[Montagsgedanken] 1968, eine Hitparade

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Dilettantismus heisst: Wer es selber macht, stösst auf Widerstand.

Wie immer zu unserem Osterprogramm machten wir uns für den Musikabend auf die Suche nach Liedern.
In der Musik wiederspiegelten sich die Zugänge und Schwierigkeiten jenes Jahres. Bei der Recherche zur Musik jener Zeit: irritierend. Was waren die Hits 1968 in Frankreich? Die Lieder aus der Hitparade sind z.T. schwülstig und bis zum Erbrechen sentimental. Das führte zur lakonischen Erkenntnis:
Bei solcher Hitparade/
stürmte auch ich die Barrikade…

Sicherlich, gerade jene, die den Aufbruch in eine neue Zeit suchten, verbrachten ihre Zeit bei Komitteesitzungen, Streikausschüssen, diskutierten in VVs und hingen nicht so viel in Plattenläden herum. Sicher waren es auch nicht so viele, dass sich der revolutionäre Elan in den Liedern der Hitparade gezeigt hätte. Viele sassen gemütlich zuhause, hörten Radio, genossen den Frühling, während unten das Quartier Latin in Flammen und Rauch getaucht wurde. Aufstand und Revolution, haben Sie gehört? Ach, ist das von den Beatles?
Die (gescheiterte) Revolution von 1968 erhielt erst im nachhinein ihren „Soundtrack“. Der Soundtrack der 68er, der jugendlichen Revolüzzer und friedliebenden Hippies trägt in sich die nostalgische Verbrämung. Es ist bezeichnend, dass einer der Hits dieses Jahres „those were the days my friend“ war. Das Geschichtliche, also jene Gegenwart, die den Lauf der Geschichte zu verändern droht, als Fühlbares und Spürbares verkehrte sich nach dem eigenen Scheitern in das Gefühl eigener Geschichtlichkeit: Sentiment wird sentimental, nostalgieverklärt anstatt nach Erklärung ringend. Im Rückblick wird daraus eine harmonische, eine unschuldige Zeit, wo es um Elan anstatt Vietnam geht, um Liebe anstatt sexuelle Revolution, Lausbübisches statt Umsturz allen Bestehendens. Im musikalischen Rückgriff zeigt sich der kulturindustrielle Zugriff: Den Soundtrack nachzuliefern und die Geschichte zugleich entschärfen. Denn nur was schmeichelt, lässt sich verkaufen.
Das Souveigner wird so zum Souvenir, die damals Anwesenden sind ihrer eigenen Geschichte beraubt, wo eine Verfälschung des eigenen Daseins als ein erwerbbares Gefühl in Soundtrack-Form jedem, der nicht dabei war, angeboten wird.
Hollywood macht das schon seit Jahrzehnten. Irgendwann war man auf den Gedanken verfallen, Komponisten nicht mehr zu bezahlen, sondern anstelle sich aus dem Fundus der Popmusik zu bedienen. Emotionalisierung eines filmischen Moments durch das Phantasma des Nostalgieverklärten. Beispiele: Ansicht eines Dschungels, irgendwo das Geräusch von Schüssen oder Explosionen. Soundtrack: All along the watchtower von Jimi. Der Zuschauer weiss: Wir befinden uns in Vietnam. Oder: Der Protagonist steht an einem Wendepunkt. Lässt er alles hinter sich, wagt er sich auf den unbekannten Weg, der ihn zur Freiheit, aber vielleicht auch zum Tod führt? Riskiert er es? Es erklingt: Born to be wild von Steppenwolf.
Das Penetrante an solchem Soundtrack, der im Zusammenhang mit 68 existiert, ist selbst jenen, die es wiederholen, bewusst geworden. Gerade das letzte Beispiel ist mittlerweil so häufig gebracht worden, dass das Zitat schliesslich ironisch verwendet wurde (wenn Babys sich auf ihre Dreiräder schwingen und Plastiksonnenbrillen tragen und dazu der Steppenwolf-Song plärrt).

Dass die Erinnerung verfälscht wird und dass darüber keine Empörung statt findet, liegt im Kern des Erinnerns. Das eigene Hirn schliesslich ist der beste Verfälscher eigener Vergangenheit: Das Schlechte verdrängen, das Gute betonen. Nur ist dieser natürliche Vorgang hier im Soundtrack gewissermassen industrialisiert: Die Funktion des Erinnerns wurde ausgelagert. Es tritt gegenüber, als die Waren, denen das Atmosphärische eingeschrieben wurde. Die Gadgets, die Accesoires, sie vereinen als Zeitkapseln noch den drogengemässen „Backflash“ in jene Zeit, den Trip, welcher „Ausbruch“ schreit, den der Gefangene gemütlich in seiner Zelle träumt… Eine Zelle lässt sich gut aushalten, wenn man die Augen schliesst und mit dem Fuss zu „break on through to the other side“ wippt. Das schöne an solchem Soundtrack: Nie konnte man so gemütlich verzweifeln.
Musik wird so konsumiert. Zwar beiläufig, aber dennoch: konsumiert (ähnlich einer Schüssel Chips, die sich im Hintergrund einer Party leert).

Grundlage unseres Musikabends ist immer die Wiederaneignung. Musik als gemeinsames Erleben, als ein kollektives Selbstmachen. Instrumente, Notenblätter – laden zum Spielen, Singen, Ausprobieren, zum Unterbrechen und wieder neu Ansetzen ein. Musik so lebendig halten, indem man sie selber macht, aus sich selbst hervor holt. Das, was als Totes im Soundtrack geronnen ist, wird wieder flüssig und geschmeidig. Obzwar es eine Entstellung des Originals ist (und sich als Klischee dem Zugang wieder entzieht und allen Beteiligten ein Lachen aufzwingt), ist es lebendig. Das Lebende ist aber nicht Beweis seiner eigenen Zuschreibung, wie es die Industrie versucht, sondern durch den Zugriff: Selber Singen und Spielen. Der Soundtrack von 1968 beweist nicht die Kraft durch seine eigene Musik, sondern dass die Musik angeeignet wird, beweist den Moment.
Wie passend, dies an Ostern durchzuführen, eine quasi österliche Auferstehung der toten Musik; das aufzubrechen, was in der Höhle des „Tracks“ eingesperrt ist.

 

Ceterum censemus capitalismum esse delendum.

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