Eine grosse Abrechnung

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Mit Philippe Kellermanns Buch Marxistische Geschichtslosigkeit liegt ein wichtiger Beitrag zur Gespaltenheit von Anarchismus und Marxismus, genauer zur „Nicht-Rezeption des Anarchismus im zeitgenössischen Marxismus“, wie es im Untertitel heisst, vor.
Das Buch besteht aus vier Studien. In der ersten untersucht Kellermann Georg Fülberths Basiswissen Band Sozialismus (Köln 32018) und zeigt die Problematik vieler darin enthaltener Aussagen auf und weist immer wieder darauf hin, dass die anarchistischen Bewegungen und deren Theoriebildungen gänzlich ignoriert werden. So suggeriert Fülberth durch seine Darstellung, dass Sozialismus immer schon marxistischer, kommunistischer, jedenfalls nicht-anarchistischer Sozialismus sei. Abgesehen vom anarchistisch-marxistischen Konflikt geht dies auch schlicht an der Wortbedeutung vorbei.*
*„Vor der Errichtung der Sowjet-Herrschaft diente der Ausdruck sozialistisch dazu, Modelle der ökonomischen Organisation zu benennen, in denen Gemeineigentum an Produktionsmitteln mit der Erhaltung einer vage definierten Freiheit im Konsumbereich verbunden ist.“ Karl Pribram: Geschichte des ökonomischen Denkens. Erster Band. Übersetzt von Horst Brühmann. Frankfurt am Main 1998. S. 378.

In der zweiten Studie geht Kellermann auf einige Artikel des Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus ein. (Hg. vom Berliner Institut für kritische Theorie Inkrit. Berlin 1994 ff.) Dass ein Wörterbuch in Auswahl, Darstellung und Definition von Artikeln niemals perfekt sein kann, sollte allen klar sein, auch wenn mensch sich wenig oder gar nicht mit Wissenschaftstheorie, also der Selbstreflexion der Wissenschaft auf ihre Methodik, auseinandergesetzt hat. Definitorische Texte sollten niemals unhinterfragt übernommen und sollten stets problematisiert werden. Was in diesem Wörterbuch jedoch an Geschichtsklitterung betrieben wird, bzw. wie darin eben unkritisch geschrieben wird, erreicht ein irritierend hohes Ausmass. So ist darin die Rede von einer „kritischen Durcharbeitung“ Max Stirners Der Einzige und sein Eigentum und auch mit Pierre-Joseph Proudhons Philosophie des Elends hätten sich Marx und Engels „ausführlich“ auseinandergesetzt, während die entsprechenden Pamphlete jedoch tatsächlich nur aus wüstester Polemik bestehen. Die Darstellung erfolgt ausschliesslich aus marxistischer Perspektive, im Sinne dass der Sicht Marxens und Engels‘ gefolgt wird; ob anarchistische Kritik berechtigt sein könnte, wird nicht in Betracht gezogen. Ähnlich verhält es sich beispielsweise auch mit dem Artikel zur „Diktatur des Proletariats“, in dem nur Staatskritik aus der marxistischen Ecke erwähnt wird, dass die Anarchist_innen bereits viel früher den Staat kritisierten und die Möglichkeit dessen Verwendung innerhalb einer Übergangsphase skeptisch betrachteten, bleibt unerwähnt. (Das HKWM ist übrigens auch aus Kreisen der Kritischen Theorie kritisiert worden: Über den Missbrauch der „kritischen Theorie“ und ihres Namens im „Institut für kritische Theorie“ (Inkrit, Berlin))
In den anderen beiden Studien wendet sich Kellermann der marxistisch orientierten Zeitschrift „PROKLA“ (ehemals „Probleme des Klassenkampfs“) und dem italienischen Autor Domenico Losurdo zu. Die beeindruckende Belesenheit bzw. Literaturkenntnis kommt Kellermann überall sehr zu gute. Mit den in diesem Buch ausgetragenen Zitatschlachten überwältigt er jedoch nicht nur die zu Recht Kritisierten sondern auch die Leser_innen. Kellermanns in allen vier Studien angewandte Methode kann, mit einem Begriff aus der Literaturwissenschaft als close reading bezeichnet werden. Das meint eine genaue, sorgfältige Lektüre, bei der sich bemüht wird, auf alle Details acht zu geben. Kellermanns Vorgehensweise sprengt jedoch beinahe die konventionellerweise in einem Buch verwendeten Darstellung. So zeigt sein Versuch die Schwierigkeit auf, eine sinnvolle Form zu finden für die grundsätzliche Kritik an einer komplexen Theorie. Zunächst muss er ja die kritisierten Autoren (sic) zitieren, anschliessend die zur Widerlegung benötigten Zitate von Anarchist_innen anführen, wie auch Marx-Engels-Zitate, die dem von den Autoren suggerierten Marx-Engels-Bild widersprechen, bzw. die Widersprüchlichkeit ihrer Aussagen aufzeigen.
Zudem bemüht sich Kellermann in zahlreichen Fussnoten, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Kritiken, die von gewissen Marxist_innen als Errungenschaft ihrer eigenen Strömung verbucht werden, in Wahrheit viel früher bereits im Anarchismus formuliert worden sind. Hendrik Wallat versucht in seinem PROKLA-Beitrag Weder Staat noch Kollektiv. Sozialismuskritik im Werk von Karl Marx. Marx als anti-etatistischen Denker darzustellen. Einerseits blendet er dabei die durch Anarchist_innen viel früher schon formulierte Staatskritik schlichtwegs aus, andererseits zeigt Kellermann erfolgreich auf, wie Wallats Versuch zum Scheitern verurteilt ist, da ersterer der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Marx’schen und Engels’schen Texte nicht Rechnung trägt. Dabei zeigt Kellermann auf, welch vehementer Verfechter des Parlamentarismus Marx und Engels tatsächlich waren. Duch die Lektüre kann mensch sich den historisch-theoretischen Hintergrund erarbeiten, um beispielsweise Johann Mosts Marxismus-Kritik im Kontext verstehen zu können.

Übrigens erwähnt Kellermann auch manch unangenehme bis höchst problematische Ansichten und Standpunkte in diesem Buch, an die erinnert – Engels menschenverachtende Haltung gegenüber den Bevölkerungen des Balkans – oder die überhaupt erst bekannt gemacht werden wie Marxens Befürwortung von Kinderarbeit ab neun Jahren. Auch wenn er diese mit der Einschränkung befürwortet, dass deren damalige Form untragbar gewesen sei, bleibt die Äusserung ein Skandal.

Es handelt sich bei Marxistische Geschichtslosigkeit um ein Buch, in dem immer wieder nur stückweise gelesen werden sollte; liest mensch zu lange darin, wirkt es bald eintönig. Es kommt das Gefühl auf, es würden immer wieder die gleichen Kritikpunkte, Einwände und Bezugsautor_innen an den Leser_innen vorüberziehen. Fairerweise muss aber darauf hingewiesen werden, dass es erklärte Absicht des Autors ist, dass die Studien unabhängig von einander lesbar sein sollten. Ein so wichtiges Buch Kellermann vorgelegt hat, so viel Ausdauer bedarf es dafür auch. Dies auch darum, da er zwar immer wieder marxistische Positionen kritisiert und obwohl sein Bemühen um Sachlichkeit und Objektivität deutlich erkennbar ist, problematisiert er die anarchistischen Theorien selbst kaum: Den marx’schen und marxistischen Zitate werden einfach besonders jene Bakunins, aber auch jene Goldmans, Kropotkins, Witkop-Rockers, Malatestas etc. entgegengestellt, die jedoch meistens nicht weiter diskutiert werden. Auch wenn Selbstkritik und -reflexion nicht fehlen, kann der polemische Eindruck entstehen, die anarchistischen Strömungen seien per se und grundsätzlich im Recht.

Als Dokumentation ist dieses Buch von unschätzbarem Wert und Kellermann hat dafür Anerkennung verdient. Neben dem dokumentarischen hat das Buch jedoch auch, wie bereits angedeutet, einen durch die Anlage – Auswahl der kritisierten Texte – und bisweilen auch im Ton erscheinenden polemischen Charakter. Denn Kellermanns Auswahl muss ja offenbar pars pro toto für „die“ marxistische Geschichtslosigkeit stehen.
Wie sehr die Spaltung zwischen Marxismus und Anarchismus marxistischerseits heute noch reproduziert wird, macht dieses Buch nur allzu sehr deutlich. (Doch wie sieht es eigentlich umgekehrt aus? Bezogen sich Anarchist_innen im 20. Jahrhundert, beziehen sie sich heute auf Theorien, die in der marxistischen Tradition stehen?) Wer sich aber auch für eine konstruktive Auseinandersetzung zwischen den beiden Strömungen interessiert, seien die drei von Philippe Kellermann herausgegebenen Bände Begegnungen feindlicher Brüder (Münster 2011, 2012 und 2014) empfohlen, die Möglichkeiten gegenseitiger Befruchtung aufzeigen.

Insgesamt ist dieses Buch auch ein Beweis dafür, wie theoretisch-schriftlicher Wissens- und Erkenntnisgewinn sinnvoll sein kann: Es ist der Spass, den mensch dabei haben kann, wenn mensch beispielsweise die Bibel – bekanntlich eine gute Lektüre um Atheist_in zu werden – besser kennt als Christ_innen und so auseinandernehmen kann. So hat sich Kellermann ein breiteres und tieferes Wissen des Kanons marxistischer und in dessen Tradition stehender Theoriebildung angeeignet, als jenes, über das vermutlich viele Marxist_innen beziehungsweise Kommunist_innen verfügen. Souverän kann Philippe Kellermann deren problematischen Voraussetzungn und Implikationen, Ansichten, Dogmatik und Ausblendungen auseinandernehmen.

Philippe Kellermann: Marxistische Geschichtslosigkeit. Von Verdrängung, Unwissenheit und Denunziation: Die (Nicht-)Rezeption des Anarchismus im zeitgenössischen Marxismus.Lich/Hessen, Verlag Edition AV 2011.
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