Archive for the ‘interview’ Category

Über die Unmittelbarkeit hinaus und zurück. Skizzen zur Kritik der virtualisierten Realität.

24. Februar 2020

 

neuewelt

Jegliche technologische Errungenschaft sollte nicht einzeln und fragmentiert, sondern als Ensemble eines gesamtgesellschaftlichen Verhältnisses verstanden werden

Es gibt heutzutage eine äußerst starre Gegenüberstellung zwischen Virtualität und Realität, die allzu oft verschiedenen Auseinandersetzungen mit dem Internet und moderner Technologie im Allgemeinen begleitet. Die kurzen Texte Revolutionäre Repräsentation und digitale Solidarität“ (2017) und „Digitales, Reales und Repräsentation“ (2019) sind beide Ausdruck davon. Insbesondere letzterem Text gilt diese Replik, zumal ich zum ersten Text bereits eine Kritik geschrieben habe: „Einige Gedanken zur repräsentierten Wirklichkeit“ (2017). (more…)

Cinzia Arruzza: Verkümmerte Reflexionen. Patriarchat und Kapitalismus.

7. Januar 2020

Patriarchat und Kapitalismus werden oft als zwei Unterdrückungsformen betrachtet, die zwar autonom, aber dennoch miteinander verwoben sind. Die reduktionistische aber richtige Feststellung, dass patriarchale Verhältnisse vor dem Kapitalismus existierten, soll diese schematische Betrachtung des Verhältnisses zwischen Patriarchat und Kapitalismus untermauern. Letztere sollen, so hört man oft in anarchistisch/autonomen Kreisen, mitsamt dem Rassismus, der ebenfalls als autonomer und unabhängiger Unterdrückungsmechanismus verstanden wird, die Grundpfeiler der bestehenden Gesellschaft bilden. Wie diese drei – angeblich autonome Systeme – miteinander verwoben sind, wird meist außer Acht gelassen, obwohl richtigerweise festgestellt wird, dass keiner dieser Grundpfeiler über die anderen gestellt werden sollte. Der Weigerung die verschiedenen Unterdrückungsformen zu Hierarchisieren, ist nichts auszusetzen, doch geht sie oft mit einer mangelnden Auseinandersetzung mit der strukturellen Grundlage des Kapitalismus einher. So wird beispielsweise der Begriff „Klasse“ auf eine bloße Identität reduziert, „Ausbeutung“ überall, nur nicht in der strukturellen Aneignung der Mehrarbeit gesehen, und eine Analyse des Kapitalismus auf rein ökonomische Aspekte reduziert. Generell gibt es heute, vor allem in anarchistischen Kreisen, die Tendenz, in jeglicher Auseinandersetzung mit den Klassenverhältnissen einen Autoritarismus oder eine Rückkehr zum starren und vereinfachenden Schema vom Haupt- und Nebenwiderspruch zu wittern. Der vorliegende Text von Cinzia Arruzza kann dazu beitragen, ein wenig Ordnung in dieses Durcheinander zu bringen: Arruzza bespricht und kritisiert die populärsten theoretischen Interpretationen über das Verhältnis zwischen Patriarchat und Kapitalismus. Zusätzlich legt sie ihre eigene These über ebenjenes Verhältnis dar. Aufmerksame Zuhörer*innen und debattierfreudige Menschen werden im Verlauf des Textes bemerken, dass viele Argumente kritisiert werden, die oft von Linksreformist*innen über Linksextreme bis zu Anarchist*innen gleichermaßen reproduziert werden. Cinzia Arruzza ist Teil des Redaktionskollektivs des marxistischen „Viewpoint Magazine“, Professorin für Philosophie an der New School for Social Research in New York sowie feministische und sozialistische Aktivistin. Sie ist Autorin des Buches »Dangerous Liaisons: The Marriages and Divorces of Marxism and Feminism.« Der Originaltext erschien im Jahr 2014 auf Italienisch auf: http://www.communianet.org.

Übersetzung: Mariana Lautréamont.

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Als mich der Staat adoptierte

11. August 2018

Dieser Text wurde letztes Jahr von der Feministischen Gruppe „Comadres Púrpuras“ aus Venezuela auf dem Infoportal „Frontal 27“ publiziert. Eine ehemalige Chavistin erzählt über ihre Erfahrungen als Aktivistin der „Bewegung für eine Fünfte Republik (MVR), die sich 2006 mit der Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) zusammenschloss. Sie erkannte erst nach 19 Jahren, dass das militaristisch-chavistische/maduristische Regime nichts mit Emanzipation zu tun hat. (more…)

Über die Kulturindustrie in „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer

21. April 2018

Die Kulturindustrie kann als „eine Form der intellektuellen Produktion unter den Bedingungen von Fordismus12 bezeichnet werden und ist somit unmittelbar an die Entwicklungen des Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts gekoppelt. Jegliche Ansätze, die die Kulturindustrie auf eine bloße Medientheorie reduzieren, werden ihrem begrifflichen Inhalt nicht gerecht. Vielmehr bezieht sich der Begriff „Kulturindustrie“ auf jegliche kulturelle Äußerung innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse seit dem Fordismus. Das beinhaltet die Wissenschaft, den städtischen Raum, die Musik, die Politik, die Architektur usw.3 Auch wenn der Kultur innerhalb kapitalistischer Gesellschaften ein Hauch der Selbstbestimmung und Originalität anhaftet, die den Schein erwecken, sich der rationalisierten kapitalistischen Produktionsweise zu entziehen, identifizieren Horkheimer und Adorno die Kultur als vereinheitlichtes, uniformes System, das die wirtschaftliche Rationalität beständig reproduziert. „Film, Radio, Magazine machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen.“4 (more…)

Einige Gedanken zur „Repräsentierten Wirklichkeit“

25. Februar 2018

Der kurze Beitrag „Revolutionäre Repräsentation und digitale Solidarität“, der in einer Zürcher Zeitung anfangs 2017 erschien, formuliert eine spannende Kritik am unreflektierten Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln, vor allem mit dem Internet, innerhalb revolutionärer Kreise und an ritualisierten Aktionsformen seitens einiger AktivistInnen. Dennoch bleibt die Gesamtaussage des Textes, vielleicht aufgrund der begrenzten Platzmöglichkeit innerhalb der erwähnten Zeitung, ein Stück weit unklar. Wer den Beitrag nicht kennt wird in diesem Text den Hauptargumenten begegnen, eine Auseinandersetzung mit dem Original ist nicht unbedingt notwendig. Dennoch wird auch die vorliegende Schrift das Phänomen der modernen Kommunikationsmittel nicht in ihrer gesamten Bandbreite erfassen können, sie soll jedoch Fragen und Argumentationen aufwerfen die im oben erwähnten Beitrag m. E. zu kurz gekommen sind oder gar nicht berücksichtigt wurden. Die repräsentierte Wirklichkeit wird hierbei nicht nur aufs Internet bezogen, sondern auf die herrschende Logik der Warengesellschaft, die alle Bereiche unseres Lebens durchdringt. (more…)

Ben Morea hinter der Schwarzen Maske

14. Mai 2017

Übersetzung von http://anarchistnews.org/content/ben-morea-behind-black-mask Kommentare nicht enthalten im Original, Kontext hinzugefügt.

Bild von Menschen in Sturmhauben im Schnee, ein Demonstrationsumzug. Jemand hält einen überdimensionierten Totenkopf auf einer Stange. Zuvorderst hält jemand ein Schild hoch mit der Aufschrift

Kontext: Das Wort „Die Firma“ ist die Übersetzung von engl. ‚The Company‘, die Kompanie. Die Wurzeln des Kapitalismus sind kriegerisch, Heere wurden bezahlt durch Plünderung und in deren Planung und wurde vorinvestiert. Truppen als Startups. Eine Kompanie war also immer auch ein wirtschaftliches Konstrukt mit Investoren, Renditedenken und einer den Kriegstrupp begleitenden Gesellschaft, welche den Nachschub sicherstellte und an den Erfolgen, sprich Raubzügen partizipierte.

Sehr wahrscheinlich hast Du noch nie von Ben Morea gehört. Das hat einen guten Grund. Er wollte das nicht anders. Ich habe Ben Morea und Black Mask Schwarze Maske (später Up Against the Wall Motherfucker Ab gegen die Wand, Mutterficker ) per Zufall entdeckt während des Studiums für meine Dissertation. Das Thema meiner Arbeit war, wie die Sprache der 60er Gegenkultur (sei sie gesprochen, visuell, musikalisch oder poetisch) kontrastierte mit und direkt opponierte der [Sprache] der dominanten technokratischen Kultur.

Diese überzeugende, fast literarische Beschreibung ist das erste, was ich je über Ben Morea las:

‚Er war langhaarig und bärtig wie zahllose Hippies aber statt sich mit Blumen und Perlen zu schmücken, wamste er sich in Lederjacke, trug ein Klappmesser und bot Manifestos voll kryptischer Poesie und wütendem Agitprop an.‘

Bevor ich auf die Schwarze Maske stiess, war ich komplett fokussiert auf die Opposition der Westküste, LSD-getriebene „Flower Power“ „machinetranslationerror / „Freie Liebe“.

Für mich liessen Morea und sein profund analytisches Kollektiv anarchistischer Aktivisten Typen wie Allen Ginsberg, Timothy Leary und Ken Kesey (vielleicht unfairerweise) wie kindische Comicsfiguren wirken. Der Schwarzen Maske (und Morea’s) Herausforderung der dominanten kulturellen Sprache stellte zu dieser Zeit eine direktere, aggressive aber gleichzeitig vermutlich gefühlvollere Opposition dar, als deren Westküsten-Zeitgenossen.

Sie waren sicherlich militanter als die Hippies (Morea schliesslich des Versuchten Mords angeklagt). Ihr erklärtes Ziel war „nichts weniger als die Zerstörung dieser Kultur“, behauptend „Wir haben eine Kunst welche ein Ersatz für Leben ist, [und] eine Kultur die als Ausrede der tiefen Armut des Lebens wirkt“.
Sie glaubten, die Suche der Hippies nach dem ewigen Rausch [sei] nichts mehr als „das Samtfutter des eisernen imperialistischen Handschuhs“. [Die Hippies] verbrächten zu viel Zeit damit, berauscht zu werden und nicht genug Zeit damit, die herrschende Machtstruktur zu bekämpfen. Die Schwarze Maske bezeichnete die Hippies als die „Neue Machtstruktur“.

Hier eine Beschreibung der Schwarzen Maske in ihren eigenen Worten, aus Schwarze Maske & Ab gegen die Wand Mutterficker:

„Gegründet in den Mitt-60ern, verschmolz die Gruppe Schwarze Maske die Ideen und Inspiration von Dada mit dem Anarchismus der Spanischen Revolution, und dieser Band zeigt, wie sie die Kunst, Politik, und Kultur der Dekade stark beeinflussten, als sie kurz das Museum der Modernen Kunst ausser Betrieb nahmen, das Banken-Börsenkonglomerat protestierten, an Konferenzen der Studenten für eine Demokratische Gesellschaft kämpften, und Schiessen auf Andy Warhol verteidigten. Diese Geschichtschreibung detailliert, wie sich die Schwarze Maske 1968 reorganisierte als Ab gegen die Wand, Mutterficker, welche das konfrontatorische Theater und Taktiken der Schwarzen Maske mit einem viel aggressiveren Ansatz im Umgang mit der Polizei und Autoritäten kombinierte.“

(The Incomplete Works of Ron Hahne, Ben Morea, and the Black Mask Group)

Es war via den Publizisten des eben genannten Buches, dass es mir gelang, mit Morea in Kontakt zu kommen. Da viele Vergleiche gemacht werden zwischen dem politischen Klima der 60er und dessen vonHeuteTM, war das Ziel dieses Interviews nicht, die Vergangenheit einzuordnen, sondern Einsichten darein zu erhalten, wie jemand, der sehr stark im 60er Aktivismus involviert war, die kontemporäre Situation sieht.

(M) Was hast Du gemacht, seit dem Ende der 60er?

(BM) Ich blieb 38 Jahre isoliert, nur in den letzten 8 Jahren oder so erreichbar. Ich hatte NYC und den Aktivismus ’69 verlassen (zuvor [war ich] in der Lower-East-Side und aktiv von ’59-’69). Zuerst ging ich ’70 in die Berge und verblieb 5 Jahre in der Wildnis, zu Pferde. Dann selbstversorgt und bauernd für die nächsten 10. Ich folgte meiner Frau ins Handwerkliche und zog in die Stadt. Fing wieder an zu Malen in den späten 80ern.

Die ganze Zeit im Westen blieb ich in der Kultur der Ureinwohner, war ein Teil von ihr. Hatte sie als meine Eigene [Kultur] adoptiert. Dies ersetzte politischen Aktivismus mit einem lebenden Modell, dies gab mir schliesslich eine zusätzliche (lebende) Aufgabe, gegenüber mechanistischer Politik. Ich bin überzeugt dass die Überwerfung von Kapitalismus und Regierung nicht genug ist, eher ist eine komplette Auslöschung von Materialismus gefordert, beide Kapitalismus und Marxismus. Leben muss Konsum ersetzen.

Warum zeigst Du nicht gern dein Gesicht? Ich habe Dich in einem anderen Interview erwähnen hören, dass Du denkst es würde deine Botschaft untergraben. Hättest Du aber eine öffentlichere Rolle gespielt, wäre deine Botschaft vielleicht weiterreichend gehört/verbreitet worden.

Erstens, offensichtlich war das Letzte was ich in meinen Aktivistenzeiten wollte, eine klare Zurodnung meines Aussehens. Zweitens, ein visuelles Ziel zu kreieren ist nie vorteilhaft. Das System braucht Symbole um sie anzugreifen. Dann gibt es noch mein Unwohlsein betreffend „Personenkult“. Einige indigene Menschen fühlten, das Einfangen des Aussehens sei analog dem Einfangen des „Geistes“, was ich teile. Dann gibt es noch die echte Gefahr, dass ein Gesicht eine Botschaft ersetzt.

Was hältst Du also von der „Selfie“-Kultur?

Das „Selfie“ ist die ultimative Selbstgefälligkeit. Eine klare Indikation, wie tief das Problem reicht. Fünfzehn Minuten Berühmtheit werden zur Lebenszeit der Selbsttäuschung. Wir können nur auf ihren Niedergang hinarbeiten, aber es wird ein langer und schwerer Weg. Du kannst in seiner Absurdität das extreme Wachstum dieser Faszination am Bild statt der Essenz erkennen.

Wie war dein Verhältnis zu den Schwarzen Panthern? Und was sind deine Gedanken zu den Panthern in Bezug auf die aktuellen Rassenthemen in Amerika.

Ich hatte (und die Schwarze Maske hatte) eine persönliche Beziehung mit dem Kampf der Schwarzen und speziell den Panthern. Obwohl ich ein eingeschworener Anarchist war und die Panther eine autoritäre (manche sogar eine maoistische) Neigung hatten, empfand ich den Kampf der Schwarzen als unumgänglich und wir hätten unsere Differenzen auch noch später bereinigen können. Die Morde durch die Polizei heute sind auch ein grosses Thema. Aber der Polizeistaat ist nicht nur ein Rassenthema, auch wenn er im Kontext der Rassen stärker auftritt, Autoritarismus kann alle treffen.

Was [meinst Du] zur Evolution der Frauenrechtsbewegung seit den Sechzigern?

Es scheint mir, die Frauenbewegung trägt dieselbe (potentiell) trennende Dualität in sich, wie andere politische, rassische und geschlechtliche Bewegungen, alle bestimmt durch die Ziele die sie zu erreichen sucht. Ist es „Befreiung“ oder Anpassung?

Wie würde eine wahrhaft befreite Welt aussehen aus deiner Sicht?

Und hier ist die gefährlichste aller Fragen. Zu jeder Person gibt es einen Reim, die Herausforderung ist, die gemeinsame Melodie zu finden, die dafür Platz hat. Bis jetzt sind die meisten politischen und religiösen Lösungen an diesen Felsen zu Grunde gegangen.

Wenn die Schwarze Maske heute erst anfangen würde, wie würdest Du das Anpacken? …Würdest Du Gewalt unterstützen?

Ich unterstütze alle Bemühungen, das Paradigma zu wechseln, friedlich oder anders. AANA, Auf Alle Notwendigen Arten. Es wird alles brauchen. Man kann nie einzelne Bemühungen abschreiben, sie wirken kumulativ. Der „Krieger“ ist eine Wesensart. Bedingungen, so wie sie vorgefunden werden, bestimmen die daraus folgenden Aktionen. Da gibt es keinen „Plan der für alles passt“. Vorgezogene Schlüsse können nie das Endresultat sein.

Es hat einen grossen Schub des Gebrauchs indigener Medizin gegeben unter jungen Westlern in den letzten paar Jahren. Was hältst Du von der kontemporären psychedelischen Kultur im Vergleich zu dem Umgang damit in den Sechzigern?

Ich empfinde den Gebrauch indigener Medizin hauptsächlich als positive Entwicklung, abgesehen vom gefälscht-schamanistischen Profitdenken. Aber die politische Welt hat auch ihren Anteil falscher Propheten. Darum benutze ich den Begriff „Revolutionärer Animismus“ um von den gemeinen „Unterhaltern und Profiteuren“ zu Unterscheiden. In den 60ern hattest Du auch beides, diejenigen die Psychedelisches nutzten um Veränderung voranzubringen, auf persönlicher und gesellschaftlicher [Ebene] und denen die es als Neue Unterhaltung sahen.

War Revolutionärer Animismus etwas, an das Du zu Glauben lerntest während deiner Zeit mit den Ureinwohnern? (Die Idee, dass alles Existierende mit Bewusstsein beseelt ist).

Ich hatte einen inneren Glauben, vor und während der 60er wurde dieser langsam klarer und stärker, sowohl in der „Wildnis“ lebend als auch in der Nähe der Ureinwohner.

Das klingt ähnlich wie Hippie-Worte in den Sechzigern. Du hast einen gut dokumentierten Abscheu gegenüber den Hippies, hättest Du damals einen Ansatz näher bei „Frieden und Liebe“ gewählt, mit deinem heutigen Wissen?

Betreffend der „Hippies“, wir haben die Gegenkultur nie abgelehnt, oder den notwendigen „alternativen“ Lebensstil, sondern ihre „Warenform“, ihre Reduktion zu einem „sicheren“ Produkt. Ganz im Gegenteil, wir sahen uns auch als Teil dieses „neuen Bewusststeins“. Wir haben [jedoch] angestrengter den reinen (und autoritären) politischen Weg abgelehnt. Ich war gut befreundet mit Allen Ginsberg und Tim Leary, habe aber deren Flirt mit den Medien immer kritisiert.

Kontext: Siehe zum Thema Punk und Widerstand die Doku Let Fury have the Hour

Später, mit der Geburt von Punk, könnte man argumentieren, wurde der Anarchismus selbst benutzt und verramscht. Was hältst Du von Punk-Kultur? Ist sie sicher vor Kommerz?

Re-Definition und Form-Wechseln ist unsere einzige Zuflucht. Sei kein stationäres „Ziel“. Wenn sie dich ins „Visier“ bekommen, verschiebe die Parameter. Ständige Bewegung ist unsere einzige Hoffnung. Zugänglichkeit ist zugleich sich selbst der Untergang, die verführerische Falle.

Wenn Du alle in der Welt dazu bringen könntest, ein Buch zu lesen, welches würdest Du nehmen?

Lesen!?… Ich würde es vorziehen, wenn sie SEHEN könnten.

Real Panther Inside TM

4. Mai 2017

I am the instinctive panther prowling my instincts looking for fears to pounce on.

I thrive in chaos – if you look me in the eyes I will swallow your mind.

POLIS used to mean an armed citizen, now toy riot police protects my enlightened globally normalled society.

A panther still feels natures ways and thus bounces realities every instant.
Mostly, he waits but never too long.

„Es geht um die Überwindung der Kunst“ – Interview Vorwärts 7/16

28. August 2016

Für die Juliausgabe des „Vorwärts“ haben wir ein kurzes Interview gegeben, welches wir hier auch nochmals hochstellen. Darin werden einige Punkte im Zusammenhang mit dem Dilettantismus ausgeführt. Wir wissen ja, dass einige, vielleicht viele, vermutlich aber sogar die meisten, die hier über den blog stolpern, nicht zu den Abonennten des „Vorwärts“ gehören – und deswegen stellen wir diesen zärtlichen Brunz, den wir rauslassen (aka „Stuss“), hier hin.

 

Original bei „Schattenblick“: hier.
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„Ich komme ja aus der Welt des Whirlpool-Engineering“

10. Januar 2016

Die Betonmischerin Nautika Combrowicz gewann im Sommer den Smeaton-Preis. Ein Gespräch über prägende Eltern, überflüssige Drogen und über Kranfahrer.

Ihr Arbeitspensum ist schwindelerregend: Sie bauen Häuser, halten Reden, treten international auf Baustellen auf – und sind Direktorin der Bamberger Betonmischanstalt Konkretia, wo jährlich fast hunderttausend Tonnen Beton hergestellt werden. Wann mischen Sie selber Beton?

Frühmorgens. Ich bin ein pflichtbewusster Mensch und arbeite sehr pragmatisch. Ich setze mir ein Thema und Unterthemen, wie eine Wissenschafterin. Leichtbeton und dann Spritzbeton, zum Beispiel. Manche Leute fragen mich: „Aber macht es dir denn keine Freude?“ Doch! Betonmischerin zu sein, ist die grösste Freude – aber alles andere auch. Ich bin durchdrungen von Arbeit. Stets habe ich Mörtelkelle und Reibebrett dabei.

Wie wird man Betonmischerin?

Indem keiner sagt: „Lass es sein!“

Ihr Vater Johann-Jakob Combrowicz ist als Erfinder des konkreten Betons eine Berühmtheit. Spürten Sie daher nie Widerstände, denselben Beruf zu wählen wie er?

Das war bei seinen siebenundzwanzig Söhnen so, meinen Halbbrüdern. Kaum waren sie 18-jährig, machten sie sich aus dem Staub. Aber mich haben die Eltern dazu erzogen, für sie zu werden. Und ich bin das Kind für sie geworden.

Bedeutete das besondere Zuwendung?

Im Gegenteil. Ich bin alles andere als verhätschelt worden. Mein Vater war Offizier der Schweizer Armee und sehr streng. Ich musste schauen, dass alles läuft, und meine Eltern vertrauten mir darin. Darum war ich schon früh geistig frei.

Vater und Tochter haben gemeinsam auf dem Bau gearbeitet, ihre Arten des Betonmischens sind jedoch sehr verschieden. Gab es nie baustoffliche Annäherungsversuche?

Selber konkreten Beton zu mischen, käme mir komisch vor. Da ist schon so viel gemacht worden. Ich kann auch nicht so denken. Dass man so wenig Material braucht, ging tief in mich ein. Aber um solchen Beton herzustellen, braucht man Luft. Die habe ich nicht. Aber wer mich fragt: „Sind Sie nicht die Tochter von …?“, den könnte ich sofort umarmen. Wer konkreten Beton kennt, der ist cool.

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Fragen ans Proletariat: Sexworkerin Helga Schmidt

1. November 2015

Auch ein besseres Liebesleben beginne im Kopf, sagt die Prostituierte Helga Schmidt. Ein Gespräch über Sex als Form des Gottesdienstes und über einen Schnupperkurs als Barista.

Frau Schmidt, in Ihrer Arbeit setzen Sie sich mit dem «Sexout» auseinander, dem Problem, das Menschen haben, denen der Sex fehlt. Eine zentrale Gesellschaftsfrage?

Es gibt sicher wichtigere Probleme. Aber nicht für die Betroffenen.

Ist Sexout weit verbreitet?

Aus Gesprächen und Umfrageergebnissen weiss ich, dass sehr viele Menschen nicht zufrieden sind mit dem, was sie in ihrem Sexleben bekommen oder nicht bekommen. Die Zahlen deuten darauf hin, dass die Unzufriedenheit über die letzten Jahrzehnte zugenommen hat.

Was könnten die Gründe dafür sein?

Was man in der Wirtschaft Konjunktur nennt, findet auch in kulturellen Dingen statt. Jahrhundertelang musste die Sexualität unter der Bettdecke gehalten werden, niemand weiss genau, was da passierte. Mitte des 20. Jahrhunderts kam der grosse Aufschwung. Aber auf jeden Aufschwung folgt ein Abschwung. Auf und nieder, immer wieder. Nachdem viele Menschen mehr Sex gehabt hatten, als sie sich je hätten denken können, ist die Zeit der Erschöpfung angebrochen. Erschöpfung dient der Erholung. Nun haben viele weniger Sex, als sie sich je erhofft hätten.

Was tun?

Nachdenken hilft. Die Prostitution hat sich schon in ihren Anfängen mit Sexfragen beschäftigt. In Platons «Symposion» tritt Sokrates auf, der den ersten Sexout der Geschichte erlebte, als seine Frau Xanthippe nichts mehr von ihm wissen wollte. Die Hetäre Aspasia riet ihm dazu, aus körperlichen Gelüsten geistige zu machen.

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