[Montagsgedanken] Kunst oder Kulturindustrie?

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Über einen Widerspruch, der keiner ist.

Die Filme von Pasolini oder von Michael Bay?

Herr der Ringe oder Ring der Nibelungen?

Das Streichquartett oder die Viererkette in der Abwehr?

Heavy Metal oder Blasorchester?

Die Kastelruther Spatzen oder Rage Against The Machine?

Kunst sei elitär, die Kulturindustrie für den Pöbel, so die gegenseitigen Vorurteile. Es gibt eine lange Tradition, Kunst und Kulturindustrie nicht nur voneinander getrennt zu sehen, sondern als oppositionelle Kräfte. Am Anfang des 21. Jahrhunderts gibt es zwar wenige, die auf der Trennung beharren, aber immer noch viele, welche die Trennung als einen Akt des Willens begreifen möchten. und nicht als eine Verteilung gesellschaftlicher Funktionen.

In der überkommenen Wahrnehmung wurde seichte Unterhaltung elitärer Kunst gegenüber gestellt. Kulturindustrie schaffe die massenhafte Verbindung, den kleinsten gemeinsamen Nenner ohnmächtigen Bewusstseins und die Träume fiktiver Welten, egal ob diese den eigenen Alltag bestätigen, verfluchen, verdrängen oder überwinden. Hier gehe es um den Affekt, den Instinkt, der nach Befriedigung giert. Auf der anderen Seite – jener der Kunst – regiere das Zeitlose, Ewige, das Bildung, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft intellektueller Stimulation erfordere, um geschätzt zu werden.
Banal runter gebrochen: Hier Gefühl der Masse und dort Intellekt des Einzelnen.

[Selbstverständlich sei hier auch nochmal auf Pepes wunderbaren –  wissenschaftlichen – Text zur Kulturindustrie hingewiesen.]

Uns ist bewusst, dass diese Tradition, Kunst und Massenkultur (oder populäre Kultur, oder Kulturindustrie) in Opposition zu begreifen, historisch zu begreifen ist. Das Entstehen zweier solcher Felder ergab sich aus der Rolle der Kunst beim Aufstieg des Bürgertums und seiner Klassenideologie, also jenem Prozess, welcher die Kunst als eine autonome Sphäre und getrennt von der Gesellschaft verstand, sowie den Bestrebungen der Kunst selbst, diese Trennung aufzuheben. Die Opposition und die darauf folgende Diffusion zwischen den beiden entwickelte sich zu einem Zeitpunkt, da die modernen Massenmedien ihren Siegeszug zu feiern begannen. Hier soll es aber nicht um ein Verständnis des Historischen gehen (dafür wird ein anderes mal herhalten müssen), sondern um jene Opposition, die immer noch behauptet wird: Kunst oder Kulturindustrie – auf welcher Seite stehst du?

 

Getrennt?

Der Kunst alleine lässt sich heute keine gesamtgesellschaftliche Bedeutung mehr zuschreiben. Auch wenn die Theatergebäude oder Museen meistens noch in der Mitte der Städte stehen, gleich neben den Kirchen, so sind sie für die meisten Passanten Gebäude, die sie wie Touristen besuchen. (eben: wie Kirchen…)
Die Populärkultur hingegen hat sich die Kunst angeeignet. Oder besser gesagt deren Spiele und Variationen von Form und Inhalt. Lässt sich aus einem künstlerischen Verfahren etwas lernen, um eine Idee, eine Geschichte erfolgreicher in eine Ware zu überführen, kann man sicher sein, dass eben dies geschieht. Umgekehrt lässt sich die Kunst in ihren Themen und Mitteln von der Populärkultur inspirieren. Die Zitate sind wechselseitig. Wagner wird im Film verwendet, Renaissancegemälde können als McGuffins funktionieren, neuere Fernsehserien entfalten Dialoge über Macht, Ego und Sex, die sich 1:1 wie bei Shakespeare anhören. Umgekehrt verwendet Kunst die Bild- und Musiksprache der Populärkultur, findet beim Fernsehen Dialogschnipsel oder in Musikvideos die Ästhetik. (Die Beispiele sind willkürlich ausgewählt.)

Es gibt keine Opposition zwischen diesen beiden mehr, auch wenn immer noch ein Unterschied besteht. Sie schliessen sich nicht gegenseitig aus. In der Perspektive einer jüngeren Generation hat sich die strenge Trennung zwischen beiden erübrigt – zumindest von der Seite der Schaffenden betrachtet, also wenn es um Themen, Inhalte, Dramaturgie, Formen und Mittel geht. Hier darf, soll, kann und muss man als Kreativschaffender sich offen zeigen und sich inspirieren lassen, so der Tenor.

Hier seichte Unterhaltung, dort elitäre Kunst. Der Kunst galt die Populärkultur, die Kulturindustrie als profitgeile Verdummungsmaschinerie und umgekehrt wurde die Kunst als elitär und snobistisch betrachtet, also als kultureller Ausdruck der Klassengesellschaft.
Diese Opposition existiert seitens ihrer Verfechter auch Anfang des 21. Jahrhunderts noch, wurde durch das Spiel mit Formen und Inhalten aber ihrer Grundlage beraubt. Sie kann nur noch als Vorurteil existieren. Die Opposition wird noch behauptet, aber sie ist bloss Behauptung.
Dreht man die Argumente um, wird das offenbar: Ist denn nicht auch die Kunst eine profitgeile Verdummungsmaschinerie und ist nicht die Kulturindustrie der kulturelle Ausdruck der Klassengesellschaft?

Die Trennung, die das Getrennte vereint ist…

Die Trennung ist eine der voneinander getrennten Milieus. Hier der gebildete rotweinschlürfende und blasiert schwafelnde Kunstkenner, dort der röhrende, biersaufende Proll mit nacktem Oberkörper. Der eine sucht in quasimystischer Selbstversenkung nach Antworten auf Fragen, die Niemanden interessieren, während der andere den Event und die Masse zum Anlass nimmt, um sich egoistisch auszutoben.

Getrennt sind die Milieus: Fussballfans, Theaterbesucher, Rockkonzerte, Literaturlesungen – aber die Zugehörigkeit zu diesen Milieus ist keine ausschliessliche mehr. Postmoderne (und das gesamte Versprechen der Populärkultur) heisst, dass ich mir die Zugehörigkeit zeitweilig aneignen – und wieder aus ihr heraus gleiten kann. Die Hürden, einzusteigen, mitzumachen und dazu zu gehören, sowie damit aufzuhören, liegen ausserhalb der Milieus. Diese sind konsumierbare Plattformen, die ich ohne Verpflichtung kurzfristig betreten und wieder verlassen kann. Heute der Besuch eines Punkkonzerts, morgen eine Vernissage. Darin liegt kein Widerspruch mehr.

Der Einwand der Kritiker der Kunst: Ist denn die Kunst nicht immer noch Vehikel der herrschenden Klasse? Trifft sie sich nicht dort, um unter sich zu bleiben – und lässt sich das nicht an den Preisen beweisen, an der Bildung, die vonnöten ist, um überhaupt zu verstehen, was dort geschieht?
Nein.
Ein Theaterbesuch kostet häufig weniger als ein Kinobesuch, eine Vorstellung in der Oper weniger als ein Konzert der Rolling-Stones-Millionärsband – und bei einem Basketballspiel sind mehr Milliardäre im Publikum als bei einem klassischen Konzert (schliesslich kann man sich in der VIP-Lounge mehr unmittelbaren Luxus zukommen lassen als in der Loge einer Oper). Den Vorwurf, Kunst sei nur für eine Elite muss man entgegnen mit dem Hinweis, dass dies nur für elitäre Kunst gilt. Die Elite sitzt im Theater wie im Musical, hört sowohl Oper als auch Popmusik. Die Elite kauft sich jene überteuerten Gemälde von verstorbenen Malern, um sie sich bei sich zuhause aufzuhängen. Das bedeutet aber nicht, dass ein Gemälde bei sich aufzuhängen ein Indiz für die Zugehörigkeit zum Milieu der herrschenden Klasse wäre. Die Elite sitzt gleichermassen beim Eishockeyspiel und in der Basketballarena. Ein Milliardär, der „seine“ Mannschaft anfeuert, während er ein Bier hält, wird ja auch nicht zum Proletarier…

Das Vorurteil ergibt sich aus dem Exzess. Aber: Wer anhand des verstörenden Preises eines 100 Millionen teuren Picassos meint, das Problem der Kunst verstanden zu haben, der könnte ebenso gut behaupten, aufgrund des Wertes des Riesenklunkers in der Krone der Queen das Problem der Bergbauindustrie verstanden zu haben.

Nun kann man noch einwenden, dass das Elitäre in der Art läge, wie man sich über Kunst unterhaltet. Wer vor einem Picasso-Bild steht, müsse bildungsbürgerlichen Hintergrund mit sich bringen, während man einem Fussballspiel einfach so folgen kann (Mann!). Bildung sei der Ausschlussmechanismus, mit dem das Proletariat aus den Galerien, Opernhäusern und Kunsttempeln ferngehalten wird.

… das Publikum

Tatsächlich bestehen auch in der Populärkultur Ausschlussmechanismen und die Notwendigkeit einer ästhetischen Bildung, bzw. der Kultivierung des eigenen Geschmacks.
Je nachdem mit wem man zusammen sitzt und wie fremd man einem Milieu ist, blamiert man sich auch in der Populärkultur. Wer mit einem eingefleischten Metal-Fan diskutiert und die Unterschiede zwischen Speed-, Trash- und Old School Metal nicht kennt oder nie gehört hat, wer beim Fussball nicht weiss, was der Unterschied zwischen einem Libero und einem defensiven Mittelfeldspieler ist oder wie eine Viererkette und Flügelspiel zusammen funktionieren, spürt ebenso seine Unzulänglichkeit wie Jemand, der den Unterschied zwischen Expressionismus und abstraktem Expressionismus nicht kennt.
Wer im Camp Nou neugierig seinen Nachbarn fragt, wer denn dieser talentierte Spieler sei und auf die Nummer 11 des FC Barcelona zeigt, wird ebenso Verwunderung auslösen wie der Besucher eines Kunsthauses, der herumfragt, ob Picasso absichtlich wie ein Kind gezeichnet hat. Die Offsideregel des Fussballs Jemandem zu erklären, der nicht weiss, wie Fussball gespielt wird, ist nicht weniger kompliziert als das Konzept des Pointilismus zu erklären.
Aus der Perspektive des Zuschauers ist es dasselbe:
Als erfahrener Theatergänger achtet man auf das Zusammenspiel zwischen Spiel, Bühne, Licht, Raum, Text und vergleicht es mit früheren Aufführungen des selben Regisseurs. Als Fussballfan achtet man auf das Zusammenspiel von Verteidigung, Mittelfeld und Angriff, das Passspiel, die Ballführung und die Stellungen der Spieler, vergleicht es mit früheren Spielen unter diesem Trainer.
Letztlich spielt es keine Rolle, ob man George Best oder Shakespeare zitieren kann, ob man die Biographie von Roy Keane oder die von Franz Kafka kennt. Wesentlich ist, in welchen Milieus man sich aufhält und bewegt.

Es gilt anzumerken, dass die Milieus an die Kaufkraft gebunden sind und dass es Milieus gibt, die sich durch einen hohen Anteil gut ausgebildeter Arbeitskräfte, die auch Führungspositionen einnehmen auszeichnen, während andere Milieus durch prekarisierte Arbeitskräfte zusammen gesetzt sind. Diese Milieus sind aber nicht an eine gewisse Erscheinung von Kunst oder Kulturindustrie gebunden, sondern an den sozialen Status der jeweiligen Konsumption. Die Distinktion des Geschmacks führt zu distinguierteren Urteilen. Oder wie der blasierte Hipster meint: Über Geschmack lässt sich nicht streiten – wenn mein Geschmack einzigartig ist. (Über diesen Rückgriff und seine historische Ignoranz siehe auch diesen Text)

Kunst und Kreativität

Sprachlich haben sich Kunst und Kulturindustrie angenähert, ihre unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionen sind scheinbar nivelliert. Am liebsten wäre es beiden, wenn man sie als Möglichkeit der Freizeitgestaltung begriffe und das Vorurteil hinter sich liesse. Schliesslich wollen beide ihre Bedeutung beweisen und an das Geld in der Tasche ihrer Besucher gelangen.
Als sprachliches Beispiel für die Annäherung von Massenkultur und „hoher Kunst“: Es ist immer wieder die Rede von z.B. der „Kunst des Dekorierens“ oder der „Kunst des Serviettenfaltens“. Der Begriff der Kunst findet hier seine Anwendung auf alltägliche Handlungen, die mit Leidenschaft, Kreativität, Formvariation und Überlegungen unternommen werden. Man spricht von Messi von einem Künstler am Ball, kann sogar sagen, dass seine Art, Fussball zu spielen, eine Kunst sei. Niemals würde man aber Fussball als eine Kunstform verstehen. Aber kreativ ist er, der Herr Messi.

Der Begriff der Kunst wird anders angewandt. Er bezieht sich auf die darunter liegende Kreativität. Kreativität ist die Kategorie, die mindestens erfüllt werden muss, wenn wir von Kunst reden. Kunst ist ein soziales Verhältnis. Und: Kunst ist bloss die Bezeichnung dafür, wie im Kapitalismus Kreativität gesellschaftlich organisiert wird.
Kunst hat sich nicht überlebt, Theater, Malerei, Tanz und so weiter sind keine überholten Aktivitäten, die wir an die Professionellen ausgliedern können. Die Notwendigkeit, Kunst aufrecht zu halten liegt in der individualistischen Ideologie. Mittels der Kunst können kreative Prozesse in ein nicht-industrialisierte Format übertragen und dort verwaltet werden. Kunst übernimmt im 21. Jahrhundert die Rolle, die subjektive Kreativität einzubinden. Sie macht dies, indem sie sie mit der Warenform bekannt macht. Kein Mutterchen, das nicht einen kreativen Töpferkurs macht oder in der Freizeit malt und einmal, nur einmal gerne in einer Galerie ausstellen möchte und sich den Traum erlaubt, vielleicht einen Durchbruch zu haben. Diese Idee des „Durchbruchs“ findet sich parallel in der Kulturindustrie wieder, dort wird er als Grundlage für Talentshows verwendet, bei denen das Publikum Mit-Juror ist und darauf hofft, seinen Favoriten in die nächste Runde weiterkommen zu sehen. Auf der Seite des Publikums findet sich hier sowohl die aufrichtige Freude über ein aufstrebendes Talent (z.B. ein junges Waisenmädchen aus dem Ghetto, das eine bezaubernde Gesangsstimme besitzt), als auch die Häme über talentlose Verlierer, welche den Standards weder der Juroren noch des Publikums stand halten (hier kündigt sich das Verdikt als teilweise Identifikation an, wenn die resignierte Couchpotato stolz verkünden darf, dass er oder sie das auch oder sogar noch besser hätte machen können).

Kunst als Heilslehre

Es ist die Idee, dass potentiell jede/r durchbrechen könnte, in dem Sinne, dass selbst die Talentlosen sich bewerben dürfen – und die Vergewisserung, dass es nur einen Gewinner hieraus geben kann.
Als Narrativ erfüllt dies seine Funktion: J.K. Rowling oder die 50-Shades-Nudel sind zwei bekannte Beispiele dafür, wo die Beschäftigung mit Kreativität eine Art „Lotterieschein“ aus der eigenen proletarischen Existenz bedeutete. Diese beiden Autorinnen, die verarmt, aber leidenschaftlich ihrer kreativen Tätigkeit nachgehen und dafür belohnt werden, lesen sich wie die Biographien von Tellerwäschern, die durch Arbeit und harten Willen zu Millionären aufstiegen (und genau so wollen sie auch gelesen werden).
Darin steckt die Bedeutung und die Notwendigkeit, auch in Zeiten der Kulturindustrie noch die Sphäre der Kunst aufrecht zu erhalten. Jenseits der Produktion von ausgefallenen Kunstwerken für eine spleenige und betuchte Oberschicht geht es um die Einbindung kreativer Prozesse in den Kapitalismus. Denn die Kulturindustrie als Massenkultur ist zwar fähig, die passiven Bedürfnisse zu befriedigen, diese existieren aber bloss in der konsumierbaren Warenform. Zwar versucht die Kulturindustrie immer wieder, ihre Waren dynamisch zu gestalten, bietet Möglichkeiten der Partizipation an, diese sind aber an die Warenform gebunden und können diese nicht überwinden.
Beispiele:

Ich kann mir ein Fussballhemd von meinem Lieblingsclub kaufen und fühle mich damit als Teil des Teams, bin es aber trotzdem nicht.

Ich kann mir die Lieder meiner Lieblingssängerin kaufen und sie lernen, allein deswegen werde ich aber nie mit ihr zusammen auf der Bühne stehen und singen.

Ich kann mir die Kleider und die Schminke kaufen, die mein Lieblingsstar trägt und wie er aussehen, werde deswegen aber nicht zu ihm.

Ich kann die Boulevardblätter kaufen und alles über das Privatleben eines Stars erfahren, bin aber nicht Teil seines Privatlebens.

All diesen Angeboten ist gemein, dass sie das Verhältnis zwischen Kulturindustrie und Käuferinnen verfeinern; gemein ist ihnen aber auch, dass sie sich nur über die Warenform ausdrücken können. Zwingend: denn ansonsten würden sie keinen Sinn für die Kulturindustrie machen. Die Passivität, welche die Kulturindustrie pflegt, ist jene des ewigen Zuschauers, der immer wieder von neuem Geld aufwirft, um mehr zu erhalten und zu sehen.
Dem potentiell gegenüber zu stellen wäre nun die Aktivität, also die Aufhebung dieser Rolle des ewigen Zuschauers. In dem Moment, wo ich selber eine Gitarre zur Hand nehme, musiziere, wo ich selber Fussball spiele oder mir meine eigenen Kleider schneidere, habe ich die Kulturindustrie zeitweilig hinter mir gelassen. Jemandem, der es selber machen will, kann man es nicht mehr gleich gut verkaufen, dass er sich passiv und für viel Geld hin setzt, um einem anderen zuzuschauen, wie dieser es für ihn macht. Kulturindustrie ist immer auch das Delegieren unseres eigenen Lebens an die Stars: Sie sollen das Leben führen, das ich selber nie erhalten werde. Ich erlebe – ersatzweise – mein eigenes Leben durch sie. Das Erleben stellt hier die passive Grösse dar im Gegensatz zum eigenen Leben, des selber Machens, des Herstellens von Erleben anstatt des Konsumieren von Erleben.

Kreativität ist allgemein, die Rollen aber sind getrennt.

Die Rolle der Kunst wird in dieser Perspektive deutlich: Kunst ist die gesellschaftliche Form, solches Bedürfnis nach einem aktiven Leben und Erleben zu ermöglichen – und gleichzeitig die Überführung solchen Begehrens in die Warenform. Deswegen braucht es auch im 21. Jahrhundert noch ein Verständnis von Kunst, deswegen ist der Kapitalismus auch heute noch dazu gezwungen, Kunstschulen, Off-Spaces, Avantgarde-Kino, experimentelle Musik, Theater, Galerien, etc. zu unterhalten. Die Funktion der Kunst ist die Einbindung jener gesellschaftlicher Kräfte in das Mächtespiel des Marktes, die sich nicht zufrieden geben mit der passiven Rolle, welche die Kulturindustrie anbietet. Kunst war seit je und ist auch heute noch das gesellschaftliche Verhältnis im Kapitalismus, in welchem das Bedürfnis nach kreativer Aktivität organisiert wird.
Kunst trotzt nicht der Kulturindustrie, sondern bestätigt sie gerade.

Kunst ist Kreativität plus Warenform

Gerade auch der Hinweis auf Fussball oben zeigt, dass kreatives Selbermachen nicht auf die Kunst beschränkt ist, sondern darüber hinaus geht. Hier wird tatsächlich die Kunst gesprengt, mittels ihrer eigenen Grundlage. Dass es möglich ist, Fussball nicht nur als Zuschauer zu erleben, sondern selbst zu spielen; dass man selber mit Kumpels eine Metal-Band gründet und aus Freude an der Musik und zur Unterhaltung von Freunden spielt; dass man Autos repariert, eigene elektronische Systeme erfindet, Programme selber schreibt, malt, tapeziert, schreibt, singt, töpfert, gärtnert, usw. usw.
Das alles zeigt, dass wir nicht von einem Problem reden, das sich auf die Kunst beschränkt, sondern sich gesamtgesellschaftlich präsentiert. Es geht nicht um Kunst. Aber es soll hier an der Kunst fest gemacht werden.

Die verdinglichte Kreativität muss sich erst noch selbst befreien…

Die Paradoxie liegt darin, dass Kunst scheinbar die Warenform der Kulturindustrie hinter sich lässt, tatsächlich mit ihr untrennbar verknüpft ist. Was an der Kunst wichtig ist, ist das ihr zugrunde liegende: die aktive Kraft der Gestaltung, das tätig werdende, das über sich selbst zu wachsen versucht, das sich mit Anderen zusammen schliesst, das unterhält und zum nachdenken bringt, das Diskussionen auslöst – kurz: Das Kreative in jedem Menschen.
Dies aber ist jene Grundkraft der Kunst, die es von ihr zu trennen und sich anzueignen gilt. Für die Kunst, wie sie seit der Aufklärung behauptet und seit dem 20. Jahrhundert endgültig begriffen wird, gilt die einfache Formel: Kunst ist Kreativität plus Warenform. (Die Kreativität, die sich der Warenform bewusst ist und sich gegen diese stellt, heisst hingegen Dilettantismus.)

Wer den Kapitalismus hinter sich lassen will, muss auch Kunst hinter sich lassen.
Wer an der Kunst festhält, hält am Kapitalismus fest.

Ceterum censemus capitalismum esse delendum.

[Wir verweisen hier auch nochmals auf unseren ersten Text gegen Kunststudenten und deren Milieu.]

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