Archive for the ‘uncategorized’ Category

Die neue Frau und die Arbeiterklasse

17. September 2018

(Da mir im Augenblick nur die französische Übersetzung aus dem Jahr 1932 von Marie Bor zugänglich ist, werde ich aus dieser zitieren und ins Deutsche übersetzen.)

In ihrem Buch Die neue Frau und die Arbeiterklasse aus dem Jahr 1918 untersucht die bolschewistische Feministin Alexandra Kollontai die damals jüngste Literatur von und über Frauen.*

* In einer Fussnote (S. 35, 7) bemerkt sie, die Bücher hätten keinen grossen künstlerischen Wert. Für die literatursoziologische Untersuchung seien sie jedoch ungemein relevanter als die „künstlerischen“ Werke der Männer. Gerade den letzten Punkt gilt es festzuhalten. Doch die normative Bemerkung Kollontais ist im Grunde überflüssig oder wäre breiter zu diskutieren beziehungsweise zu problematisieren. Denn was letzten Endes nun Kunst sei oder eben nicht, war schon immer umstritten, auch in der Sowjetunion und solche Diskussionen oder Kämpfe sind immer ideologisch bestimmt, auch wenn es um die (scheinbar) gerechte Sache geht oder wenn die Ideologie kaschiert wird und nicht offen zu Tage tritt.

Anhand dieser Literatur arbeitet sie im ersten Teil den Typus der „neuen“ beziehungsweise „alleinstehenden“ Frau heraus. Diese Frau sehe nicht mehr Liebe und Mutterschaft als Mittelpunkt ihres Lebens an. Unabhängigkeit und die eigene (berufliche) Tätigkeit seien ihm wichtiger als sich an einen Mann zu binden. (more…)

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Als mich der Staat adoptierte

11. August 2018

Dieser Text wurde letztes Jahr von der Feministischen Gruppe „Comadres Púrpuras“ aus Venezuela auf dem Infoportal „Frontal 27“ publiziert. Eine ehemalige Chavistin erzählt über ihre Erfahrungen als Aktivistin der „Bewegung für eine Fünfte Republik (MVR), die sich 2006 mit der Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) zusammenschloss. Sie erkannte erst nach 19 Jahren, dass das militaristisch-chavistische/maduristische Regime nichts mit Emanzipation zu tun hat. (more…)

Es gibt kein Leben in Flaschen. Dialektik der Ausleerung

2. Juli 2018

Im Treppenhaus war ein Treiben, Kommen und Gehen, dass man davon kirre werden konnte. Besonders als emeritierter Professor der Philosophie. Überall standen Umzugkartons herum. Die Frankfurter versuchten, sich in ihrer Wohnung zu verbarrikadieren. Doch es war sinnlos. Einerseits sind die Wände zu dünn, man hörte jedes Wort der neuen WG-Nachbarn. Andererseits mussten sie, wenn die Post kam, ja doch auf dem Max-Horkheimer-Pfad einen Weg durch den Umzugkartondschungel finden, um an der Haustüre den neuesten Blauen Band der MEW in Empfang nehmen zu können, aufgeregt wie Schulkinder, die am Kiosk die neueste BRAVO kaufen.
Doch allen Widerständen des Systems, der Kulturindustrie und des totalen Verblendungszusammenhanges zum Trotz, begann sich sanft das Leben zu regen in der WG der Kritischen Theoretiker. Den Tag voller Sonnenschein und Energie begrüssend, öffnet sich vorsichtig die zarte Knospe des junggebliebenen Lebens, um sich im Genuss der Sonne, begleitet von Richard Straussens Also Sprach Zarathustra zur vollen Blüte zu entfalten. Blüten, zur Sonne, zur Freiheit!
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Pathetisch

21. April 2018

Ein „Danke“ wäre nicht genug.

Meine Erleichterung ist nur ein Sprung davon entfernt sich ins Unbekannte zu stürzen.

Tagelang wach und nur beim verschwinden unserer inneren Finsternis erfand ich den Tag für mich neu. (more…)

Über die Kulturindustrie in „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer

21. April 2018

Die Kulturindustrie kann als „eine Form der intellektuellen Produktion unter den Bedingungen von Fordismus12 bezeichnet werden und ist somit unmittelbar an die Entwicklungen des Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts gekoppelt. Jegliche Ansätze, die die Kulturindustrie auf eine bloße Medientheorie reduzieren, werden ihrem begrifflichen Inhalt nicht gerecht. Vielmehr bezieht sich der Begriff „Kulturindustrie“ auf jegliche kulturelle Äußerung innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse seit dem Fordismus. Das beinhaltet die Wissenschaft, den städtischen Raum, die Musik, die Politik, die Architektur usw.3 Auch wenn der Kultur innerhalb kapitalistischer Gesellschaften ein Hauch der Selbstbestimmung und Originalität anhaftet, die den Schein erwecken, sich der rationalisierten kapitalistischen Produktionsweise zu entziehen, identifizieren Horkheimer und Adorno die Kultur als vereinheitlichtes, uniformes System, das die wirtschaftliche Rationalität beständig reproduziert. „Film, Radio, Magazine machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen.“4 (more…)

Die Schlange

17. April 2018

Kapstadt. Ich stehe in einer der vielen Schlangen am Flughafen. In der Hand mein Ticket und Pass. Ich schaue mich um. Eine junge Frau vor mir trägt eine Krone aus Straussenfedern, die mit Neonfarbe besprüht ist. Ihr Reisebegleiter steckt in einer violetten Filzhose und trägt ein Glitter-Berber-Gilet. Ich bemerke zwei orangerote Armbänder an ihren Handgelenken. Plötzlich fallen mir immer mehr von diesen Armbändern in meiner Schlange auf. Alle Armbänderträger sind jung, schlank, gutaussehend, sonnengebräunt. Und vor allem sind sie alle mit irgendwelchen Attributen ausgestattet. Aus einer Hemdbrusttasche hängt eine verwelkte Wüstenblume. Eine blonde Frau trägt einen künstlichen Blumenkranz, der schon bessere Tage gesehen hatte. Ein Mann mit Bart, Augenringen und Leinenhose hat eine Ukulele über seine rechte Schulter gehängt. Es ist eine Parade von Kostümierten, die sich mir hier präsentiert. Mitten drin stehe ich in meinen Jeans und blauem T-Shirt, Pickel im Gesicht und Bleich wie ein eleganter Caprice des Dieux.

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Exkurs in die Verwesung

12. März 2018

Schon als Jugendlicher bekam er seine Pickel aus dem Gesicht geboxt. Zwischen Eiter, Blut und Tränen, blieb nie viel Zeit übrig, um ein Selbstvertrauen aufzubauen. Sein Kopf glich einer Abrissbirne, seine Emotionen liefen im Takt der Pendelbewegungen des Lebens, und er rannte in regelmässigen Abständen gegen die Wand. Doch nur sein Charakter zerbrach. Er war Staub, aber redet sich ständig ein, er sei Wind. (more…)

Einige Gedanken zur „Repräsentierten Wirklichkeit“

25. Februar 2018

Der kurze Beitrag „Revolutionäre Repräsentation und digitale Solidarität“, der in einer Zürcher Zeitung anfangs 2017 erschien, formuliert eine spannende Kritik am unreflektierten Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln, vor allem mit dem Internet, innerhalb revolutionärer Kreise und an ritualisierten Aktionsformen seitens einiger AktivistInnen. Dennoch bleibt die Gesamtaussage des Textes, vielleicht aufgrund der begrenzten Platzmöglichkeit innerhalb der erwähnten Zeitung, ein Stück weit unklar. Wer den Beitrag nicht kennt wird in diesem Text den Hauptargumenten begegnen, eine Auseinandersetzung mit dem Original ist nicht unbedingt notwendig. Dennoch wird auch die vorliegende Schrift das Phänomen der modernen Kommunikationsmittel nicht in ihrer gesamten Bandbreite erfassen können, sie soll jedoch Fragen und Argumentationen aufwerfen die im oben erwähnten Beitrag m. E. zu kurz gekommen sind oder gar nicht berücksichtigt wurden. Die repräsentierte Wirklichkeit wird hierbei nicht nur aufs Internet bezogen, sondern auf die herrschende Logik der Warengesellschaft, die alle Bereiche unseres Lebens durchdringt. (more…)

Wir haben alles aber sind nichts

30. Januar 2018

Für dich, Mensch der Zukunft.

Meine Möglichkeiten blieben mir lange verborgen, ja das Leben selbst blieb mir lange vorenthalten. So bitter es auch klingen mag, ich muss es nun zugestehen. Mein Weg kreuzte sich nie mit dem was ich wollte, sondern nur mit dem was war. Mit dem was ist. So wie viele andere Menschen sank ich den Kopf und suchte nach Sicherheit in der, mir vorgegebenen, Realität. Mein Verständnis von Freiheit war nur ein blindes herumstolpern innerhalb einer Käseglocke die mir die Illusion gab nicht in einem Gefängnis zu leben. Je mehr der Beton, der Vater des Fortschritts, mit seiner eisigen Kälte mein Alltag eroberte, desto mehr sehnte ich mich nach der Wärme einer gleichgesinnten, monotonen Herde. Mein Leben war gekennzeichnet durch Apathie und beherrscht von einer erlernten Hilflosigkeit die mich verleitete an Parteien, an die Wirtschaft, an die bürgerliche Familie, an den Fortschritt, ja an den Staat selbst zu glauben. Doch der Glaube an all diese Sachen bedeutet das Leben selbst zu verneinen. Angst vor meinen Möglichkeiten zu haben bedeutet Angst vor meinem eigenen Spiegelbild zu haben. Nun bin ich 85 Jahre alt und Frage mich, wie viele Jahre war ich wirklich lebendig?“

Nonno Roberto

Es war ein eiskalter und regnerischer Morgen, als ich schweißgebadet in meine Küche kam. Ich konnte den Wind deutlich durch die Fenster pfeifen hören und den Donner so fest in meinem Magen spüren, als ob ich Thor selbst, verspeist hätte. Sogar meine Knie fingen an zu zittern und ich bekam das Gefühl ein Erdbeben würde innerhalb von Sekunden mein gesamtes Ich in tausend Teile zerreißen. Wer hätte dann das Puzzle wieder zusammengesetzt? Ich weiß es nicht.

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Schloss Hartheim – Die Normalität des Bösen

19. Januar 2018

Ausschnitt_Schloss_Hartheim_mit_Rauch

Ein Renaissance-Schloss in Oberösterreich in der Nähe von Linz. Man hat die Berge entweder noch nicht vor sich oder gerade hinter sich gelassen und befindet sich in einer Ebene mit flachen Hügeln. Im Winter meist Grau und nass ist es hier eher im Sommer schön. Das Schloss Hartheim war um ca. 1600 gebaut worden. Es hatte ein paar Besitzerwechsel gegeben und war schliesslich im Jahr 1898 in ziemlich heruntergekommenen Zustand an den österreichischen Kaiser Franz Josef geschenkt worden, um daraus eine „ Anstalt für Schwach- und Blödsinnige, Idioten und Cretinöse“ zu machen, wie auf einem Schild am Eingang verewigt ist.

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