Tintenfischterakel

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Ankunft in Wien. Wie sichs gehört, ging ich bereits am ersten Tag ans Theater, aber durch die Hintertür. Hier ist die Kostümabteilung. Da ist nichts von Götterdunst umwebten Regiesseuren und russischen Sängerinnen, die selbst Putin zum Weinen bringen. Auch keine ewig langen magischen Flure mit verstaubten Kostümen aus der Kaiser-Wilhelm-Zeit. Nein, das Erste, was ich sah, war eine beeindruckende Horde magerer Kostümhospitantinnen, die an mir vorbei tackelten. Sie alle hatten hundeliebe braune Äuglein. Dann trat der Kostümmeister in Krokodillederschuhen und Glitterfranz auf. Als die Parade vorüber war, zeigte sich eine bucklige Gestalt in schwarzem Russenmantel. Auf dem Filz war künstliches Schneegestöber aufgemalt. «Das muss der Hauptdarsteller sein, der sein Kostüm anprobiert», war ich mir sofort sicher. Nach all dem, was ich über Gogol – um dessen Leben das Theater spielen sollte – und seine Hässlichkeit gelesen hatte, konnte es niemand anderes sein. Er dreht sich um, ein knolliges Gesicht, das in der Mitte zu einer stark ausgeprägten Alkoholnase zulief, zeigte sich. Das war Harald. Er war nicht der Hauptdarsteller. Harald war ein Relikt aus den Zeiten als das Musical Cats noch Première in Wien feierte. Das ist nun ziemlich lange her, und so sah Harald auch aus. Nach einer klaustrophobischen Liftfahrt stehen wir in seinem Arbeitszimmer im zweiten Stock. Niessalarm! Nach zwei Minuten ist die Nase verstaubt, und nach zwei Stunden bildet sich in ihr schwarzer Schleim. Ein eigentümlicher, schweizerischer Aufräumzwang meldete sich bei mir. Ich legte meinen Mantel ab und begann mit ein paar Kartonschablonen zu hantieren. Das war mein erster Tag.

Es folgten mehr oder weniger vergnügliche Wochen, an denen ich bestimmt 1000 Sterne auf einen blauen Teppich zeichnete und weitere Russenmäntel mit Schneegestöber bestückte. Ziemlich serielle Arbeit, aber die schmutzigen Hände am Abend erregten in mir ein wohliges Gefühl, wie es nur jemand geniessen kann, der seine Hände nicht schmutzig machen muss, sondern es freiwillig tut. Jeden Tag wurden Stoffe gefärbt, Kreise gesprüht und Muster vorgezeichnet. Und jeden Tag um 17.10 Uhr rief Harald seine Frau an. «Kannst du heute zum Naschmarkt gehen und mir 400g Tintenfischterakel kaufen? Busi bis gleich». So die tägliche Bestellung. Die Vorbereitungen zum Stück neigten sich nach 80 Tagen dem Ende zu. Das sind 80 Mal 400g Tintenfischterakel. In dieser Zeit hatten Harald und seine Frau also bereits 24 Kilogramm Tintenfischterakel verspeist. Ein riesen Haufen voller Tentakel, Saugnäpfen und glibrigem Fleisch. Nach diesen vielen toten Tintenfischen stand nun also die Première bevor. Sie war sterbenslangweilig, und dieser Zustand steigerte sich in der Premierenfeier.

Es war der Abend, an dem ich mein erstes und bisher einziges Kunstwerk von einem echten Künstler erhalten sollte. In irgendeinem gottvergessenen Speisesaal in Wien trafen die Flitterleute ein. Sie tranken ihren Prosecco und assen Häppchen. Die Schokoladenpralinen machten sich gut mit den vielen rehbraunen Augen. Es war ein Meer aus braunen Punkten auf bewegtem Schwarz. Ich hoffte, dass in diesem Gewimmel irgendwo Harald auftauchen würde. Nicht, weil ich mit ihm auf eine besondere Weise befreundet war, einfach, weil ich nicht wusste, mit wem ich sonst reden sollte. Und da sah ich auch schon seine hängende 80er-Jahre-Jacke – seine tägliche Tintenfischterakel-Ration ist ja auch nicht gerade billig. Harald kam auf mich zu. In der Hand hatte er ein Paket. In einem Zeitungspapier lag etwas Längliches eingewickelt. Weich drückte es durch die Papierschichten. Er überreichte es mir. Harald schlich sich gleich wieder davon, was ihm niemand übelnehmen kann, mich aber wiederum in die missliche Lage des Apéro-Teilnehmers brachte. Nach zehn Minuten Rumschleichen fiel mir nichts Besseres ein, als mich auf die Toilette zu begeben. Und ich beschloss dort möglichst lange zu bleiben. In der Toilette sah ich den geeigneten Ort, um mein Paket auszupacken. Ich schloss mich in ein Abteil nahe des Waschbeckens ein. Da ich Zeit hatte, inspizierte ich den Ort. Ein schimmernd schwarzer Kachelkasten versuchte um mich herum schillernden Luxus zu verströmen. Die Türfalle hat die Kraft verlassen und sie hängt im 45°-Winkel herunter. Dumpfe Musik und wienerisches Frauengeschnacke erfüllt den Kasten, unterbrochen vom rauschenden Wasserfall des Lavabos. Ich atme tief ein und bereue es sofort; ein Gestank nach Fäkalien und süssem, schweren Parfüm. Ich setzte mich auf den geschlossenen Klodeckel, stelle mein Proseccoglas auf den Boden und falte die Zeitungslagen auseinander. Eine etwa fünfzehn Zentimeter lange Wurst kam zum Vorschein. Sie bestand aus einem leichten, weichen Material und war mit Silberfarbe besprüht. Während sie an einer Seite abgehackt zu sein schien, spitzte sie sich am anderen Ende leicht zu. Diese silberne Wurst machte mich von einer Sekunde zur anderen zur stolzen Kunstwerkbesitzerin. Ich packte sie zurück in das Zeitungspapier, nahm mein Glas wieder auf, suchte meinen Mantel und verliess die Ansammlung durch die Hintertür.

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3 Antworten to “Tintenfischterakel”

  1. Gregor Says:

    So wunderschöne Formulierungen.
    „Nein, das Erste, was ich sah, war eine beeindruckende Horde magerer Kostümhospitantinnen, die an mir vorbei tackelten. Sie alle hatten hundeliebe braune Äuglein.“
    „Die Schokoladenpralinen machten sich gut mit den vielen rehbraunen Augen.“
    „Dumpfe Musik und wienerisches Frauengeschnacke erfüllt den Kasten, unterbrochen vom rauschenden Wasserfall des Lavabos. Ich atme tief ein und bereue es sofort; ein Gestank nach Fäkalien und süssem, schweren Parfüm.“

  2. saileklein Says:

    yeah. schöner text!

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