Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Teil I

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Paris, Mai 68. Eine Studenten-WG im Quartier Latin. Es geht auf zwei Uhr nachmittags zu. Die Stimmung ist angespannt; seit mehreren Tagen schon kann kaum jemand noch schlafen, weil Herbert Marcuse seit Tagen frühestens um vier Uhr morgens von «Diskussionen» mit seinen Studentinnen nach Hause kommt. Die Nerven liegen blank, niemand kann sich konzentrieren, alle sind aggressiv. (Ausser Marcuse selbst freilich, der seinerseits allerdings darüber irritiert ist, dass alle so verkrampft und angespannt sind.)

Langsam fand der Frühaufsteher Theodor Wiesengrund-Adorno den Weg in die Küche. In der vergangenen Nacht hatte Adorno ausserordentlich schlecht geschlafen. Nicht nur kam Marcuse erst zu einem Zeitpunkt nach Hause, an dem viel zu viele schon wieder an die Arbeit denken müssen, als ob das nicht genug wäre, erlebte Adorno in der vergangenen Nacht einen fürchterlichen Albtraum, von dem er sich noch immer nicht ganz erholt hatte. Ihm träumte, Gretel Adorno, Max Horkheimer und dessen Frau Maidon seien auf einmal wilde Jazz-Fans geworden, die versuchten, Adorno zu überzeugen vom ekstatischen, von allem befreienden Jazz. Unfähig etwas dagegen zu tun, stand Adorno gebannt da, während die drei zuckend um ihn herum tanzten. Adorno schüttelte es. Gemächlich tastete er sich vorwärts – seine Augen hatten sich noch nicht an das Licht gewöhnt. Er kochte heisses Wasser für den Kaffee.
Er schlurft zum Kühlschrank, öffnet ihn….
und machte ihn sofort wieder zu.
Ihm wurde gelb und grün im Gesicht, doch Adorno fasste neuen Mut, denn Kaffee ohne Milch kann er einfach nicht trinken. Vorsichtig öffnete er die Kühlschranktüre erneut und während sich seine Hand langsam in Richtung Milch bewegt, schielt er zum ekelhaften Objekt hinüber, das sein Auge erblickt hatte. Hinten, im Ecken des obersten Fachs stand ein geöffnetes Joghurt, dessen Schimmel die ursprüngliche Akkumulation bereits abgeschlossen hatte. Angewidert nahm Adorno die Milch schnell heraus und schloss hastig die Kühlschranktüre.
Währenddessen hatte der zweite Frühaufsteher der Wohngemeinschaft seinen Weg in die Küche gefunden. Adorno erschrak, als er sich umdrehte und seinem Kaffee zuwenden wollte – denn hinter ihm stand Max Horkheimer.
«Guten Morgen Teddie.»
«… guten Max. Du hast mich erschreckt.»
«Tut mir Leid.»
«Kaffee?»
«Gerne.»
«Ich hatte einen fürchterlichen Alptraum.»
«Wovon träumtest Du denn?»
«Ich träumte, dass Gretel, Du und Maidon sich in wilde Jazz-Fans verwandelten und mich umtanzten und mich vom Jazz überzeugen wolltet.»
Horkheimer schüttelte es ebenfalls bei dieser Vorstellung.
«Und zu allem Übel steht auch noch ein geöffnetes verschimmeltes Joghurt im Kühlschrank.»
«Widerlich.»
«Weisst Du, wer es herein gestellt haben könnte?»
«Nein. Ach, in der bürgerlichen Gesellschaft war freilich einiges schlecht, aber weisst Du noch, als wir noch jünger waren, da waren die Joghurts noch gut. Die sind nie verschimmelt. Keine massenproduzierten Waren, wie es sie heute gibt.»
«Wo Du recht hast, hast Du recht.»
Die beiden setzten sich an den Tisch und vertieften sich in ein Gespräch darüber, was in der bürgerlichen Gesellschaft alles noch gut gewesen war.
Da sie miteinander diskutierten, bemerkten sie nicht, dass schon der dritte Mitbewohner in der Küche auftauchte. Die Hände weit von sich gestreckt stolperte Walter Benjamin durch den Raum und stiess an jedes Möbel an. Er hatte seine Brille wieder einmal in der Küche liegen lassen. Horkheimer wurde auf den Hinzugekommenen aufmerksam und nachdem er dessen Brille ausfindig gemacht hatte, reichte er ihm diese.
«Besten Dank.»
«Gern geschehen.»
«Habt ihr gut geschlafen?»
«Niemand schläft gut, wenn der Herbert erst zu Uhrzeiten nach Hause kommt, bei denen anständige Menschen schon wieder zur Arbeit gehen.»
«Hm.»
«Teddie hatte einen Alptraum.»
«Hm?»
«Er träumte, dass Grete, Maidon und ich uns in Jazz-Fans verwandelten, ihn wild umtanzten und vom Jazz überzeugen wollten.»
Die Vorstellung bringt Benjamin zum Lachen.
«Und zu allem Übel», schaltete sich Adorno in die Diskussion ein, dem es merklich unwohl dabei war, wenn seine Alpträume kolportiert werden, «steht im Kühlschrank ein verschimmeltes Joghurt.»
«Oj wej. Wisst Ihr, wem es gehören könnte?»
«Nein, aber Max fand, dass das bei den Joghurts der bürgerlichen Gesellschaft, die wir frühen assen, niemals passiert wäre.»
«Da hat er recht. Man sehe sich alleine schon die Kartonverpackungen der Joghurts an. Dank der technischen Reproduzierbarkeit gleicht eine Verpackung der anderen.»
Adorno und Horkheimer blickten einander an, verdrehten die Augen und hofften, dass in der Ausführung, die jetzt offenbar folgen wird, Benjamin wenigstens nicht von Aura sprechen wird.
«Die technische Reproduzierbarkeit hat dazugeführt, dass ein Joghurt wie das andere aussieht, so wie ein Ei dem anderen gleicht. Zudem geht die technische Reproduzierbarkeit einher mit einem Verlust an Erfahrung, mit einer regelrechten Erfahrungsarmut. Niemand stellt heutzutage mehr seine eigenen Joghurts her, darum weiss auch niemand mehr, wie man Joghurts selbst herstellt.»
Benjamins Zuhörer begannen, von ihm unbemerkt, bullshit-bingo zu spielen, während sie sich die grösste Mühe gaben, den Schein zu wahren, dass ihre Aufmerksamkeit ungeteilt sei.
«Arm sind wir geworden. Doch ob diese Armut vom kommenden Sozialismus oder von einer neuen Barbarei kündet, ist unklar. Alles wird davon abhängen, ob wir unsere eigenen Joghurts machen können.»
Horkheimer und Adorno schoben unauffällig ihr bullshit-bingo zur Seite; keiner der beiden hatte gewonnen, da Benjamin die Aura nicht erwähnte. Sie tranken ihre Kaffees fertig und zogen sich in Horkheimers Arbeitszimmer zurück, weil er die grössten Zimmer der Wohngemeinschaft hat. Benjamin frühstückte nie; wer braucht schon Kaffee, wenn er in den Taschen immer was zu naschen hat?

16 Uhr 30. Niklas Luhmann kehrte von einer Gastvorlesung zurück. Er war enttäuscht und müde; die Gastvorlesung ist anders verlaufen als erwartet. Es war üblich, dass sich an die Gastvorlesungen, die in diesem Mai 68 an der Sorbonne stattfanden, noch stundenlange Diskussionen anschlossen. Doch Luhmann hatte zehn Minuten nach Beendigung seiner Vorlesung «Über die Autonomie gesellschaftlicher Teilsysteme» und nach mehrmaliger Aufforderung des Publikums, Fragen zu stellen, einsehen müssen, dass seine Theorie auf kein reges Interesse gestossen war. Er war frustriert. Er dachte an seine Assistentin. Er legte seine Ledertasche auf dem Küchentisch ab. Luhmann war irritiert darüber, dass sein Gehirn den ganzen Tag über schon immer wieder an die Assistentin denken wollte. Er verstand es nicht. Sicherlich, sie ist eine gute Seele, immer begrüsst sie ihn mit ihrem charmanten Lächeln und sie ist bereit dazu, länger zu bleiben, wenn noch etwas Wichtiges erledigt werden muss und sie die letzten sein würden, die das Seminargebäude verliessen. Langsam nervte sich Luhmann darüber, dass Luhmanns Gehirn an ihren kurzen Rock denken wollte, den sie heute getragen hatte. Luhmann wollte lieber an seine Systemtheorie denken und wie sie weiterzuentwickeln ist. Nach der Vorlesung hatte er sich an sie gewandt, mit der Bitte seine Notizen und Manuskripte in seinem Bureau zu deponieren. Die leichte Enttäuschung war ihm vielleicht dort schon anzusehen; sie wollte, glaubte er, ihm noch etwas sagen, vielleicht ihn aufmuntern, doch Luhmann hatte sich von ihr abgewandt und war rasch nach Hause gegangen. Er wollte nur noch sich in einer warmen Decke vergraben und hinter einem Buch verstecken.
Erst jetzt bemerkte Luhmann, dass er hungrig war. Er öffnete den Kühlschrank und suchte nach seinem Bio-Schokojoghurt; er hätte lange danach suchen können und hätte es doch nicht gefunden: Jürgen Hafermaas hatte es ihm weggegessen. Doch bevor er sich auch noch darüber hätte ärgern können, entdeckte er das Schimmeljoghurt. Nachdem sich die Frankfurter tüchtig darüber aufgeregt hatten, hatten sie es einfach wieder in den Kühlschrank gestellt. Luhmanns Stimmung besserte sich schlagartig. «Was für ein interessantes Phänomen!», denkt er sich. «Ein verschimmeltes Joghurt.» Sein Leben war wieder sinnerfüllt. «Es hat sich ausdifferenziert zu einem autonomen System, gänzlich unbeeinflusst von allem anderen! Der Schimmel muss das Medium seiner Kommunikation sein. Ich werde das System gründlich studieren. Wenn ich es schaffe, ein grosses Buch darüber zu schreiben, werde ich endlich berühmt!» Irritiert musste Luhmann feststellen, dass sein Gehirn die Ablenkung, welche die freudenerregende Entdeckung ausgelöst hatte, dazu ausgenutzt hat, an seine Assistentin zu denken. Er war zu erfreut, um sich noch darüber zu ärgern und schob den Gedanken einfach bei Seite. Luhmann nahm das verschimmelte Joghurt aus dem Kühlschrank heraus und stellte es auf den Küchentisch. Er wollte in seinem Zimmer seine Schreibunterlagen holen gehen. Nun bereute Luhmann es, dass er sämtliche seiner Notizen und Manuskripte seiner Assistentin mitgegeben hatte. Vielleicht sollte er sie anrufen, damit sie sie im Seminar holen geht und ihm vorbeibringt? Er entschied sich dagegen. Auch sie hatte heute nach der Vorlesung, als er sich von ihr verabschiedete, nicht sehr glücklich ausgesehen. «Sicher», dachte er, «hat sie einen Freund und sich heute mit ihm gestritten. Oder sie vermisst ihn, weil er nicht mitkommen konnte oder sie hier in Paris nicht besucht.» Bevor Luhmann seine Unterlagen aus dem Zimmer holen ging, hinterliess er neben dem Joghurt auf dem Küchentisch einen Post-it, auf den er mit dem dicken schwarzen Filzstift aus der Küche geschrieben hatte: ‚Do not touch! Luhmann researching!‘ «Sicher ist sicher», sagte er sich. «Wer weiss, ob nicht sonst noch der Hafermaas vorbeikommt und einem en passant das eigene Forschungsobjekt unter der Nase wegschnappt. Diesem Möchtegern-Adorno traue ich alles zu.»

Währenddessen in einem winzigen WG-Zimmer: eine Professorsassistentin lag auf ihrem Bett, Schokoglacé essend und einen Film mit Humphrey Bogart und Audrey Hepburn schauend. Mit leichter Tristesse dachte sie darüber nach, wie man – bei allem Intellekt in Ehren – bloss derart auf Systemtheorie fixiert sein könnte. Eine kleine Träne lief ihr über die Wange.

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Eine Antwort to “Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Teil I”

  1. Attack of the Weekly Link: Mykologie und andere Forschungsfelder | kulturmutant Says:

    […] eine Kurzgeschichte in drei Teilen geschrieben, die ich hiermit aufs Äusserste empfehlen möchte. Teil 1, Teil 2 und Teil […]

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