Posts Tagged ‘Schrattmann’

Josef Schrattmanns Vormittag

21. Januar 2016

Verträumt im Rübenbeet gelegen, dachte Josef Schrattmann nicht, sondern fühlte den Boden unter sich. Das Beet flüsterte ihm Obszönitäten ins Ohr, während es in seinen Rücken hinein wuchs.

Josef öffnete die Augen, starrte zur Decke hinauf und sann seinen Träumen hinterher, die ihm allesamt flink entwischten, und erhob sich aus dem Bett mittels eines Handstandes, während er der Sonne ein Lied sang und sich zum Gehen stürzte. Mit der linken Wange auf dem Boden zerschunden, schwor er dem Wecker seine Liebe und rollt sich zur Decke, um die Fledermäuse zu vertreiben, indem er einen Schlager auf der Zahnbürste blies.

Auf dem Küchentisch tanzte das Licht, vom Fenster zur Küche hinein reflektiert, als Josef besagtes Fenster öffnete, um einen Blumentopf in den Hof hinunter zu werfen. Was hatte ihm der Blumentopf getan, um diese Strafe zu provozieren? Josef war in die Küche getreten und sah mit an, wie der Blumentopf sich mit dem Rest vom Kaffee paarte. Inakzeptabel, natürlich. Aber verdiente der Blumentopf dafür die Todesstrafe? Ja.

Der Blumentopf prallte vom Boden ab, schnellte in die Luft und landete schliesslich im Rübenbeet, wo er zersprang. Seine Erde mischte sich mit der Erde des Beetes. Das entsetzte Josef so sehr, dass er sich in sich zusammenfaltete und unter der Spüle versteckte.

Dem Kaffee kamen kleine Bläschen hoch. Josef hatte neuen gemacht und in der Mikrowelle erhitzt. Sacht krachte es aus dem Schacht, der frische Luft in die Küche zwang. Der Geruch des aufgekochten Kaffees gewann. Aber nur knapp.

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Der Toaster

5. Januar 2016

Als der junge Josef Schrattmann zwecks Studium von zuhause weg und in seine erste eigene Wohnung zog, kaufte er sich unter anderem einen Toaster. Diesen probierte er eines Morgens aus – und prompt haute es die Sicherung heraus. Schrattmann brachte den Toaster zurück zum Elektronikfachgeschäft, um sich ein Ersatzgerät geben zu lassen, das er dann auch erhielt. Damit hatte sich die Sache erledigt.

Der Waldspaziergang

3. Januar 2016

Josef Schrattmann erwachte frühmorgens in der Waldhütte, die er zusammen mit seiner Frau für ein paar Tage gemietet hatte, und verspürte das drängende, ja geradezu zwingende Bedürfnis, einen Waldspaziergang zu machen. Von diesem Bedürfnis getrieben, sprang er aus dem Bett und hinein in die Natur, mit einem Lied auf den Lippen und der Sonne im Herzen.

So spazierte er durch den Wald, atmete die frische Luft und erholte seine müden Städteraugen am saftigen Grün der Tannenbäume.

Doch kaum war er für eine Viertelstunde unterwegs gewesen, drang ein fernes Keuchen an sein Ohr. Er verliess sogleich den Gehweg und versteckte sich im Dickicht. Da waren sie, unüberblickbar an der Zahl: Jogger. Überall nur Jogger, ganze Heerscharen von Joggern in leuchtenden Westen, eine Sintflut aus mannsgrossen Orangen, die über das Kies pflügte.

Die Herde zog vorbei, bis schliesslich ein älteres Exemplar hinterher hinkte. Schrattmann verliess das Dickicht, sprang dem Jogger auf den Rücken und brachte ihn damit zu Fall. Er betäubte ihn mit einem kräftigen Faustschlag auf die Nase und hob ihn auf den Rücken, schleppte ihn zurück zur Waldhütte, wo die Frau Gemahlin noch immer schnarchte, ging in die Kochnische und zerkleinerte den Jogger im Mixer zu einem schmackhaften Püree. Drei Viertel davon ass Schrattmann selbst. Den Rest überliess er seiner Frau, die er weckte, indem er ihr einen Eimer mit kaltem Wasser über den Kopf schüttete.

Auf dem Weg zur Beiz

2. Januar 2016

Auf dem Weg zu seiner Stammbeiz ging Josef Schrattmann die Strasse runter, als sich ihm eine Kreatur in den Weg stellte. Sie war zweieinhalb Meter gross, blickte ihn böse aus drei Augen an und flatterte mit ihren gewaltigen Fledermausflügeln. Ihre violette Haut war über und über mit giftgrünen Warzen besetzt. Sie öffnete ihr riesiges Maul, wobei zwanzig Zentimeter lange Reisszähne hervorblitzten, und sprach ihn an: „Ich bin ein Ungeheuer vom Mars und ich will dich fressen.“

„Nicht schon wieder“, dachte Schrattmann. Er hasste es, auf der Strasse einfach so von Bittstellern angequatscht zu werden. Amnesty International, Winterhilfe oder Surprise: In Zürich florierte das Strassenräubertum. Ganz zu schweigen von den Punks am Bahnhof oder den Bettlerinnen in den Fussgängerunterführungen.

Schrattmann hob die Schnapsflasche in seiner Hand. „Geh mir aus dem Weg, oder ich zieh sie dir über den Schädel“, drohte er.

Zur Antwort biss ihm das Ungeheuer vom Mars den Kopf ab.

„Da hört sich doch alles auf!“, empörte sich Schrattmann, und holte mit der Schnapsflasche aus.

An der Schnauze getroffen, rief das Ungeheuer „Autsch!“ und wandte sich zur Flucht, doch Schrattmann hatte einen schnellen Arm und schlug wieder und wieder zu, so dass das Marsmonster quietschte. Endlich spuckte es Schrattmanns Kopf aus und flatterte mit Tränen in den Augen davon.

Schrattmann las seinen Kopf vom Pflaster auf und setzte seinen Weg in die Beiz fort. Nachdem er dort angekommen war, stellte er fest, dass das Ungeheuer vom Mars sein Portemonnaie gestohlen hatte.

Die Leiden des jungen S.

25. Dezember 2015

Innenansicht. Ein Fernsehstudio. Irgend ein Abendprogramm, das sich niemand ansieht, bis auf diesen komischen Typen mit den ungepflegten Haaren, der immer in unserem hippen Café rumsitzt, und uns von „Adorno“ erzählt. Dabei sind italienische Nachspeisen sowas von out.

Moderator: Bei mir hier im Studio sind Herr Schrattmann, auf dessen Leben die Kurzgeschichten Herrn Gregor Schenkers aufbauen, sowie Herr Schenker selber. Guten Abend, die Herren.

Schrattmann: Guten Abend.

Gregor Schenker: Genau.

Moderator: Unsere Runde wird vervollständigt durch ein Schaf, das wir heute Morgen draussen vor der Türe fanden.

Schaf: Mir war kalt.

Moderator: Sehr schön. Herr Schrattmann, Sie baten mich zuvor, Sie wollten gleich zu Beginn etwas klar stellen.

Schrattmann: Ja, es ist nämlich so, dass Herr Schenker mich völlig falsch darstellt.

Gregor Schenker: Ach hören Sie doch auf.

Schrattmann: Doch, doch – ich bin bei weitem nicht so kleinbürgerlich und bieder, und seit diese Geschichten im Umlauf sind, werde ich andauernd angesprochen. Wildfremde Leute möchten ein Selfie mit mir machen, schreien hell auf, wenn sie mich sehen und zeigen mit dem Finger auf mich und rufen meinen Namen.

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