Direkt aus der Garage, frei nach Elias Klein (St. Gallen)

11. Februar 2016 by

Die junge Tochter kommt begeistert zu ihrem Vater:

“Paps, ich habe endlich einen Job!”

“Das freut mich. Was denn?”

“Ich arbeite mit Asylanten.”

(zieht die Luft scharf ein, roter Kopf, aufgrund der letzten Ereignisse) “Mein Kind. Pass aber auf. Die sind doch alle… argh! Bist du… schau aber… hoffentlich sind die auch alle verheiratet! Mein Gott, meiner Treu!”

(winkt ab) “Ach, keine Sorge, ich arbeite mit Kindern. Und von denen sind nur ein paar verheiratet.”

Josef Schrattmanns Vormittag

21. Januar 2016 by

Verträumt im Rübenbeet gelegen, dachte Josef Schrattmann nicht, sondern fühlte den Boden unter sich. Das Beet flüsterte ihm Obszönitäten ins Ohr, während es in seinen Rücken hinein wuchs.

Josef öffnete die Augen, starrte zur Decke hinauf und sann seinen Träumen hinterher, die ihm allesamt flink entwischten, und erhob sich aus dem Bett mittels eines Handstandes, während er der Sonne ein Lied sang und sich zum Gehen stürzte. Mit der linken Wange auf dem Boden zerschunden, schwor er dem Wecker seine Liebe und rollt sich zur Decke, um die Fledermäuse zu vertreiben, indem er einen Schlager auf der Zahnbürste blies.

Auf dem Küchentisch tanzte das Licht, vom Fenster zur Küche hinein reflektiert, als Josef besagtes Fenster öffnete, um einen Blumentopf in den Hof hinunter zu werfen. Was hatte ihm der Blumentopf getan, um diese Strafe zu provozieren? Josef war in die Küche getreten und sah mit an, wie der Blumentopf sich mit dem Rest vom Kaffee paarte. Inakzeptabel, natürlich. Aber verdiente der Blumentopf dafür die Todesstrafe? Ja.

Der Blumentopf prallte vom Boden ab, schnellte in die Luft und landete schliesslich im Rübenbeet, wo er zersprang. Seine Erde mischte sich mit der Erde des Beetes. Das entsetzte Josef so sehr, dass er sich in sich zusammenfaltete und unter der Spüle versteckte.

Dem Kaffee kamen kleine Bläschen hoch. Josef hatte neuen gemacht und in der Mikrowelle erhitzt. Sacht krachte es aus dem Schacht, der frische Luft in die Küche zwang. Der Geruch des aufgekochten Kaffees gewann. Aber nur knapp.

„Ich komme ja aus der Welt des Whirlpool-Engineering“

10. Januar 2016 by

Die Betonmischerin Nautika Combrowicz gewann im Sommer den Smeaton-Preis. Ein Gespräch über prägende Eltern, überflüssige Drogen und über Kranfahrer.

Ihr Arbeitspensum ist schwindelerregend: Sie bauen Häuser, halten Reden, treten international auf Baustellen auf – und sind Direktorin der Bamberger Betonmischanstalt Konkretia, wo jährlich fast hunderttausend Tonnen Beton hergestellt werden. Wann mischen Sie selber Beton?

Frühmorgens. Ich bin ein pflichtbewusster Mensch und arbeite sehr pragmatisch. Ich setze mir ein Thema und Unterthemen, wie eine Wissenschafterin. Leichtbeton und dann Spritzbeton, zum Beispiel. Manche Leute fragen mich: „Aber macht es dir denn keine Freude?“ Doch! Betonmischerin zu sein, ist die grösste Freude – aber alles andere auch. Ich bin durchdrungen von Arbeit. Stets habe ich Mörtelkelle und Reibebrett dabei.

Wie wird man Betonmischerin?

Indem keiner sagt: „Lass es sein!“

Ihr Vater Johann-Jakob Combrowicz ist als Erfinder des konkreten Betons eine Berühmtheit. Spürten Sie daher nie Widerstände, denselben Beruf zu wählen wie er?

Das war bei seinen siebenundzwanzig Söhnen so, meinen Halbbrüdern. Kaum waren sie 18-jährig, machten sie sich aus dem Staub. Aber mich haben die Eltern dazu erzogen, für sie zu werden. Und ich bin das Kind für sie geworden.

Bedeutete das besondere Zuwendung?

Im Gegenteil. Ich bin alles andere als verhätschelt worden. Mein Vater war Offizier der Schweizer Armee und sehr streng. Ich musste schauen, dass alles läuft, und meine Eltern vertrauten mir darin. Darum war ich schon früh geistig frei.

Vater und Tochter haben gemeinsam auf dem Bau gearbeitet, ihre Arten des Betonmischens sind jedoch sehr verschieden. Gab es nie baustoffliche Annäherungsversuche?

Selber konkreten Beton zu mischen, käme mir komisch vor. Da ist schon so viel gemacht worden. Ich kann auch nicht so denken. Dass man so wenig Material braucht, ging tief in mich ein. Aber um solchen Beton herzustellen, braucht man Luft. Die habe ich nicht. Aber wer mich fragt: „Sind Sie nicht die Tochter von …?“, den könnte ich sofort umarmen. Wer konkreten Beton kennt, der ist cool.

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Der Toaster

5. Januar 2016 by

Als der junge Josef Schrattmann zwecks Studium von zuhause weg und in seine erste eigene Wohnung zog, kaufte er sich unter anderem einen Toaster. Diesen probierte er eines Morgens aus – und prompt haute es die Sicherung heraus. Schrattmann brachte den Toaster zurück zum Elektronikfachgeschäft, um sich ein Ersatzgerät geben zu lassen, das er dann auch erhielt. Damit hatte sich die Sache erledigt.

Der Waldspaziergang

3. Januar 2016 by

Josef Schrattmann erwachte frühmorgens in der Waldhütte, die er zusammen mit seiner Frau für ein paar Tage gemietet hatte, und verspürte das drängende, ja geradezu zwingende Bedürfnis, einen Waldspaziergang zu machen. Von diesem Bedürfnis getrieben, sprang er aus dem Bett und hinein in die Natur, mit einem Lied auf den Lippen und der Sonne im Herzen.

So spazierte er durch den Wald, atmete die frische Luft und erholte seine müden Städteraugen am saftigen Grün der Tannenbäume.

Doch kaum war er für eine Viertelstunde unterwegs gewesen, drang ein fernes Keuchen an sein Ohr. Er verliess sogleich den Gehweg und versteckte sich im Dickicht. Da waren sie, unüberblickbar an der Zahl: Jogger. Überall nur Jogger, ganze Heerscharen von Joggern in leuchtenden Westen, eine Sintflut aus mannsgrossen Orangen, die über das Kies pflügte.

Die Herde zog vorbei, bis schliesslich ein älteres Exemplar hinterher hinkte. Schrattmann verliess das Dickicht, sprang dem Jogger auf den Rücken und brachte ihn damit zu Fall. Er betäubte ihn mit einem kräftigen Faustschlag auf die Nase und hob ihn auf den Rücken, schleppte ihn zurück zur Waldhütte, wo die Frau Gemahlin noch immer schnarchte, ging in die Kochnische und zerkleinerte den Jogger im Mixer zu einem schmackhaften Püree. Drei Viertel davon ass Schrattmann selbst. Den Rest überliess er seiner Frau, die er weckte, indem er ihr einen Eimer mit kaltem Wasser über den Kopf schüttete.

Auf dem Weg zur Beiz

2. Januar 2016 by

Auf dem Weg zu seiner Stammbeiz ging Josef Schrattmann die Strasse runter, als sich ihm eine Kreatur in den Weg stellte. Sie war zweieinhalb Meter gross, blickte ihn böse aus drei Augen an und flatterte mit ihren gewaltigen Fledermausflügeln. Ihre violette Haut war über und über mit giftgrünen Warzen besetzt. Sie öffnete ihr riesiges Maul, wobei zwanzig Zentimeter lange Reisszähne hervorblitzten, und sprach ihn an: “Ich bin ein Ungeheuer vom Mars und ich will dich fressen.”

“Nicht schon wieder”, dachte Schrattmann. Er hasste es, auf der Strasse einfach so von Bittstellern angequatscht zu werden. Amnesty International, Winterhilfe oder Surprise: In Zürich florierte das Strassenräubertum. Ganz zu schweigen von den Punks am Bahnhof oder den Bettlerinnen in den Fussgängerunterführungen.

Schrattmann hob die Schnapsflasche in seiner Hand. “Geh mir aus dem Weg, oder ich zieh sie dir über den Schädel”, drohte er.

Zur Antwort biss ihm das Ungeheuer vom Mars den Kopf ab.

“Da hört sich doch alles auf!”, empörte sich Schrattmann, und holte mit der Schnapsflasche aus.

An der Schnauze getroffen, rief das Ungeheuer “Autsch!” und wandte sich zur Flucht, doch Schrattmann hatte einen schnellen Arm und schlug wieder und wieder zu, so dass das Marsmonster quietschte. Endlich spuckte es Schrattmanns Kopf aus und flatterte mit Tränen in den Augen davon.

Schrattmann las seinen Kopf vom Pflaster auf und setzte seinen Weg in die Beiz fort. Nachdem er dort angekommen war, stellte er fest, dass das Ungeheuer vom Mars sein Portemonnaie gestohlen hatte.

Die Leiden des jungen S.

25. Dezember 2015 by

Innenansicht. Ein Fernsehstudio. Irgend ein Abendprogramm, das sich niemand ansieht, bis auf diesen komischen Typen mit den ungepflegten Haaren, der immer in unserem hippen Café rumsitzt, und uns von “Adorno” erzählt. Dabei sind italienische Nachspeisen sowas von out.

Moderator: Bei mir hier im Studio sind Herr Schrattmann, auf dessen Leben die Kurzgeschichten Herrn Gregor Schenkers aufbauen, sowie Herr Schenker selber. Guten Abend, die Herren.

Schrattmann: Guten Abend.

Gregor Schenker: Genau.

Moderator: Unsere Runde wird vervollständigt durch ein Schaf, das wir heute Morgen draussen vor der Türe fanden.

Schaf: Mir war kalt.

Moderator: Sehr schön. Herr Schrattmann, Sie baten mich zuvor, Sie wollten gleich zu Beginn etwas klar stellen.

Schrattmann: Ja, es ist nämlich so, dass Herr Schenker mich völlig falsch darstellt.

Gregor Schenker: Ach hören Sie doch auf.

Schrattmann: Doch, doch – ich bin bei weitem nicht so kleinbürgerlich und bieder, und seit diese Geschichten im Umlauf sind, werde ich andauernd angesprochen. Wildfremde Leute möchten ein Selfie mit mir machen, schreien hell auf, wenn sie mich sehen und zeigen mit dem Finger auf mich und rufen meinen Namen.

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Kulturmutanten: Kapitel 3 – Terror in der U-Bahn

19. Dezember 2015 by

kulturmutanten03_10Und weiter gehts in unserer Trash-Reihe. Weinachtliche Gefühle kommen hoch, das Kleinhirn tanzt zum Raclettesound. Es weihnachtet, es weihnachtet, und der halbe DFB sitzt im Knast (“Jo, is denn heut schon Hofgang?”). Aber das ist jenseits der Grenze (des Geschmacks und der Schweiz, was das selbe ist). Darum. Hier das nächste Kapitel.

Kapitel 1 findet sich hier – Kapitel 2 hier.

CERN-Metro, die: Die Schweiz ist ein Land, das gerne Löcher in seine Berge und seinen Käse bohrt. Kulturanthropologen haben sich auch schon Mühe gemacht, darin so etwas wie ein kollektives Geburtstrauma zu entdecken, im Stile von “der harte Bohrer, der die Muttererde durchpflügt”, sind aber gescheitert. Entsprechende Wissenschaftler wurden im 22. Jahrhundert als Mutterlandsverräter erschossen. Die politische Kampagne verlief unter dem Motto “Meine Muddah? – deine Muddah!” und verlief erfolgreich. Nichtsdestotrotz besitzt die Schweiz ein kompliziertes und weit verzweigtes System von Tunnels. Am Bekanntesten ist die CERN-Metro, welche sich von dem gleichnamigen Teilchenbeschleuniger inspirieren liess. Die CERN-Metro ist eine Ansammlung hunderter von ringförmig angeordneten und sich gegenseitig überschneidenden Komplettzügen. Die Bahn einer Metrolinie verläuft kreisförmig, bei einem Durchmesser mehrerer Kilometer, und anstatt mehrere Züge auf einer Linie fahren zu lassen, haben sie SBB sich entschlossen, einen einzigen Zug jeweils fahren zu lassen, welcher kein Anfang und kein Ende besitzt. Solche Komplettzüge fahren und halten im Minutentakt bei allen Stationen gleichzeitig. Alle Stationen sind exakt gleich weit voneinander entfernt. Neben den Zugkomponenten bei den Eingängen, gibt es entsprechend jene, die am weitesten entfernt von den Eingängen sind. Da die Züge während 24 Stunden im Betrieb sind, wie sich das für eine anständige 24-Stunden-Gesellschaft gehört, besteht die hohe Möglichkeit, dass in den Zugkomponenten zwischen den Eingängen sogar einzelne Menschen leben. Als urbanes Gerücht ist dies in der Schweiz schon weitum bekannt. Die meisten Schweizer reagieren gereizt auf dieses Gerücht und tun es als Humbug ab. Dennoch würden sie – wie alle Pendler – niemals die sicheren, sauberen, wohligen Zugkomponenten in der Nähe der Eingänge verlassen, um nachzusehen, was in den tiefer versteckten Abteilen vorhanden ist…

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L.A. Underground – between toilet and desert

18. Dezember 2015 by

Es war ausserhalb von Los Angeles. Ich weiss nicht mehr, wo es genau war. Ich war ziemlich angesoffen. Dafür weiss ich noch genau, mit wem ich dort war. Hank brachte mich im Auto dort hin. Unterwegs schlief ich, meine Träume waren Fiebergeburten. Zwischendurch öffnete ich die Augen und sah jenseits des Highways die Wüste flimmern. Die Trockenheit hatte diesen Teil des Landes im Würgegriff, von den früheren, fruchtbaren Feldern war nichts mehr übrig. In meinen Träumen jubelte eine Masse von verarmten Massen einem schwarzen Nixon zu, und dann wieder war es ein Reagan, der nicht ein Schauspieler, sondern ein Medienmogul war, vor dem die Massen knieten. Auf jedem Fernsehkanal lief der gleiche Sermon. Mein Maul fühlte sich schlammig an, die Hitze, die trockene Luft schien mich auszudörren.

Ich hatte ein Drehbuch geschrieben. Oder sagen wir, ich hatte aus meinem Roman ein Drehbuch gemacht. Während ein paar der Fusssoldaten in Hollywood darin keine Chance sahen, und sehr schnell abwinkten, gab es einige kleinere Filmstudios, die sich mit mir treffen wollten. Alternative Filmstudios, die auf Independent-Filme setzten. Ästhetisch, kritisch. Filme mit Ansprüchen. Hank schlug mir das Treffen vor. Ich fand ebenfalls, dass mein Drehbuch dort besser aufgehoben wäre. Wir fuhren also raus, durch die Wüste, um uns mit Vertretern dieser alternativen Studios zu treffen. Sie organisierten sich kollektiv, legten ihre gemeinsamen Ressourcen zusammen.

Wir trafen uns in einem untergründigen Café, eine Mischung aus Diner und Start-Up Garage. Eingebettet in einer ehemaligen Zufahrtsrampe eines Lagerhauses. Die Wände waren über mit original 50er Dekorationen verziert, auch die Möbel schienen aus jener Ära. Eine Zeitkapsel, aber dann doch wieder mit Wlan und leider auch den Preisen des 21. Jahrhunderts. Dennoch war die Illusion im ersten Moment beinahe perfekt. Kurz war ich ausser Stande, zu sagen, ob es sich um ein Diner im Originalzustand hielt, oder ob es heute so eingerichtet worden war, um wie von gestern wirken zu sollen.

Ich bestellte mir eine Cola und ein Bier. Das eine, um mich wach zu machen, das andere, damit ich nicht zu wach wurde.

Sie waren zu viert. Hank setzte sich an den Tresen und schäkerte mit der Bedienung. Ich hätte es ihm lieber gleich getan. Ich setzte mich mit den Alternativen in eine der Polsterboxen.

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Versauter 1. Advent euch allen

3. Dezember 2015 by

“Mach dich nackich, du Pannetone; ho-ho-ho, jetzt hab ich ne Taschenlampe.”


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