Archive for the ‘kritik’ Category

Die Verteufelung des e-books ist die fortgesetzte Verteufelung des Taschenbuchs

5. Juli 2017

Vor ungefähr vier Jahren schrieb der Autor eine erste abgeschlossene Fassung dieses Textes, der anschliessend mehrmals noch überarbeitet wurde. In dieser Zeit hielt sich der Autor für unglaublich gescheit, hätte gerne wie der Herr Professor Adorno geschrieben und glaubte immer Recht zu haben. Heute weiss er, dass er Recht hat. In seiner Oblomow’schen Trägheit unterliess er es, den Text nochmals zu überarbeiten und notwendige Streichungen vorzunehmen. Veröffentlicht wird der Text nur, weil zwei liebe Menschen damals sich des Textes annahmen. Der Autor hat ihre Anmerkungen berücksichtigt, soweit er in der Lage war, ihre Handschriften zu entziffern.

 

Die Debatte darum, ob das «Kulturgut» Buch vom Untergang bedroht sei, ist nicht neu. Zu erinnern ist an Theodor W. Adornos Essai Bibliographische Grillen (Adorno 2003: 345-357) und an jenen Hans Magnus Enzensbergers, Bildung als Konsumgut. Analyse der Taschenbuch-Produktion (Enzensberger 1964: 134-166). Während Adorno stärker das Verkommen der Bücher überhaupt zu Werbeträgern kritisiert und die damit einhergehende Degradierung der Lesenden zu Konsumierenden, trifft die Kritik Enzensbergers das Taschenbuch als solches härter. So scharfsichtig Enzensbergers Analyse des Taschenbuchs und dessen Produktion und Produktionsbedingungen ist, hat ihm die Entwicklung nach seinem Essai (1958, revidierte Fassung von 1962) nicht nur Recht gegeben, etwa in Bezug auf den «Luxus» einer programmatischen Linie, die sich Verlage nicht mehr leisten würden. Den Reclam Verlag trifft die Enzensberger’sche Kritik kaum, da er das Bildungsideal des 19. Jahrhunderts vertritt. Die Taschenbücher aus Reclams Universal-Bibliothek sind für Lesende interessant, denen es zwar an ökonomischem Kapital mangeln mag, allerdings über genügend symbolisches Kapital verfügen, um die Reclam-Taschenbücher wertschätzen zu können. Wenn Enzensberger behauptet, Philipp Reclam hätte seine Leserschaft – zunächst Schüler und Studierende, später auch Arbeitende – eben gekannt und wusste, was sie wollten, weshalb er keine marktstrategischen Finessen und Manipulationen habe anwenden müssen, so dürften fairerweise Verleger und Lesende von sogenannter Unterhaltungs- und Trivialliteratur nicht verteufelt werden. Warum sie verteufeln, wenn sie bekommen, was sie wollen? Enzensbergers Kritik mag auf das falsche Bewusstsein abzielen, das unbestritten durch viele (Taschen-)Bücher Lesenden eingeflösst wird; sein Argument verfehlt allerdings das Ziel. Insgesamt tut er dem Taschenbuch Unrecht an. Beispielsweise, wenn er die Aufbereitung von Klassikern zum Konsumgut analysiert. Seine Kritik, dass dabei die Mentalität von Massenkonsum und Ausverkauf der Kultur zu Tage tritt, ist zweifelsfrei richtig; es handelt sich allerdings um ein Problem auf der Ebene der Produktion und nicht um eines des Taschenbuchs als Medium. Dass es auch anders geht, beweisen nämlich die Vorworte und Anhänge französischer Taschenbuchausgaben von Klassikern und kanonischen Werken, deren Texte sorgfältig editiert sind. Seit der Publikation von Enzensbergers Taschenbuchanalyse erfolgten auch positive Entwicklungen. Damals musste er noch feststellen
In zwölf Jahren haben sie [die Taschenbuchverleger] keine einzige Schrift über das skandalöse Versagen unserer Städteplanung, über das zunehmende Verkehrschaos, über die Fehlleistungen unserer Schulpolitik, über die zunehmende ökonomische Konzentration hervorgebracht. Das sind Beispiele aus der deutschen Innenpolitik, von außenpolitischen Gegenständen ganz zu schweigen. Das Taschenbuch hat ein Publikum, das in die Hunderttausende geht. Worauf warten die Verleger? Warum exponieren sie sich nicht? Bereitwillig liefert der Apparat Zuckerbrot und Zirkusspiele. Kultur läßt er sich ablisten. Tabu bleibt, was im politischen Alltag nützen könnte. Auch hierin spiegelt sich eine Lage. Wer sich damit begnügt, sie zu reflektieren, statt sie zu ändern, hat schon kapituliert. (Enzensberger 1964: 160)
Mittlerweile liegen nicht nur Enzensbergers eigene Essais als Taschenbücher vor; auch Bücher des Philosophen Giorgio Agambens, des Soziologen Richard Münchs und Robert Menasses kulturtheoretische Schriften und Reden – um es bei diesen Beispielen zu belassen – liegen in der edition suhrkamp als Taschenbücher vor.
Im kürzlich erst erschienenen Buch Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990 (München 2015) bemerkt der Autor, Philipp Felsch, dass im Anschluss an die Kritiken am Taschenbuch eine ironische Wendung erfolgte. Denn ausgerechnet im Medium des Taschenbuchs verbreiteten sich die theoretischen Schriften. Der Erfolg und die Beliebtheit der Theorie und der Philosophie war der Erfolg von Theorie in Taschenbüchern, die bei Suhrkamp und Merve verlegt wurden (und es immer noch werden).

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Offener Brief aus Schwamendingen

23. Februar 2017

[ein Brief aus Schwamendingen, der uns zugeschickt wurde; anlässlich der Suche gewisser linker akademischer Kreise nach einer sozialen Identität… da versuchen manche Leute auf dem Reissbrett das herzustellen, was sie an sich selber nicht wahr haben möchten und suchen danach, wie sie „die Massen“ für ihre Partei gewinnen könnten…]

Dieses Jahr werden sie vermutlich anfangen mit dem Häuser Abreissen. Dann werden wir von hier weg ziehen müssen. Wir wissen noch nicht, wohin. Wir wohnen seit zehn Jahren hier, seit beschlossen wurde, dass die Autobahn überdacht werden soll. Wir leben hier so vor uns hin, mal besser, mal schlechter, neben der Autobahn und hinter den Schallschutzwänden. Die Architekten haben tolle Pläne, von Grünflächen, Parks, Begegnungszonen. Die Politiker, die sind schon ganz scharf darauf; sie sagen, das Quartier würde dadurch endlich aufgewertet werden. Alle freuen sich wie bekiffte Käfer drauf. Nicht nur die Sozialisten, auch die Christen, die Faschisten und die Liberalen und die Evangelikalen und was weiss ich. Die einzigen, die sich nicht freuen, sind wir, die wir hier wohnen.

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[Montagsgedanken] Werbung, die propagandafreie Ideologie

26. Dezember 2016

Es ist wieder Weihnachten und das heisst, wir wollen uns an diesem Tag auf das besinnen, was Weihnachten eigentlich bedeutet: Kommerz und Werbung. Also lasst uns gemeinsam inne halten und diesem wichtigen Tag gedenken, der gefühlt einen Sechstel des Jahres bestimmt und lasst uns darüber hinaus anhand einiger Beispiele in den Mechanismus der Werbung eindringen…

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[Montagsgedanken] Potcheen oder Poitín? Über die Sauferei im Kapitalismus…

21. November 2016

„Potcheen“ heisst es auf der Flasche, angliziert vom Gälischen Poitín. Es handelt sich um – wie es auf der Flasche ja auch so schön für den amerikanischen (aber auch allgemein internationalen) Touristen in Klammer angemerkt ist – „Moonshine“. Also die irische Variante des illegal destillierten Hausschnaps in ländlicher Gegend, der für den Eigengebrauch hergestellt wurde.
Hervor stechen tun hier vor allem das grosse, quer geschriebene „now legal“ (es fehlt eigentlich nur noch ein Ausrufezeichen) und darunter der Vermerk des „illegal since 1661“.

Und da fragte sich Herr Schmulmeier, ob es denn überhaupt noch selbst gebrannt war, wenn er es nicht selbst gebrannt hatte...

Und da fragte sich Herr Schmulmeier, ob es denn überhaupt noch selbst gebrannt war, wenn er es nicht selbst gebrannt hatte…

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[Montagsgedanken] Tantalos

24. Oktober 2016

Jetzt hatte Tantalos das Maß seiner Frevel erfüllt und wurde von den Göttern in die Hölle gestoßen. Hier wurde er von quälenden Leiden gepeinigt. Er stand mitten in einem Teiche, und die Wasser spielten ihm um das Kinn, dennoch litt er den brennendsten Durst und konnte den Trank, der ihm so nahe war, niemals erreichen. Sooft er sich bückte und den Mund gierig ans Wasser bringen wollte, entschwand vor ihm die Flut versiegend; der dunkle Boden erschien zu seinen Füßen; ein Dämon schien den See ausgetrocknet zu haben. So litt er zugleich den peinigendsten Hunger. Hinter ihm strebten am Ufer des Teiches herrliche Fruchtbäume empor und wölbten ihre Äste über seinem Haupte. Wenn er sich emporrichtete, so lachten ihm saftige Birnen, rotwangige Äpfel, glühende Granaten, liebliche Feigen und grüne Olivenbeeren ins Auge; aber sobald er hinauflangte, sie mit seiner Hand zu fassen, so riß ein Sturmwind, der plötzlich angeflogen kam, die Zweige hoch hinauf zu den Wolken. Zu dieser Höllenpein gesellte sich beständige Todesangst; denn ein großes Felsenstück hing über seinem Haupte in der Luft und drohte unaufhörlich, auf ihn herabzustürzen.“

(Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums)

Der Durst kann uns nicht aus der Wüste der Gegenwart führen, nur das Nachdenken...

Der Durst kann uns nicht aus der Wüste der Gegenwart führen, nur das Nachdenken…

Tantalos ist die fortgeschrittene Version des Sisyphos. Die nutzlos scheinende und sich sinnlos wiederholende Arbeit, zu welcher Sisyphos gezwungen ist, indem er den selben Stein mal um mal einen Hang hinauf rollt, wiederholt noch den stumpfsinnigen Arbeitstag. Der Mythos des Tantalos hingegen zeigt eine ähnliche Höllenqual, die gleichzeitig um den Konsum erweitert ist…

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[Montagsgedanken] Die Menschheit – eine Computersimulation?

17. Oktober 2016

Im Silicon Valley wird der Frage nachgegangen, ob wir unter Umständen alle in einer Computersimulation leben. So weit ist das eigentlich nicht spannend. Die Frage ist eine ernsthafte Erwägung nicht wert. Die Idee, dass die Realität eine Fiktion sei, ist ein immer wieder kehrendes Motiv in Literatur und Filmen. Es ist sogar eine der abgedroschensten dramaturgischen Lösungen, wenn alles, das sich ereignet hat, als Traum aufgelöst wird. Im Film „Matrix“ wurde das Modell einer durch Maschinen kontrollierten Computersimulation, in welcher die Menschheit gefangen ist, en detail ausgebreitet und bis zum Erbrechen auf seine Spitze getrieben. So weit es also die Verwendung dieser Denkfigur für dramaturgische Zwecke anbelangt, gibt es hier nichts neues.
Erstaunlich hingegen ist, dass vernünftige Menschen sich mit solchen unvernünftig anmutenden Geschichten ernsthaft auseinander setzen. Ein bisschen ironisch ist es ja: Da finden fiktive Geschichten darüber, dass die Realität eine Fiktion sei, ihre reale Erwägung.

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[Montagsgedanken] Technik und Fortschritt

3. Oktober 2016

Es ist doch erstaunlich, dass in Kaffeemaschinen heute mehr Rechnungsleistung steckt als in der Saturn-V-Rakete, die damals Richtung Mond flog …
„Wir haben die Mondlandung erfolgreich durchgeführt, was wird die Menschheit als nächstes erreichen?“
„Lasst uns High-Tech-Kaffeemaschinen herstellen!“
„Oh ja!“
„Yeah!“
„Great!“
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L.A. Underground – between toilet and desert

18. Dezember 2015

Es war ausserhalb von Los Angeles. Ich weiss nicht mehr, wo es genau war. Ich war ziemlich angesoffen. Dafür weiss ich noch genau, mit wem ich dort war. Hank brachte mich im Auto dort hin. Unterwegs schlief ich, meine Träume waren Fiebergeburten. Zwischendurch öffnete ich die Augen und sah jenseits des Highways die Wüste flimmern. Die Trockenheit hatte diesen Teil des Landes im Würgegriff, von den früheren, fruchtbaren Feldern war nichts mehr übrig. In meinen Träumen jubelte eine Masse von verarmten Massen einem schwarzen Nixon zu, und dann wieder war es ein Reagan, der nicht ein Schauspieler, sondern ein Medienmogul war, vor dem die Massen knieten. Auf jedem Fernsehkanal lief der gleiche Sermon. Mein Maul fühlte sich schlammig an, die Hitze, die trockene Luft schien mich auszudörren.

Ich hatte ein Drehbuch geschrieben. Oder sagen wir, ich hatte aus meinem Roman ein Drehbuch gemacht. Während ein paar der Fusssoldaten in Hollywood darin keine Chance sahen, und sehr schnell abwinkten, gab es einige kleinere Filmstudios, die sich mit mir treffen wollten. Alternative Filmstudios, die auf Independent-Filme setzten. Ästhetisch, kritisch. Filme mit Ansprüchen. Hank schlug mir das Treffen vor. Ich fand ebenfalls, dass mein Drehbuch dort besser aufgehoben wäre. Wir fuhren also raus, durch die Wüste, um uns mit Vertretern dieser alternativen Studios zu treffen. Sie organisierten sich kollektiv, legten ihre gemeinsamen Ressourcen zusammen.

Wir trafen uns in einem untergründigen Café, eine Mischung aus Diner und Start-Up Garage. Eingebettet in einer ehemaligen Zufahrtsrampe eines Lagerhauses. Die Wände waren über mit original 50er Dekorationen verziert, auch die Möbel schienen aus jener Ära. Eine Zeitkapsel, aber dann doch wieder mit Wlan und leider auch den Preisen des 21. Jahrhunderts. Dennoch war die Illusion im ersten Moment beinahe perfekt. Kurz war ich ausser Stande, zu sagen, ob es sich um ein Diner im Originalzustand hielt, oder ob es heute so eingerichtet worden war, um wie von gestern wirken zu sollen.

Ich bestellte mir eine Cola und ein Bier. Das eine, um mich wach zu machen, das andere, damit ich nicht zu wach wurde.

Sie waren zu viert. Hank setzte sich an den Tresen und schäkerte mit der Bedienung. Ich hätte es ihm lieber gleich getan. Ich setzte mich mit den Alternativen in eine der Polsterboxen.

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Die Filmkritik für Arme

26. November 2015

Heute: „Left Foot, Right Foot“:

„Bäh, ‚Gute Zeiten – Schlechte Zeiten‘ für Linke.“ (O-Ton Gregor)

Buchkritik: Mir selber seltsam fremd – von Willy Peter Reese

10. Dezember 2014

Was hier in die Schlacht zieht, kann kaum als Kritik siegen. Die Kriterien sind in dieser Stellung hierfür nicht gegeben, und gerade darum: Soll es Erwähnung finden.

Reeses Bericht von seinen Einsätzen an der Ostfront während des 2. Weltkrieges ist noch nicht einmal Bericht. Zeugnis viel mehr, aber ohne Zeugenschaft. Beteiligter, der wenig teilt oder mitteilt, aber dennoch –
Willy Peter Reese hatte schriftstellerische Ambitionen. Während des Krieges an der Ostfront schreibt er, und er schrieb viel. Er selber stirbt 1944 im Krieg, sein Nachlass verbleibt ohne Aufmerksamkeit, bis sich eine Zusammenarbeit mit dem Stern-Reporter Schmitz ergibt. 2004 wird das Büchlein „Mir selber seltsam fremd“ herausgegeben.

Wäre damit alles gesagt: Schreibender Wehrmachtssoldat?

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