und für ein westliches, leicht zu beeindruckendes Publikum von dummen Hausfrauen und Hippie-Pennern mundgerecht und leichtverdaulich ausgeschissen.

Fazit: Dummer Esoterik-Quark. Umfasst zum Glück nicht mehr als fünfundzwanzig Seiten (wenn man die vielen bunten Bilder abzieht, die in meiner Ausgabe vorlagen).

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2 Antworten to “Badeferien-Leseliste 2011”

  1. Sebastian Kempke Says:

    Ja, eine super Übersicht! Deiner P.K.Dick Empfehlung werde ich bald mal folgen… Der „Möwe Jonathan“ hatte ich mich bislang verweigert. Offenbar mit gutem Grunde.

  2. gregorschenker Says:

    Und ich empfehle dir, dabei zu bleiben (immerhin, man würde nicht allzu viel Lebenszeit verlieren).

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