Archive for the ‘kritik’ Category

Eine grosse Abrechnung

25. Dezember 2018

Mit Philippe Kellermanns Buch Marxistische Geschichtslosigkeit liegt ein wichtiger Beitrag zur Gespaltenheit von Anarchismus und Marxismus, genauer zur „Nicht-Rezeption des Anarchismus im zeitgenössischen Marxismus“, wie es im Untertitel heisst, vor.
Das Buch besteht aus vier Studien. In der ersten untersucht Kellermann Georg Fülberths Basiswissen Band Sozialismus (Köln 32018) und zeigt die Problematik vieler darin enthaltener Aussagen auf und weist immer wieder darauf hin, dass die anarchistischen Bewegungen und deren Theoriebildungen gänzlich ignoriert werden. So suggeriert Fülberth durch seine Darstellung, dass Sozialismus immer schon marxistischer, kommunistischer, jedenfalls nicht-anarchistischer Sozialismus sei. Abgesehen vom anarchistisch-marxistischen Konflikt geht dies auch schlicht an der Wortbedeutung vorbei.*
*„Vor der Errichtung der Sowjet-Herrschaft diente der Ausdruck sozialistisch dazu, Modelle der ökonomischen Organisation zu benennen, in denen Gemeineigentum an Produktionsmitteln mit der Erhaltung einer vage definierten Freiheit im Konsumbereich verbunden ist.“ Karl Pribram: Geschichte des ökonomischen Denkens. Erster Band. Übersetzt von Horst Brühmann. Frankfurt am Main 1998. S. 378.
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Das Gebell eines verletzten Hundes

22. November 2018

Jochen Knoblauchs Marx vs. Stirner ist der Versuch, für Max Stirner und dessen Buch Der Einzige und sein Eigentum Partei zu ergreifen, Stirner zu rehabilitieren und Marx für seine Polemik gegen Stirner zu kritisieren. Anfangs hält Knoblauch fest, dass sein Text für das Projekt Begegnungen feindlicher Brüder Philippe Kellermanns abgelehnt worden ist, das sich mit dem Verhältnis von Marxismus und Anarchismus beschäftigt. Er zitiert aus der Projektbeschreibung, dass es darauf ankäme, nicht in billige und grundlose Polemik zu verfallen. «Aber wie soll das eigentlich funktionieren, wenn, wie im Fall Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) gegen Max Stirner (1806-1856) die Polemik überhaupt als einzige Grundlage der Kritik abfällt? Aber was soll’s? Ich werde mich bemühen.» Doch der Klappentext des Buches kündigt eine Polemik an; „Marx und Engels haben ja auch gegen Stirner u.a. polemisiert.“ Damit wird nur der Beleidungswettkampf fortgesetzt, wie er innerhalb der Linken nur allzu oft üblich war (und ist); die Begründung erinnert an die Rechtfertigung eines trotzigen Kindes: „Ich schlag Dich, weil Du mich geschlagen hast.“

Eigentlich wäre eine äusserst interessante Ausgangslage gegeben. Die Konstellation «Marx & Engels – Stirner» hätte neu aufgerollt und sachlich geklärt werden können. Es bedarf nicht immer grosser Wälzer, auch ein 90-seitiges Büchlein kann manches auf den Punkt bringen. Doch wer solche Erwartungen hegt, wird von Knoblauch masslos enttäuscht: Das Buch mäandert durch verschiedene Themen ohne etwas recht auf den Punkt zu bringen, es beginnt mit drei Einleitungen und einer Abschweifung zum «Ende der Musik», die mit Stirner gar nichts zu tun hat. Die dritte Einleitung bejammert den Umstand, dass die Karl-Marx-Strasse in Berlin viel länger ist, als die abseits gelegene Max-Stirner-Strasse. (S. 23)

Dann schliesslich ergötzt sich Knoblauch am Bashing der Stirner-Basher. Von der sachlichen Auseinandersetzung, auf welche die ersten Seiten hoffen liessen, ist nichts auszumachen. Grundsätzlich sind alle Männer – in diesem Konflikt sind es nur Männer, die über einen anderen Mann schreiben –, böse, die sich negativ über Stirner äussern. Durchtränkt sind Knoblauchs Sätze von einer Mündlichkeit, die mehr ein Symptom der unbeholfenen Polemik ist, als dass sie etwas zur Sache beitrüge: «O.k., ob nun Engels, Marx und die anderen «beunruhigt» waren, ob des Stirner-Textes, weiss ich persönlich natürlich nicht, aber ich selbst war es.» (S. 30) Marx und Engels seien böse, weil sie das Dogma des «wissenschaftlichen» Sozialismus etablierten und das Kommunistische Manifest sei ausserdem ein Plagiat. (Kapitel «Kleiner Exkurs: Wissenschaft») Der Grund, warum Knoblauchs Buch zum Konflikt «Marx & Engels vs. Stirner» überhaupt nichts beiträgt, liegt nicht darin, dass er sich für die Polemik entschieden hat. Doch diese hat die Debatte, wie er ja selbst erwähnt, bis anhin geprägt, mensch mag sich deshalb fragen, ob in dieser Situation eine weitere Polemik wirklich fruchtbar ist. Das Problem liegt darin, dass Knoblauchs Polemik schlecht gemacht ist: statt sich in Ruhe zu sammeln und gezielt zuzuschlagen, schlägt er wild um sich und operiert mit Halbwissen – wie er selbst zugibt, wisse er auch nichts Genaueres über das Pamphlet, das Marx und Engels für ihr Manifest abgekupfert hätten. (S. 37-38) In solchen Fällen verschenkt Knoblauch ein gigantisches Potential. Denn die Punkte, für die er Marx und Engels kritisiert (autoritäres Gehabe, Dogmatik unter dem Mantel eines «wissenschaftlichen» Sozialismus, Festhalten am Staat während der «Übergangsphase» der «Diktatur des Proletariats») liessen sich eine ganze Reihe triftiger Argumente vorbringen. Auf Argumentation verzichtet er jedoch und keift und bellt stattdessen ohne Unterlass. Es scheint, als würde er von seinem Hassobjekt nicht loskommen, denn auch wenn er gelegentlich Stirner zitiert, erfährt man praktisch nichts darüber, was nun in dessen «Der Einzige und sein Eigentum» steht, stattdessen gibt es viele Anklagen gegen die Hegelianer Karl Marx und Friedrich Engels. Knoblauch bemüht sich jedoch kaum, zu argumentieren, weshalb das Gebell äusserst hilflos wirkt. Im Kapitel «(Vorläufige) Schlussbetrachtung» führt Knoblauch aus: «Wie im Konflikt mit Bakunin geht es Marx nicht um eine emanzipatorische Weiterentwicklung, sondern um das „Rechtbehalten» bei den eigenen Vorstellungen. Der Dogmatismus zwingt geradezu zu einer Rechthaberei, die der Staatsraison gleicht und bis aufs Blut verteidigt werden muss. Es kann eben nur Einen geben (frei nach dem Highlander). […] Der Marx’sche Anspruch, «wissenschaftlich» zu sein, verlangt unter den Autoritätsgläubigen eine Weihe, die zwangsläufig in eine Katastrophe führen musste. Denn Sozialwissenschaften, Philosophie oder auch Ökonomiew bestehen in erster Linie aus Spekulationen: lauter Wenn und Aber. (S. 59-60) Unabhängig vom Wahrheitsgehalt: Der Abschnitt besteht aus aneinander gereihter Behauptungen, die nicht durch Argumente gestützt werden.

Der Nachtrag, in dem Knoblauch sein anarchistisches Freiheitsverständnis erläutert, ist zwar erhellender, hat jedoch mit der vorangehenden Verteidigung Stirners nicht zu tun und setzt deren ungehemmt polemischen Stil fort.

Mit dieser Streitschrift hat Jochen Knoblauch Max Stirner leider keinen Gefallen getan.

Eine letzte Anmerkung zu diesem Buch in formaler Hinsicht: Der ansprechenden graphischen Gestaltung zum Trotz, ist es mangelhaft. Unter Lektor_innen erzählt mensch sich zwar, dass mensch bloss ein frisch gedrucktes Buch aufschlagen müsse, um auf einen Fehler zu stossen. Nobody’s perfect. Es gibt jedoch Abstufungen. Es geht auch nicht um bildungsbürgerliche Pedanterie, sondern um Sorgfalt. Und dass/das-Fehler wie sie in Knoblauchs Buch vorkommen, sind ein Skandal, in dem die inhaltliche ziellose unsachliche Berserkerwut auch in formaler Unsorgfältigkeit nochmals zum Ausdruck kommt.

 

Jochen Knoblauch: Marx vs. Stirner. Ein Versuch über Dieses & Jenes. Lich/Hessen 2014 (Verlag Edition AV).

Die neue Frau und die Arbeiterklasse

17. September 2018

(Da mir im Augenblick nur die französische Übersetzung aus dem Jahr 1932 von Marie Bor zugänglich ist, werde ich aus dieser zitieren und ins Deutsche übersetzen.)

In ihrem Buch Die neue Frau und die Arbeiterklasse aus dem Jahr 1918 untersucht die bolschewistische Feministin Alexandra Kollontai die damals jüngste Literatur von und über Frauen.*

* In einer Fussnote (S. 35, 7) bemerkt sie, die Bücher hätten keinen grossen künstlerischen Wert. Für die literatursoziologische Untersuchung seien sie jedoch ungemein relevanter als die „künstlerischen“ Werke der Männer. Gerade den letzten Punkt gilt es festzuhalten. Doch die normative Bemerkung Kollontais ist im Grunde überflüssig oder wäre breiter zu diskutieren beziehungsweise zu problematisieren. Denn was letzten Endes nun Kunst sei oder eben nicht, war schon immer umstritten, auch in der Sowjetunion und solche Diskussionen oder Kämpfe sind immer ideologisch bestimmt, auch wenn es um die (scheinbar) gerechte Sache geht oder wenn die Ideologie kaschiert wird und nicht offen zu Tage tritt.

Anhand dieser Literatur arbeitet sie im ersten Teil den Typus der „neuen“ beziehungsweise „alleinstehenden“ Frau heraus. Diese Frau sehe nicht mehr Liebe und Mutterschaft als Mittelpunkt ihres Lebens an. Unabhängigkeit und die eigene (berufliche) Tätigkeit seien ihm wichtiger als sich an einen Mann zu binden. (more…)

Der Kunstkenner: Tempo-Spatiale Intervention

27. Mai 2018

Urbanismus von Zeit und Raum, finde den Fehler

„Die Libyer!“ schreit Doc MacBrown, kurz bevor es im gleichnamigen Film „Zurück in die Zukunft“ geht.
In dem aufgehängten Slogan parallelisiert sich realiter jener Bruch mit dem Raum-Zeit-Kontinuum, den Filme wie der erwähnte fiktionalisieren. Der Rückgriff in die Zeit wird hier zum Runterhängen – und die Parole, die durch ihre Zeit der 68er definiert ist, erfährt ihre Neudefinition als Hülse, als Plakat, das mit dem Wind flattert. Ähnlich dem Landart findet hier ein Eingreifen in die Umwelt statt, gleichzeitig als Verweis auf einen urbanen Aktionismus, der sich an unzähligen Demonstrationen totgelaufen hat. So verkehrt sich der „Aufstand“ ins „Abhängen“, physisch manifestiert – sans manifestation – in der stofflichen Haptik. Es flattert eben nicht nur der Stoff, sondern auch die Ideen sind flatterhaft. Der radikale Entscheid, das oberste Stockwerk als Ort des Raumeingriffes zu nehmen, führt die Hierarchie ad absurdum: Was von unten kommen sollte, kommt hier von oben. Ähnlich dem historischen Balkon (sic!), von welchem sowohl die Revolution ausgerufen werden kann, als auch autokratische Herrschaft sich zelebrieren lässt, ist der Ort für das Spruchbanner ambivalent. Die äussere Erbärmlichkeit solcher Hochbauten fügt sich in die fragmentierte Pseudo-Metropolität der vielen Botschaften, die französischsprachig sind. Bern als Stadt der Botschaft wird hier zum Kondensat in einer einzelnen mondänen Botschaft.

Nach Benjamin: das Transparent ist Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag, was sie hinterließ.

Das Faktische der Aussage verkehrt sich in die Faktizität der Inklusion, oder wie es Beaudrillard eben nicht gesagt hatte (um Zizek zu paraphrasieren): Ich bin hier alleine ohne dich. Dies seine berüchtigten Worte, als er in der Usine von Renault einmal auf dem Scheisshaus sass und dort sein Opus Magnum in die Toilettenwand kritzte, weil aller Literatur a.) der Geruch der Bourgeoisie anhaftet und b.) nach Kerouac sowieso alles für den Abfall geschrieben ist. Das ist das postmoderne Bekenntnis des Gerouacs (des amerikanischen Toilettendünkels), welcher zwischen Pro Letteris, Pro Latrinis und Pro Letariat pendelt. Nichts anderes als das Rollenspiel McFlys, wenn er in pinken Stiefeln sich das Insignum des Namenlosen gibt, auf die Frage, wie er heisse, und sich den Namen Clint Eastwoods aneignet (und zugleich seinem Gegenüber anbietet).
DAS ist eben das MUTIGE solcher Aktion, die vor Kunst nicht zurück schreckt. Das Öffentliche kann nunmehr nur noch aus dem Privaten geboren werden. Dies die sowohl ohnmächtig machende wie auch Hoffnung befeuernde Kernaussage des Gesamtwerks Hegels, auf den hier mittels des leichten (und eigentlich nicht mehr erkennbaren) Glitzers neben der Fabrik verwiesen wird. Wir sind nicht alle, es fehlen die Transvestiten. An diesem Punkt wird es freilich düster (man denke an Gary Glitter, dessen Name schon immer eine Travestie war, als seine öffentliche Person mit seiner privaten Sexualität verschmolz).
Wahrlich: Kunst ist noch von Bedeutung. Es reicht ein einfacher Blick, in diesem Fall nach Bern! (in der Nachbarschaft der libyschen Botschaft)

Vollgeld? Schmommgeld! – Wenn nicht das Kapital, sondern das Sparschwein des Kleinbürgers vor Angst zittert…

23. Mai 2018

Vorweg: Die Vollgeld-Initiative geht sowieso verloren und nichts liegt hier ferner, als in das spektakuläre Abstimmungs-Tatütata einzustimmen. So verwirrend, wie die Initiative daher kommt, mit ihrem Ansinnen, eine finanzpolitische Reform durchzusetzen, die sie selber wechselhaft mal als revolutionär bewirbt, dann wieder als liberal und den Wettbewerb förderlich, zuletzt als systemstabilisierend – diese Verwirrung bereitet ihr Scheitern vor. Mit diesen verwirrenden Ansagen ködert sie aber auch einige, die meinen, hier würde es um Antikapitalismus gehen. Schliesslich handle die Initiative vom Geld und möchte die Macht der Banken einschränken, heisst es verkürzt.

Nun lag der WoZ vor fast zwei Wochen wieder einmal die antidot-inclu-Beilage bei, die sich selbst als „Format für die widerständige Linke“ bezeichnet. Diese Ausgabe wurde einzig und allein durch die „Allianz für Vollgeld und Gerechtigkeit“ bestritten und kann ohne Scham als plumpe Abstimmungspropaganda bezeichnet werden. Es ist doch relativ haarsträubend und zum Haareausraufen, wie an dieser Schnittstelle von kritischem Journalismus im Stile einer WoZ, einer Ergänzung um politische Kampagnen und aktivistischen Inhalten wie sie sich antidot einst auf die Fahne geschrieben hatte, so ein inhaltlicher Müll eine Leserschaft von mehreren zehntausend erreichen durfte.

Irgendjemand hat es hier versäumt, drauf zu schauen – und man spürt die Verlegenheit der WoZ in der letztwöchigen Ausgabe, in welcher sie sich des Themas der Initiative annimmt, sowie einen langen Artikel von Stefan Howald abdruckte, in welcher er genau jenen Standpunkt vertritt, dass es keine Kapitalismuskritik geben kann ohne Kritik der Profitrate und damit der Arbeit.

Das ajour-Magazin hat sich dem Ganzen vor wenigen Tagen gewidmet und auf viele Sachen hingewiesen, die uns auch aufgefallen sind. Einige Punkte wiederholen sich, andere ergänzen und schweifen da noch ein bisschen weiter ab. Wir sind da offenbar parallel darüber gestolpert und sie waren schneller. Lest ihren Text, er ist besser als unserer, hehe…

Mehrere Punkte sind in dieser Angelegenheit peinlich:

1. Dass jede Organisation, die sich irgendwas mit „Gerechtigkeit“ im Namen nennt, offenbar eine antidot-inclu-Ausgabe kaufen und dort ihren Müll ausbreiten darf. Die Messlatte dafür, was „widerständige Linke“ sein soll, ist tief gesunken…

2. Dass die WoZ solchen Ausgaben eine Plattform anbietet. Auch wenn sie inhaltlich nicht dafür verantwortlich ist, wird sie kaum blind sein, was in ihre eigene Zeitung als Beilage reingesteckt wird. Dies ist umso peinlicher, als die WoZ selber bei diesem Thema sich schon häufig mit kritischeren und detaillierteren Analysen hervor getan hat. Wir erinnern nur an diesen Text des kürzlich verstorbenen Elmar Altvaters, in welchem er das ideologisch verquere der Kapitalismuskritik bei den Vollgeld-Apologeten heraus streicht. Immerhin hat sich die WoZ bereits distanziert.

3. Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll über das Finanzsystem die Klappe halten. Und umgekehrt: Wenn esoterische Querfront-Grüppchen, die AfD-Sympis und Antisemiten in ihren Reihen haben oder zu ihren Unterstützern zählen, mit solchen nationalistischen Fronten gegen internationales Kapital Stimmung machen und hierzu als Wolf im Schafspelz bei linken Strukturen antanzen, dann widerspricht man ihnen in den Punkten, in denen sie falsch liegen. Oder wie es das ajour schreibt: „[…] weil aus diesem Sumpf eine Menge reaktionäre Ideologien ihren Weg in die Linke suchen und finden. Eine klare Abgrenzung wäre also dringend angezeigt.“

Dem möchten wir hier ein bisschen was zu geben…

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Über die Kulturindustrie in „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer

21. April 2018

Die Kulturindustrie kann als „eine Form der intellektuellen Produktion unter den Bedingungen von Fordismus12 bezeichnet werden und ist somit unmittelbar an die Entwicklungen des Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts gekoppelt. Jegliche Ansätze, die die Kulturindustrie auf eine bloße Medientheorie reduzieren, werden ihrem begrifflichen Inhalt nicht gerecht. Vielmehr bezieht sich der Begriff „Kulturindustrie“ auf jegliche kulturelle Äußerung innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse seit dem Fordismus. Das beinhaltet die Wissenschaft, den städtischen Raum, die Musik, die Politik, die Architektur usw.3 Auch wenn der Kultur innerhalb kapitalistischer Gesellschaften ein Hauch der Selbstbestimmung und Originalität anhaftet, die den Schein erwecken, sich der rationalisierten kapitalistischen Produktionsweise zu entziehen, identifizieren Horkheimer und Adorno die Kultur als vereinheitlichtes, uniformes System, das die wirtschaftliche Rationalität beständig reproduziert. „Film, Radio, Magazine machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen.“4 (more…)

Einige Gedanken zur „Repräsentierten Wirklichkeit“

25. Februar 2018

Der kurze Beitrag „Revolutionäre Repräsentation und digitale Solidarität“, der in einer Zürcher Zeitung anfangs 2017 erschien, formuliert eine spannende Kritik am unreflektierten Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln, vor allem mit dem Internet, innerhalb revolutionärer Kreise und an ritualisierten Aktionsformen seitens einiger AktivistInnen. Dennoch bleibt die Gesamtaussage des Textes, vielleicht aufgrund der begrenzten Platzmöglichkeit innerhalb der erwähnten Zeitung, ein Stück weit unklar. Wer den Beitrag nicht kennt wird in diesem Text den Hauptargumenten begegnen, eine Auseinandersetzung mit dem Original ist nicht unbedingt notwendig. Dennoch wird auch die vorliegende Schrift das Phänomen der modernen Kommunikationsmittel nicht in ihrer gesamten Bandbreite erfassen können, sie soll jedoch Fragen und Argumentationen aufwerfen die im oben erwähnten Beitrag m. E. zu kurz gekommen sind oder gar nicht berücksichtigt wurden. Die repräsentierte Wirklichkeit wird hierbei nicht nur aufs Internet bezogen, sondern auf die herrschende Logik der Warengesellschaft, die alle Bereiche unseres Lebens durchdringt. (more…)

Die Verteufelung des e-books ist die fortgesetzte Verteufelung des Taschenbuchs

5. Juli 2017

Vor ungefähr vier Jahren schrieb der Autor eine erste abgeschlossene Fassung dieses Textes, der anschliessend mehrmals noch überarbeitet wurde. In dieser Zeit hielt sich der Autor für unglaublich gescheit, hätte gerne wie der Herr Professor Adorno geschrieben und glaubte immer Recht zu haben. Heute weiss er, dass er Recht hat. In seiner Oblomow’schen Trägheit unterliess er es, den Text nochmals zu überarbeiten und notwendige Streichungen vorzunehmen. Veröffentlicht wird der Text nur, weil zwei liebe Menschen damals sich des Textes annahmen. Der Autor hat ihre Anmerkungen berücksichtigt, soweit er in der Lage war, ihre Handschriften zu entziffern.

 

Die Debatte darum, ob das «Kulturgut» Buch vom Untergang bedroht sei, ist nicht neu. Zu erinnern ist an Theodor W. Adornos Essai Bibliographische Grillen (Adorno 2003: 345-357) und an jenen Hans Magnus Enzensbergers, Bildung als Konsumgut. Analyse der Taschenbuch-Produktion (Enzensberger 1964: 134-166). Während Adorno stärker das Verkommen der Bücher überhaupt zu Werbeträgern kritisiert und die damit einhergehende Degradierung der Lesenden zu Konsumierenden, trifft die Kritik Enzensbergers das Taschenbuch als solches härter. So scharfsichtig Enzensbergers Analyse des Taschenbuchs und dessen Produktion und Produktionsbedingungen ist, hat ihm die Entwicklung nach seinem Essai (1958, revidierte Fassung von 1962) nicht nur Recht gegeben, etwa in Bezug auf den «Luxus» einer programmatischen Linie, die sich Verlage nicht mehr leisten würden. Den Reclam Verlag trifft die Enzensberger’sche Kritik kaum, da er das Bildungsideal des 19. Jahrhunderts vertritt. Die Taschenbücher aus Reclams Universal-Bibliothek sind für Lesende interessant, denen es zwar an ökonomischem Kapital mangeln mag, allerdings über genügend symbolisches Kapital verfügen, um die Reclam-Taschenbücher wertschätzen zu können. Wenn Enzensberger behauptet, Philipp Reclam hätte seine Leserschaft – zunächst Schüler und Studierende, später auch Arbeitende – eben gekannt und wusste, was sie wollten, weshalb er keine marktstrategischen Finessen und Manipulationen habe anwenden müssen, so dürften fairerweise Verleger und Lesende von sogenannter Unterhaltungs- und Trivialliteratur nicht verteufelt werden. Warum sie verteufeln, wenn sie bekommen, was sie wollen? Enzensbergers Kritik mag auf das falsche Bewusstsein abzielen, das unbestritten durch viele (Taschen-)Bücher Lesenden eingeflösst wird; sein Argument verfehlt allerdings das Ziel. Insgesamt tut er dem Taschenbuch Unrecht an. Beispielsweise, wenn er die Aufbereitung von Klassikern zum Konsumgut analysiert. Seine Kritik, dass dabei die Mentalität von Massenkonsum und Ausverkauf der Kultur zu Tage tritt, ist zweifelsfrei richtig; es handelt sich allerdings um ein Problem auf der Ebene der Produktion und nicht um eines des Taschenbuchs als Medium. Dass es auch anders geht, beweisen nämlich die Vorworte und Anhänge französischer Taschenbuchausgaben von Klassikern und kanonischen Werken, deren Texte sorgfältig editiert sind. Seit der Publikation von Enzensbergers Taschenbuchanalyse erfolgten auch positive Entwicklungen. Damals musste er noch feststellen
In zwölf Jahren haben sie [die Taschenbuchverleger] keine einzige Schrift über das skandalöse Versagen unserer Städteplanung, über das zunehmende Verkehrschaos, über die Fehlleistungen unserer Schulpolitik, über die zunehmende ökonomische Konzentration hervorgebracht. Das sind Beispiele aus der deutschen Innenpolitik, von außenpolitischen Gegenständen ganz zu schweigen. Das Taschenbuch hat ein Publikum, das in die Hunderttausende geht. Worauf warten die Verleger? Warum exponieren sie sich nicht? Bereitwillig liefert der Apparat Zuckerbrot und Zirkusspiele. Kultur läßt er sich ablisten. Tabu bleibt, was im politischen Alltag nützen könnte. Auch hierin spiegelt sich eine Lage. Wer sich damit begnügt, sie zu reflektieren, statt sie zu ändern, hat schon kapituliert. (Enzensberger 1964: 160)
Mittlerweile liegen nicht nur Enzensbergers eigene Essais als Taschenbücher vor; auch Bücher des Philosophen Giorgio Agambens, des Soziologen Richard Münchs und Robert Menasses kulturtheoretische Schriften und Reden – um es bei diesen Beispielen zu belassen – liegen in der edition suhrkamp als Taschenbücher vor.
Im kürzlich erst erschienenen Buch Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990 (München 2015) bemerkt der Autor, Philipp Felsch, dass im Anschluss an die Kritiken am Taschenbuch eine ironische Wendung erfolgte. Denn ausgerechnet im Medium des Taschenbuchs verbreiteten sich die theoretischen Schriften. Der Erfolg und die Beliebtheit der Theorie und der Philosophie war der Erfolg von Theorie in Taschenbüchern, die bei Suhrkamp und Merve verlegt wurden (und es immer noch werden).

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Offener Brief aus Schwamendingen

23. Februar 2017

[ein Brief aus Schwamendingen, der uns zugeschickt wurde; anlässlich der Suche gewisser linker akademischer Kreise nach einer sozialen Identität… da versuchen manche Leute auf dem Reissbrett das herzustellen, was sie an sich selber nicht wahr haben möchten und suchen danach, wie sie „die Massen“ für ihre Partei gewinnen könnten…]

Dieses Jahr werden sie vermutlich anfangen mit dem Häuser Abreissen. Dann werden wir von hier weg ziehen müssen. Wir wissen noch nicht, wohin. Wir wohnen seit zehn Jahren hier, seit beschlossen wurde, dass die Autobahn überdacht werden soll. Wir leben hier so vor uns hin, mal besser, mal schlechter, neben der Autobahn und hinter den Schallschutzwänden. Die Architekten haben tolle Pläne, von Grünflächen, Parks, Begegnungszonen. Die Politiker, die sind schon ganz scharf darauf; sie sagen, das Quartier würde dadurch endlich aufgewertet werden. Alle freuen sich wie bekiffte Käfer drauf. Nicht nur die Sozialisten, auch die Christen, die Faschisten und die Liberalen und die Evangelikalen und was weiss ich. Die einzigen, die sich nicht freuen, sind wir, die wir hier wohnen.

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[Montagsgedanken] Werbung, die propagandafreie Ideologie

26. Dezember 2016

Es ist wieder Weihnachten und das heisst, wir wollen uns an diesem Tag auf das besinnen, was Weihnachten eigentlich bedeutet: Kommerz und Werbung. Also lasst uns gemeinsam inne halten und diesem wichtigen Tag gedenken, der gefühlt einen Sechstel des Jahres bestimmt und lasst uns darüber hinaus anhand einiger Beispiele in den Mechanismus der Werbung eindringen…

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