[Montagsgedanken] Die Menschheit – eine Computersimulation?

by

Im Silicon Valley wird der Frage nachgegangen, ob wir unter Umständen alle in einer Computersimulation leben. So weit ist das eigentlich nicht spannend. Die Frage ist eine ernsthafte Erwägung nicht wert. Die Idee, dass die Realität eine Fiktion sei, ist ein immer wieder kehrendes Motiv in Literatur und Filmen. Es ist sogar eine der abgedroschensten dramaturgischen Lösungen, wenn alles, das sich ereignet hat, als Traum aufgelöst wird. Im Film „Matrix“ wurde das Modell einer durch Maschinen kontrollierten Computersimulation, in welcher die Menschheit gefangen ist, en detail ausgebreitet und bis zum Erbrechen auf seine Spitze getrieben. So weit es also die Verwendung dieser Denkfigur für dramaturgische Zwecke anbelangt, gibt es hier nichts neues.
Erstaunlich hingegen ist, dass vernünftige Menschen sich mit solchen unvernünftig anmutenden Geschichten ernsthaft auseinander setzen. Ein bisschen ironisch ist es ja: Da finden fiktive Geschichten darüber, dass die Realität eine Fiktion sei, ihre reale Erwägung.

Die Idee, dass unsere Realität durch eine zweite Realität wie eine zweite Schicht bestimmt wird, dass es eine übergeordnete Ebene des Seins gäbe, welche wiederum ein wachsames Auge auf unsere Realität hat und allmächtig über diese verfügen kann, ist als Kernbaustein jeder Religion schon seit Jahrtausenden eine Konstante. Es ist eigentlich kein Unterschied, ob man eine jenseitige Ebene der Existenz behauptet, in die einige von uns nach ihrem Tod eingehen oder ob man behauptet, wir wären alle Teil einer Computersimulation. Man darf sich jetzt überlegen, wie unser Bewusstsein Eingang finden könnten in jene übergeordnete Realitätsebene, wie wir in direkten Kontakt mit unserem Schöpfer treten könnten oder wie wir unsere Existenz transzendieren könnten jenseits dessen, was sich als die banale Realität erweist.

Dass es im Umfeld von Silicon Valley, den selbst ernannten Pionieren und Avantgardisten des Digitalen, zu einem solchen Gedankenspiel kommt, ist bezeichnend. Die Affirmation des Technischen, der Heilsglaube von der Lehre, die Digitalisierung würde unser aller Leben verbessern, ist die Wiederkehr quasireligiösen Denkens im Zusammenhang der technischen Entwicklung. Nichts anderes also, als was Adorno/Horkheimer bereits in „Dialektik der Aufklärung“ auseinander genommen haben.
Die These vom Leben als einer Computersimulation verlängert die Hoffnungen und Erwartungen der Digitalisierung ins Unendliche und Mystische. Die Grundlage dafür ist banal: Wenn Computer immer leistungsstärker werden, wenn Simulationen immer perfekter werden – müsste das theoretisch eines Tages nicht die Kapazität erreichen, die zu einer Neuschaffung der Realität im Virtuellen führen könnte? Der Gedanke dahinter ist erhellend: Was, wenn (theoretisch) die Leistungen der Computer eines Tages dem Schöpfungspotential nahe kommen, das sie die Macht (theoretischer) Götter hätten?
Wie gesagt, die Frage ist zu dumm, um sie ernst zu nehmen. Aber es ist eigentlich zu schrill, um nicht darüber lachen zu müssen:
Die Nerds phantasieren sich das Göttliche herbei.

Kein Verzweiflen an der Technologie ohne gleichzeitige Mythologisierung...

Die Verzweiflung an der Technologie birgt in sich die Beschwörung des Göttlichen…

Dass jemand, der den ganzen Tag über vor dem Computer sitzt, auf den Gedanken verfällt, der Computer bestimme über sein Leben, ist ein richtiger Gedanke und wirft Fragen auf, die danach verlangen, beantwortet zu werden, und welche die Kritik am Bestehenden vergrössern. Warum sitze ich hier? Warum gehe ich nicht einfach weg? Was würde passieren, wenn ich trotzdem aufstünde? Wer profitiert davon, dass ich hier sitze? Etc. etc. – Solche Fragen münden in die Erkenntnis darüber, welches die gesellschaftlichen Kräfte sind, welche mein Leben bestimmen.
Wenn der selbe Arbeiter, der hier vor dem Computer tagein tagaus sitzt, nun auf diese Frage dazu übergeht, in dem Computer ein Wesen mit eigenem Willen zu sehen und dafür zu hassen beginnt oder auch mit liebevollen Worten wie ein Familienmitglied zu behandeln, so drückt dies den emotionalen Schritt des Fetischismus aus. Das Leben, das er in den Computer projeziert, ist jenes, das ihm genommen wurde. Die Ohnmacht der Entfremdung sucht nach der Versöhnung. Das ist nur menschlich, wirkt manchmal komisch, manchmal rührig, aber: Man muss schon paranoid sein, um diese Form von Alltagsbewältigung ernsthaft zu behaupten (nämlich dass wir tatsächlich vom Computer versklavt werden).
Wenn nun aber jene, welche diese Geräte der Digitalisierung erschaffen und sie dauernd verbessern, deren neuen Gadgets und Applikationen programmieren, in ihren Geräten und in ihrer Arbeit mehr zu sehen meinen, als was sie sind (nämlich Geräte und Arbeit), dann wird es problematisch.

Der Verweis der digitalen Zunft auf die quasigöttliche Macht, die in ihren eigenen Gerätschaften schlummere, ist die Mythologisierung der eigenen Arbeit. Zugleich ist sie Ausdruck eines neuen Bewusstseins dieser gesellschaftlichen Schicht: Die Techniknerds und Informatiker sind keine verschupften Randfiguren der Gesellschaft mehr. Sie sind Mittelpunkt der Gesellschaft, denn ihre Erzeugnisse sind Mittelpunkt allen gesellschaftlichen Lebens. Ohne sie ginge das alles nicht, ohne sie wäre das nicht möglich. Dieses Selbstbewusstsein musste zwangsläufig in einer narzisstischen Überhöhung seine Artikulation finden, die da heisst: Die Nerds sind die Priester der Maschine.
Das ist keine neue Erscheinung: Die Kaufmänner früherer Handelsgesellschaften sahen den gesamten Welthandel in ihren Händen, die Ingenieure an den Knöpfen und Schalthebeln der Industrie- und Kraftwerke die Produktion und den Strom in den ihren und eben: Die Nerds sehen sich als Hüter der Digitalisierung.

Es ist letztlich auch der Versuch jener Zunft, die sich affirmativ zur Digitalisierung stellt, sich selber wieder reinzuwaschen. Die Digitalisierung und ihre Vertreter sind nämlich schon längst nicht mehr von der unbedarften Naivität und weltfremden Verschrobenheit, mit der sie gerne noch betrachtet werden (z.B. „Big Bang Theory“). Es sind eben keine Pioniere oder Avantgardisten mehr, die da am Computer diese verbessern. Die Utopien und jegliche revolutionären Anwandlungen sind an der Realität gescheitert. Die Digitalisierung hat nicht dazu geführt, dass die Welt näher zusammen gerückt ist (Shit-Storm und die Wutbürger 2.0, welche unter Anleitung von Parteien ununterbrochen ihre Meinungen durchzutrollen versuchen), sie hat kein postindustrielles goldenes Zeitalter herbei geführt, in welchem wir sorgenfrei uns der Musse hingeben könnten (im Gegenteil: Die Marktkräfte im Zusammenhang mit der Digitalisierung haben Millionen von Menschen arbeitslos gemacht oder präkarisiert, und jene, die versuchen, mit ihr Schritt zu halten, in eine Zustand atemlosen Aufrüstungkonsums und in den Drangsal ewiger Erreichbarkeit für ihre Chefen pressten). Es wurden durch diese neuen Technologien die bestehenden Gegensätze verschärft. An den Börsen verwenden die Investoren diese, um ihre obszönen Gewinne noch zu vergrössern, bei den Geheimdiensten dienen sie dazu, die Überwachung der gesamten Bevölkerung effizienter durchzuführen und selbstverständlich auch im Militär werden diese Technologien freudig umarmt. Nunmehr werden afghanische Hochzeitsgesellschaften durch Drohnen und auf Knopfdruck abgeschossen.

Nein, man kann mit Gewissheit sagen: Es sind keine Pioniere oder Avantgardisten mehr, die da wie die Hüter der Informatik, des Computers, der Digitalisierung auftreten. Wo sie an der Spitze stehen, sind sie skrupellose Geschäftemacher; wo es um ihre Profite geht, sind sie rücksichtslos; stehen sie plötzlich in der Kritik, mobilisieren sie eine PR-Kampagne, um ihr Image aufzupolieren; wo ihre Vormachtsstellung durch die Konkurrenz bedroht wird, kaufen sie diese auf oder vernichten sie. Vorbei sind auch die Zeiten, wo ein Händchen für den Computer und eine smarte Idee ausreichten, um erfolgreich zu sein. Der grösste Teil der Informatiker auf diesem Erdball fristet ein relativ trostloses Leben und freut sich überhaupt darüber, wenn er ein festes Einkommen findet.
Das neuste Smartphone zu besitzen, die aktuellsten Applikationen dazu, den eigenen Alltag durch und durch zu digitalisieren, das alles ist mittlerweile so spiessig geworden wie der Besitz eines Kühlschrankes und eines Autos in der Nachkriegszeit. Es sind Objekte des Prestiges, mit denen jene Proletarier, welche sich noch zu jener ominösen „Mitte“ zählen möchten, protzen, während man sie unbewusst zu verachten beginnt.

Alles, was mit der Digitalisierung zusammen hängt, ist schon unlängst in eine ernüchternde Phase eingetreten. Die meisten von uns haben das schon verstanden, viele ahnen es unterbewusst und nur einige wenige sind unbeirrbare Verfechter eines neuen Utopia, das dank 3D-Drucker, kompletter Automatisierung und des Eröffnens virtueller Realitäten die Menschheit zu einem goldenen Zeitalter führen wird. Die Erkenntnis, dass ihre Produkte ebenso ambivalent sind wie jene anderer Industrien, musste den Elan jener, die für die Digitalisierung arbeiten, zwangsläufig erschüttern. Ebenso wie der Motor dazu dienen kann, sowohl ein Auto wie auch einen Panzer anzutreiben, so wie die Chemie sowohl Medikamente wie auch Nervengas herstellt, oder Physiker der Menschheit Strom und zugleich die totale Vernichtung im atomaren Feuer schenkte, so sieht sich die Digitalisierung der selben Ambivalenz gegenüber. Das führt zwingend zu irrationalen Abwehrmechanismen dieser Zunft. Wo sie ihre gesellschaftliche Funktion nicht begreifen möchte, weicht sie in Überlegungen aus, welche sie von ersterem befreien. Die Idee, dass die Menschheit in einer Computersimulation lebt, unterliegt diesem Mechanismus.

Wenn wir dennoch das Gefühl haben, unser Leben unterliege Regeln, die wir nicht bestimmten, wenn wir das Gefühl haben, eine riesige Maschinerie bestimme unser Leben und schrecke auch vor brutaler Gewalt, Zerstörung erschreckenden Ausmasses oder ausgefeiltesten Mechanismen, um uns von ihrer Legitimität zu überzeugen, nicht zurück, um ihre eigenen Interessen rücksichtslos durchzusetzen, dann täuscht dieses Gefühl nicht. Es liegt ihm eine gesellschaftliche Ordnung zugrunde, die sich über den gesamten Globus ausgedehnt hat.
Nur ist es keine Computersimulation, die unser Leben beherrscht. Es ist viel einfacher, es nennt sich: Kapitalismus.

Das scheinbar Unbezähmbare, mit der die Expansion der Digitalisierung um sich greift, liegt eben nicht in den Produkten dieser – es ist keine Macht, die im Computer und dessen Leistung liegt, die sich ungebrochen zu steigern und steigern scheint. Es ist die Logik des Kapitals, die sich darin zeigt. Das einzige künstliche Bewusstsein, dem wir Untertan sind, sind jene ominösen Marktkräfte, die als übermächtige Sachverhalte über allem stehen und noch die schlimmsten Aspekte unserer Realität entschuldigen sollen.

Oder in den Worten von Sydney J. Harris:
„Die wirkliche Gefahr liegt nicht darin, dass die Computer anfangen, wie Menschen zu denken, sondern dass die Menschen anfangen, wie Computer zu denken.“

Werbeanzeigen

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

9 Antworten to “[Montagsgedanken] Die Menschheit – eine Computersimulation?”

  1. roebu Says:

    Das erinnert mich an: http://www.srf.ch/kultur/im-fokus/filosofix/ist-das-leben-eine-illusion-gedankenexperiment-gehirn-im-tank

    • Gregor Schenker Says:

      Vor vierzig, fünfzig Jahren, als ich noch Philosophie im kleinen Nebenfach studierte, habe ich eine meiner ersten Semesterarbeiten über das Thema „Hirn im Tank“ geschrieben. Hach, das waren noch Zeiten.

    • Albrecht Says:

      q.e.d. – als Gedankenspielerei für angehende Studenten, um sich für die Auseinandersetzung mit Phänomologie oder Erkenntnistheorie aufzuwärmen, sind solche Überlegungen knapp geeignet. Wer aber auf diesem Gedanken verharrt (oder sogar beharrt), die Realität sei eine Fiktion, verrät mehr über sein Verhältnis zur Realität als dass er etwas verstanden hätte. Was nicht verstanden werden kann, wird geleugnet. Das ist nicht Philosophie, sondern eindimensionale Ignoranz. Man darf verständnisvoll den Kopf schütteln und grinsen, wenn 19jährige Studenten in diese Falle geraten. Geschieht dies aber darüber hinaus, kratzt man sich berechtigterweise den Kopf und fragt sich, welches die gesellschaftlichen Mechanismen sind, die das antreiben…

      • Gregor Schenker Says:

        Ich war damals ja sehr stolz darauf, bewiesen zu haben, dass man nichts endgültig beweisen kann. Dein Text ist jedenfalls tiefsinniger als meine alte Semesterarbeit.

      • Albrecht Says:

        danke, danke… huh, diese Schmeicheleien – ich klopp mir von hinten selber uff de Schultern 🙂

  2. saileklein Says:

    Montagegedanken?

    • saileklein Says:

      blöder witz saile! schöner text. der kapitalismus als computersimulation entschuldet den menschen während seine schulden steigen.

    • Albrecht Says:

      Dieser Wortwitz ist mir auch mal zwischendurch durch den Kopf gegangen 😉 Aber eigentlich müsste man Garfields Hass auf Montage mal unter dem Gesichtspunkt betrachten… *g*

  3. [Montagsgedanken] Digitales, Reales und Repräsentation | Gruppe Konverter Says:

    […] Perspektive, sondern ein gruseliges Schauermärchen oder metaphysische Erlösungsphantasien. (Warum solche Szenarien Ausdruck einer ideologischen Krise sind, siehe diesen Text) Die Welle der Digitalisierung und ihre Produkte kamen und kommen aber immer auch mit dieser […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: