Buchkritik: Hunkeler macht Sachen von Hansjörg Schneider

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Hunkeler, der alte Basler Komissär, entdeckt nach einer Sauftour den alten IV-Bezüger Hardy auf einer Parkbank sitzen – erdrosselt und mit einem abgeschnittenen Ohrläppchen. Die ersten Spuren führen ins Albaner-Milieu, genauer gesagt, zum mafiösen Drogenschmuggel (Hardy war daran beteiligt) und zu einer Fehde zwischen drei albanischen Familien. Eigentlich ist Hunkeler dem Fall gar nicht zugeteilt, aber weil der Mord an Hardy Ähnlichkeiten zu dem Mord an der Prostituierten Barbara Amsler hat, für den der alte Kommissär zuständig ist, mischt er sich in die Ermittlungen ein – und bringt es dabei fertig, sich von einem verdächtigten albanischen Familienoberhaupt niederschlagen zu lassen. Weil besagtes Familienoberhaupt infolgedessen aus dem Gefängnis entkommt, wird Hunkeler beurlaubt.

Selbstverständlich führt er seine Untersuchungen dennoch weiter und stellt schließlich fest, dass die albanischen Mafiosi mit den Morden kaum etwas zu tun haben dürften. Als dann ein Zigeuner-Mädchen angegriffen wird, offenbar vom selben Täter, der auch Hardy und Barbara auf dem Gewissen hat, ist Hunkeler längst auf eine ganz andere Fährte gestoßen …

Hansjörg Schneider, ursprünglich Lehrer, Journalist und Regieassistent, veröffentlicht schon seit den Siebzigern Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Wirklich bekannt geworden ist er aber mit den Kommissär-Hunkeler-Krimis, die es seit 1993 zu acht Folgen und zwei Verfilmungen gebracht haben. „Hunkeler macht Sachen“ ist nun mein erster Hunkeler-Krimi (sowie mein erstes Schneider-Erzeugnis) und auf den ersten Blick sind mir einige starke Parallelen zu den Wachtmeister-Studer-Krimis von Friedrich Glauser (1896-1938) aufgefallen: Hier wie dort ist der Protagonist ein alter verdienter und erfahrener Polizist, der eher zur Gemütlichkeit tendiert, im Notfall aber schnell handeln und mitunter Temperament zeigen kann. In beiden Fällen gerät besagter Polizist aufgrund seiner Ehrlichkeit und Sturheit gerne mal mit seinen Vorgesetzten aneinander (die eher die Politik als die Gerechtigkeit im Auge haben) oder stellen sich selbst karrieretechnisch ins Abseits. Auch (teilweise schwerwiegende) persönliche Fehler sind ihnen nicht fremd. Sowohl Hunkeler als auch Studer (bzw. die jeweiligen Autoren) geben sich schließlich sozialkritisch und mischen sich in politische Sauereien ein (dazu später mehr), in beiden Fällen spielen dabei Akten, bzw. die Verstricktheit des modernen Menschen ins Aktenwesen, eine wichtige Rolle.

Offensichtlich erreicht „Hunkeler macht Sache“ aber nicht ganz das Niveau eines „Erwin Schlumpf Mord“ oder „Matto regiert“: Obwohl Schneider einige Helvetismen in sein Buch einbaut („Langezeit“ zum Beispiel), traut sich Glauser mit seinem unverwechselbaren Stil, der hochdeutschen und dialektalen Duktus mischt (vergleichbar zu Jeremias Gotthelf), deutlich mehr. Zudem nehmen sich zwar sowohl Schneider als auch Glauser viel Zeit für ihre Figuren und das Lokalkolorit, Glauser ist aber eindeutig der genauere Beobachter und der mit den psychologisch ausgefeilteren Charakteren. Zudem gehen die subtilen schriftstellerisch-selbstreflexiven Elemente, die in Glausers Werken eine wichtige Rolle spielen, „Hunkeler macht Sachen“ weitgehend ab (dort findet sich bloß etwas oberflächliche Medienkritik).

Schließlich kommen wir zur Sozialkritik zurück: Hat sich Glauser mit den erbarmungslosen Mühlen der Justiz oder den erschreckenden Auswüchsen des Psychiatrie-Systems befasst, so nimmt sich Schneider in „Hunkeler macht Sachen“ den Opfern des Hilfswerkes Kinder der Landstrasse an. Kurz gesagt: Von 1926 bis 1972 versuchte diese Institution (ausgerechnet von der Pro Juventute gegründet), die sogenannten Zigeuner in der Schweiz sesshaft zu machen, indem man ihnen die Kinder wegnahm und diese in Heime oder Pflegefamilien gab (was gern mit systematischen Misshandlungen zu Erziehungszwecken einher ging); Kontakte zwischen Eltern, Kindern und Geschwistern wurde verhindert. Die Kinder sollten zu Normalbürgern zwangssozialisiert und aus dem „asozialen“ Umfeld der Fahrenden „gerettet“ werden, quasi Integration als sanfte ethnische Säuberung. Zusammen mit dem Verdingkinder-Wesen oder dem System der Zwangssterilisationen und –kastrationen eine der großen Heldentaten der jüngeren Schweizer Geschichte (und wie diese wenig aufgearbeitet; mit den Entschädigungen hapert’s sowieso und die treibenden Kräfte hinter dem Projekt wurden nie zur Verantwortung gezogen).

Nun, Hansjörg Schneider, bzw. Kommissär Hunkeler macht keinen Hehl daraus, auf wessen Seite er in dieser Angelegenheit steht, und in der Tat ist seine Empörung voll und ganz nachvollziehbar. Aber er übertreibt es mit dem Engagement und wird mit der Zeit extrem moralisierend und plump. Auch da ist ihm Glauser überlegen: Der empört sich nicht einfach streng nach Schwarzweiss-Schema und kaut dem Leser dabei alles vor, sondern analysiert ruhig und exakt und scheut sich nicht vor Ambivalenzen. Glauser sagt einem nicht einfach, was gut und was böse ist, sondern weist auf Grauzonen hin und gibt einem Stoff zum Nachdenken.

Nun ist es natürlich unfair, Schneider ausgerechnet am Übervater des Schweizer Kriminalromans zu messen (auch wenn mir offensichtlich scheint, dass er sich bewusst in diese Tradition stellt). Tritt man etwas von diesem Vergleich zurück, bleibt immer noch ein spannender Krimi mit sympathischen Figuren und etwas Schweizer Lokalkolorit, der schnell und flüssig ausgelesen ist. Man muss also nicht gleich eine Warnung aussprechen. Außerdem wär immer noch spannend zu wissen, wie sich Schneider in den anderen Hunkeler-Romanen schlägt.

(Fun Fact am Rande: 2005 gewann Schneider mit „Hunkeler macht Sachen“ den Friedrich-Glauser-Preis.)

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