Buchkritik: Wilhelm Storitz‘ Geheimnis von Jules Verne

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Originaltitel: Le Secret de Wilhelm Storitz
Übersetzung: Gaby Wurster
Verlag: Piper, 2009

Franzmann Marc reist nach Ungarn, wo sein kleiner Bruder reich und berühmt geworden ist und eine Tochter aus gutem Hause heiraten will. Ebenfalls auf besagte Tochter aus gutem Hause hat es der deutsche Chemiker Storitz abgesehen. Weil aber eine rechte Ungarin niemals einen dreckigen Preussen heiraten würde, kriegt Storitz einen Korb – und rächt sich mithilfe eines Unsichtbarkeits-Serums …

Verne hat den Roman angeblich 1898, ein Jahr nach H.G. Wells „Der Unsichtbare“ begonnen – aber von der Unsichtbarkeits-Sache an sich mal abgesehen gibt es kaum Ähnlichkeiten zwischen den Büchern. Leider. Ist Wells Buch ein wunderbarer kleiner Sci-fi-Thriller, so ist Vernes Schinken eine stinklangweilige Mischung aus Reisebericht, (fiktivem) Stadtführer und Volkskunde-Dokumenation mit angehängtem Familiendrama, bei dem der ganze Terz mit der Unsichtbarkeit nur eine Nebenrolle spielt (es hätte genau so gut irgendeine andere Art Waffe sein können). Das passt natürlich zum Bild von Verne als faktenversessenem, seriös wissenschaftlich orientiertem Schreiber (während Welles mehr auf Sozialkritik schielte und sich keinen grossen Kopf um Plausibilitäten machte), aber es macht nicht gerade eine spannende Geschichte. Zumindest für mich nicht.

Erschienen ist „Wilhelm Storitz‘ Geheimnis“ übrigens erst fünf Jahre nach Vernes Tod 1905 und zwar in einer nachträglichen Bearbeitung durch seinen Sohn Michel Verne (wie so viel von Jules‘ Spätwerk). 1985 hat dann die Société Jules Verne die Originalversion ausgegraben und herausgegeben und darauf basiert die Übersetzung des Piper-Verlags, die ich mir vorgenommen hab. Die Unterschiede sind angeblich nicht allzu gravierend, aber eine äusserst hilariöse Änderung gibt es: Jules Vernes Originalversion trieft vor antideutschen Ressentiments. Nicht nur die französische Hauptfigur und sein Bruder, sondern auch sämtliche Ungarn können die Deutschen auf den Tod nicht ausstehen und bekräftigen immer wieder, was für ein unangenehmes Volk vor allem die Preussen seien. Storitz selbst ist dann auch eine durch und durch unsympathische Erscheinung, eine rassistische Karikatur par excellence. Einfach nur wunderbar.
Davon abgesehen ist „Wilhelm Storitz’ Geheimnis“ aber kein interessanter Roman. Immerhin, die deutsche Ausgabe mit einer Einführung von Franz Rottensteiner ist ganz hübsch gemacht.

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