Archive for the ‘Text’ Category

Eine grosse Abrechnung

25. Dezember 2018

Mit Philippe Kellermanns Buch Marxistische Geschichtslosigkeit liegt ein wichtiger Beitrag zur Gespaltenheit von Anarchismus und Marxismus, genauer zur „Nicht-Rezeption des Anarchismus im zeitgenössischen Marxismus“, wie es im Untertitel heisst, vor.
Das Buch besteht aus vier Studien. In der ersten untersucht Kellermann Georg Fülberths Basiswissen Band Sozialismus (Köln 32018) und zeigt die Problematik vieler darin enthaltener Aussagen auf und weist immer wieder darauf hin, dass die anarchistischen Bewegungen und deren Theoriebildungen gänzlich ignoriert werden. So suggeriert Fülberth durch seine Darstellung, dass Sozialismus immer schon marxistischer, kommunistischer, jedenfalls nicht-anarchistischer Sozialismus sei. Abgesehen vom anarchistisch-marxistischen Konflikt geht dies auch schlicht an der Wortbedeutung vorbei.*
*„Vor der Errichtung der Sowjet-Herrschaft diente der Ausdruck sozialistisch dazu, Modelle der ökonomischen Organisation zu benennen, in denen Gemeineigentum an Produktionsmitteln mit der Erhaltung einer vage definierten Freiheit im Konsumbereich verbunden ist.“ Karl Pribram: Geschichte des ökonomischen Denkens. Erster Band. Übersetzt von Horst Brühmann. Frankfurt am Main 1998. S. 378.
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Fragebogen, nach Moritz Rancid

17. Dezember 2018

Wem würden Sie eher trauen?

– Glauben Sie, man kann mit einer Waffe Leben retten? Wenn ja, wie?

– Kann man mit einer grösseren Waffe mehr Leben retten?

– Wenn es zum Krieg käme, warum würden Sie kämpfen wollen?

– Wenn ein Einbrecher bei Ihnen im Haus wäre, was würde Ihnen mehr Freude bereiten: Ihn zu erschiessen oder mit ihm zu reden?

– Wenn Sie selbst ein Einbrecher wären, hätten Sie grössere Angst davor, dass auf sie geschossen würde oder dass man sich mit Ihnen unterhielte?

– Glauben Sie, Einbrecher haben Angst?

– Wem würden Sie eher trauen: Einem Mann mit Waffe oder einem mit einem Buch?

– Wem trauen Sie eher: Einem Mann in Uniform oder einem nackten Mann?

– Vor welchem würden Sie sich mehr fürchten?

– Sie müssten wählen, welches sich ereignet: Ein Überfall bei Ihnen zuhause – oder ein Krieg in einem weit entfernten Land. Wofür entscheiden Sie sich?

– Was würden Sie mehr bedauern: Den Tod Ihres Kindes oder den Tod des Präsidenten?

– Wer sollte an der Front stehen: Ihr Kind oder der Präsident?

– Wenn Krieg wäre, wovor würden Sie sich mehr fürchten: Vor der Zerstörung Ihres Hauses oder vor der Schmach einer Niederlage?

– Was wäre Ihnen lieber: Ein Sieg des Vaterlandes, erkauft mit hunderttausenden von Toten (inklusive Angehörige Ihrer Familie) und der Zerstörung von Städten (inklusive Ihres Daheim) – oder eine Kapitulation des Vaterlandes, ohne einen Toten oder Zerstörung.

 

Vom Kunstkenner für den Kunstkenner II: Die Whiskeyprobe

15. Dezember 2018

Wein ist nicht immer Wein – in diesem Fall ist der Wein Whiskey.
Da sich die Kultur oben in ihrer beflissenen Manie gegenüber jenem zeigt, das nach unten gleichzeitig als Alkoholismus der Massen denunziert wird, ist nicht weiter erstaunlich. Während das Proletariat seine Entschuldigung fürs Saufen zähnefletschend und bissig (und manchmal humorvoll) hervor bringt, differenziert sich der Connaisseur euphemistisch von solchem Pack. Saufen wird hier nicht entschuldigt: Es wird umgedeutet und umbenannt. Zur Degustation.

(Der Potcheen übrigens ist ein alter Freund, um den es schon einmal in diesem Beitrag über die Sauferei im Kapitalismus ging)

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Wonderwoman / die Zeit findet

3. Dezember 2018

(Anmerkung: Dieses Gedicht ist eine Umformulierung eines Textes, der für 25Karat geschrieben wurde. Der ursprüngliche Text war politische Kritik, wie man sie kennt, ein bisschen polemisch, ein bisschen theoretisch. Ehrlich, richtig – und ohne Würze. Das Experiment war, aufzuzeigen, dass man jeden beliebigen Text nehmen kann und – durch Wiederholung und Rhythmisierung – eine andere Ebene anschlagen kann. Merci auch an St. Gregor, Schutzpatron der Comiczeichner…)

Frau tagtäglich reduziert / Wonderwoman

hat Arbeitstag

hat Muttersein

hat geputzt

die Zeit findet die Zeit findet

noch Zeit hat,

wenn sie nur will.

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Reisebericht des Besuches des Zentralkomitees Zureich und der Sektion Bern der Dillettantistischen Internationale (DI) bei der Sektion Tourismus, ehemals Ost

25. November 2018

(Anmerkung des armen Barry Bernhards: Die Innsbruckreise fand statt vor Verfassers Exkursion nach Lausanne und wäre deshalb, die Chronologie respektierend, vor dem Bericht über Letztere zu lesen. Illustrationen: El Gecko.)

Donnerstag, 18.10.2018

Barry sitzt im Hörsaal, es ist Donnerstag und die Vorlesung langweilig. Barrys Problem an der Uni ist: Er weiss Bescheid. Er weiss zu viel. Noch hofft er, nicht durchzudrehen, bis auch er sein Abschlusszettelchen in Händen hält, auf das in der verwalteten Welt so viel Wert gelegt wird. Der alte Herr Professor vorne erzählt nichts, das ihm nicht schon ein anderer alter Herr Professor oder ausnahmsweise eine alte Frau Professor erzählt hat, damals, in Zureich. Aus Langeweile verfasst Barry während der Vorlesung das Manifest Praktikant_Innen aller Länder, entdeckt die Lösung der Weltformel und findet mittels vertrackter Recherchen heraus, warum Marx die Anarchist_Innen um Bakunin in Wahrheit nicht mochte: die sassen im französischsprachigen Teil der Schweiz, dort mag mensch Käse. Als Deutscher findet mensch Käse pervers. Zudem erstellt Barry den Plan für die anarchistische Weltrevolution. (more…)

Das Gebell eines verletzten Hundes

22. November 2018

Jochen Knoblauchs Marx vs. Stirner ist der Versuch, für Max Stirner und dessen Buch Der Einzige und sein Eigentum Partei zu ergreifen, Stirner zu rehabilitieren und Marx für seine Polemik gegen Stirner zu kritisieren. Anfangs hält Knoblauch fest, dass sein Text für das Projekt Begegnungen feindlicher Brüder Philippe Kellermanns abgelehnt worden ist, das sich mit dem Verhältnis von Marxismus und Anarchismus beschäftigt. Er zitiert aus der Projektbeschreibung, dass es darauf ankäme, nicht in billige und grundlose Polemik zu verfallen. «Aber wie soll das eigentlich funktionieren, wenn, wie im Fall Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) gegen Max Stirner (1806-1856) die Polemik überhaupt als einzige Grundlage der Kritik abfällt? Aber was soll’s? Ich werde mich bemühen.» Doch der Klappentext des Buches kündigt eine Polemik an; „Marx und Engels haben ja auch gegen Stirner u.a. polemisiert.“ Damit wird nur der Beleidungswettkampf fortgesetzt, wie er innerhalb der Linken nur allzu oft üblich war (und ist); die Begründung erinnert an die Rechtfertigung eines trotzigen Kindes: „Ich schlag Dich, weil Du mich geschlagen hast.“

Eigentlich wäre eine äusserst interessante Ausgangslage gegeben. Die Konstellation «Marx & Engels – Stirner» hätte neu aufgerollt und sachlich geklärt werden können. Es bedarf nicht immer grosser Wälzer, auch ein 90-seitiges Büchlein kann manches auf den Punkt bringen. Doch wer solche Erwartungen hegt, wird von Knoblauch masslos enttäuscht: Das Buch mäandert durch verschiedene Themen ohne etwas recht auf den Punkt zu bringen, es beginnt mit drei Einleitungen und einer Abschweifung zum «Ende der Musik», die mit Stirner gar nichts zu tun hat. Die dritte Einleitung bejammert den Umstand, dass die Karl-Marx-Strasse in Berlin viel länger ist, als die abseits gelegene Max-Stirner-Strasse. (S. 23)

Dann schliesslich ergötzt sich Knoblauch am Bashing der Stirner-Basher. Von der sachlichen Auseinandersetzung, auf welche die ersten Seiten hoffen liessen, ist nichts auszumachen. Grundsätzlich sind alle Männer – in diesem Konflikt sind es nur Männer, die über einen anderen Mann schreiben –, böse, die sich negativ über Stirner äussern. Durchtränkt sind Knoblauchs Sätze von einer Mündlichkeit, die mehr ein Symptom der unbeholfenen Polemik ist, als dass sie etwas zur Sache beitrüge: «O.k., ob nun Engels, Marx und die anderen «beunruhigt» waren, ob des Stirner-Textes, weiss ich persönlich natürlich nicht, aber ich selbst war es.» (S. 30) Marx und Engels seien böse, weil sie das Dogma des «wissenschaftlichen» Sozialismus etablierten und das Kommunistische Manifest sei ausserdem ein Plagiat. (Kapitel «Kleiner Exkurs: Wissenschaft») Der Grund, warum Knoblauchs Buch zum Konflikt «Marx & Engels vs. Stirner» überhaupt nichts beiträgt, liegt nicht darin, dass er sich für die Polemik entschieden hat. Doch diese hat die Debatte, wie er ja selbst erwähnt, bis anhin geprägt, mensch mag sich deshalb fragen, ob in dieser Situation eine weitere Polemik wirklich fruchtbar ist. Das Problem liegt darin, dass Knoblauchs Polemik schlecht gemacht ist: statt sich in Ruhe zu sammeln und gezielt zuzuschlagen, schlägt er wild um sich und operiert mit Halbwissen – wie er selbst zugibt, wisse er auch nichts Genaueres über das Pamphlet, das Marx und Engels für ihr Manifest abgekupfert hätten. (S. 37-38) In solchen Fällen verschenkt Knoblauch ein gigantisches Potential. Denn die Punkte, für die er Marx und Engels kritisiert (autoritäres Gehabe, Dogmatik unter dem Mantel eines «wissenschaftlichen» Sozialismus, Festhalten am Staat während der «Übergangsphase» der «Diktatur des Proletariats») liessen sich eine ganze Reihe triftiger Argumente vorbringen. Auf Argumentation verzichtet er jedoch und keift und bellt stattdessen ohne Unterlass. Es scheint, als würde er von seinem Hassobjekt nicht loskommen, denn auch wenn er gelegentlich Stirner zitiert, erfährt man praktisch nichts darüber, was nun in dessen «Der Einzige und sein Eigentum» steht, stattdessen gibt es viele Anklagen gegen die Hegelianer Karl Marx und Friedrich Engels. Knoblauch bemüht sich jedoch kaum, zu argumentieren, weshalb das Gebell äusserst hilflos wirkt. Im Kapitel «(Vorläufige) Schlussbetrachtung» führt Knoblauch aus: «Wie im Konflikt mit Bakunin geht es Marx nicht um eine emanzipatorische Weiterentwicklung, sondern um das „Rechtbehalten» bei den eigenen Vorstellungen. Der Dogmatismus zwingt geradezu zu einer Rechthaberei, die der Staatsraison gleicht und bis aufs Blut verteidigt werden muss. Es kann eben nur Einen geben (frei nach dem Highlander). […] Der Marx’sche Anspruch, «wissenschaftlich» zu sein, verlangt unter den Autoritätsgläubigen eine Weihe, die zwangsläufig in eine Katastrophe führen musste. Denn Sozialwissenschaften, Philosophie oder auch Ökonomiew bestehen in erster Linie aus Spekulationen: lauter Wenn und Aber. (S. 59-60) Unabhängig vom Wahrheitsgehalt: Der Abschnitt besteht aus aneinander gereihter Behauptungen, die nicht durch Argumente gestützt werden.

Der Nachtrag, in dem Knoblauch sein anarchistisches Freiheitsverständnis erläutert, ist zwar erhellender, hat jedoch mit der vorangehenden Verteidigung Stirners nicht zu tun und setzt deren ungehemmt polemischen Stil fort.

Mit dieser Streitschrift hat Jochen Knoblauch Max Stirner leider keinen Gefallen getan.

Eine letzte Anmerkung zu diesem Buch in formaler Hinsicht: Der ansprechenden graphischen Gestaltung zum Trotz, ist es mangelhaft. Unter Lektor_innen erzählt mensch sich zwar, dass mensch bloss ein frisch gedrucktes Buch aufschlagen müsse, um auf einen Fehler zu stossen. Nobody’s perfect. Es gibt jedoch Abstufungen. Es geht auch nicht um bildungsbürgerliche Pedanterie, sondern um Sorgfalt. Und dass/das-Fehler wie sie in Knoblauchs Buch vorkommen, sind ein Skandal, in dem die inhaltliche ziellose unsachliche Berserkerwut auch in formaler Unsorgfältigkeit nochmals zum Ausdruck kommt.

 

Jochen Knoblauch: Marx vs. Stirner. Ein Versuch über Dieses & Jenes. Lich/Hessen 2014 (Verlag Edition AV).

Barry der blanquistische Bernhardiner rastet aus

8. November 2018

Meine lieben Freunde der Assoziation algerischer alliterationsverliebter Allergiker, lasset mich eine wahre Begebenheit erzählen aus dem Leben Barry Benjamins, dem blanquistischen Bernhardiner und seinem Mitbewohner Gregors, dem gramscianischen Gecko.

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teurer wandel

13. Oktober 2018

optimist

Besuch am Innsbruck Natur Film Festival: Am Mittwoch wird u.a. gezeigt ein Kurzfilm über den Kampf um die Arktis und dann ein Kurzfilm welcher veranschaulicht, dass wir schon seit langem Bescheid wissen über den Klimawandel. (50 Jahre im Film, eigentlich 100 Jahre sagt der Professor anschliessend) Dreist meine Idee mit dem Vergleich zum Tabakrauchen geklaut, die ich mal in einem Comic verarbeitet hatte. Obwohl evtl. auch dieselbe Idee gehabt. Soll es ja geben. Die Dokufilme am Festival sind allgemein halt typische Dokfilme und darum ich leider nicht so grosser Fan vom Festival geworden, hätte mir da mehr neue Zugänge gewünscht in Form und Inhalt.

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Die neuen alten Lügen

30. September 2018

Über den Begriff des postfaktischen bzw. der postfaktischen Politik ist einiges schon geschrieben worden. Der Begriff ist irritierend, er suggeriert einen Bruch in den westlichen Demokratien, als wäre etwas völlig Neues in die bis anhin funktionierenden Staaten eingebrochen.
In ihrem Artikel Keine Macht der Lüge1 für die ZEIT vergleicht die ehemalige Piraten-Politikerin Marina Weisband die postfaktische Praxis mit Methoden der UdSSR. Die Wirkung der konstanten Lügenflut sei es, kognitive Dissonanz zu erzeugen, da die neuen Informationen mit dem bisherigen Wissen nicht übereinstimmen. Wirklich neu ist dabei die Dimension des Internets: Jedes Bild ist potentiell gefälscht.2 Die Lügenflut führe zu Resignation und Erschöpfung der eigenen Ressourcen, um dem offensichtlich Falschen widersprechen zu wollen. Solche Praxis sei „erstens […] eine Machtdemonstration: Man präsentiert den Medien neue „Fakten“ und schaut, wer sie brav nacherzählt. Der Rest hat mit Repression […] zu rechnen. Zweitens vertrauen wir unseren Sinnen weniger als zuvor. Wir streiten über Dinge, die eigentlich offensichtlich sind.“ Weisband stellt fest: „Die neuen rechten Regierungen und Parteien zwingen demokratische Gesellschaften derzeit dazu, den Kampf um bereits ausgefochtene Werte noch einmal zu führen.“ Zuletzt benennt sie die Praxis der postfaktischen Politik als totalitäre Methode.
1https://www.zeit.de/2017/05/alternative-fakten-luegen-donald-trump-regierung-methode
2Dazu ist anzumerken: Nicht nur hat sich die Geschwindigkeit, mit der Informationen verbreitet werden, massiv erhöht; auch die Kosten lassen sich durch das Internet minimieren. Zudem zeichnet die spezifische Konstitution des „Postfaktischen“ sich durch personifizierte Werbung bzw. personifizierte Verbreitung „postfaktischer Informationen“ aus.

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Die neue Frau und die Arbeiterklasse

17. September 2018

(Da mir im Augenblick nur die französische Übersetzung aus dem Jahr 1932 von Marie Bor zugänglich ist, werde ich aus dieser zitieren und ins Deutsche übersetzen.)

In ihrem Buch Die neue Frau und die Arbeiterklasse aus dem Jahr 1918 untersucht die bolschewistische Feministin Alexandra Kollontai die damals jüngste Literatur von und über Frauen.*

* In einer Fussnote (S. 35, 7) bemerkt sie, die Bücher hätten keinen grossen künstlerischen Wert. Für die literatursoziologische Untersuchung seien sie jedoch ungemein relevanter als die „künstlerischen“ Werke der Männer. Gerade den letzten Punkt gilt es festzuhalten. Doch die normative Bemerkung Kollontais ist im Grunde überflüssig oder wäre breiter zu diskutieren beziehungsweise zu problematisieren. Denn was letzten Endes nun Kunst sei oder eben nicht, war schon immer umstritten, auch in der Sowjetunion und solche Diskussionen oder Kämpfe sind immer ideologisch bestimmt, auch wenn es um die (scheinbar) gerechte Sache geht oder wenn die Ideologie kaschiert wird und nicht offen zu Tage tritt.

Anhand dieser Literatur arbeitet sie im ersten Teil den Typus der „neuen“ beziehungsweise „alleinstehenden“ Frau heraus. Diese Frau sehe nicht mehr Liebe und Mutterschaft als Mittelpunkt ihres Lebens an. Unabhängigkeit und die eigene (berufliche) Tätigkeit seien ihm wichtiger als sich an einen Mann zu binden. (more…)