Kurzfilm: Lenin in Zürich – zu den Aprilthesen

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(den nachfolgenden Film haben wir für unsere Sowjetischen Ostern dieses Jahr gedreht, viel Spass. Der nachfolgende Text soll nochmals einige Gedanken, die wir dabei hatten, ausbreiten)

Die Russische Revolution – der Paukenschlag des Konzertes namens 20. Jahrhundert, nachdem der 1. Weltkrieg düstere Einstimmung gegeben hatte. Der kleine proletarische Bruder der französischen Revolution. Für die einen bloss die Spielwiese, auf der der kleine Joseph sich tummelte, ehe er zum stählernen Stalin wurde, für andere der Beweis dafür, dass der Kommunismus „eh nicht funktioniert“. Eine Haltung, verbreitet unter Chefen und solchen, die es gerne wären.
Weder reduziert sich die Russische Revolution auf eine Art Vorspiel für die stalinistische Diktatur noch handelt es sich um die Bestätigung, dass die Prolls am Ende unfähig sind, sich selbst zu regieren, und deswegen einen Monarchen, einen Führer, einen Parteivorsitzenden, einen Kanzler oder Präsidenten nötig haben.
Ansonsten müsste man die Französische Revolution ebenso runter brechen: bloss ein Auftakt für Napoleon, Diktator und Kriegstreiber. Ist schief gelaufen, dieser Sturm auf die Bastille. Also langfristig. Zeigt, dass liberale Werte und das Verlangen nach demokratischer Beteiligung zum Scheitern verurteilt sind. Abgehakt. Müssen wir uns nicht damit beschäftigen.
Nein, die Russische Revolution von 1917 ist bei weitem komplizierter. Gleichzeitig funktioniert sie als unterbewusster Bezugspunkt für alle Revolten, Putschs und Revolutionen des 20. und bis ins 21. Jahrhundert; denn fast jede Revolution, jeder Staatsstreich hat sich an ihr orientiert; sie ist das Vorbild und das Modell, ihr Ablauf das Muster, nachdem es zu verfahren gälte.

Russische Revolution als Konzert?
Lenin selbst hingegen hat geschrieben, dass, wer die Revolution nicht als Kunst versteht, vom Marxismus keine Ahnung hat (ja, hat er).
Selbstverständlich gilt es nicht, die Russische Revolution als eine Art „Kunstwerk“ zu betrachten. Nicht wie es Evreinov tat, welcher die Revolution von 1917 als ein schlechtes Reenactment der bürgerlichen Revolution von 1789 verstand, aber mit „billigeren Kostümen, groben Personen“ und der sich angeekelt von Armut, Schmutz und prolligem Stumpfsinn, dem jegliches „Gefühl für Grösse“ fehlte, zeigte.
Die Russische Revolution war immer Bezugspunkt für die revolutionäre Bewegung, der Arbeitschaft, des Proletariats, der Revoluzzer und der Putschisten. Denn was ihr zu eigen war, war das erstmalige, diese Signalwirkung. Das erste mal erklang es in der Geschichte: Nicht nur haben die Knechte ihre Herren davon gejagt, indem sie sich organisierten – denn viele können viel erreichen – nein, diejenigen, welche sich durch diese Revolution auszeichneten, übernahmen das Land, den Staat und organisierten ihn jetzt nach ihren eigenen Bedürfnissen um.
Man darf nicht vergessen, dass es den Sklaven, Knechten und Proleten auszeichnet, dass er Zeit seines Lebens zu hören kriegt, dass er selber nicht fähig dazu ist, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen und nach seinem Willen zu gestalten. Immer gibt es eine höhere Instanz, die es besser weiss als er und die solches Denken für ihn übernimmt und die erzählt, wie schwer sie doch an dieser Verantwortung leidet. Des Coriolans Gleichnis von der Gesellschaft als Körper, worin die Plebs die Hände, der Magen, der Darm usw. seien, während die herrschende Klasse der Kopf ist, zeigt dieses Selbstverständnis der Spezialisierung und Arbeitsteilung als eine Rechtfertigung von Privilegien sehr schön auf.
Die Wirkung einer Revolution wie der Russischen, ihre faszinierende Ausstrahlung über den ganzen Globus hinweg erklärt sich auch aus dem. Dass es möglich ist, sich zu organisieren und aufzubegehren und die eigenen Herrn davon zu jagen, dass es möglich ist, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Im Prinzip also war die Russische Revolution vor allem eine Projektionsfläche für all jene, die Hoffnung bitter nötig hatten.
Nun geht es aber nicht nur um irgendwelche Gespenster oder Ideale, sondern ganz konkret um die Frage, wie die russische Revolution verlief. Von wem ging sie aus, wer hat sie eigentlich durchgeführt und was war die Rolle der Bolschewisten und ihrer Partei? Ähnlich wie im Gedicht von Brecht muss man fragen: „Als Lenin in Petrograd seine Revolution durchführte – rannte er da allein bewaffnet ins Winterpalais?“
Nein, natürlich nicht.

Die Aprilthesen
Eines der Schlüsselmomente für das Jahr 1917 und für das Verhältnis von Partei und revolutionärer Arbeiterbewegung sind die Aprilthesen von Lenin.
Diese Thesen trug Lenin gleich nach seiner Ankunft in Petrograd im April vor, nachdem er von Zürich mit einigen Genossen abgereist war. Nicht bloss der Bezug zu Zürich interessierte uns hierbei. Denn Lenin formulierte diese Thesen in der Schweiz, als Reaktion auf die Ereignisse in Russland seit Ende Februar. Die Februarrevolution hatte dazu geführt, dass der Zar abgedankt und eine provisorische Regierung an Stelle des alten autokratischen Regimes getreten war.
Die erste Phase der Russischen Revolution wurde durch diese Februarrevolution eingeläutet. Ausgehend von den Petrograder Arbeiterinnen war in dieser Phase die Rolle der Bolschewistischen Partei unbedeutend. Die Arbeiterinnen gingen am Frauenkampftag auf die Strasse, für Brot und für Frieden. Was als eine relativ spontane und in dieser Spontanität überraschend grosse Demonstration begann, entwickelte sich in den nächsten Tagen zu einer Zerreissprobe für die russische Autokratie, die Monarchie sowie die weniger starke Fraktion der Bourgeoisie. Die schiere Menge an Demonstrantinnen auf den Strassen brachten die existentiellen Probleme zu Tage, das Pulverfass schien zu explodieren: Der Weltkrieg tobte und verschlang Menschen und Material, zwang diejenigen, die nicht an die Front beordert wurden, zur Schinderei in den Fabriken. Gleichzeitig waren die Arbeiter und Bauern entrechtet. Im Zuge jener Tage entwickelte sich aus der Massendemonstration ein Aufstand, bei welchem die Soldaten sich weigerten, auf die eigene Klasse zu schiessen und auch durch die Petrograder Polizei ging ein Riss hindurch.
Diese Tage endeten damit, dass
a.) der Zar abdankte
b.) eine provisorische Regierung gebildet wurde, welche die Regierungsgeschäfte übernehmen sollte
c.) und dass die ArbeiterInnen und Soldaten ihr eigenes politisches Gremium, den Petrograder Sowjet (erneut) bildeten, welcher parallel zur Regierung bestand.
Es ist wichtig, sich an diesem Punkt der Russischen Revolution zu vergegenwärtigen, dass die Bolschewistische Partei keinerlei Bedeutung besass. Für die Ereignisse der Februarrevolution trug sie keine Verantwortung oder Beteiligung – auch die Sowjets, die jetzt nach dem Vorbild des Petrograder Sowjet überall im Land enstanden, standen unter Kontrolle der Arbeiter, Soldaten und Bauern, und nicht der Partei.
Wie konnte die Bolschewistische Partei von einem Nichts, einem Niemand in der Umwälzung der politischen Landschaft innerhalb von 8 Monaten zur allein bestimmenden Partei werden?
Wie gesagt, liegt ein Schlüsselmoment hierfür in den Aprilthesen Lenins.

An den Aprilthesen soll Russland genesen
In seine Thesen formulierte Lenin das maximale Programm. Ohne es ausdrücklich zu sagen, forderte er „Alle Macht den Sowjets“ – Übergabe aller politischer und ökonomischer Macht in die Hände der Arbeiterräte. Sofortiges Ende des Krieges, Enteignung der Kapitalisten, Sozialisierung des Bodens, Abschaffung der Armee sowie Schaffung einer neuen Internationale. Keine Zusammenarbeit mit der provisorischen Regierung, im Gegenteil: Stärkung des Sowjetsystems. (Die Thesen finden sich hier auf Deutsch)
Als Exilant war Lenin getrennt von den Ereignissen in Russland. Seine Einschätzung der Situation entwickelte er nicht durch persönliche Einblicke, sondern über Erzählungen von Genossen und vor allem Zeitungsberichte. Entsprechend wurde auf seine Haltung und seine Thesen herunter geblickt, denn es handelte sich um Sätze, von einem geschrieben, der von den Dingen weit entfernt und während der Februarrevolution nicht dabei gewesen war. Die russische Fraktion der Bolschewistischen Partei sah im Gegensatz zu Lenin in der provisorischen Regierung einen Erfolg, auf dem man aufbauen konnte.
Unter russischen Marxisten geisterte damals eine sehr strenge und orthodoxe Auffassung, nämlich dass ein industriell rückständiges Land wie Russland erst eine bürgerliche Revolution durchzumachen hätte, die dazu führen würde, dass – wie im Westen – die absolute Monarchie abgelöst würde und die bürgerlichen Kräfte an die Macht gelangten, worauf hin das Kapital uneingeschränkt waltete. Im Zuge solche einer – projizierten – Bürgerlichen Herrschaft würde sich erst das Proletariat bilden, welches – zuletzt – gegen die kapitalistischen Ausbeuter dann sich erhob. Die Abdankung des Zares und die Bildung einer provisorischen Regierung wurden als entsprechende Schritte in diesem Programm gesehen. Die russische Gesellschaft hinkte in der Perspektive der Bolschewisten dem Westen hinterher und musste erst die im Westen bereits vollzogenen Schritte nachholen, ehe überhaupt die Möglichkeit zu einer Revolution gegeben war.
Lenin selbst tendierte lange Zeit zu ähnlichen Auffassungen. Eigentlich muss man sogar sagen, dass er mehr als nur dazu tendierte. Für ihn war ein orthodoxer Marxismus (also eine gestrenge Auffassung von Marxens Überlegungen) zwingend. Vermutlich gab es wenige, die so streng wie Lenin darüber wachten, dass es zu keinen falschen Interpretationen und Schlüssen des Marxismus kam. Als Berufsrevolutionär verwendete er einen Grossteil seiner Zeit darauf, in Artikeln und bei Kongressen andere pedantisch auf ihre Fehler und Fehlschlüsse hinzuweisen, wenn sie zu anderen Schlüssen als er selbst bei der Auslegung Marxens kamen.
Umso erstaunlicher war der spürbare Wandel von Lenin in dessen Thesen. Gerade er, der immer am stärksten für eine saubere Auslegung der Schriften von Marx eingestanden war, schien sich an die eigenen Grundsätze nicht mehr zu halten. Indem Lenin diesen Schritt – die bürgerliche Revolution als notwendiges Zwischenstadium auf dem Weg zur wirklichen Revolution –  ignorierte, liess er in der Perspektive seiner russischen Genossen nicht nur die Überlegungen von Marx hinter sich, sondern widersprach sich selbst durch diesen Wandel. Aufgrund dieser Situation kamen Personen wie Kamenjew zum Schluss, dass Lenin verrückt geworden sein musste.
Man muss sich das so vorstellen: Lenin, dieser strenge Hüter über die Reinheit der marxistischen Lehre kommt aus Zürich nach Petrograd. Er hat keine Ahnung von den Ereignissen in Petrograd, er argumentiert plötzlich in eine ganz andere Richtung, widerspricht dem Marxismus und seinen Genossen. Die Verwirrung unter den russischen Bolschewisten wird nachvollziehbar…

Spannend ist hierbei auch, dass man Lenin vorwarf, er wäre ein Anarchist. Darin steckt einerseits zwar noch der Vorwurf, die Orthodoxie der marxistischen Lehre hinter sich gelassen zu haben und anstatt für die Unterstützung der provisorischen Regierung einzustehen, gleich weiter zu eilen zur proletarischen Revolution – also gewissermassen ein übereiltes „Revolution jetzt!“ formuliert zu haben – gleichzeitig steckt im Vorwurf des Anarchismus noch ein Element, das sich aus seinen Thesen ergibt.
Die Forderung alles – Produktion, Macht, Militär, Verwaltung – in die Hände der Sowjets zu geben und als Partei diese Sowjets zu unterstützen erweckt zu Recht den Eindruck eines anti-staatlichen Anarchismus. In Lenins Thesen drückt klar durch, dass weder der alte Staat des Zarismus noch der neue Staat der Bourgeoisie unterstützt werden sollen. Im Gegenteil sollen deren Funktionen ohne Einschränkung in die Hände der Sowjets, der Räte gelegt werden. Der Staat soll zerschlagen werden und an seine Stelle soll kein neuer Staat entstehen, sondern die bestehenden organisch gewachsenen, subsidiären Basisbewegungen der Arbeiter und Bauern selbst sollen ihn ersetzen. Diese Forderung erweckt zurecht den Anschein anarchistischer Haltung, denn darum handelt es sich hierbei: Zerschlagung des Staates, Übergabe aller Funktionen an jene, die darunter zu leben haben. Die Leute sollten selbst entscheiden und die Macht haben.
Das Fehlen der Forderung nach einem „Arbeiterstaat“ oder einem kommunistischen Staat ist hierbei nicht verwunderlich. Denn einen solchen hatte es noch nie gegeben, deswegen konnte er auch nicht gefordert werden. Höchstens theoretisch bestand die Vorstellung von einer Übernahme des Staates durch das Proletariat, einer Transformationsphase, wo alte Strukturen kurzfristig von den Herren den Knechten zufallen, ehe sie zerstört werden – so wie die Peitsche, die man dem Aufseher entreisst, in jenem Moment kurz in der Hand des Aufbegehrenden liegt.
Es ist die selbe historische Einzigartigkeit, das vorher nie da Gewesene, das hier rein spielt. Lenin war kein Opportunist, der hier etwas formulierte, dass er später sowieso wieder rückgängig machen würde (auch wenn er opportun dachte). Das hat er allen späteren Revolutionären voraus. Er wusste nicht und konnte auch nicht wissen, was die Folgen davon sein würden. Die Forderung, alle Macht „dem Volk“ und nur dem Volk alleine zu übergeben war kein Anbiedern an die Arbeiter und Bauern mit dem Ziel, sie als Vehikel zu benutzen, um selber an die Macht zu gelangen – obwohl der spätere Verlauf diese rückwirkende Interpretation aufdrängt. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es in der Geschichte kein vergleichbares Ereignis gegeben hat, das einen solchen Schluss und eine solche Lehre zugelassen hätte. Die Idee überhaupt eines Arbeiterstaates unter Kontrolle einer kommunistischen Partei ist eine Folge der russischen Revolution und steht nicht am Anfang derselben. Am Anfang, und darin liegt das Paradox, steht eine zutiefst anarchistische und proletarische Auffassung von Revolution, aber keine kommunistische in dem Sinne wie man Kommunismus als Begriff heute verwendet, wenn man über Parteien spricht, die eine totale Kontrolle über den Staat anstreben.

Für die bolschewistische Partei war die eigene Rolle im Verhältnis zur Bewegung unklar. Es wurde nur klar, dass sie dort, bei den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten ihre Basis fand. Die bolschewistische Partei (und Lenin in seinen Aprilthesen) forderte die Macht für die Sowjets – erst später vollzieht sich diese kleine Änderung, dass sie die Macht im Namen der Sowjets fordern, also den Anspruch erheben, diese zu repräsentieren und damit: über ihnen zu stehen.
Die Formulierung der Aprilthesen, welche die Grundlage für das weitere Programm der Bolschewisten bildete, führte unter den Arbeitern dazu, dass sich diese der bolschewistischen Partei anschlossen. Innerhalb weniger Monate wurde aus der Partei eine ernst zu nehmende Massenorganisation. Sie war jetzt nicht mehr nur ein versprengter Haufen marxistischer Intellektueller. Gerade das immer offensichtlichere Scheitern der provisorischen Regierung (der Krieg dauerte an, es kam zu keinen Verbesserungen der eigenen Lebensumstände) verschob die Hoffnung auf den parallel bestehenden Sowjet. Dieser stand immer noch für die Anliegen der Arbeiter, der Bauern und des Volkes allgemein ein. Gleichzeitig verschob sich innerhalb der Sowjets das Verhältnis zugunsten der Bolschewisten. Einerseits organisierten sich die Bolschewisten innerhalb der Sowjets, traten in diese ein und unterstützten die Arbeit der Sowjets – anderseits traten die radikalsten unter den Arbeitern in die bolschewistische Partei ein und kamen von der Seite der Arbeiterschaft als Deputierte in die Sowjets. Diese Durchdringung der Sowjets von zwei Seiten (von aussen wie von innen) durch die bolschewistische Partei ist aber erneut nicht als Resultat einer opportunistischen Strategie zu verstehen, sondern das Ergebnis der Haltung der bolschewistischen Partei, nur die Sowjets als Vertreter der Arbeiterschaft und des Volkes anzuerkennen und allein diese zu unterstützen. Diese Haltung war es, die sie als einen der wenig verlässlichen und vertrauenswürdigen Bündnispartner für die Arbeiter erschienen liess. Diese Haltung, die Lenin durch seine Aprilthesen überhaupt erst angefeuert hatte.
Es lässt sich nicht sagen, dass die Bolschewisten die Sowjets unterwandert und infiltriert hätten, mit der Absicht, sie eines Tages auszuhölen, abzuschaffen und die Macht sich selbst zu übergeben. Die bolschewistische Partei war untrennbar verwoben mit der revolutionären Arbeiterschaft und den Sowjets, sie war Teil davon.
(Es muss noch darauf hingewiesen werden, dass die Bolschewistische Partei bereits in der Arbeiterbewegung verankert gewesen war. Vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs zählte sie eine beträchtliche Anzahl Mitglieder. In dem Sinne konnte sie die früheren Verbindungen „reaktivieren“ und war für die Arbeiterbewegung keine unbekannte, neue Grösse.)

Erst nach der Oktoberrevolution traten die Differenzen zwischen Partei und Sowjets auf. Die beiden gegensätzlichen Organisationsmodelle, die sich eben noch scheinbar ergänzt hatten, wurden dabei nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in ihren Kompetenzen in eine Hierarchie gebracht, die ihrerseits das Organisationsprinzip des neuen Arbeiterstaates bildeten. Grob gesagt: Die bolschewistische Partei installierte parteitreue Kommissare in die Sowjets, welche diesen vorstanden. Dieser Schritt erfuhr wenig bis gar keinen Widerstand seitens der Arbeiterbewegung, da der parallel ausgebrochene Bürgerkrieg alle Kräfte dazu zwang, die junge Revolution zu verteidigen. Erst mit dem Ende des Bürgerkriegs (1920) findet die nächste, letzte (und tragische) Welle der revolutionären Arbeiterbewegung statt. In dem neuen (Arbeiter-)Staat hatten die Arbeiter nichts zu melden, sondern alle Macht und Kontrolle gingen von der Partei und den staatlichen Gefässen aus. Dies mündete im Aufstand der Kronstädter Matrosen 1921, die mit der Parole „Alle Macht den Sowjets – keine Macht der Partei!“ die bittere Enttäuschung über den Verlauf der Russischen Revolution aus der Perspektive der Arbeiterbewegung auf den Punkt brachte. Doch nach sieben Jahren Weltkrieg, Revolution und Bürgerkrieg war das Land ausgeblutet und viele hatte sich resigniert in das neue System eingegliedert. Der Aufstand von Kronstadt wurde auf Lenins und Trotzkis Befehlniedergeschossen.

Wenn wir die Russische Revolution in ihren verschiedenen Phasen betrachten (Februarrevolution bis Oktoberrevolution) entdecken wir die Dynamik, die hier das erste mal auftritt und in den letzten 100 Jahren immer wieder zum Scheitern von revolutionären Bewegungen führte. Darüber hinaus wurde das Modell erfolgreich von den Kapitalisten und Faschisten übernommen: Lang ist die Liste jener Parteien, die sich als „Volksparteien“ gebärden und für sich beanspruchen, „für das Volk“ zu sprechen, obwohl sie bloss ihre Ärsche  auf die bequemen Sessel in den Parlamenten pflanzen möchten. Sie sind Speichellecker, denn sie möchten den Wutbürgern den Geifer küssen.

Abschliessende Anmerkungen
Die Russische Revolution wirft die Frage auf, ob die Party von der Partei abgeklemmt wurde (ha! – alter Flachwitz…) – auch wenn die Beteiligten es durchaus gut meinten und (noch) nicht besser wussten. In dem Sinne ist die Russische Revolution wirklich mit einer Party vergleichbar, wo irgendwann nach 2 Uhr in der Nacht ein Kippmoment entsteht und die Dynamik der Party sich zugunsten einiger weniger verschiebt. (Uns ist bewusst, dass in dieser Metapher die stalinistischen Gulags als Hangover mehr als nur eine Verharmlosung derselben bedeutet.)
Wir haben uns eine Lust daraus gemacht, diese Gedanken, Überlegungen in einen Kurzfilm reinzupappen, anlässlich unserer dilettantistischen Ostern im April 2017 mit dem Titel „April, April – der Sowjet macht, was er will!“
Der Film selbst ist nach den Überlegungen des Dilettantismus hergestellt worden. Kein Budget, keine Zeit, wenig Vorbereitung. Einfach machen. Einfach halten.
Allein deswegen glauben wir, dass unser Film dem Thema gerechter wird als jede hochfinanzierte Produktion von Kunstschaffenden mit Karrieregelüsten. Solche Leute sind auch bloss das ästhetische Pendant zu den Bolschewisten, Avantgarde und Avantgarde. Der Dilettantismus hingegen stellt sich auf die Seite der Räte. Das drückt im Film klar durch und war uns auch wichtiger als eine historisch ausführliche Darstellung zu geben.
Wir haben diesen Film auch gemacht, um zu zeigen, dass es einfach ist, sich die Dinge anzueignen – und dass es nötig ist, sie aus unserer Sicht zu erzählen. Ansonsten überlassen wir das Terrain neoliberalen Sozialdemokraten, zahnlosen Akademikern oder Kuratoren. Die Russische Revolution ist zu wichtig, als dass sie den Universitäten oder Museen überlassen werden darf. Wir können von solchen Leuten nichts lernen, denn bei ihnen läuft alles darauf hinaus, dass diese Sachen in der Vergangenheit liegen und nichts mit unserem eigenen Leben zu tun hätten.
Lernen wir – indem wir diskutieren, streiten und machen. Indem wir uns die Dinge aneignen.

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Eine Antwort to “Kurzfilm: Lenin in Zürich – zu den Aprilthesen”

  1. Patrizia Boser Says:

    „endlich mal eine historische aufarbeitung der geschehnisse. grossartig!“ Blick am Abend, 10. Oktober 2017

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