Archive for the ‘literatur’ Category

Die Gruppe Konverter spaziert durch Zürich

15. August 2019

Wir haben mit der Gruppe Konverter einen Spaziergang durch Zürich unternommen. Anschliessend sind darüber zwei Texte entstanden:

Danis Text: Von metamorphosierenden Fröschen und verstaubten Superhelden
Gregors Text: Von Enten und Warsteschlangen

 

Von metamorphosierenden Fröschen und verstaubten Superhelden

Wir sprachen über die Tradition der Reiseliteratur, über den japanischen Dichter Matsuo Bashō und seine Haikus, die bei seinen Wanderungen entstanden waren. Bedachtsam hatte er die Welt um sich registriert und seine Eindrücke in Poesie verwandelt. Wir sinnierten darüber, was das achtsame Spazieren für eine Bedeutung hat – nicht nur an einem neuen Ort sondern auch dort, wo man alles schon zu kennen glaubt. Worin liegt der Reiz, sich die Gebäude, die Strassen und die Natur, die man schon zigmal gesehen hat, neu und aufmerksam zu betrachten?

In diesem Geiste starteten wir unseren Spaziergang und gelangen zum Friedhof Sihlfeld. Die Gräber, im Lichte der Abendsonne aneinandergereiht, erzählten still von vergangenen Lebensgeschichten, während wir an ihnen vorbeiliefen und zum Krematorium gelangten, welches 1992 stillgelegt worden war. Heute finden darin u. a. Konzerte statt wie jenes eines Acapella-Jazz-Chors, der mit Liedern wie „What a Wonderful World“ vor einigen Jahren dazu einlud, über „die Räume zwischen Leben und Tod zu sinnieren“. Wie viele solche Räume gibt es wohl und wie sehen sie aus?

Wir liefen weiter und kamen an einem unscheinbaren Teich vorbei, an dem eine kleine Katzenleiter und eine kleine Rampe angebracht waren. Wir schauten ratlos die Ente an, die im Teich ihre Runden drehte, und sie schaute schweigend zurück. Das Rätsel um die Leiter wurde nicht gelöst, doch bot sich uns ein einmaliges Schauspiel: Eine Kaulquappe schwamm im Teich vorbei, gefolgt von einem ganz kleinen Frosch, der dann – um das Ganze zu einem Schauspiel der Natur mutieren zu lassen – von einem Frosch, der noch in der Metamorphose war, gefolgt wurde. Wir sahen alle Stadien an uns vorbeischwimmen. Wir waren fasziniert! Der noch nicht vollständig verwandelte Frosch hatte bereits alle vier Beine entwickelt, seinen Schwanz aber noch nicht verloren. Das Gewicht seines hinteren Körperteils war daher zu schwer und liess ihn plötzlich auf dem Rücken langsam und unweigerlich in die Tiefe sinken, während er sich sinnlos abstrampelte, um wieder an die Wasseroberfläche zu kommen.

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Am frühen Sonntagmorgen

4. Juni 2019

Am frühen Sonntagmorgen schleicht ein Fuchs am Milchbuck herum und schleckt auf, was die Betrunkenen hinterlassen haben.

nur am wochenende

8. Mai 2019

nur am
wochenende sind wir
gut

gelaunt tragen unsere
besten kleider

wochentags rülpst nicht einmal gott

als ich klein war

3. April 2019

als ich klein war

stand beim bahnhof immer
ein mann

mit
einer kelle in der hand

und winkte zum abschied

heute fahren sie nur noch vorbei

zwischen

1. April 2019

zwischen der
morgendämmerung

ein heller tag

und der
abenddämmerung

sehnt sich nach
dem
frühling

beim anblick

31. März 2019

beim anblick

der
abgelaufenen sohlen

und
der risse im leder

legt
sich die stirn in falten

Böses Blau

12. Februar 2019

Kaltes Licht und trockne Wut
blick‘ rauf, rauf
Fahrleitungen singen.
Kalter Stein, zitternde Hand
den Jackenaufschlag im Nacken
blinzelt Steingestalt.
Das Laub raschelt böse.
Im Vorbeigehen: Augen, die glitzern.
Blick‘ rauf, rauf
erwarte, dass Schnee in die Pupille greift.
Der Fuss im Takt, er wippt auf Stein
so kauert dieser Säulenstein
und blickt rauf.
Böser Stein und böses Blau.
„Blau,“ murmelt der Verkehr
„Blau,“ singen die Fahrleitungen.
Er weiss es nicht,
doch ehe die Nacht durch ist,
wird er tot sein.

Gesicht wie Backpapier, dünn die Schichten
eine Papierhülle, ein Tosen von Blau.
Er weiss es nicht,
denkt nicht,
sieht nicht,
aber schmeckt:
Das Licht, die Wut, den Stein
schmeckt mit Augen
und antwortet sich selbst, mit „blau“.

Erkaltet und zermalt
die Augen blaue Kristalle
Noch vor dem Morgen kommt ein Tod
er kommt als Besuch
ein böses Blau.
Die Fahrleitungen singen
zwei trockne Lippen summen mit
ein Reklameschild scheppert leise
das Neonlicht hüllt ein
ein böses Blau.
Hände starr, erstarrt
der Blick: Er starrt auf seine Finger
die wie Zapfen farblos hängen
nur ein Schimmer, gläsern,
ein böses Blau.

Wonderwoman / die Zeit findet

3. Dezember 2018

(Anmerkung: Dieses Gedicht ist eine Umformulierung eines Textes, der für 25Karat geschrieben wurde. Der ursprüngliche Text war politische Kritik, wie man sie kennt, ein bisschen polemisch, ein bisschen theoretisch. Ehrlich, richtig – und ohne Würze. Das Experiment war, aufzuzeigen, dass man jeden beliebigen Text nehmen kann und – durch Wiederholung und Rhythmisierung – eine andere Ebene anschlagen kann. Merci auch an St. Gregor, Schutzpatron der Comiczeichner…)

Frau tagtäglich reduziert / Wonderwoman

hat Arbeitstag

hat Muttersein

hat geputzt

die Zeit findet die Zeit findet

noch Zeit hat,

wenn sie nur will.

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Barry der blanquistische Bernhardiner rastet aus

8. November 2018

Meine lieben Freunde der Assoziation algerischer alliterationsverliebter Allergiker, lasset mich eine wahre Begebenheit erzählen aus dem Leben Barry Benjamins, dem blanquistischen Bernhardiner und seinem Mitbewohner Gregors, dem gramscianischen Gecko.

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Es gibt kein Leben in Flaschen. Dialektik der Ausleerung

2. Juli 2018

Im Treppenhaus war ein Treiben, Kommen und Gehen, dass man davon kirre werden konnte. Besonders als emeritierter Professor der Philosophie. Überall standen Umzugkartons herum. Die Frankfurter versuchten, sich in ihrer Wohnung zu verbarrikadieren. Doch es war sinnlos. Einerseits sind die Wände zu dünn, man hörte jedes Wort der neuen WG-Nachbarn. Andererseits mussten sie, wenn die Post kam, ja doch auf dem Max-Horkheimer-Pfad einen Weg durch den Umzugkartondschungel finden, um an der Haustüre den neuesten Blauen Band der MEW in Empfang nehmen zu können, aufgeregt wie Schulkinder, die am Kiosk die neueste BRAVO kaufen.
Doch allen Widerständen des Systems, der Kulturindustrie und des totalen Verblendungszusammenhanges zum Trotz, begann sich sanft das Leben zu regen in der WG der Kritischen Theoretiker. Den Tag voller Sonnenschein und Energie begrüssend, öffnet sich vorsichtig die zarte Knospe des junggebliebenen Lebens, um sich im Genuss der Sonne, begleitet von Richard Straussens Also Sprach Zarathustra zur vollen Blüte zu entfalten. Blüten, zur Sonne, zur Freiheit!
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