Archive for the ‘montagsgedanken’ Category

[Montagsgedanken] Mensch und Maschine

5. August 2019

Müssen wir uns vor Maschinen fürchten?
Ja und nein. Aber die damit einhergehenden Bilder verraten mehr über die Gesellschaft, in der wir leben, als ihr lieb ist.

Elon Musk tut es, Stephen Hawking hat es auch getan: Vor der Künstlichen Intelligenz gewarnt. In der Literatur und im Film findet es regelmässig statt: Szenarien von einer Übernahme der Maschinen.
Zeitungsberichte erzählen uns regelmässig von den nächsten Neuerungen, welche die Forschung gemacht hat. Robotik, Kybernetik, Transhumanismus, Neuronale Netzwerke – solche Themen sind nicht mehr nur einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern vorbehalten. Sie füttern das Bedürfnis nach einer Vertiefung mit den damit zusammenhängenden Fragen und nähren gleichzeitig diffuse Ängste. In den Blockbustern tauchen sie regelmässig auf: die Maschinen, die ein eigenes Bewusstsein entwickelt haben und sich auflehnen und der Menschheit den Krieg erklären.

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[Montagsgedanken] Es knistern die Zeiten …

22. Juli 2019

Wem das Knistern der Platte, das Rauschen zwischen Radiosendern abhanden gekommen ist, darf es sich als Gimmick zurückholen. Nicht mehr als eine Interferenz der Technik, sondern als ein kundenorientiertes Anschmeicheln. Wie bei den künstlich zerrissenen Jeans, dem Shabby-Look des Mobiliars oder durch Fotoreisen nach Tschernobyl – die Gegenwart überdeckt sich mit einer sorgsam eingearbeiteten Patina der Vergangenheit. Kundenzufriedenheit ist uns wichtig.
Über den Unbill solches Retro-Stils wurde viel gelästert, und zu Recht. Der Ausverkauf und die ostentative Darstellung des Geschichtlichen ist aber nicht bloss billige Kaufmasche. Sie ist auch Symptom einer Zeit, die sich nicht mehr im Einklang mit der eigenen Gegenwart befindet.
In dem Sinne ist sie das Warenäquivalent falscher Nostalgie, die Rückkehr in eine „gute, alte Zeit“, wo Männer noch Männer waren, Schwarze eine sprachlose Unterrasse und Frauen fickbare Waschmaschinen. Ah, wie einfach doch die Vergangenheit damals war …
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[Montagsgedanken] From Seefeld to Obernberger See

15. Juli 2019

Es gibt wenige Orte, die so grausig sind wie Seefeld in Tirol. Es besteht aus überdimensionierten Hotels, kitschigen Ferienhäusern, gleichgeschalteten Souvenirshops und Golfplätzen. Das Schwimmbad heisst Strandperle, obwohl der See, in dem man badet, in einer Sumpflandschaft liegt, wo es weit und breit keinen Sand gibt. Die Eichhörnchen sind zutraulich und verhungern in der Zwischensaison, weil sie verlernt haben, sich selbst mit Nahrung zu versorgen. Die Hotels versuchen, mit architektonischen Tricks kleiner auszusehen als sie sind, und bestehen aus allerhand Stilen von Irgendwieromantisch bis zum sogenannten „modernen Alpenstil“ und strahlen nichts aus, ausser, dass Gewinnsucht oft in Hässlichkeit endet. Sie besitzen weder die Gemütlichkeit echter Hütten oder Bauernhäusern, denen sie nacheifern, noch die Eleganz der Hotelpaläste vom Anfang des 20. Jahrhunderts, welche inzwischen alle abgerissen wurden.

Das Hochplateau in den Bergen, auf dem Seefeld liegt, wird heutzutage im Allgemeinen als sehr schön wahrgenommen. Die Berge haben diese Wandlung in den letzten 200 Jahren durchgemacht, vom Ort der Bedrohung hin zum Ort der Sehnsucht, der Erholung. Darauf sind die Tiroler stolz. Dieser Stolz wird nicht geschmälert dadurch, dass es zuerst vor allem Engländer, dann Deutsche und später andere fremde Maler und Dichter waren, welche ihnen die Schönheit ihrer Welt erklärten. Für einen normalen Bergbauer hiess das Leben in den Bergen vor allem harte Arbeit, tagein tagaus, um dem kurzen Sommer irgendwas abzutrotzen. So ist der starke Glaube an die katholische Kirche, welcher Tirol bis heute prägt, nicht Ausdruck von Charakterfestigkeit, sondern von Angst und dem Bewusstsein, den Gewalten der Natur völlig ausgeliefert zu sein. Wer konnte, zog weg.

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[Montagsgedanken] Hohl die Erde, flach der Mensch

8. Juli 2019

Man kann sich nicht aussuchen, auf welcher Seite der Erde man steht, ausser man behauptet sie als Scheibe. Wie jenes wohl aussähe, was befände sich auf der anderen Seite – solche Fragen sollte man den Flacherdlern bevorzugt nicht stellen. Es gibt ein Oben und ein Unten, und bezeichnend für den Sprecher ist, dass er sich immer für den oben und nie für den unten hält (das ist weniger dem Narziss geschuldet als hundsfotziger Mittelschichtsideologie). Für den Alltag ist die Frage nach der Form der Welt freilich unwichtig. Einigen läuft es halt rund, die Anderen haben es glatt.
„Which side are you on?“, fragte Pete Seeger – und das frage man auch hier.

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[Montagsgedanken] Schweine, Würstchen: Männlichkeit

24. Juni 2019

Schwein, Würstchen oder doch vegan? Konsumierbare Männlichkeit

Der 14. Juni und der Frauenstreik haben vor kurzem stattgefunden. Allein in Zürich sind bis zu 140’000 auf den Strassen gewesen. Es gab und gibt viele Möglichkeiten, sich als Mann dabei einzubringen. Direkte Solidarität, organisatorische Mithilfe, Zurückstehen in den bedeutenden Momenten. Aber Männer müssen auch mal dringend die eigenen Zerrbilder von Männlichkeit hinterfragen.

Das soll hier mal versucht werden, ein bisschen glossenhaft, ohne Anspruch auf Tiefgründigkeit.

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[Montagsgedanken] Digitales, Reales und Repräsentation

27. Mai 2019

Alles zieht ins Internet – wer zieht mit?

Virtualität und Digitalität sind unsere permanenten Begleiter. Mit dem smartphone in der Hand ist es uns möglich, überall und jederzeit darauf zu zugreifen. Was in den Kanälen, Plattformen und Chatgruppen geschrieben wird, bestimmt darüber, wie wir uns fühlen, manchmal stärker als unser reales Gegenüber. Die Realität des Virtuellen, hat sie die tatsächliche Realität in ihrer Bedeutung für uns überflügelt?

Bei diesem Text handelt es sich um eine – längst überfällige – Antwort auf diesen Text von Pepe. Darin beschäftigt er sich zwar stärker mit den politischen Aktionsformen und den spektakularistischen Zurschaudarstellungen eigenen Revoluzzertums – nichtsdestotrotz möchte ich jenem Text noch einige eigene Gedanken hinzufügen.

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[Montagsgedanken] 1968, eine Hitparade

30. April 2018

Dilettantismus heisst: Wer es selber macht, stösst auf Widerstand.

Wie immer zu unserem Osterprogramm machten wir uns für den Musikabend auf die Suche nach Liedern.
In der Musik wiederspiegelten sich die Zugänge und Schwierigkeiten jenes Jahres. Bei der Recherche zur Musik jener Zeit: irritierend. Was waren die Hits 1968 in Frankreich? Die Lieder aus der Hitparade sind z.T. schwülstig und bis zum Erbrechen sentimental. Das führte zur lakonischen Erkenntnis:
Bei solcher Hitparade/
stürmte auch ich die Barrikade…

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[Montagsgedanken] Kunst, Kultur und Warenform – Rote Fabrik und Reitschule.

16. April 2018

„Kultur hat einen Wert.“/“Kunst ist Arbeit.“/“Künstler sollen bezahlt werden.“

Solches sind die Töne, die gerne gespuckt werden. Auch jetzt erst wieder im Zusammenhang mit der Besetzung der Grossen Halle in der Reitschule, welche die Gruppe der „Wohlstandsverwahrlosten“ durchführte. Die Kritik lautet, dass die Kommerzialisierung der (eigenen, widerständischen) Kultur rückgängig gemacht werden sollte, dass ein Ort wie die Reitschule sich auf ihre Wurzeln besinnen sollet anstatt sich zu einem Konsumtempel mit linkem (Grafitti)-Anstrich zu entwickeln.

In Zürich lässt sich diese Entwicklung eines ehemals widerständischen und von einer Bewegung getragenen Ortes zu einem Ausgehtipp anhand der Roten Fabrik beispielhaft in Erinnerung rufen.
Die Rote Fabrik ist heute nur ein Angebot neben anderen auf einem Markt. Der Entscheid in die Rote Fabrik zu gehen, ist so revolutionär wie ins Opernhaus zu gehen. Es ist eine Wahl, wo man sein Geld liegen lassen möchte. Eine Wahl, die man vergleichen kann mit der Wahl zwischen billigen sauren Gurken und teuren sauren Gurken, also ähnlich wie die Wahl zwischen einer sozialdemokratischen und einer liberalen Partei.

In diesen Auseinandersetzungen ist immer wieder vom Ausverkauf, oder der Kommerzialisierung die Rede, gegen die man sich wehrt. Gleichzeitig verteidigen jene, die jahrelang an den Strukturen mitgeholfen haben, die Notwendigkeit von Einnahmen zur Aufrechterhaltung jener Strukturen.
Bei solchen Prozessen gerät man immer auch in einen Gewissenskonflikt. Denn schliesslich reiben sich konservative Kreise genüsslich die Hände. (Hähä, höhö, jetzt streiten sich die noch untereinander…) Und auf der anderen Seite rufen die sich selbst besonnen nennenden wie damals das ZK der KPdSU zur Einheitsfront auf (oder waren es die Sozialdemokraten?). Jeder Streit untereinander schwäche das eigene Projekt und spiele dem Gegner in die Hand, und wer das nicht einsehe, verstünde nichts von der Ernsthaftigkeit der Lage und betreibe anarchistisches Brigantentum. (Oder wie es bei Monty Python so schön heisst: „Spalter!“)

Wir wollen das anhand der Hybris der Kunst ein wenig vertiefen…

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[Montagsgedanken] Funktion

5. Februar 2018


An alle Funktionen und Positionen ist die Frage zu stellen: Drängen sie zur Aufhebung ihrer selbst? Welches auch immer ihre Funktion ist, drängen sie zur Auflösung jener Not, welche ihnen den eigenen Auftrag erteilte? Diese Frage ist total und verweist dadurch auf das Umfassende der Strukturen; sie kann an jede entsprechende Instanz gerichtet werden.

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[Montagsgedanken] Glosse: Warum ich Roger Federer hasse

11. Dezember 2017

„Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren“ – Tocotronic

Ich kann mit Tennis überhaupt nichts anfangen. In mir lauert dieses Vorurteil, es handle sich dabei um einen Bonzensport. Englische stiff-upper-lip Typen, Jingos, die sich im Club sportlich betätigen, nachdem sie ihre Arbeiter entlassen haben. Manager-Yuppies, die geschniegelt weiss verkleidet Jugendlichkeit und Unschuld demonstrieren möchten. Perlweisse Zähne. Schwiegersöhne, Kinder besserer Eltern, die auf dem Tennisplatz posieren, während am Rand ein Butler mit einem Silbertablett steht, auf dem eisgekühlte Limonade aus Kristallkaraffen eingeschenkt wird.

Obwohl ich mich null für Tennis interessiere, will ich hier etwas loswerden: Warum ich einen tiefen, aufrecht empfundenen Hass gegenüber Roger Federer empfinde, obwohl ich noch nie ein Tennisspiel gesehen habe.
Ja, für einmal gehen die Montagsgedanken ins glossenhafte.

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