Die neue Frau und die Arbeiterklasse

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(Da mir im Augenblick nur die französische Übersetzung aus dem Jahr 1932 von Marie Bor zugänglich ist, werde ich aus dieser zitieren und ins Deutsche übersetzen.)

In ihrem Buch Die neue Frau und die Arbeiterklasse aus dem Jahr 1918 untersucht die bolschewistische Feministin Alexandra Kollontai die damals jüngste Literatur von und über Frauen.*

* In einer Fussnote (S. 35, 7) bemerkt sie, die Bücher hätten keinen grossen künstlerischen Wert. Für die literatursoziologische Untersuchung seien sie jedoch ungemein relevanter als die „künstlerischen“ Werke der Männer. Gerade den letzten Punkt gilt es festzuhalten. Doch die normative Bemerkung Kollontais ist im Grunde überflüssig oder wäre breiter zu diskutieren beziehungsweise zu problematisieren. Denn was letzten Endes nun Kunst sei oder eben nicht, war schon immer umstritten, auch in der Sowjetunion und solche Diskussionen oder Kämpfe sind immer ideologisch bestimmt, auch wenn es um die (scheinbar) gerechte Sache geht oder wenn die Ideologie kaschiert wird und nicht offen zu Tage tritt.

Anhand dieser Literatur arbeitet sie im ersten Teil den Typus der „neuen“ beziehungsweise „alleinstehenden“ Frau heraus. Diese Frau sehe nicht mehr Liebe und Mutterschaft als Mittelpunkt ihres Lebens an. Unabhängigkeit und die eigene (berufliche) Tätigkeit seien ihm wichtiger als sich an einen Mann zu binden.

Ohne damit Kollontai von Vornherein Unrecht zu geben, sei an dieser Stelle ein methodischer Zweifel ausgesprochen: Es stimmt natürlich, dass die Bücher, welche sie zitiert, tatsächlich geschrieben wurden und es spricht auch nichts dagegen, diese so zu lesen, bzw. darin die Tendenz zu erkennen, welche Kollontai sieht. Doch die Literatur von und über Frauen war im Vergleich zur literarischen Gesamtproduktion in der Minderheit. Selbst wenn eine Interpretation anhand objektiv feststellbarer Daten erfolgt, kann durch die Selektion ein schiefer Einruck entstehen. Um zumindest näher an der Objektivität zu sein; wären die trivial-, insbesondere die heimatliterarischen Publikationen ebenfalls zu berücksichtigen gewesen. Aufgrund der Konzentration auf die jeweils hervorgehobenen Motive und der mangelnden Relativierung leiden solche literaturwissenschaftliche Untersuchungen oft daran, dass sie ein verzerrtes Bild erzeugen. Kollontai war nicht Literaturwissenschaftlerin und sie hatte nicht zum Ziel das literarische Frauenbild jener Zeit im Allgemeinen zu untersuchen; doch ist die Bemerkung wichtig, da es nicht von irgendwo her rührt, dass sie diese progressive Minderheitsliteratur etwas zu einer Avantgarde im Sinne Lenins stilisiert.

Im zweiten Teil beschreibt Kollontai die ihr zufolge markanten Charakterzüge der neuen Frau. Diese seien zunächst dadurch bestimmt, dass die Vorherrschaft der Gefühle gebrochen sei. Im Gegensatz zum „alten Typus“ liessen sich diese Frauen nicht mehr auf ihre Gefühle reduzieren. Da die „neuen Frauen“ für sich selbst sorgen (müssen), hätten sie gelernt, ihre Gefühle zu beherrschen. Sie stellen auch neue Anforderungen an die Männer, die sich auf sie einlassen wollen: Die Männer sollen nicht mehr bloss das Allgemein-Weibliche in ihnen sehen, sondern sie als autonome Individuen wahrnehmen.

Solche gesellschaftlichen Umwälzungen gehen jedoch nicht problemlos vonstatten; sie sind langfristige Prozesse, bei denen Konflikte unausweichlich sind. So führt Kollontai die Figur Christa Ruland aus Hedwig Dohms gleichnamigen Roman als Beispiel an, Forderungen wie die oben genannten zu stellen. Christa lernt einen Mann namens Frank kennen. Sie muss feststellen, dass er nur sinnlich von ihr begeistert ist und ihre geistigen Interessen und ihre eigene intellektuelle Welt ignoriert. Dies obwohl zunächst gerade er es war, der sie für gemeinsame geistige Interessen zu begeistern versuchte. Nun sieht er sie doch nur noch als Objekt seiner Lust.

Dem orthodoxen Marxismus folgend führt Kollontai im dritten Teil die Entstehung des neuen Frauentyps zurück auf die veränderten Produktionsverhältnisse. Obwohl Kollontai nie explizit marxistisch-leninistisch argumentiert, ist für Leser_innen, die den theoretischen Hintergrund kennen, klar, woher der Wind weht. Hier sehen wir uns wieder mit einem methodologischen Problem konfrontiert: So sehr Kollontais Interpretation an sich stimmen mag, so problematisch ist sie ohne Kontextualisierung. Auch ideologisch „unabhängige“ Autor_innen wie Siegfried Kracauer haben diesen sozialen Wandel beobachtet und kritisch kommentiert. So berücksichtigt dieser in seinem Buch Die Angestellten aus dem Jahr 1930 viel stärker die ideologische Orientierung an der Bourgeoisie und das gestiegene Bedürfnis nach dem Konsum kulturindustrieller Produkte.

Durch die veränderten Produktionsverhältnisse, so Kollontai, stehen die Frauen „neuen Typs“ bis dato unbekannten Problemen gegenüber. Im Überlebenskampf erweisen sich die bis anhin kultivierten beziehungsweise anerzogenen „weiblichen Tugenden“ wie „Passivität, Unterwerfung und Sanftheit“ als „überflüssig, unnütz, gar schädlich“.

Bei unbedachter Assimiliation übernehme die Frau unreflektiert männliche Wahrheiten, beispielsweise die, dass Prostitution natürlich und selbstverständlich sei. Diese seien jedoch nur für die Bourgeoisie wahr. Marx folgend, dass der Kapitalismus die Mittel und Möglichkeit zu seiner Überwindung selbst erschaffe, postuliert Kollontai, dass der Kapitalismus die Emanzipation der Frau vorantreibe, indem er sie der Familie und dem heimatlichen Herd entreisse.

Im zweiten Kapitel, das die Überschrift Die Liebe und die neue Moral trägt, beobachtet Kollontai, dass sich die Menschen mit in ihren intimen Beziehungen mit mehr Liebe begegneten. Zudem kritisiert sie die bourgeoise Institution der Ehe: Zum einen würde man sich vor dem Eingehen der Ehe nur oberflächlich kennenlernen, und zum anderen sehen die Eheleute ihre Partner_innen jeweils als Besitz an.

Die Prostitution verkrüpple die Fähigkeit des Mannes, sich in Liebe auf Frauen einzulassen. Der Freier brauche sich nicht zu bemühen, er wird bedient. Kollontai wirft ihm totale Unkenntnis der weiblichen Physiologie vor.*

*Es wäre interessant, der Frage nachzugehen, ob in heutiger Zeit (kommerzielle) Pornographie eine ähnliche Wirkung entfaltet wie die Prostitution.

Kollontai untersucht zudem verschiedene Beziehungsformen; sie kritisiert nicht nur die bourgeoise Ehe sondern auch die „freie Liebe“, wie sie teilweise in intellektuell-antibürgerlichen Kreisen gelebt werde. Diese sei ebenfalls problematisch, da die bourgeoise Ideologie abgeschwächt, aber nicht überwunden würde; es bleiben Spuren zurück. Deshalb bringt Kollontai eine dritte Form ins Spiel, welche sie „Kamaraderie“ nennt. In dieser Beziehungsform sollen sich die Partner_innen wahrhaftig auf gleicher Augenhöhe begegnen können, ohne Diskriminierung und Besitzansprüche. Dieser Form stünden zurzeit jedoch zwei gravierende Hindernisse im Weg: Einerseits die Liebesimpotenz der Individuen (bedingt durch den gesellschaftlich anerzogenen oder zumindest geförderteten egozentrischen Individualismus) und andererseits der Zeitmangel.

* Aus dem Frz. camaraderie. Um Missverständnisse zu vermeiden nicht mit Kameradschaft übersetzt.

Das dritte Kapitel ist gewissermassen der Propaganda- und Agitationsteil des Buches. Es trägt die Überschrift Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und der Klassenkampf. Die beiden oben erwähnten Probleme für die Kamaraderie würden im Sozialismus überwunden. Nur der Kommunismus könne ermöglichen, dass sich die Menschen in ihren Beziehungen mit Respekt und Liebe begegnen. Dem bürgerlichen egozentrischen Individualismus stellt sie den gemeinschaftlich orientierten Sozialismus gegenüber.

Alexandra Kollontai hat dieses Buch 1918 geschrieben. Der Vorzug liegt darin, dass es den historischen Entstehungszeitpunkt erkennen lässt und trotz der bolschewistischen Dogmatik, die im Hintergrund leise zu vernehmen ist, heute noch relevant ist. Kolllontai untersuchte französische, russische und insbesondere deutschsprachige Literatur. Anhand letzterer lässt sich auch hier erahnen, was für eine relativ libertäre Zeit die Weimarer Republik gewesen sein muss. Diese Umbruchszeit folgte auf das Ende des Ersten Weltkrieg und die (mehr oder weniger) revolutionären Unruhen in den Jahren 1918 und 1919. Mit dem Weltkrieg brach auch die Tyrannei der bürgerlichen Moral zusammen, die sich im 19. Jahrhundert etabliert hatte. Der Kontrast der beiden Zeiten muss krass gewesen sein. Wenn darüber auch keine Gewissheit zu erlangen ist, stellt sich beim Vergleich dieser Aufbruchs- und Umbruchszeit mit der Gegenwart die Frage, ob die Menschen der 1920er-Jahre nicht in progressiveren Zeiten lebten als wir heute. Die neuen Freiheiten und Möglichkeiten hatten die Frauen gerade erst errungen, bzw. Zugang dazu erhalten. Auch wenn sich die feministische Bewegung mittlerweile gefestigt und sich theoretisch und praktisch weiterentwickelt hat, scheint es, dass in der Zeit, die Kollontai beschreibt, nach den Sternen gegriffen worden ist, nicht in der Gegenwart.

Alexandra Kollontai: La nouvelle femme et la classe ouvrière. Übersetzt ins Französische von Marie Bor.

Paris: L’Eglantine 1932.

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Eine Antwort to “Die neue Frau und die Arbeiterklasse”

  1. Hier kommt Christa | kulturmutant Says:

    […] erstaunt keineswegs, dass Alexandra Kollontai [Link] gerade diesen Roman der Trilogie als eines ihrer Beispiele auswählte zur Beschreibung des […]

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