Archive for the ‘buchkritik’ Category

Buchkritik: Stadt der Untoten von David Wellington

1. Juli 2010

STADT DER UNTOTEN

Originaltitel: Monster Island
Autor: David Wellington
Übersetzung: Andreas Decker
Herausgegeben (im Original): 2004 (E-Book)
Verlag: Piper

(Herzlichen Dank an Lebendes PAL-Feld aus dem Badmovies.de-Forum für die generöse Sachspende.)

Die Toten erheben sich und überrennen die Lebenden. Die westliche Zivilisation geht innerhalb von Rekordzeit unter, während sich (Ironie oder so) die kriegserprobten Völker der Dritten Welt gegen die Invasion behaupten können. Dekalb, ein Waffeninspektor der UNO, flüchtet zusammen mit seiner siebenjährigen Tochter Sarah (seine Frau wurde zombiefiziert) aus Kenia und schlägt sich bis Somalia durch, wo die beiden der Glorious Girl Army of the Free Women’s Republic of Somaliland in die Hände fallen. Mama Halima, die Führerin der FWRS, leidet an AIDS – schlecht für Mama Halima, gut für Dekalb, der nur deswegen nicht auf der Stelle erschossen wird, weil er sich in den UN-Gebäuden Afrikas auskennt und daher der Girl Army auf der Suche nach Medikamenten als Führer dienlich ist.
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Buchkritik: So finster die Nacht von J.A. Lindqvist

12. Januar 2010

Originaltitel: Låt den rätte komma in
Autor: John Ajvide Lindqvist
Übersetzung aus dem Schwedischen: Paul Berf
Erstmals veröffentlicht: 2004 (Deutschland 2007)
Verlag: Bastei Lübbe

1981 in einem schwedischen Vorort: Oskar Eriksson hat es nicht leicht, wird er doch in der Schule regelmässig brutal von Jonny und dessen Spiessgesellen gehänselt. Hilfe findet er weder bei seinen Freunden, noch bei den Lehrern, noch bei seiner alleinerziehenden Mutter, die meist ausser Hauses ist, und schon gar nicht bei seinem Vater, einem Gelegenheits-Säufer, der die Familie schon vor Jahren verlassen hat. Dafür leidet er (also Oskar) an Inkontinenz, begeht Ladendiebstähle und hat Gewaltfantasien.
Da lernt er eines Tages Eli kennen, die Tochter von Håkan Bengtsson, der kürzlich in die Wohnung nebenan eingezogen ist. Sie ist irgendwie seltsam, soll heissen, sie wäscht ich offensichtlich nicht, läuft mitten im Winter in leichter Kleidung herum, hat irgendwie hypnotische Augen, löst einen Zauberwürfel in kürzester Zeit, etc. Er verliebt sich in sie, sie wiederum treibt ihn dazu an, sich gegen seine Peiniger zur Wehr zu setzen – was auf lange Sicht schlimme Folgen hat.

Natürlich weiss Oskar nicht, dass Eli in Wirklichkeit ein Vampir und ihr „Vater“ der sogenannte Ritualmörder von Vällingby ist – der Fall des dreizehnjährigen Jungen, der in einem Waldstück mit durchschnittener Kehle kopfüber aufgehängt wurde, um ihn auszubluten, ist in aller Munde. Als Håkan sich weigert, erneut zu morden, muss Eli sich selbst Beute suchen – und wählt sich als Opfer Jocke. Ein entfernter Bekannter desselben, der Katzennarr Gösta, beobachtet die Tat und berichtet später dessen Freundeskreis davon. Mit der Geschichte des mörderischen Kindes kann man nicht zur Polizei, also muss man wohl selbst was unternehmen – zumindest ist Lacke, Jockes bester Freund, der Meinung.
Als sich Håkan endlich wieder bereit erklärt, Eli Blut zu beschaffen, endet das Unternehmen in einer Katastrophe – er wird entdeckt, in die Ecke getrieben und versucht, sich das Leben zu nehmen, indem er sich selbst Säure ins Gesicht schüttet. Er überlebt allerdings und landet schwer entstellt im Krankenhaus. Eli muss infolge dessen wieder selber los und sucht sich als nächstes ausgerechnet Virginia aus, die Freundin Lackes.

Inzwischen muss sich Tommy, ein um ein paar Jahre älterer Kumpel Oskars, damit auseinandersetzen, dass sich seine Mutter mit Staffan, einem frömmlerischen Polizisten, eingelassen hat – insbesondere deshalb eine kitzlige Sache, weil er einerseits über den Tod seines Vaters noch nicht hinweggekommen ist und sich andererseits mit Schnüffeln und Einbrüchen seine Zeit vertreibt. Als er schliesslich in die Vampirgeschichte mit hineingezogen wird, werden seine schlimmsten Albträume wahr…

Abteilung: Alter Schwede! (Und Achtung: Spoiler voraus.)

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Buchkritik: Ein Inspektor kommt von J. B. Priestley

5. Dezember 2009

Originaltitel: A Inspector Calls. A Play in Three Acts
Autor: J. B. Priestley
Übersetzung: Michael Raab
Herausgegeben im Original: 1945
Verlag: Reclam

Eines Abends im Jahre 1912: Die Birlings, eine stinkreiche Industriellen-Familie, die kurz vor dem Adelstitel steht, feiert die Verlobung von Tochter Sheila mit Gerald Croft, Sohn einer ebenfalls reichen und angesehenen Familie. Mitten in die gemütliche Runde platzt ein Inspektor Goole, der den Tod von Eva Smith untersucht – die junge Frau hat Selbstmord begangen, indem sie Desinfiziermittel getrunken hat. Im Laufe der Befragungen stellt sich heraus, dass alle Anwesenden auf die eine oder andere Art mit ihr zu tun hatten: Arthur Birling, der Familienvater, hat sie einst aus einer seiner Fabriken entlassen, Sheila hat aus Eitelkeit dafür gesorgt, dass sie an ihrer nächsten Stelle gefeuert wurde, Gerald hat sie sich daraufhin als Geliebte genommen, um sie schliesslich wieder fallen zu lassen, etc. Tragen sie alle Schuld am Tod der jungen Frau?

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Buchkritik: Tannöd von Andrea Maria Schenkel

5. Dezember 2009

Titel: Tannöd
Autorin: Andrea Maria Schenkel
Erstmals herausgegeben: 2006
Verlag: btb

„Tannöd“, der Debütroman der Arzt-Gattin, Hausfrau und Mutter Andrea Maria Schenkel, lag eigentlich schon eine ganze Weile in den Läden, als sich das Büchlein plötzlich zu einem veritablen Hit entwickelte, wochenlang auf den Bestsellerlisten zu finden war und diverse Preise einheimste; inzwischen gibt es auch eine Hörspiel- sowie Bühnenfassung und läuft bekanntlich gar eine Verfilmung im Kino (weswegen ich überhaupt erst darauf aufmerksam wurde, hüstel).

Bei ihrem kleinen Überraschungshit liess sich Schenkel von einem wahren Fall von 1922 inspirieren, der sich im oberbayerischen Hinterkaifeck zutrug – sechs Leute wurden auf einem Bauernhof umgebracht, der Mörder ward nie gefasst. Dieser Mehrfachmord war schon öfters Gegenstand fiktionaler und dokumentarischer Bücher oder Filme (ein gewisser Peter Leuschner strengte übrigens eine Anklage wegen Plagiats an, habe sich die Autorin von „Tannöd“ doch bei seinem 1978 erschienenen Sachbuch „Hinterkaifeck – Deutschlands geheimnisvollster Mordfall“ bedient – die Klage wurde abgewiesen). Im vorliegenden Roman jedoch werden die Geschehnisse in eine andere Zeit und eine fiktive Ortschaft versetzt, was die Möglichkeit bietet, nach Belieben umzugestalten und Lücken zu füllen (so wird hier beispielsweise doch noch ein Mörder präsentiert, wäre sonst auch ein bisschen frustrierend gewesen).

Das Buch spielt immer noch in der bayerischen Provinz, aber im fiktiven Ort Tannöd und Mitte der Fünfzigerjahre: Die Danners, Bauern von Beruf, sind etwas eigenbrötlerisch und seltsam. Der Familienvater ist ein herrischer alter Tyrann, der den Mägden nachsteigt, seine Frau flüchtet sich ins Frömmlerische. Barbara Spangler, die erwachsene Tochter, hat zwei Kinder; das erste stammt von ihrem nach nur einem Jahr davongelaufenen Ehemann, das zweite vom Bauern Georg Hauer, welcher der jungen Dannerin nach dem Tod seiner eigenen Frau den Hof gemacht hat. Freilich geht die Gerüchteküche, dass in Wirklichkeit beide Sprösslinge vom alten Danner stammen.
Eines Morgens fehlt plötzlich Marianne, Barbaras Tochter, unentschuldigt in der Schule – und bleibt fort. In den nächsten Tagen sieht keiner, weder der Postbote, noch ein Monteur, der draussen war, noch die Nachbarn einen der Danners oder deren Magd. Schliesslich wagt sich jemand auf deren Hof, um nachzuschauen, was eigentlich los ist…

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Buchkritik: Lunar Park von Bret Easton Ellis

13. Oktober 2009

LUNAR PARK

Autor: Bret Easton Ellis
Übersetzung: Clara Drechsler, Harald Hellmann
Herausgegeben (im Original): 2005
Verlag: Heyne

Bret Easton Ellis dürfte den meisten dank „American Psycho“ ein Begriff sein, ein der Gewaltverherrlichung und Frauenfeindlichkeit angeklagter Skandalroman, der schon vor seinem Erscheinen einen gewaltigen Rummel auslöste, es in Deutschland zur (inzwischen auch schon länger wieder aufgehobenen) Indizierung brachte und 2000 mit einem gewissen Christian Bale in der Hauptrolle (*leicht* entschärft) verfilmt wurde. Vorher schon nicht ganz unbekannt und gefeiert als Mitglied des sogenannten literarischen Brat Pack, stieg Ellis durch den überragenden Erfolg des Buches (und die heftige Kontroverse um dasselbige) endgültig zum Kultautor auf.

Genau darum geht es dann unter anderem auch in „Lunar Park“, dem vierzehn Jahre später veröffentlichten, jüngsten Werk des Schriftstellers: Dieses handelt von einem Schreiberling namens Bret Easton Ellis, der durch den Roman „American Psycho“ zum literarischen Megastar aufsteigt. Aber schneller, als man „Autobiographie!“ schreien kann, relativiert sich das auch schon wieder: Zwar beginnt das Buch mit einem Karriereüberblick, der sich recht nahe an das Leben des echten Ellis hält, doch schleichen sich von Beginn weg Irritationen ein, wenn zum Beispiel der Ich-Erzähler behauptet, in Camden College studiert zu haben – diese fiktive Institution hat nie ausserhalb des Romans „Less Than Zero“ existiert. Vollends erfunden sind dann die berühmte Schauspielerin Jayne Dennis und die Beziehung des Autors zur selbigen; das Gleiche gilt für den gemeinsamen Sohn Robby. Die Vermischung von Biographie und Werk (immer schon ein Merkmal von Ellis’ Büchern) derart auf die Spitze getrieben, wird der allzu nahe liegende Drang, aus dem Buch Rückschlüsse auf den Autor zu ziehen (etwas, das Ellis mehrfach erlebte), lächerlich gemacht. Der Erzähler im Roman sagt dann auch beispielsweise zu „Less Than Zero“: „Das Buch wurde als Autobiografie missverstanden […], und die reisserischen Szenen darin […] basierten auf blutrünstigen Gerüchten […], nicht auf eigenen Erfahrungen“ (S. 15f.). Der Leser ist gewarnt, vorschnelle Schlüsse zu ziehen.

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