Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Dritter und letzter Teil.

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In der Zwischenzeit hatten Hafermaas und Malhonneth versucht, sich an der Joghurt-Diskus-sion zu beteiligen, die sich in der Küche fortsetzte. Sie wendeten ein, dass Luhmanns systemtheoretischer Ansatz durchaus interessante Erkenntnisse hervorbringen könne, doch der Weisheit letzter Schluss sei er nicht. Stattdessen würden sie es bevorzugen, das Joghurtproblem diskursethisch zu betrachten, schliesslich sind die idealen Kommunikationsbedingungen gegeben, um im absolut nicht-entfremdeten Zusammenhang miteinander zu sprechen – die übrigen Diskussionsteilnehmer liessen sie nicht einmal ausreden und verscheuchten sie aus der Küche. Ein gewisses Verständnis und Wohlwollen für seltsame und ausgefallene Theorien war in dieser Wohngemeinschaft ja geradezu zwangsläufig vorhanden. Doch worauf die Kommunikations- und Anerkennungstheorien der beiden hinauswollten, war noch niemandem klargeworden. Soviel zu den idealen Kommunikationsbedingungen.
Gekränkt und sich missverstanden fühlend zogen sie sich in Hafermaasens Zimmer zurück, wo sie ihre diskursethischen und anerkennungstheoretischen Theorien weiter diskutierten. Die Stimmung wurde bald so euphorisch und ihre Stimmen immer lauter, dass Zimmernachbar Michel Foucault mehrmals gegen die dünne Zimmerwand klopfte. Zunächst wurden sie der Reklamation des Zimmernachbars gar nicht gewahr. Als Foucault nach kurzer Zeit erneut gegen die Wand hämmerte, hörten sie zwar die Geräusche, doch diskutierten sie unbeeindruckt weiter. Irgendwann aber platzte Foucault der Kragen. Nachdem er mit der Faust noch einmal so fest gegen die Wand hämmerte, dass drüben Putz von der Decke rieselte, liess er es dabei nicht bleiben, sondern kam herüber. Wütend klopfte er gegen die Tür. Diese wurde ihm von einem Hafermaas mit verstrubeltem Haar voller Putz geöffnet. Foucault hielt den beiden eine Standpauke: bevor sie grosse Töne spucken und mit Begriffen wie Diskursethik und Anerkennungstheorie um sich werfen sollten sie zuerst einmal den Begriff des Diskurses überhaupt verstehen – und das können sie natürlich nur, wenn sie Foucaults Bücher lesen. Überhaupt, so Foucault, würden die beiden besser ihre Zeit damit verbringen, über die Macht des Schimmels und dessen Praktiken nachzudenken, in denen er sich manifestiert. Als Foucault, immer noch zornig, die Türe wieder zuknallte, schauten Hafermaas und Malhohnneth ebenso verwirrt und verloren drein, wie als sie sie dem wütenden Foucault geöffnet hatten.
Währenddessen hatten Gretchen und Marcuse in dessen Zimmer Platz genommen und sich in ein Gespräch über Marcuses Werk vertieft. Nach etwa vierzig Minuten – die Zeit ging auf acht Uhr zu – klopfte Rudi Dutschke bei Marcuse an.
«Guten Abend, Rudi!» Marcuse und Rudi Dutschke begrüssten sich mit Handschlag. «Darf ich Dir meine Doktorandin vorstellen, Fräulein Gretchen Klotz.» Rudi Dutschke reichte ihr die Hand; gleichzeitig war er irritiert darüber, einer Frau zu begegnen. Mit Frauen hatte er es nicht so. Dafür um so mehr mit der Weltrevolution.
«Ich habe mir erlaubt, Fräulein Klotz von Dir zu erzählen, was Ihr in Berlin so treibt, von den Aktionen, die Ihr macht.»
«Ja», schaltete sich Gretchen Klotz ein, «ich bin sehr interessiert, an Euren Aktionen teilzunehmen.»
«Hm ja… wenn Sie das denn wollen…» Rudi Dutschke war eine an Politik und Aktivismus interessierte Frau offenbar nicht ganz geheuer.
«Super, dann könnt Ihr Euch ja mal zu einem Café treffen, um Euch näher kennenzulernen, nicht wahr?» Gretchen Klotz nickte, sich schon auf das tête-à-tête mit Rudi Dutschke freuend. Dieser fand sich noch nicht ganz mit der Vorstellung ab, auf ein rendez-vous verabredet zu sein. Gleichzeitig merkte er aber auch, dass ihm Gretchen Klotz nicht unsympathisch war.
Marcuse freute sich innerlich darüber, die beiden miteinander zu verkuppeln. «Nun denn, habt Ihr eigentlich etwas von den Barrikadenkämpfen hier mitbekommen?» Beide verneinten; Gretchen Klotz, zwar vor Ort, war bis anhin zu sehr mit ihrer Dissertation beschäftigt gewesen und Rudi Dutschke war eben erst aus Berlin angekommen. Marcuse begann seinen Bericht von den Pariser Barrikadenkämpfen:
«Die Studierenden haben sich in der Sorbonne versammelt, und weil es hiess, dass die Polizei die Gegend wieder gewaltsam räumen würde, wurden Barrikaden gebaut. Das war eine ganz spontane Aktion. Die Studierenden nahmen einfach die vielen Autos, die nicht nur auf der Strasse, sondern auch auf dem Bürgersteig parkten, wie das in Paris üblich ist, kippten sie ohne jeden Respekt vor dem Privateigentum um und blockierten die Strassen damit. Nicht die grossen Boulevards, das wäre unmöglich gewesen, sondern die engen alten Strassen hinter der Sorbonne. Auf die Autos packten sie dann alles mögliche – Holzbretter und Kisten, Sperrmüll, Kartons, alte Blechtonnen und was sie sonst noch auftreiben konnten. Dann rissen sie die Verkehrsschilder heraus – Einbahnstrassenschilder, Stoppschilder und was sonst noch. Mit diesen Strassenschildern lockerten sie also die guten alten Pariser Pflastersteine, die schon in der
48-er Revolution und 1870 gute Dienste geleistet hatten, und benutzten sie als Waffen gegen die Polizei – wie ihr vielleicht wisst, würde so etwas in Berlin nie funktionieren, weil das Pflaster dort viel zu fest sitzt. Die Studierenden bewaffneten sich auch mit den Deckeln der alten Blechtonnen und mit Stahlketten.
Alles ging gut, bis gegen halb drei Uhr morgens, als die Polizei schliesslich den Befehl bekam, die Strassen zu räumen und die Barrikaden zu entfernen. Es war so, dass die Polizei Gasgranaten einsetzte, Tränengas, angeblich auch Chlorgas – sie streitet das ab, aber die Tatsachen scheinen es zu belegen. Ich habe selbst gesehen, dass die Studierenden alle rote Gesichter hatten, brennende Haut, rote Augen. Der Einsatz dieses Gases führte natürlich dazu, dass die Barrikaden geräumt werden mussten.
Das Gas hat also die Studierenden gezwungen, die Barrikaden zu räumen und zu fliehen, woraufhin die Polizei offenbar mit Brandgranaten geschossen und die Barrikaden in Brand gesetzt hat. Ich möchte darauf hinweisen, dass die Bevölkerung unseres Quartiers die ganze Zeit über mit den Studierenden sympathisierte. Sie haben die Polizei aus den Fenstern mit allen möglichen Gegenständen beworfen… in Paris werden immer noch Nachttöpfe benutzt, und sie haben das genommen und alle möglichen Abfälle. Die Polizei hat mit diesen Gasgranaten in die Wohnungen zurückgeschossen.
Die Studenten mussten also die Barrikaden räumen. Jetzt stellte sich heraus, dass ihre eigenen Barrikaden zum Hindernis wurden, weil sie die Strassen an beiden Enden verbarrikadiert hatten und sie kamen nicht mehr heraus. Sie wurden buchstäblich zusammengeschlagen, wie einer der Professoren – jeder, der von den Professoren mit dabei gewesen ist, stand von Anfang bis Ende ganz energisch auf der Seite der Studierenden. Sie sind auf die Strasse gegangen, sie waren mit ihnen auf den Barrikaden, sie haben geholfen, wo immer sie konnten, und so weiter. Es gab insgesamt etwa achthundert Verletzte in jener Nacht, und von diesen Achthundert waren ungefähr Dreihundertfünfzig bis Vierhundert Polizisten, was kein schlechtes Verhältnis ist. Damit war aber die Demonstration und der Protest keineswegs zu Ende.
Ihr junger Anführer Cohn-Bendit, der die Barrikaden organisiert hatte und die ganze Zeit bis sechs Uhr morgens mit dabei gewesen ist, sagte nach der verlorenen Strassenschlacht: ‹Jetzt gibt es nur noch eins, nämlich den Generalstreik.› Und innerhalb von einer Stunde ging er zu den mächtigen Gewerkschaften. Innerhalb von einer Stunde brachte er die grossen Gewerkschaften dazu, für den kommenden Montag den Generalstreik auszurufen.»
Während des Gesprächs hatten es sich die drei gemütlich gemacht, rauchten und die beiden jungen Studierenden hörten Marcuse fasziniert zu, wobei sie einander immer wieder Blicke zuwarfen.
«Übrigens, Herbert», sagte Dutschke, nachdem Marcuse seine Erzählung beendet hatte, «in Berlin vermisst man Dich schon wieder. Ich hab Dir ein köstliches Flugblatt mitgebracht. Eigentlich ist es nach der Melodie eines Liedes von Georg Kreisler geschrieben. Da meine Gesangsunkünste gegen die Menschenrechte verstossen würden, begnüge ich mich damit, es vorzulesen:

Ich wär kein Revolutionär, kein Linker so infam
Hätt ich keinen Spezi, der mich rettete vor Gram
Der Spezi, der heisst Herbert und ist ein subversiver Mann
Er hat zwei blaue Augen und schaut mich immer an
Er hat zwei blaue Augen und schaut mich immer an

Der Herbert wollte gehen auf Einbruch bei Herrn Kapital
Ich hielt‘s für zu gefährlich und sprach: «Das wär fatal!»
Denn wenn man uns verhaftet, wo bleibt dann der Profit?
Doch Herberts blaue Augen, sagten mir: «Komm mit!»
Doch Herberts blaue Augen, sagten mir: «Komm mit!»

Darauf ging ich mit Herbert auf diesen Einbruch aus
Herr Kapital kam uns entgegen, denn er war grad‘ zu Haus‘
Ich zog meine Pistole, denn ich war sehr erpicht
Doch Herberts blaue Augen, sagten mir: «Schiess nicht!»
Ja, Herberts blaue Augen, sagten mir: «Schiess nicht!»

Dann schoss der Herbert selber, sein Schuss ging nicht vorbei
Und da er leis‘ war, erschien auch keine Polizei
Er fragte, «Hörst Du was?», ich sagte: «Nee!»
Und Herberts blaue Augen, sagten: «Vorwärts, geh!»
Ja, Herberts blaue Augen, sagten: «Vorwärts, geh!»

Wir standen auf den Barrikaden am nächsten Tag
Ich sah zu Herbert, denn ich war verzagt
Doch der Herbert hielt mich fest am Schopf:
«Vertrau den blauen Augen, sonst kostet‘s Dich den Kopf!»
«Vertrau den blauen Augen, sonst kostet‘s Dich den Kopf!»

Wir geniessen unser Leben im Wonnemonat Mai
Die Klassen aufgehoben, sind wir frei
Liegen an der Riviera, seit Wochen ausgeruht
Und Herberts blaue Augen, sagen: «Es ist gut!»
Ja, Herberts blaue Augen, sagen: «Es ist gut!»

Rudi Dutschke konnte sich schon während der Rezitation das Grinsen nicht verkneifen. Marcuse und Gretchen Klotz lachten amüsiert. Da alle drei hungrig geworden waren, begaben sie sich in die Küche, um zu schauen, ob neben dem verschimmelten Joghurt etwas Essbares vorhanden war.
Dort waren mittlerweile alle Bewohner der Wohngemeinschaft versammelt. Die Diskussion, wer denn nun das verschimmelte Joghurt in den Kühlschrank gestellt habe, war als solche nicht mehr zu bezeichnen. Und das eben hinzugestossene Trio wurde sofort in die Streitgespräche verwickelt. Die alten Frankfurter warfen Malhonneth und Hafermaas vor, die Kritische Theorie verraten zu haben. Letzterer hielt Rudi Dutschke für einen «linken Faschisten», worauf dieser entgegnete: «Herr Professor Hafermaas, Ihr Objektivismus erschlägt das sich emanzipierende Joghurt!» Malhonneth wiederum versuchte den alten Frankfurtern auseinanderzusetzen, dass man mit der Zeit gehen müsse und dass man von der Joghurt-Analyse und -dekonstruktion der Poststrukturalisten durchaus lernen könne. (Foucault applaudierte halbherzig, denn im Grunde glaubte er immer noch nicht, dass man ihn verstanden hatte.) «Und überhaupt», so Malhonneth an Horkheimer gewandt, «nur weil die Joghurt-Produktion in der Weimarer Republik nicht funktioniert hat, heisst das noch lange nicht, dass die Joghurt-Produktion in jeder Demokratie nicht funktionieren könne.» Und die BRD sei doch offensichtlich das Paradebeispiel einer funktionierenden Demokratie! Hafermaas verwickelte sich in einen Streit mit Luhmann, wer die grössere, originellere und kompliziertere Theorie hervorgebracht habe. Währenddessen versuchte Gadamer verzweifelt und vergeblich einzuwerfen, dass sämtliche der hier diskutierten Theorien letzten Endes auf die Hermeneutik des Joghurts zurückgehen würden, und dass man sich doch auf diese hermeneutische Tradition besinnen möge.
Aufgrund der dünnen Wände hatte man bei Familie Marx in der Wohnung nebenan einen Grossteil dieser studentischen Dispute, Streitereien und Konflikte mitbekommen. Wütend unterbrach Karl Marx die Arbeit an seinem opus magnum «Zur Kritik der politischen Mykologie» und grummelte in seinen Bart, dass die Studierenden von heutzutage unausstehlicher seien als Proudhon, Lassalle und Bakunin in einer Person.
Marx stampfte in die Küche der Studenten-Wohnung hinüber. Zunächst von den Anwesenden unbeachtet, öffnete er deren Kühlschrank, nahm das verschimmelte Joghurt heraus und begab sich an den Tisch. «Schweigt still, Verdammte dieser Erde!» rief Marx mit donnernder Stimme und knallte das Joghurt auf den Küchentisch, sodass es beinahe auseinanderbrach. Die Anwesenden verstummten schlagartig.  «Ihr Studenten sollt erst was lernen, vorher seid Ihr für die Katz!», brüllte Marx. Entsetzt starrten die Anwesenden Marx an. Betretenes Schweigen. Finster blickte Marx die Studierenden an. «Der Vermieter hat das Joghurt hier vergessen, als er das letzte mal hier war. Bei uns hat er auch eines liegenlassen. Immer wenn er zur Inspektion vorbeikommt, lässt er etwas liegen, das, so denkt er sich das, man anschliessend für ihn entsorgen soll.»
Marx blickte noch einmal finster in die Runde und stampfte so grimmig aus der Küche wieder hinaus, wie er hineingekommen war. Das betretene Schweigen dauerte an; die Studierenden blickten beschämt auf den Boden, weil keinem diese Möglichkeit eingefallen war. Deutlich hörten sie bei der Familie Marx die Haustüre zuknallen.
Damit hatte das Elend im Studentenmilieu ein Ende gefunden.

 

Zitatnachweis

Der Bericht über die Pariser Barrikadenkämpfe, S. 9-10, ist weitgehend wörtlich zitiert aus:
Herbert Marcuse: Die Studentenbewegung und ihre Folgen. Nachgelassene Schriften Band 4. Hg. von Peter-Erwin Jansen. S. 87-89. Springe 2004.

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Eine Antwort to “Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Dritter und letzter Teil.”

  1. Attack of the Weekly Link: Mykologie und andere Forschungsfelder | kulturmutant Says:

    […] Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie | Was kriegt man, wenn man Kritische Theorie mit einer Sitcom mischt und dann Pilzwuchs zum Thema nimmt? Kollege Philippe hat bei der Gruppe Konverter eine Kurzgeschichte in drei Teilen geschrieben, die ich hiermit aufs Äusserste empfehlen möchte. Teil 1, Teil 2 und Teil 3. […]

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