Buchkritik: Herr Lehmann von Sven Regener

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1989, Westberlin: Frank geht stramm auf die Dreißig zu, weswegen er nur noch Herr Lehmann genannt wird (was ihn nervt). Eigentlich führt er ein halbwegs glückliches Leben (mit einem ausfüllenden Beruf als Barkeeper), doch überstürzen sich plötzlich die Ereignisse: Er verliebt sich in die neue (und schwierige) Köchin Katrin, seine Eltern kommen aus der Provinz zu Besuch und sein bester Freund Karl gleitet allmählich in den Wahnsinn ab. Kommen diverse Begegnungen mit aggressiven Kötern, nicht minder aggressiven Lederschwuchteln oder engstirnigen Busfahrern hinzu …

Sven Regener, das ist der Typ von der altgedienten Chanson-Pop-Band Element of Crime, der schnorrige Sänger mit den öfters mal rätselhaften Texten. Der schrob mit „Herr Lehmann“ einen Überraschungs-Bestseller, der vor zehn Jahren erschien (Jubiläum!), bereits 2003 verfilmt wurde (von Leander „Sonnenallee“ Haußmann, nach einem Drehbuch von Regener selbst), und dem mit „Neue Vahr Süd“ sowie „Der kleine Bruder“ gleich zwei Prequels folgten.

Nachdem ich nun bloß eine ganze Dekade brauchte, um mir das Werk vorzunehmen (als Element-of-Crime-ganz-gern-Möger hatte ich selbiges schon immer auf meiner Wunschliste stehen), kann ich nur sagen: Durchwachsen, durchwachsen. Solang tatsächlich was passiert oder Regener knackige Dialoge präsentiert, ist „Herr Lehmann“ ganz spannend. Und es erwischte mich immer wieder mal ein herrlich absonderlicher Satz völlig unvorbereitet, so dass ich spontan schallend loslachte.

Aber schließlich ist es so: Ob Herr Lehmann versucht, einem knurrenden Hund loszuwerden, seine liebe Mühe mit seiner störrischen Mutter hat oder seine Freundin beim Fremdgehen erwischt (upps, Spoiler): Das sind müde alte Klischees, die selbst den besagten Hund nicht mehr hintern Ofen hervorlocken (2001 waren die Leute womöglich leichter zum Lachen zu bringen). Laaangweilig!

Beinahe vorzeitig verleidet hat mir „Herr Lehmann“ aber dies: Das Buch geht immer wieder in lange, gedankenstromartige, äh, Gedankengänge seiner Hauptfigur über, bei denen sich mehr oder weniger wirre Überlegungen über irgendwelche Alltagsbeobachtungen teils seitenweise überschlagen. Und diese Gedankengänge fand ich weitgehend zäh, ärgerlich-retardierend, nie-enden-wollend, brutal lesefluss-stoppend, möchtegern-geistreich, augenrollen-induzierend und schlicht und einfach nervig wie Sau. Als Herr Lehmann sich in Kapitel 3 über sechs Seiten beinahe ohne Unterbruch über so eine banale Scheiße wie Frühstücker aufregte, war ich drauf und dran, das gottverdammte Buch in den Schredder zu pfeffern und Regener eine Briefbombe zu schicken. (Teils schleicht sich dieser unerquicklich gewundene Stil auch in die erwähnten Dialoge ein.)

Zugegeben, das mag reine Geschmackssache sein (Karasek *und* Reich-Ranicki können sich doch nicht irren), und im Gesamteindruck ist „Herr Lehmann“ dann nicht ganz so schlimm (wie gesagt, „herrlich absonderliche Sätze“, etc.). Aber beim lieben Gott: Regener kommt mir ab jetzt nur noch auf Tonträgern ins Haus (keine Hörbücher!).

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2 Antworten to “Buchkritik: Herr Lehmann von Sven Regener”

  1. Dr. Acula Says:

    Pffz. Ignorant der Literatur! *schmoll*

  2. gregorschenker Says:

    Wenn dein Literaturgeschmack deinem Musikgeschmack entspricht…

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