Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Teil II

by

Luhmann hatte gerade durch die rechte Tür die Küche verlassen, um auf seinem Zimmer seine Schreibunterlagen und seinen Zettelkasten zu holen, als Horkheimer durch die linke Türe in die Küche zurückkehrte. In der Zwischenzeit hatten er, Benjamin und Adorno über die Möglichkeit markenloser Joghurts diskutiert. Benjamin war Feuer und Flamme für die Idee und hielt sie für unbedingt umsetzbar. Adorno hörte die Botschaft wohl, doch fehlte ihm der Glaube. Und Horkheimer selbst stellte betrübt fest, wie pessimistisch er auf seine alten Tage wurde. Er war in die Küche zurückgekehrt, weil er die Rechnung für die monatliche Miete hatte liegen lassen. Sie lag noch dort. Was Wunder. Als die Wohngemeinschaft gegründet worden war, ist Horkheimer zum Hauptmieter designiert worden. Jürgen Hafermaas und Axel Malhonneth mussten zuvor aber von allen gemeinsam davon abgehalten werden, zum Vermieter zu stürmen; sie waren – und sind immer noch – der festen Überzeugung, die idealen diskursethischen Bedingungen seien in der Wirklichkeit gegeben, sodass die Welt rein mittels Sprechakte verändert werden könne; man müsste also bloss mit dem Vermieter reden, dann würde sich das Problem der Miete in Luft auflösen. Ein paar Mitbewohner in spe hatten sie einfach ausgelacht. Adorno, Benjamin und Horkheimer, so erinnerte dieser sich, hatten aber bloss peinlich berührt die Decke angestarrt. Die Frage nach dem Hauptmieter stand damals also weiterhin im Raum. Plötzlich erinnerte jemand daran, dass Horkheimers Vater doch Fabrikant, also ein Unternehmer sei. Horkheimer müsse demnach doch bewandert sein in geschäftlichen Dingen. Unsolidarisch hatten Adorno, Benjamin und Marcuse geschwiegen, obwohl es einen von ihnen gerade so gut hätte treffen können. Eine ganze Woche hatte Horkheimer anschliessend nicht mehr mit ihnen gesprochen.
Horkheimer faltete die Mietrechnung und steckte sie in die Hosentasche seines Anzugs. Als er auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er die Diskussion zwischen Adorno und Benjamin immer noch in vollem Gange. Adorno war damit beschäftigt, Motive in Benjamins Plädoyer für die markenlose Joghurt-Produktion ausfindig zu machen, an denen er Brechts schlechten Einfluss auf Benjamin aufzeigen könnte. Horkheimer setzte sich an seinen Schreibtisch und kümmerte sich um die Angelegenheiten, die bald am Institut für Sozialforschung anstanden. Er hatte gerade keine Lust mehr, sich an der Diskussion zu beteiligen, wollte die beiden aber auch nicht verjagen.
Auf einmal klopfte es schüchtern an der Tür. Benjamin und Adorno unterbrachen verdutzt ihre Diskussion, die zu einem Streitgespräch ausgeartet war – zuletzt hatte Benjamin Adorno an den Kopf geworfen, dass letzterer bloss neidisch auf Brechts Lederjacke wäre. Sie blickten zu Horkheimer und dieser von seinen Unterlagen auf.
«Herein!», rief Horkheimer, bemüht, nicht unfreundlich zu klingen, was ihm auch gelang.
Die Tür öffnete sich nicht; stattdessen pochte es noch einmal, leiser und schüchterner an die Tür. Horkheimer blickte Adorno an.
«Teddie, würdest Du bitte die Tür öffnen.»
Vor der Tür stand eine junge, unsicher wirkende Studentin.
«Gu-, guten Tag, Herr… Herr Professor Adorno.»
«Guten Tag, wie darf ich Ihnen behilflich sein?»
Hätte die Studentin in diesem Moment darauf Acht gegeben, hätte sie sehen können, wie hinter Adornos Rücken zwei Köpfe hervorlugten, die dem weiblichen Besuch ganz neugierig entgegenblickten.
«Ich, ich wollte eigentlich zum Herb-, ahem, zu Herrn Professor Marcuse. Aber er scheint nicht da zu sein. Darauf hatte ich bei Ihnen angeklopft, aber als sie ebenfalls nicht öffneten, hat mir einer Ihrer Mitbewohner gesagt, dass Sie höchstwahrscheinlich hier anzutreffen wären. Ist Herr Professor Marcuse zufälligerweise bei Ihnen?»
Die Studentin versuchte, an Adorno vorbei, ins Zimmer zu lugen, in der Hoffnung Herbert Marcuse zu erblicken, wobei sie die beiden Köpfe, die ihr entgegenstarrten, immer noch nicht wahrnahm.
Adorno wendete sich Horkheimer und Benjamin zu.
«Die Schlafmü-, ahem, Herr Marcuse scheint ja intensiv mit seinem aktuellen Projekt beschäftigt zu sein.»
Und, wieder der Studentin zugewandt, fragte er:
«Worum handelt es sich denn? Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Fräulein…?»
«Gretchen, Gretchen Klotz», antwortete die Studentin nervös.
«Nun Fräulein Klotz, darf ich Ihnen irgendwie behilflich sein?»
«Herr Professor Marcuse hatte mir gestern nach seiner Vorlesung gesagt, dass wir heute bei ihm meine Dissertation besprechen könnten. Denken Sie… halten Sie es für möglich, dass er es vergessen hat?»
«Das nicht.», sagte Adorno. Er brauchte sich nicht umzublicken, um zu sehen, wie Benjamin und Horkheimer einander schmunzelnd vielsagende Blicke zuwarfen.
«Herr Marcuse hat zurzeit sehr viel Arbeit. Aber ich bin zuversichtlich, dass er bald für Sie Zeit haben wird. «Für seine Studentinnen» – Adorno hatte die weibliche Endung etwas zu offensichtlich überbetont – «hat Herr Marcuse immer Zeit.»
«Oh gut», Gretchen Klotz wurde zuversichtlich und gewann an Selbstsicherheit. «Wissen Sie, es war doch ein etwas langer Weg hierher. Nur, was soll ich tun, bis Herr Professor Marcuse Zeit hat? Das Quartier ist mir gänzlich unbekannt, ich weiss nicht, ob es in der Nähe ein Café gibt, in dem ich warten könnte?»
«Interessieren Sie sich für Musik? Wenn Sie möchten, spiele ich Ihnen gerne etwas auf dem Flügel vor?»
«Das wäre sehr schön Herr Professor.», nichts wissend von des Herrn Professors musikalischen Idiosynkrasien fuhr sie fort: «Besonders Jazz gefällt mir sehr!»
Horkheimer und Benjamin zugewandt verdrehte Adorno übertrieben die Augen, als wollte er sich non-verbal über den verkommenen Musikungeschmack der heutigen Jugend ennervieren. Er wies Gretchen Klotz den Weg zu seinem Zimmer und schloss hinter sich die Tür. Niemals, nie im Leben hätte er irgendjemandem gegenüber, nicht seiner Grete gegenüber, auch nicht gegenüber Benjamin oder Horkheimer und erst recht nicht gegenüber Marcuse zugegeben, welchen Gefallen er daran fand, für Damenbesuch auf dem Flügel Jazz-Improvisationen zu spielen.
«Worüber doktorieren Sie denn, Fräulein Klotz?», fragte Adorno, während sie durch den Gang gehen.
«Über den Begriff der Erotik im Werk Herbert Marcuses.», antwortete Gretchen Klotz.
Adorno nahm den Titel der Dissertation zur Kenntnis und ging nicht weiter darauf ein.
Gretchen Klotz und Adorno gingen auf sein Zimmer. Erst nach zehn Minuten konnte Adorno seine Improvisationen beginnen, da Gretchen Klotz zuvor seine Wohnung bestaunte. Nach ungefähr zwanzig Minuten Jazz-Improvisation unterbrach sich Adorno und fragte Gretchen Klotz, die bis anhin begeistert zugehört hatte, ob sie singe? So sangen sie gemeinsam zur Begleitung Adornos Georg Kreisler-Lieder.
Adorno war im Begriff zu intonieren: «Man geht heutzutage ins Konzert / weil man dort Verschiedenes erfährt», als auf einmal aus der rechts angrenzenden Wohnung ein lautes Rumpeln und Poltern zu vernehmen war. «Der Herbert ist wohl aus seinem Bett gefallen. Na endlich ist der wach», dachte sich Adorno. Marcuse und er waren tatsächlich Nachbarn. Als es seinerzeit um die Verteilung der Wohnungen und Zimmer ging, bestand Adornos Chance, neben Horkheimer und Benjamin zu wohnen, nur noch darin, die Nachbarschaft Marcuses in Kauf zu nehmen. Er hatte sich so übergangen gefühlt wie ein kleiner Pfadfinder, den man für zwei Wochen in ein Zelt mit seinen ärgsten Feinden eingeteilt hat.
Adorno unterbrach sich erneut.
«Fräulein Klotz, Herr Marcuse hat seine Arbeit für heute wohl beendet. Lassen Sie mich ihn fragen, ob er Sie empfangen kann. Haben Sie die Güte solange hier zu warten.»
Adorno schlupfte in seine Pantoffeln, er öffnete seine Türe und wollte sich sogleich Marcuses Zimmer zu wenden. Doch aus der Küche vernahm er eine laute Stimme. Adorno war neugierig wer es wohl war. Spontane, theoretisch höchst fragwürdige Vorträge waren in dieser Wohngemeinschaft keine Seltenheit. Adorno öffnete die Küchentüre und vernahm sogleich Hans-Georg Gadamers Stimme:
«Der Schimmel und das Joghurt können nur in ihrem Verhältnis von Teil und Ganzem verstanden werden! Der Schimmel ist Teil des verschimmelten Joghurts, der aber nur verstanden werden kann, wenn man das ganze Joghurt verstanden hat. Das ganze Joghurt verstehen kann man allerdings nur, wenn man den Schimmel verstanden hat. Wenn man das Joghurt und seinen Schimmel verstanden hat, wird man dessen Sinn begreifen!»
«Und wenn er nicht gestorben ist, dreht sich Gadamer heute noch im Kreis.», dachte sich Adorno. Er hatte keine Lust, in die Küche zu schauen, ob Gadamer sich einige Vortragsopfer auserkoren hatte oder ob er bloss vor sich herdozierte. Seit Heidegger gestorben war, kam dies des Öfteren vor. Manchmal dozierte er den französischen Poststrukturalisten, wenn einer von ihnen zu Gast war – nur Michel Foucault wohnte hier. Das war ihnen angenehm, weil sie nichts verstanden, aber es auch nicht still war in der Küche und Gadamer war es angenehm, weil er dozieren konnte.
Adorno klopfte bei Marcuse an. Er klopfte absichtlich schon beim ersten Mal forte. Auf das erste Anklopfen erfolgte keine Reaktion. Adorno klopfte noch einmal an. Fortissimo. Das Rumpeln und Poltern war wieder zu vernehmen.
Ein sichtlich ausgeruhter Marcuse mit verstrubeltem Haar öffnete.
«Guten Morgen.»
«Morgen, Teddie. Was gibt‘s?»
«Eine Deiner Doktorantinnen, Fräulein Gretchen Klotz, ist seit ungefähr anderthalb Stunden hier; sie wartet darauf, dass der Herr Professor sich dazu bequemt, ihre Dissertation mit ihr zu besprechen. Ich musste sie mit Jazz-Improvisationen und Kreisler-Liedern unterhalten. To pass the time.»
Marcuse klopfte Teddie anerkennend auf die Schulter.
«Siehst Du, Teddie, ich wusste doch, dass Du auch mit anderen Frauen als mit Deiner Grete gut auskommst. Aber vielleicht liegt es doch am Namen.»
Adorno, dem es wieder einmal peinlich war, dass man ihm so nahe trat, versuchte beim Thema zu bleiben.
«Jedenfalls, hättest Du die Güte, Dich Deiner bedauernswerten Studentin anzunehmen?»
«Freilich, werde ich das tun – oh, Du denkst wohl, ich hätte sie vergessen und Du müsstest mich an sie erinnern, nicht? Hältst Du mich für solch einen Unmenschen?» Marcuse blickte Adorno mit hochgezogenen Augenbrauen an. «Natürlich werde ich ihre Dissertation mit ihr besprechen. Gib mir bloss noch etwas Zeit; der Albert hat heut Nacht auf meiner Couch geschlafen, es war gestern, d.h. heute spät geworden.» – Marcuse sagte es auf eine Art, die verriet, dass er gar nicht daran dachte, dass es längstens der gesamten WG aufgefallen war. «Und in einer halben Stunde kommt noch der Rudi Dutschke vorbei, aber das ist auch kein Problem; ich finde, der Rudi sollte mal eine Frau kennenlernen, denkst Du nicht?»
Marcuses Augenzwinkern war Adorno zu blöd, als dass er darauf hätte reagieren wollen.
«Also, Teddie, kannst Du mir noch eine Viertelstunde geben, bitte?»
Teddie nickte bloss und schlurfte zu seiner Wohnung zurück. Plötzlich zuckte Adorno in seinem Trott zusammen; er kehrte um und klopfte nochmals bei Marcuse an. Dieses Mal öffnete er sofort.
«Herbert, warst Du es, der das geöffnete Schimmeljoghurt hat im Kühlschrank stehen lassen?»
Marcuses Gesicht verzog sich zu einer angewiderten Grimasse. «Teddie, ich bitte Dich, ich mag nicht oft hier anzutreffen sein, was aber durchaus nicht heisst, ich würde keine Acht geben auf meine Lebensmittel.»
Teddie nickte und wandte sich nun definitiv seinem Zimmer zu. Marcuse liess die Türe offen.
«Eh, Albert, t‘as bien dormi ? Il faut que tu pars ; je dois recevoir une étudiante dans quelques minutes.»
«Ouf», Albert Camus erhob sich von der Couch. «Quelle heure est-il ? Je me suis convenu avec Simone que nous allons boire un café dans le quartier Saint-Germain à huit heures.»
«Ne t‘inquiète pas, Albert, si tu pars maintenant tu auras encore assez du temps pour y arriver.»
«Ben, très bien.» Camus hatte sich zurecht gemacht und seine Haare zurückgekämmt. Die Welt mag sinnentleert sein, an seinen Prinzipien war dennoch festzuhalten, das war Camus‘ Ansicht und so hatte er stets einen Kamm bei sich. «Dis donc, Herbert, est-ce que le vieux Prof a vraiment parlé d‘un yaourt ?»
«Oui, tu l‘as bien entendu; quelqu‘un de la communauté a laissé un ouvert yaourt moisi dans le frigidère. Bien sûr, personne est coupable et personne ne sait qui c‘était.»
«Blörgh, ça me donne la nausée. Ça serait un joli sujet pour Jean-Paul. Or, au fond, c‘est absurde aussi ; il faut combattre la moisissure quoiqu‘il soit impossible de la jamais vaincre définitivement. Ben, au fond, j‘m‘en fous pas mal. Alors, Herbert, je te souhaite une bonne soirée, à la prochaine.»
«À la prochaine, Albert.»
Camus verliess das Haus. Unter dem Vordach klappte er den Kragen seines Mantels hoch und zündete sich eine Cigarette an. Er freute sich auf das Treffen mit Simone de Beauvoir. Jean-Paul Sartre langweilte Simone de Beauvoir und Camus wusste es. Während Sartre in seinem Kämmerchen sass und einen Artikel darüber schrieb, dass Albert Camus nichts weiter als ein algerischer Gossenjunge sei, zog dieser mit Simone de Beauvoir im Quartier Saint-Germain umher.

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

Eine Antwort to “Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Teil II”

  1. Attack of the Weekly Link: Mykologie und andere Forschungsfelder | kulturmutant Says:

    […] in drei Teilen geschrieben, die ich hiermit aufs Äusserste empfehlen möchte. Teil 1, Teil 2 und Teil […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: