Archive for the ‘kurzgeschichte’ Category

Tintenfischterakel

22. Februar 2018

Ankunft in Wien. Wie sichs gehört, ging ich bereits am ersten Tag ans Theater, aber durch die Hintertür. Hier ist die Kostümabteilung. Da ist nichts von Götterdunst umwebten Regiesseuren und russischen Sängerinnen, die selbst Putin zum Weinen bringen. Auch keine ewig langen magischen Flure mit verstaubten Kostümen aus der Kaiser-Wilhelm-Zeit. Nein, das Erste, was ich sah, war eine beeindruckende Horde magerer Kostümhospitantinnen, die an mir vorbei tackelten. Sie alle hatten hundeliebe braune Äuglein. Dann trat der Kostümmeister in Krokodillederschuhen und Glitterfranz auf. (more…)

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loler gschichtn

4. Oktober 2017

sonntagsbichl

Heute bin ich auf dem Sonntagsbichl gewesen. Ein idylisches kleines Hochplateau auf 2030 Metern. Umgeben von den wunderschönen Felswänden und Bergen ob der Kemater Alm. Der Bichl liegt an der vorderen Spitze eines Hügels, der aus einem grossen, zwei kleine Täler macht. Jetzt ist im Herbst ist die kleine Fläche Gras gelb gefärbt, und alles heurm was nicht stein ist in orange, rot oder dunkelgrün. Der Platz wird geprägt durch ein grosses Kreuz an Stahlseilen befestigt, mit Gipfelbuch für was fragt man sich ein wenig, weil Sonntagsbichl sagt schon der Name, leichte Übung, Wanderung. Im Buch drin, fragt der eine ob der andere das Geschenk gefunden habe, dass er ihm vergraben habe und da ist ein Quadrätchen, dass dann doch tatsächlich abgehackelt wurde und geschrieben, vielen dank peter!

 

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Real Panther Inside TM

4. Mai 2017

I am the instinctive panther prowling my instincts looking for fears to pounce on.

I thrive in chaos – if you look me in the eyes I will swallow your mind.

POLIS used to mean an armed citizen, now toy riot police protects my enlightened globally normalled society.

A panther still feels natures ways and thus bounces realities every instant.
Mostly, he waits but never too long.

Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Dritter und letzter Teil.

27. Februar 2017

In der Zwischenzeit hatten Hafermaas und Malhonneth versucht, sich an der Joghurt-Diskus-sion zu beteiligen, die sich in der Küche fortsetzte. Sie wendeten ein, dass Luhmanns systemtheoretischer Ansatz durchaus interessante Erkenntnisse hervorbringen könne, doch der Weisheit letzter Schluss sei er nicht. Stattdessen würden sie es bevorzugen, das Joghurtproblem diskursethisch zu betrachten, schliesslich sind die idealen Kommunikationsbedingungen gegeben, um im absolut nicht-entfremdeten Zusammenhang miteinander zu sprechen – die übrigen Diskussionsteilnehmer liessen sie nicht einmal ausreden und verscheuchten sie aus der Küche. Ein gewisses Verständnis und Wohlwollen für seltsame und ausgefallene Theorien war in dieser Wohngemeinschaft ja geradezu zwangsläufig vorhanden. Doch worauf die Kommunikations- und Anerkennungstheorien der beiden hinauswollten, war noch niemandem klargeworden. Soviel zu den idealen Kommunikationsbedingungen.
Gekränkt und sich missverstanden fühlend zogen sie sich in Hafermaasens Zimmer zurück, wo sie ihre diskursethischen und anerkennungstheoretischen Theorien weiter diskutierten. Die Stimmung wurde bald so euphorisch und ihre Stimmen immer lauter, dass Zimmernachbar Michel Foucault mehrmals gegen die dünne Zimmerwand klopfte. Zunächst wurden sie der Reklamation des Zimmernachbars gar nicht gewahr. Als Foucault nach kurzer Zeit erneut gegen die Wand hämmerte, hörten sie zwar die Geräusche, doch diskutierten sie unbeeindruckt weiter. Irgendwann aber platzte Foucault der Kragen. Nachdem er mit der Faust noch einmal so fest gegen die Wand hämmerte, dass drüben Putz von der Decke rieselte, liess er es dabei nicht bleiben, sondern kam herüber. Wütend klopfte er gegen die Tür. Diese wurde ihm von einem Hafermaas mit verstrubeltem Haar voller Putz geöffnet. Foucault hielt den beiden eine Standpauke: bevor sie grosse Töne spucken und mit Begriffen wie Diskursethik und Anerkennungstheorie um sich werfen sollten sie zuerst einmal den Begriff des Diskurses überhaupt verstehen – und das können sie natürlich nur, wenn sie Foucaults Bücher lesen. Überhaupt, so Foucault, würden die beiden besser ihre Zeit damit verbringen, über die Macht des Schimmels und dessen Praktiken nachzudenken, in denen er sich manifestiert. Als Foucault, immer noch zornig, die Türe wieder zuknallte, schauten Hafermaas und Malhohnneth ebenso verwirrt und verloren drein, wie als sie sie dem wütenden Foucault geöffnet hatten.
Währenddessen hatten Gretchen und Marcuse in dessen Zimmer Platz genommen und sich in ein Gespräch über Marcuses Werk vertieft. Nach etwa vierzig Minuten – die Zeit ging auf acht Uhr zu – klopfte Rudi Dutschke bei Marcuse an. (more…)

Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Teil II

27. Februar 2017

Luhmann hatte gerade durch die rechte Tür die Küche verlassen, um auf seinem Zimmer seine Schreibunterlagen und seinen Zettelkasten zu holen, als Horkheimer durch die linke Türe in die Küche zurückkehrte. In der Zwischenzeit hatten er, Benjamin und Adorno über die Möglichkeit markenloser Joghurts diskutiert. Benjamin war Feuer und Flamme für die Idee und hielt sie für unbedingt umsetzbar. Adorno hörte die Botschaft wohl, doch fehlte ihm der Glaube. Und Horkheimer selbst stellte betrübt fest, wie pessimistisch er auf seine alten Tage wurde. Er war in die Küche zurückgekehrt, weil er die Rechnung für die monatliche Miete hatte liegen lassen. Sie lag noch dort. Was Wunder. Als die Wohngemeinschaft gegründet worden war, ist Horkheimer zum Hauptmieter designiert worden. Jürgen Hafermaas und Axel Malhonneth mussten zuvor aber von allen gemeinsam davon abgehalten werden, zum Vermieter zu stürmen; sie waren – und sind immer noch – der festen Überzeugung, die idealen diskursethischen Bedingungen seien in der Wirklichkeit gegeben, sodass die Welt rein mittels Sprechakte verändert werden könne; man müsste also bloss mit dem Vermieter reden, dann würde sich das Problem der Miete in Luft auflösen. Ein paar Mitbewohner in spe hatten sie einfach ausgelacht. Adorno, Benjamin und Horkheimer, so erinnerte dieser sich, hatten aber bloss peinlich berührt die Decke angestarrt. Die Frage nach dem Hauptmieter stand damals also weiterhin im Raum. Plötzlich erinnerte jemand daran, dass Horkheimers Vater doch Fabrikant, also ein Unternehmer sei. Horkheimer müsse demnach doch bewandert sein in geschäftlichen Dingen. Unsolidarisch hatten Adorno, Benjamin und Marcuse geschwiegen, obwohl es einen von ihnen gerade so gut hätte treffen können. Eine ganze Woche hatte Horkheimer anschliessend nicht mehr mit ihnen gesprochen.
Horkheimer faltete die Mietrechnung und steckte sie in die Hosentasche seines Anzugs. Als er auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er die Diskussion zwischen Adorno und Benjamin immer noch in vollem Gange. Adorno war damit beschäftigt, Motive in Benjamins Plädoyer für die markenlose Joghurt-Produktion ausfindig zu machen, an denen er Brechts schlechten Einfluss auf Benjamin aufzeigen könnte. Horkheimer setzte sich an seinen Schreibtisch und kümmerte sich um die Angelegenheiten, die bald am Institut für Sozialforschung anstanden. Er hatte gerade keine Lust mehr, sich an der Diskussion zu beteiligen, wollte die beiden aber auch nicht verjagen. (more…)

Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Teil I

27. Februar 2017

Paris, Mai 68. Eine Studenten-WG im Quartier Latin. Es geht auf zwei Uhr nachmittags zu. Die Stimmung ist angespannt; seit mehreren Tagen schon kann kaum jemand noch schlafen, weil Herbert Marcuse seit Tagen frühestens um vier Uhr morgens von «Diskussionen» mit seinen Studentinnen nach Hause kommt. Die Nerven liegen blank, niemand kann sich konzentrieren, alle sind aggressiv. (Ausser Marcuse selbst freilich, der seinerseits allerdings darüber irritiert ist, dass alle so verkrampft und angespannt sind.)

Langsam fand der Frühaufsteher Theodor Wiesengrund-Adorno den Weg in die Küche. In der vergangenen Nacht hatte Adorno ausserordentlich schlecht geschlafen. Nicht nur kam Marcuse erst zu einem Zeitpunkt nach Hause, an dem viel zu viele schon wieder an die Arbeit denken müssen, als ob das nicht genug wäre, erlebte Adorno in der vergangenen Nacht einen fürchterlichen Albtraum, von dem er sich noch immer nicht ganz erholt hatte. Ihm träumte, Gretel Adorno, Max Horkheimer und dessen Frau Maidon seien auf einmal wilde Jazz-Fans geworden, die versuchten, Adorno zu überzeugen vom ekstatischen, von allem befreienden Jazz. Unfähig etwas dagegen zu tun, stand Adorno gebannt da, während die drei zuckend um ihn herum tanzten. Adorno schüttelte es. Gemächlich tastete er sich vorwärts – seine Augen hatten sich noch nicht an das Licht gewöhnt. Er kochte heisses Wasser für den Kaffee.
Er schlurft zum Kühlschrank, öffnet ihn….
und machte ihn sofort wieder zu.
Ihm wurde gelb und grün im Gesicht, doch Adorno fasste neuen Mut, denn Kaffee ohne Milch kann er einfach nicht trinken. Vorsichtig öffnete er die Kühlschranktüre erneut und während sich seine Hand langsam in Richtung Milch bewegt, schielt er zum ekelhaften Objekt hinüber, das sein Auge erblickt hatte. Hinten, im Ecken des obersten Fachs stand ein geöffnetes Joghurt, dessen Schimmel die ursprüngliche Akkumulation bereits abgeschlossen hatte. Angewidert nahm Adorno die Milch schnell heraus und schloss hastig die Kühlschranktüre.
Währenddessen hatte der zweite Frühaufsteher der Wohngemeinschaft seinen Weg in die Küche gefunden. Adorno erschrak, als er sich umdrehte und seinem Kaffee zuwenden wollte – denn hinter ihm stand Max Horkheimer.
«Guten Morgen Teddie.»
«… guten Max. Du hast mich erschreckt.»
«Tut mir Leid.»
«Kaffee?»
«Gerne.»
«Ich hatte einen fürchterlichen Alptraum.»
«Wovon träumtest Du denn?»
«Ich träumte, dass Gretel, Du und Maidon sich in wilde Jazz-Fans verwandelten und mich umtanzten und mich vom Jazz überzeugen wolltet.»
Horkheimer schüttelte es ebenfalls bei dieser Vorstellung.
«Und zu allem Übel steht auch noch ein geöffnetes verschimmeltes Joghurt im Kühlschrank.»
«Widerlich.»
«Weisst Du, wer es herein gestellt haben könnte?»
«Nein. Ach, in der bürgerlichen Gesellschaft war freilich einiges schlecht, aber weisst Du noch, als wir noch jünger waren, da waren die Joghurts noch gut. Die sind nie verschimmelt. Keine massenproduzierten Waren, wie es sie heute gibt.»
«Wo Du recht hast, hast Du recht.»
Die beiden setzten sich an den Tisch und vertieften sich in ein Gespräch darüber, was in der bürgerlichen Gesellschaft alles noch gut gewesen war.
Da sie miteinander diskutierten, bemerkten sie nicht, dass schon der dritte Mitbewohner in der Küche auftauchte. Die Hände weit von sich gestreckt stolperte Walter Benjamin durch den Raum und stiess an jedes Möbel an. Er hatte seine Brille wieder einmal in der Küche liegen lassen. Horkheimer wurde auf den Hinzugekommenen aufmerksam und nachdem er dessen Brille ausfindig gemacht hatte, reichte er ihm diese.
«Besten Dank.»
«Gern geschehen.»
«Habt ihr gut geschlafen?»
«Niemand schläft gut, wenn der Herbert erst zu Uhrzeiten nach Hause kommt, bei denen anständige Menschen schon wieder zur Arbeit gehen.»
«Hm.»
«Teddie hatte einen Alptraum.»
«Hm?»
«Er träumte, dass Grete, Maidon und ich uns in Jazz-Fans verwandelten, ihn wild umtanzten und vom Jazz überzeugen wollten.»
Die Vorstellung bringt Benjamin zum Lachen.
«Und zu allem Übel», schaltete sich Adorno in die Diskussion ein, dem es merklich unwohl dabei war, wenn seine Alpträume kolportiert werden, «steht im Kühlschrank ein verschimmeltes Joghurt.»
«Oj wej. Wisst Ihr, wem es gehören könnte?»
«Nein, aber Max fand, dass das bei den Joghurts der bürgerlichen Gesellschaft, die wir frühen assen, niemals passiert wäre.»
«Da hat er recht. Man sehe sich alleine schon die Kartonverpackungen der Joghurts an. Dank der technischen Reproduzierbarkeit gleicht eine Verpackung der anderen.»
Adorno und Horkheimer blickten einander an, verdrehten die Augen und hofften, dass in der Ausführung, die jetzt offenbar folgen wird, Benjamin wenigstens nicht von Aura sprechen wird.
«Die technische Reproduzierbarkeit hat dazugeführt, dass ein Joghurt wie das andere aussieht, so wie ein Ei dem anderen gleicht. Zudem geht die technische Reproduzierbarkeit einher mit einem Verlust an Erfahrung, mit einer regelrechten Erfahrungsarmut. Niemand stellt heutzutage mehr seine eigenen Joghurts her, darum weiss auch niemand mehr, wie man Joghurts selbst herstellt.»
Benjamins Zuhörer begannen, von ihm unbemerkt, bullshit-bingo zu spielen, während sie sich die grösste Mühe gaben, den Schein zu wahren, dass ihre Aufmerksamkeit ungeteilt sei.
«Arm sind wir geworden. Doch ob diese Armut vom kommenden Sozialismus oder von einer neuen Barbarei kündet, ist unklar. Alles wird davon abhängen, ob wir unsere eigenen Joghurts machen können.»
Horkheimer und Adorno schoben unauffällig ihr bullshit-bingo zur Seite; keiner der beiden hatte gewonnen, da Benjamin die Aura nicht erwähnte. Sie tranken ihre Kaffees fertig und zogen sich in Horkheimers Arbeitszimmer zurück, weil er die grössten Zimmer der Wohngemeinschaft hat. Benjamin frühstückte nie; wer braucht schon Kaffee, wenn er in den Taschen immer was zu naschen hat?

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Giacobbo/Müller

27. Februar 2017

Vor einiger Zeit fuhr ich nach einem langen Arbeitstag mit dem Bus nach Hause. Der Bus war weitgehend leer, aber auf der anderen Seite des Mittelgangs sass eine ältere, etwas dickliche Frau. Sie hatte ein Smartphone in der Hand und schaute sich ein Video an. Dem Ton nach war es ein Ausschnitt aus einem Comedyprogramm oder einer Lateshow. Das Handy war ziemlich laut eingestellt, aber ich verstand nicht, was gesagt wurde, hörte nur immer wieder Lacher aus der Konserve. Wahrscheinlich „Giacobbo/Müller“, dachte ich und rümpfte die Nase. Was immer es war, es nervte mich, besonders in dieser Lautstärke. Ich dachte böse Sachen über ältere Menschen und Handys.
Ich wollte schon etwas sagen und blickte giftig zu der Frau hinüber, da lachte sie ein kindliches Lachen. Wirklich wie ein kleines Mädchen; ungetrübte Freude. Ich hielt den Mund.

Andere ankotzen

7. Oktober 2016

Ich gebe mir Mühe auf Details zu achten, einfach um ein lernendes Wesen zu bleiben. Aber da geh ich dann letztens auf einen Flohmarkt, und da gibt es einen netten Händler aus Deutschland, und der verkauft ganz viele kleine Eisenbahnmodelle, schmuddelig ist er schon, auch in seiner Sprache, kennt sich aber aus und  will mich trotz erstmal Desinteresse zu einem Markt in seinem Dorf, an irgendeinem Kacksee in Bayern einladen, obwohl ich ihm sage, dass ich lieber an Comicmessen gehen würde, was er in seinen Augen grosszügig ignoriert, aber gutes Gespräch, denn dazu verkauft er klassische Aufnäher von vielen Bundesligaclubs, und wir kommen sofort ins Gespräch, und er kennt sich interessanterweise aus mit 1860 München, ein Club den ich schon seit langem verfolge, und natürlich mit seinen Märklin-Teilen und ist darin auch wirklich Spezialist, und zwar einer von der angenehmen Sorte, der den Fokus auf die Details bei der Verkleinerung legt und nicht einfach banal auf Eisenbahnen, und während er mir grad die Historie der verschiedenen Schaltungen der verschiedenen Modelle erklärt und deren Einfluss auch auf die Kurvenmöglichkeiten, kommen wir, mehr in so einem Nebensatz, weil er hat Freude an mir, als Schweizer in Innsbruck, also quasi Bahnfahrer in den Genen, und als wir kurz über die Schweiz reden, lass ich dummerweise andeuten, dass es mir dann irgendwann Zürich nicht mehr oder seien wir ehrlich, noch nie gefallen hat, und vielleicht ja mein Fehler, weil ich immer alles so ausführen muss, sagt er, „ja sicher zu international“. Ich geb ihm nicht die alleinige Schuld, aber halt so ein dummer Satz nur so nebenbei. Zürich war mir wenn, dann „zuwenig international“. Also von den sozialen Möglichkeiten her. Aber Reptilienhirn legt los. Quasi Solidarisierung mit seiner persönlichen Entscheidung sich auf sein  Reptilienhirn zu reduzieren.

Und da war ich grad, in diesem inspirierenden Gespräch über die Feinheiten der Modeleisenbahnindustrie die ja schmilzt wie die Gletscher, und hätte eigentlich gerne erfahren, wie ein Profi der Kunst des kleinen Eisenbahnbaus das Problem mit den zu integrierenden Schmalspurbahnen löst, ABER da will ich nur noch flüchten, weg vom Flohmarkt, weg vom Klischee, weg vom Bild, das er eh von mir hat, sein Spiegelbild, so aufklärerisch verklärt, sieht mich im Sinne von „ist ein Guter, er hat es halt noch nicht gecheckt und weiss nicht, dass Multikulti auch der Feind dieses kleinen meinem Hobby ist“ und ich nehme eines der fein sortierten Modellen hoch und die kosten bis zu 200 Euro und werfe es seinem türkischen Nachbarn an den Kopf, der gebrauchte Küchengeräte verkauft, und mit dem nächsten einer schweren kleine Dampflock entzahne ich ihn vorne entlang, er hat gesagt er heisse Rolf, sichtbar, und dann kommt schon das nächste, das wollte ich eh schon immer, hau ich der Hippsterfrau in die Fresse, die da mit ihrem Hippsterdad und ihrem Hippsterkid unterwegs ist und darüber nachdenkt, sich ein Schaffelll vom Bosnier mit dem kaputten VW Bus zu kaufen, und auch, die ist Deutsche, ja logisch, und wirft darum spontan eine Fahrradpumpe, die da rumsteht, nach mir, und ich packe das Premimummodel, ein dunkelbraunes schwedisches Zugmodell, das wohl nie für den Verkauf gedacht war, sondern nur zum Verkäufe anheizen, und schmeiss es nach der netten Hippiefrau von gegenüber, bei der ich vorher grad noch sehr günstig eine Mundharmonika von der Marke Hohner gekauft hatte, kurzes Gefühl von schlechtem Gewissen, aber ich verbinde mich ja eh grad mit meiner Umwelt und versuche bloss authentisch zu sein.

Und nein, die gehen leider nicht alle anständig aufeinander los, sondern kein Terroranschlag, stürzen sich auf mich und rufen die Polizei und jetzt hab ich da wohl Lokalverbot auf dem Flohmarkt und muss diese Nacht in einer Zelle verbringen.

Flaschen

29. August 2016

Seit Bukowski findet es jeder irgenwie Künstler cool seine Jobliste aufzuzählen, um damit zu prahlen, dass er ja auch nur mal ein Mensch war. Möglichst mit etwas bizarren Jobs wie Friedhofsgärtner. Man möchte seiner Darstellung dadurch den Anstrich von Lebenserfahrung und Authentizität geben. Am schlimmsten fand ich diesen einen Filmemacher der überall erwähnte, er hätte mal an der Kasse eines Pornokinos gearbeitet, dabei aber seit Jahren sein Geld in einer Bar für Spiesserstylos mit Sportinteressen verdiente. Wenn man aber aus Not arbeiten muss, weil man sonst kein Geld hat, weil einem die Regionale Arbeitsvermittlung eh für einen Schmarotzer und notorischen Lügner hält, dann schaut da meist nichts Spannendes bei raus. Oder nichts was sich als besonders originell im Lebenslauf lesen würde.

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15. April 2016

Vergangenen Donnerstag lud das delirium zur Vernissage seiner sechsten Ausgabe. Ich war auch mit dabei, da einer der Kritikertexte von mir stammt. Was viele Leute nicht wissen: Zuvor hatte ich einen literarischen Beitrag eingesendet, der von der Redaktion jedoch abgelehnt wurde. Dafür könnt ihr den Text nun hier lesen.
[Anmerkung: Es handelt sich um eine leicht überarbeitete Fassung der originalen Einsendung]

 
 
Wankensteins Rache

25

Am zweitletzten Morgen seines Lebens tappte Theo mit kalten Füssen in die Küche, wo Sandra bereits ihren Espresso in der Kanne aufgebrüht hatte. Sie trank ihn aus ihrer kleinen roten Tasse, der mit dem unsäglichen Mosaikmuster, und las dabei in der Zeitung.
Auf das Tappen der nackten Füsse hin schaute sie auf und warf einen Blick in die ungefähre Richtung von Theo. «Guten Morgen.»
«Morgen», tönte es aus seiner Richtung zurück. Theo kratzte sich den getrockneten Speichel aus den Mundwinkeln, der sich die Nacht über angelagert hatte.
So früh am Morgen mochte Sandra üblicherweise noch nichts essen, aber Theo nahm die Müslischachtel aus dem Schrank und griff nach der Milch, die ihm seine Freundin auf den Tresen gestellt hatte. Was vom Espresso übrig geblieben war, goss er sich in seine eigene Tasse, die kleine schwarze, ohne irgendwelche Muster. Lauwarm, aber schön bitter war der Kaffee. Ein richtiger Espresso schmeckt, als würde man einen Aschenbecher auslecken, fand Theo.
Er ass sein Müsli. «Ich hab vielleicht einen Scheiss zusammengeträumt», sagte Theo.
«Aha.»
«Ich hab geträumt, dass ich mir ein Bein abgesägt habe. Das rechte Bein. Weil ich mich in mein Bein verliebt habe, oder so, und ich mit ihm zusammenleben wollte. Darum habe ich es in den Kühlschrank gestellt, damit es nicht verfault. Aber du hast es aus dem Kühlschrank gestohlen und in den See geworfen!»
«Ach. Sonst klaust immer du mein Essen.»
«Also bin ich ins Wasser hinaus, um mein Bein zurückzuholen. Ich konnte sogar unter Wasser atmen, aber irgendwie nicht schwimmen, so dass ich immer tiefer gesunken bin. Am Ende bin ich auf dem Grund angekommen. Ich hab sogar den Sand unter den Füssen gespürt.»
«Unter den Füssen?»
«Ja, genau.»
«Wie kannst du den Sand unter den Füssen spüren, wenn du nur noch ein Bein hast?»
«Was? Das ist halt ein Traum, da passiert so Zeug. Darum geht’s doch gar nicht.»
«Aber das ist voll unlogisch!»
«Ach Scheisse, du immer!»
Theo warf die Müslischale in den Abwaschtrog und knallte die Tür hinter sich zu, als er ins Badezimmer stürmte. Wie war sein Traum nochmal ausgegangen? Er versuchte sich zu erinnern, aber die Nacht hatte es für sich behalten.

19

In der Unimensa gab es Gemüselasagne. Das klang eigentlich ganz appetitlich und das Menüfoto sah sogar ziemlich ansprechend aus. Aber dem Gemüse schmeckte man allzu deutlich seine Herkunft aus der Konservendose an. Die Karotten waren zu weich, während die Zucchini nicht weich genug waren, dazu hatten sie in der Küche deutlich zu wenig Béchamelsauce beigegeben. Wie es bei schlechter Lasagne öfters vorkommt, hatte auch diese eine unterschwellige Note von Erbrochenem. Theo musste die Hälfte auf dem Teller zurücklassen. Bedauerlich, denn das war sein letztes Mittagessen.

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