Buchkritik: Mir selber seltsam fremd – von Willy Peter Reese

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Was hier in die Schlacht zieht, kann kaum als Kritik siegen. Die Kriterien sind in dieser Stellung hierfür nicht gegeben, und gerade darum: Soll es Erwähnung finden.

Reeses Bericht von seinen Einsätzen an der Ostfront während des 2. Weltkrieges ist noch nicht einmal Bericht. Zeugnis viel mehr, aber ohne Zeugenschaft. Beteiligter, der wenig teilt oder mitteilt, aber dennoch –
Willy Peter Reese hatte schriftstellerische Ambitionen. Während des Krieges an der Ostfront schreibt er, und er schrieb viel. Er selber stirbt 1944 im Krieg, sein Nachlass verbleibt ohne Aufmerksamkeit, bis sich eine Zusammenarbeit mit dem Stern-Reporter Schmitz ergibt. 2004 wird das Büchlein „Mir selber seltsam fremd“ herausgegeben.

Wäre damit alles gesagt: Schreibender Wehrmachtssoldat?

Ich erinnere mich, wie mein Grossvater mir als Kind seine eisernen Kreuze erster und zweiter Klasse gezeigt hatte. Nicht mit Stolz, aber auch nicht ohne, war es, dass er mir diese Stückchen Metall zeigte. Sorgsam waren sie versteckt, sie waren nicht ausgestellt gewesen. Ich war genug alt gewesen, dass ich um die Bedeutung des Hakenkreuzes Bescheid wusste, und ich wusste, dass ein Soldat kein General war, noch weniger ein Politiker oder ein Rüstungsunternehmer: In der Hierarchie des Krieges nimmt er die unterste Position ein, als Kanonenfutter, als Entbehrlicher, da massenhaft bloss existent. Und dennoch ist es der Soldat, der den Krieg mit sich schleppt, während die Bürosesselfurzer, die ihn planen, sonderbarerweise so wenig direkt in Kontakt damit gelangen.

Irgendwie müssen gewisse solche Überlegungen hier an den Anfang gestellt werden, denn hier in der Schweiz gibt es eine weit verbreitete Tendenz, sich mit solchen Dingen nicht zu beschäftigen. Es könnte als Kollateralschaden auch wieder die alte Frage nach der Rolle der Schweiz damit aufkommen. Darum fällt die Reaktion gegenüber Solchen, die Krieg selbst erfahren oder direkt davon erzählt bekamen, reserviert aus. Höfliches Interesse vorspielen, moralische Entrüstung dahinter aufbauen. Nicken, Lächeln, in den Augenwinkeln urteilen und Kopf schütteln.

Willy Reese war kein Schriftsteller – er war ein angehender Schriftseller, ein junger Mann, der in den Krieg eingezogen wurde, mehrmals an der Ostfront war, mehrmals überlebte und verletzt zurückkehrte und dann erneut an die Ostfront kam.

Es ist nicht der Aufschrei, nicht das Entsetzen. Das sind keine Bilder von Dix, die nochmals den Schrecken beschwören, keine bedrückenden Geschichten von Borchert, die sparsam mit Worten umgehen würden, um die Verwirrung auszudrücken, die rückblickend so lähmend auf den Beteiligten lastet.
Es sind merkwürdig fliehende Passagen: Beschreibungen von Natur, von Pflanzen, von Wetter. Temperatur, Witterung, Licht und Dunkel, die über die russische Steppe ziehen. Es sind häufig ereignislose Momente, denen er grosses Gewicht gibt, durch ausführliche Beschreibungen dessen, was ihn umgibt. Reese sucht in dem, was ihn umgibt, nach sich selber.
Es ist ein zermürbendes Beispiel der Selbstbeobachtung, das Reese hier ausbreitet: Ein Sehnen nach sich selber, das scheinbar letzte noch, das ihn am Leben hält in dieser Entfremdung des Krieges.
Das erreicht häufig auch die Ebene von fast schon kitschiger Emphase in der Selbstanalyse, eine erzwungene Form von Menschlichkeit, die sich durch die Zeilen durchdrückt und die mit metaphysischen Begriffen um sich schlägt. Eine Art Spiritualität ohne Martyrertum, ein Mystizismus ohne Ziel, die den Autor dem Leser weiter entfernt als jede Kriegshandlung es machen könnte. Und dann kommt der nächste Befehl, der nächste Marsch, das nächste Gefecht, das Reese trocken beschreibt – aber nicht im Militärjargon, nicht im bürokratischen Tonfall der Schlachtenbeschreibung.

Es ist diese Mischung aus Erleben, Erdulden, Warten und sprödem Leiden, das immer wieder am Rande den Wahnsinn des Krieges kurz erwähnt, das berührt, indem es nicht berühren will. Dieser Zyklus von Schlaflosigkeit, Erfrieren, Hunger, Schiessen und beschossen werden, von Schnee, Matsch, Holzöfen und von Leichen, die am Strassenrand liegen, die ohne Hierachie aufeinander folgen. Leuchtraketen, Nachtsterne, brennende Dörfer, im Schlamm versinkende Pferde, auftauende Beinstumpfe; Ruhr, Kopfschmerzen, Trunkenheit, Wut, Läuse und zerfetzte Menschenkörper existieren neben Gräben, nächtlichen Spähtrupps, Zugfahrten an die Front, tagelanges Marschieren, Stellungskrieg, Rückzug, Minen.

Es existieren kaum andere Menschen. Am Rande werden Liebeleien während der Rekonvaleszenz erwähnt. Am Stärksten tritt die eine Krankenschwester hervor, in die sich Reese verguckt, während seines ersten Lazarettaufenthalts. In indirekter Rede lässt er sie davon erzählen, wie die Soldaten in ihr einen Engel sehen, sich zuerst spassend ihr anzunähern versuchen, dann, wie sie merken, dass sie allen gegenüber so ist, wütend werden: Sich Freiheiten versuchen heraus zu nehmen, zu Tieren in Wort und Handlungen werden. Reese verzichtet nach diesem Einblick in das Wesen des Soldaten und Mannes darauf, ihr gleichfalls seine Liebe zu gestehen.
Es ist eine der wenigen (die einzige?) Passage, in welcher Reese ein Gegenüber erhält. In allen anderen Momenten bleibt er merkwürdig alleine, breitet seine Gedanken aus und keine Konfrontationen. Er sucht in sich selber, er monologisiert, er berichtet aus seiner Perspektive. Er ist in einer Kompanie, tritt aber nicht als Kumpane auf. Er ist Teil einer Armee, aber dass er Soldat ist unter Soldaten, spielt fast keine Rolle. Lieber erzählt er von Wetter, Witterung, von Temperatur und Müdigkeit.

Willy Reese ist also bei sich. Und doch weiss er nicht, wer dieser ist. Ist er an der Ostfront, pendelt er zwischen der Hoffnung, nach Hause zurück zu kehren, und grübelnder Flucht – kehrt in sich selber hinein: Fragt sich, ob es jemals wieder gleich sein wird. Zurück in der Heimat, zwischen den Einsätzen, vermag sich kein Glück einzustellen; es schimmert nur der Wunsch auf, zurück an die Front zu wollen. Darin liegt der Riss: Er ist nur noch Soldat, er findet den Weg ins Zivile nicht mehr. Sein Leben besteht im Töten und Sterben. Diese entfremdende Erfahrung zermürbt ihn. Und er bohrt tiefer in diesen Riss hinein, ohne ihn verstehen zu können.
Reese ist kein Schriftsteller: Er ist Soldat. Aber gerade deswegen… denn was er versucht, zu beschreiben, entgleitet ihm, ist grösser als er. Den Passagen entnimmt man immer wieder dieses Bemühen, dass hier einer mit den Mitteln der Sprache versucht, Sinn zu geben der Sinnlosigkeit; dass er versucht, zu strukturieren, ohne einer militärischen Logik zu verfolgen. Die Rede ist nicht vom ‚Feind‘, von ‚Sieg oder Niederlage‘, er hierarchisiert nicht das oben und unten. Den Krieg hinterfragt er nicht, es ist keine Anklage, die er erhebt. Denn die kann er sich nicht leisten: Er steckt mitten drin. Aber er betrachtet die Umgebung und sucht in sich selber. Nicht nach Menschlichkeit, sondern nach sich selber, nach einem kleinen Funken „Trotzdem bin ich…“ – aber wie kann einer von Millionen Soldaten dessen Schicksal ohne Bedeutung ist, noch ein „Ich“ heraus schreien? Er kann es nicht, gerade darin liegt ja die Erfahrung. Alles was übrig bleibt, ist die stumme Sinnlichkeit, das Suchen nach physischen Empfindungen, nach emotionalen Filtern, Betrachtungen über Natur und Krieg, die verschmelzen (die Natürlichkeit des Krieges und das Agressive der Natur sind zwei wieder kehrende Themen).

Zwischen all dem hantiert Reese mit der Sprache. Wird selber Filter des ihn Umgebenden, und ist nicht mehr als Soldat, als Kanonenfutter: Sein Tod ist mitgerechnet. Auch wenn er noch ist, in ihm steckt schon das „Er ist nicht mehr“.
Darin das Dilemma, etwas zu fühlen, aber doch nicht: Sich zu fühlen. Man ist nicht mehr bei sich: Man ist im Krieg. Willy Reese schreibt nicht gegen den Krieg, er schreibt trotz des Krieges. Er ist nicht Autor, er ist Soldat: Aber in seinem Schreiben steckt nicht der Soldat, sondern der junge Mann, der in einem Krieg kämpfen muss, der nicht seiner ist.

Man wird Willy Reese während des Lesens seltsam fremd…

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2 Antworten to “Buchkritik: Mir selber seltsam fremd – von Willy Peter Reese”

  1. Gregor Schenker Says:

    Grmpf, was ist ein „Zeugnis ohne Zeugenschaft“? Ging da der Literat mit dem Kritiker durch?

    Aber man bekommt am Ende das Bedürfnis, Reese zu lesen.

  2. Albrecht Füller Says:

    hehe, das gebe ich zu: Dass da die Kritik mehr als blosse Buchbesprechung sein wollte. Was ihr aber auch erlaubt sein soll.
    Und trotzdem: DIe Formulierung verteidige ich.
    Zeugnis ohne Zeugenschaft – im Sinne von ‚Bericht ohne Berichterstattenden‘, oder auch als ‚Ausbreitung, bzw Fassbarmachung von etwas ohne dass Reese dafür eintritt und sich verbürgt‘.
    Auf jeden Fall besser als ein „Testimonium ohne Testikel“ 😛

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