[Montagsgedanken] Glosse: Warum ich Roger Federer hasse

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„Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren“ – Tocotronic

Ich kann mit Tennis überhaupt nichts anfangen. In mir lauert dieses Vorurteil, es handle sich dabei um einen Bonzensport. Englische stiff-upper-lip Typen, Jingos, die sich im Club sportlich betätigen, nachdem sie ihre Arbeiter entlassen haben. Manager-Yuppies, die geschniegelt weiss verkleidet Jugendlichkeit und Unschuld demonstrieren möchten. Perlweisse Zähne. Schwiegersöhne, Kinder besserer Eltern, die auf dem Tennisplatz posieren, während am Rand ein Butler mit einem Silbertablett steht, auf dem eisgekühlte Limonade aus Kristallkaraffen eingeschenkt wird.

Obwohl ich mich null für Tennis interessiere, will ich hier etwas loswerden: Warum ich einen tiefen, aufrecht empfundenen Hass gegenüber Roger Federer empfinde, obwohl ich noch nie ein Tennisspiel gesehen habe.
Ja, für einmal gehen die Montagsgedanken ins glossenhafte.

Wie gesagt, von Tennis verstehe ich nichts. Ganz am Rande kriegt man vielleicht ein, zwei Namen mit, beim Durchblättern der Sportseiten. Man hört einen Namen, irgendwann einmal kriegt man ein Gesicht dazu. Man vergisst das Gesicht wieder, bis irgendwann ein neuer Name auftaucht.

In dem Fall verhielt es sich aber anders.
Du sitzst an einem Tramhäuschen, es ist einer dieser Abende, an denen du unzufrieden mit einer Dose Bier vor dich hin stierst, dein Leben und deine Entscheidungen überdenkst. Gegenüber dieses Plakat mit einem dieser Gesichter, jung, lächelnd, sauber und in seiner Sorglosigkeit anbiedernd. Ein Gefühl, als ob du verhöhnt wirst. Die Type glotzt dich an, man will dir was verkaufen. Dein Tram kommt, du blickst raus: An der nächsten Station die selbe Type, das selbe Grinsen. Nein, ich mag dich nicht, denkst du. In den nächsten Tagen verfolgt dich dieses Gesicht, egal, wo du in der Stadt bist. Du erfährst irgendwann den Namen hinter diesem Gesicht („ach, das ist der?“) und versuchst, es zu ignorieren. Es wird wohl ein Ende mit der Werbekampagne haben. Aber es dauert. Du fährst zur Arbeit, überlegst dir, wie du durch diesen Monat kommst – es grinst und grüsst mit demonstrativer Sorglosigkeit. Du kommst von der Arbeit nach Hause, geschlaucht und denkst an die zornigen Kunden, die ihr mieses Leben an dir ausgelassen haben. Wer lächelt da lasziv, ja fast belustigt? Du warst bei der Liebsten, trägst den Geruch an dir, fühlst dich endlich unbeschwert. Wer hängt da, beleuchtet in der Nacht, schält sich mit seinem Gesicht zwischen deine intimsten Erinnerungen?

Wir haben ja schon darauf hingewiesen, dass der Kapitalismus keine Propaganda nötig hat, sie ist bei ihm in der Werbung mitenthalten.
Man kann sich der Werbung ein Stück weit entziehen, indem man sie ignoriert – man kann sie aber nicht verschwinden lassen. Das Faktische an ihr ist ihre Zumutung. Ihre Tatsache liegt nicht darin, ob man sie wahrnimmt oder nicht, sondern dass sie Tatsache ist. Oder um Ford zu paraphrasieren: Sie können die Werbung in jeder ihr gefälligen Form erhalten – solange es Werbung ist. Die Zumutung der Werbung liegt nicht in einer bestimmten Form, die gefallen mag oder nicht, sondern in der Werbung selber.

Dieser Mechanismus zwang mich dazu, sein Gesicht gefühlte tausendmal gesehen zu haben, ohne dass ich ihn je als Sportler auf dem Feld gesehen hätte. Sein Gesicht, dieses schiefe, brave Grinsen, habe ich schon so oft gesehen, ich erkenne ihn überall wieder.

Ich ärgere mich jedes mal, wenn ich ihn sehe: Weil mich sein Sport nicht interessiert, weil mich das Produkt nicht interessiert, für das er wirbt, weil er überall da ist, wo ich hingehe. Ich kann ihm nicht entkommen. Es ist, als ob diese Plakate überall aufgehängt werden, gerade damit ihm keiner entkommen kann. Als wäre es im grossen Stil orchestriert – wie die Plakate eines Big Tennis Brothers, der dich ununterbrochen verfolgt, wie die Plakate des nordkoreanischen Führers, der dich gütig anlächelt, weil er so ein lieber ist. Reihum erzählt man mir, was für ein lieber, toller Kerl diese Type wäre, ein Tugendbold, ein schweizerischer Musterschüler, ein Tausendsassa. Freundlich, offen, niemals böse und auf dem Feld souverän, sein Spiel, sein Aufschlag etcetera. Er sei das Ass der Asse („the ass of all asses“) – wie weiland der heilige Franz steht er auf dem grünen (Tennis-)Feld und wirkt Wunder mit seinem Stock: St. Roger von Ass-isi.
Allseits geschätzt und geliebt, verehrt – als Wunderwirker und als Mensch darüber hinaus, dass sich selbst die Tiere vor ihm verneigen möchten.

Ich kriege einen Würgreiz, wenn ich die Fratze zu sehen kriege.

Zum Vergleich: Eine Bekannte, die Schauspielerin ist, erzählte mir von einem moralischen Dilemma. Sie hatte ein Angebot erhalten, in einer Werbung für einen Pharma-Konzern ihr Gesicht herzuhalten. Das Geld könnte sie dringend benötigen, wie das halt so sei, als Schauspielerin. Aber sie stellte sich die Frage, ob die Verwendung ihres Gesichtes für plumpe Werbung eines Multis ihr nicht schaden würde. Der Konzern war ihr grundsätzlich unsympathisch (wie das Konzerne ja so an sich haben), aber darüber hinaus ging es um die Frage, ob ihr Gesicht, so in die Öffentlichkeit gepappt, dann noch ihr eigenes wäre: Würde das Gesicht in der Werbung nicht auf sie zurück fallen, und zukünftig wäre ihr eigenes Gesicht dann das des Pharma-Multis.

Das hat schon etwas furchterregendes, diese Vorstellung: Ein Pharmamulti würde einer Schauspielerin das Gesicht ablösen und es tausendfach vervielfältigen. Das eigene Gesicht wäre kein eigenes mehr, es existierte nur noch als Kopie. Da liesse sich ein Benjamin-Vergleich anstellen, gewissermassen „Das Gesicht im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.“ – Oder ein Horrorfilm: Die Body-Snatcher, hier dann halt Face-Snatcher. Kleine Viecher wie die Face-Huggers, die herum gehen und Gesichter stehlen, diese dann wie immer wieder absondern. (Und vermutlich einen Deal mit der Plakatgesellschaft haben, eine geheime Verschwörung!)

Nein, ernsthaft.
Es scheint, als ob das Tennis-Ass sich solche Gedanken nicht gemacht hat, oder – noch schlimmer – sich daran nicht störte. Es hat schon etwas grausliges, wenn man das eigene Gesicht so verkauft und es daraufhin selbständig in den Köpfen der Menschen, die dazu gezwungen sind, es anzuschauen, neue Assoziationen bildet. Der Mensch verschwindet: Das ist keine Person mehr, kein er oder eine sie – sondern ein Gesicht. Ein Es. Das Gesicht wird vom Menschen abgeschält und verselbständigt sich. Das eigene Bild, so in die Öffentlichkeit verpflanzt, wuchert unkontrolliert.

Vielleicht, der Gedanke ging mir auch durch den Kopf – vielleicht existiert das Assenass gar nicht. Vielleicht ist auch er nur ein Schauspieler, dessen Gesicht zerstört wurde und das als Kopie tausendfach wieder auferstanden wurde. Als eine Art postmoderner Version von Magrittes Bildreihe: Ceci n’est pas Roger Federer.

Wer würde so etwas freiwillig machen?
Am Geld alleine kann es nicht liegen – denn als der weltbeste Tennisspieler aller Zeiten muss das Tennis-Ass genug davon haben. Das führt zu der Vermutung, dass es das vielleicht sogar will – dass man es überall sieht, dass es angesehen wird, dass sein Gesicht die Wände tapezieren. Dann wäre es ein Narzisst, dieses Gesicht. Diese Vorstellung macht es mir gleich noch unsympathischer.

Wer würde solches wollen? Mich schüttelt es bei der Vorstellung, mein eigenes Gesicht an jeder zweiten Ecke aufgehängt zu sehen. Wie ein Blick in hunderte von Spiegeln und jeder dieser Spiegel zeigt nicht mein Gesicht, sondern ein fremdes Gesicht, das mich dämlich glücklich grinsend anlächelt, dass mir hundselend dabei wird, dass ich mich nicht so wie er auf dem Plakat fühle.
Aber vielleicht muss das „Ass of Asses“ das ja nicht. Vermutlich fährt er nicht mit dem ÖV, vermutlich lässt er sich von einem Chauffeur in einem schicken Wagen mit getönten Schreiben herum fahren. Ich weiss es ja nicht, da es mich nicht interessiert. Ich lese keine Homestories in der Schweizer Illustrierte.

Selbstverständlich, ja. Das Problem existiert darüber hinaus bei anderen Sportarten, bei anderen Prominenten, auch und vor allem jetzt gerade während der Weihnachtszeit. Oder Politikerplakate.
Es schüttelt mich ebenso regelmässig beim Anblick eines Werbeplakates mit dem Herrn Shaqiri. Ich wette darauf, dass er im nächsten Jahr während der Fussballweltmeisterschaft erneut das Gesicht der braunen Zuckerplörre sein wird, das in der Schweiz Werbung für sich machen wird. Obwohl ich dem Fussball folge, ärgere ich mich jetzt bereits darüber, dass diese Type mir mit seinem Gesicht laue Sommerabende madig machen wird. Abende, an denen ich sorglos durch die Strassen wandere, die Abendkühle geniesse, an denen ich nackt im See geschwommen bin, an denen ich zufrieden mit einem leichten Rausch ein Liedchen summe. Dann wird jeweils an einer Strassenecke, an einem Tramhäuschen diese Type auftauchen und sich in meine intimen Momente reinquetschen.

Es ist eine Form des Stalkings: Diese Blicke mit Produkten, die dem Passanten zugeworfen werden. Man wird verfolgt – und plötzlich wird mir die Paranoia eines Verschwörungstheoretikers nachvollziehbar: „Diesen Kerl – habe ich den nicht eben gerade gesehen?“

Cetero censemus capitalismum esse delendum

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Eine Antwort to “[Montagsgedanken] Glosse: Warum ich Roger Federer hasse”

  1. saileklein Says:

    ich fand ihn einst sympathsich, weil besagter spieler praktisch keine werbung gemacht hatte. dann plötzlich änderte sich das und zwar um 180 grad und seit dem kriegt er den hals nicht mehr voll. ob es an seiner freundschaft zu gwen stefani liegt?

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