Autor-Archiv

Rückzugskampf der Postmoderne

21. November 2017

Auf Zeit Online erschien am 19.12.2016 ein Gastbeitrag von Michael Hampe. (http://www.zeit.de/2016/52/kulturwissenschaft-theorie-die-linke-donald-trump-postfaktisch-rechtspopulismus – leider muss man sich anmelden, um den Artikel lesen zu können.) In diesem wirft er „der“ kulturwissenschaftlichen Linken, aus der Hampe kurzerhand ein Kollektiv macht, vor, nichts anderes zu tun, als „historisch [zu] dekonstruieren und politisch [zu] korrigieren“. Dieser „KWL“ gehe es, so Hampe, im Moment schlecht. Schuld daran sei nicht ihre Theorie, welche Hampe sicherheitshalber en passant dennoch diffarmiert. (Diese Form der Polemik hat den für den Herren Philosophen angenehmen Vorteil, dass er keine Argumente zu liefern braucht.) Das Problem dieser Linken bestehe darin, dass sie – so der Vorwurf Hampes – jegliche Art von Wahrheiten und Fakten relativiere und zu diskursiven Konstruktionen reduziere. Nun stellt Hampe einen Zusammenhang her zwischen dieser Linke und dem Rechtspopulismus: Die Theorie der „KWL“ liefere den RechtspopulistInnen das Instrumentarium, um ihre „alternative facts“ zu legitimieren. Sinngemäss: „Wenn schon alles konstruiert ist, kann ich mir meine Welt zusammenkonstruieren, wie ich will, die Realität spielt dabei keine Rolle, wie Ihr ja selbst sagt.“ (more…)

Advertisements

Die Verteufelung des e-books ist die fortgesetzte Verteufelung des Taschenbuchs

5. Juli 2017

Vor ungefähr vier Jahren schrieb der Autor eine erste abgeschlossene Fassung dieses Textes, der anschliessend mehrmals noch überarbeitet wurde. In dieser Zeit hielt sich der Autor für unglaublich gescheit, hätte gerne wie der Herr Professor Adorno geschrieben und glaubte immer Recht zu haben. Heute weiss er, dass er Recht hat. In seiner Oblomow’schen Trägheit unterliess er es, den Text nochmals zu überarbeiten und notwendige Streichungen vorzunehmen. Veröffentlicht wird der Text nur, weil zwei liebe Menschen damals sich des Textes annahmen. Der Autor hat ihre Anmerkungen berücksichtigt, soweit er in der Lage war, ihre Handschriften zu entziffern.

 

Die Debatte darum, ob das «Kulturgut» Buch vom Untergang bedroht sei, ist nicht neu. Zu erinnern ist an Theodor W. Adornos Essai Bibliographische Grillen (Adorno 2003: 345-357) und an jenen Hans Magnus Enzensbergers, Bildung als Konsumgut. Analyse der Taschenbuch-Produktion (Enzensberger 1964: 134-166). Während Adorno stärker das Verkommen der Bücher überhaupt zu Werbeträgern kritisiert und die damit einhergehende Degradierung der Lesenden zu Konsumierenden, trifft die Kritik Enzensbergers das Taschenbuch als solches härter. So scharfsichtig Enzensbergers Analyse des Taschenbuchs und dessen Produktion und Produktionsbedingungen ist, hat ihm die Entwicklung nach seinem Essai (1958, revidierte Fassung von 1962) nicht nur Recht gegeben, etwa in Bezug auf den «Luxus» einer programmatischen Linie, die sich Verlage nicht mehr leisten würden. Den Reclam Verlag trifft die Enzensberger’sche Kritik kaum, da er das Bildungsideal des 19. Jahrhunderts vertritt. Die Taschenbücher aus Reclams Universal-Bibliothek sind für Lesende interessant, denen es zwar an ökonomischem Kapital mangeln mag, allerdings über genügend symbolisches Kapital verfügen, um die Reclam-Taschenbücher wertschätzen zu können. Wenn Enzensberger behauptet, Philipp Reclam hätte seine Leserschaft – zunächst Schüler und Studierende, später auch Arbeitende – eben gekannt und wusste, was sie wollten, weshalb er keine marktstrategischen Finessen und Manipulationen habe anwenden müssen, so dürften fairerweise Verleger und Lesende von sogenannter Unterhaltungs- und Trivialliteratur nicht verteufelt werden. Warum sie verteufeln, wenn sie bekommen, was sie wollen? Enzensbergers Kritik mag auf das falsche Bewusstsein abzielen, das unbestritten durch viele (Taschen-)Bücher Lesenden eingeflösst wird; sein Argument verfehlt allerdings das Ziel. Insgesamt tut er dem Taschenbuch Unrecht an. Beispielsweise, wenn er die Aufbereitung von Klassikern zum Konsumgut analysiert. Seine Kritik, dass dabei die Mentalität von Massenkonsum und Ausverkauf der Kultur zu Tage tritt, ist zweifelsfrei richtig; es handelt sich allerdings um ein Problem auf der Ebene der Produktion und nicht um eines des Taschenbuchs als Medium. Dass es auch anders geht, beweisen nämlich die Vorworte und Anhänge französischer Taschenbuchausgaben von Klassikern und kanonischen Werken, deren Texte sorgfältig editiert sind. Seit der Publikation von Enzensbergers Taschenbuchanalyse erfolgten auch positive Entwicklungen. Damals musste er noch feststellen
In zwölf Jahren haben sie [die Taschenbuchverleger] keine einzige Schrift über das skandalöse Versagen unserer Städteplanung, über das zunehmende Verkehrschaos, über die Fehlleistungen unserer Schulpolitik, über die zunehmende ökonomische Konzentration hervorgebracht. Das sind Beispiele aus der deutschen Innenpolitik, von außenpolitischen Gegenständen ganz zu schweigen. Das Taschenbuch hat ein Publikum, das in die Hunderttausende geht. Worauf warten die Verleger? Warum exponieren sie sich nicht? Bereitwillig liefert der Apparat Zuckerbrot und Zirkusspiele. Kultur läßt er sich ablisten. Tabu bleibt, was im politischen Alltag nützen könnte. Auch hierin spiegelt sich eine Lage. Wer sich damit begnügt, sie zu reflektieren, statt sie zu ändern, hat schon kapituliert. (Enzensberger 1964: 160)
Mittlerweile liegen nicht nur Enzensbergers eigene Essais als Taschenbücher vor; auch Bücher des Philosophen Giorgio Agambens, des Soziologen Richard Münchs und Robert Menasses kulturtheoretische Schriften und Reden – um es bei diesen Beispielen zu belassen – liegen in der edition suhrkamp als Taschenbücher vor.
Im kürzlich erst erschienenen Buch Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990 (München 2015) bemerkt der Autor, Philipp Felsch, dass im Anschluss an die Kritiken am Taschenbuch eine ironische Wendung erfolgte. Denn ausgerechnet im Medium des Taschenbuchs verbreiteten sich die theoretischen Schriften. Der Erfolg und die Beliebtheit der Theorie und der Philosophie war der Erfolg von Theorie in Taschenbüchern, die bei Suhrkamp und Merve verlegt wurden (und es immer noch werden).

(more…)

Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Dritter und letzter Teil.

27. Februar 2017

In der Zwischenzeit hatten Hafermaas und Malhonneth versucht, sich an der Joghurt-Diskus-sion zu beteiligen, die sich in der Küche fortsetzte. Sie wendeten ein, dass Luhmanns systemtheoretischer Ansatz durchaus interessante Erkenntnisse hervorbringen könne, doch der Weisheit letzter Schluss sei er nicht. Stattdessen würden sie es bevorzugen, das Joghurtproblem diskursethisch zu betrachten, schliesslich sind die idealen Kommunikationsbedingungen gegeben, um im absolut nicht-entfremdeten Zusammenhang miteinander zu sprechen – die übrigen Diskussionsteilnehmer liessen sie nicht einmal ausreden und verscheuchten sie aus der Küche. Ein gewisses Verständnis und Wohlwollen für seltsame und ausgefallene Theorien war in dieser Wohngemeinschaft ja geradezu zwangsläufig vorhanden. Doch worauf die Kommunikations- und Anerkennungstheorien der beiden hinauswollten, war noch niemandem klargeworden. Soviel zu den idealen Kommunikationsbedingungen.
Gekränkt und sich missverstanden fühlend zogen sie sich in Hafermaasens Zimmer zurück, wo sie ihre diskursethischen und anerkennungstheoretischen Theorien weiter diskutierten. Die Stimmung wurde bald so euphorisch und ihre Stimmen immer lauter, dass Zimmernachbar Michel Foucault mehrmals gegen die dünne Zimmerwand klopfte. Zunächst wurden sie der Reklamation des Zimmernachbars gar nicht gewahr. Als Foucault nach kurzer Zeit erneut gegen die Wand hämmerte, hörten sie zwar die Geräusche, doch diskutierten sie unbeeindruckt weiter. Irgendwann aber platzte Foucault der Kragen. Nachdem er mit der Faust noch einmal so fest gegen die Wand hämmerte, dass drüben Putz von der Decke rieselte, liess er es dabei nicht bleiben, sondern kam herüber. Wütend klopfte er gegen die Tür. Diese wurde ihm von einem Hafermaas mit verstrubeltem Haar voller Putz geöffnet. Foucault hielt den beiden eine Standpauke: bevor sie grosse Töne spucken und mit Begriffen wie Diskursethik und Anerkennungstheorie um sich werfen sollten sie zuerst einmal den Begriff des Diskurses überhaupt verstehen – und das können sie natürlich nur, wenn sie Foucaults Bücher lesen. Überhaupt, so Foucault, würden die beiden besser ihre Zeit damit verbringen, über die Macht des Schimmels und dessen Praktiken nachzudenken, in denen er sich manifestiert. Als Foucault, immer noch zornig, die Türe wieder zuknallte, schauten Hafermaas und Malhohnneth ebenso verwirrt und verloren drein, wie als sie sie dem wütenden Foucault geöffnet hatten.
Währenddessen hatten Gretchen und Marcuse in dessen Zimmer Platz genommen und sich in ein Gespräch über Marcuses Werk vertieft. Nach etwa vierzig Minuten – die Zeit ging auf acht Uhr zu – klopfte Rudi Dutschke bei Marcuse an. (more…)

Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Teil II

27. Februar 2017

Luhmann hatte gerade durch die rechte Tür die Küche verlassen, um auf seinem Zimmer seine Schreibunterlagen und seinen Zettelkasten zu holen, als Horkheimer durch die linke Türe in die Küche zurückkehrte. In der Zwischenzeit hatten er, Benjamin und Adorno über die Möglichkeit markenloser Joghurts diskutiert. Benjamin war Feuer und Flamme für die Idee und hielt sie für unbedingt umsetzbar. Adorno hörte die Botschaft wohl, doch fehlte ihm der Glaube. Und Horkheimer selbst stellte betrübt fest, wie pessimistisch er auf seine alten Tage wurde. Er war in die Küche zurückgekehrt, weil er die Rechnung für die monatliche Miete hatte liegen lassen. Sie lag noch dort. Was Wunder. Als die Wohngemeinschaft gegründet worden war, ist Horkheimer zum Hauptmieter designiert worden. Jürgen Hafermaas und Axel Malhonneth mussten zuvor aber von allen gemeinsam davon abgehalten werden, zum Vermieter zu stürmen; sie waren – und sind immer noch – der festen Überzeugung, die idealen diskursethischen Bedingungen seien in der Wirklichkeit gegeben, sodass die Welt rein mittels Sprechakte verändert werden könne; man müsste also bloss mit dem Vermieter reden, dann würde sich das Problem der Miete in Luft auflösen. Ein paar Mitbewohner in spe hatten sie einfach ausgelacht. Adorno, Benjamin und Horkheimer, so erinnerte dieser sich, hatten aber bloss peinlich berührt die Decke angestarrt. Die Frage nach dem Hauptmieter stand damals also weiterhin im Raum. Plötzlich erinnerte jemand daran, dass Horkheimers Vater doch Fabrikant, also ein Unternehmer sei. Horkheimer müsse demnach doch bewandert sein in geschäftlichen Dingen. Unsolidarisch hatten Adorno, Benjamin und Marcuse geschwiegen, obwohl es einen von ihnen gerade so gut hätte treffen können. Eine ganze Woche hatte Horkheimer anschliessend nicht mehr mit ihnen gesprochen.
Horkheimer faltete die Mietrechnung und steckte sie in die Hosentasche seines Anzugs. Als er auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er die Diskussion zwischen Adorno und Benjamin immer noch in vollem Gange. Adorno war damit beschäftigt, Motive in Benjamins Plädoyer für die markenlose Joghurt-Produktion ausfindig zu machen, an denen er Brechts schlechten Einfluss auf Benjamin aufzeigen könnte. Horkheimer setzte sich an seinen Schreibtisch und kümmerte sich um die Angelegenheiten, die bald am Institut für Sozialforschung anstanden. Er hatte gerade keine Lust mehr, sich an der Diskussion zu beteiligen, wollte die beiden aber auch nicht verjagen. (more…)

Das Joghurt. Zur Kritik der politischen Mykologie. Teil I

27. Februar 2017

Paris, Mai 68. Eine Studenten-WG im Quartier Latin. Es geht auf zwei Uhr nachmittags zu. Die Stimmung ist angespannt; seit mehreren Tagen schon kann kaum jemand noch schlafen, weil Herbert Marcuse seit Tagen frühestens um vier Uhr morgens von «Diskussionen» mit seinen Studentinnen nach Hause kommt. Die Nerven liegen blank, niemand kann sich konzentrieren, alle sind aggressiv. (Ausser Marcuse selbst freilich, der seinerseits allerdings darüber irritiert ist, dass alle so verkrampft und angespannt sind.)

Langsam fand der Frühaufsteher Theodor Wiesengrund-Adorno den Weg in die Küche. In der vergangenen Nacht hatte Adorno ausserordentlich schlecht geschlafen. Nicht nur kam Marcuse erst zu einem Zeitpunkt nach Hause, an dem viel zu viele schon wieder an die Arbeit denken müssen, als ob das nicht genug wäre, erlebte Adorno in der vergangenen Nacht einen fürchterlichen Albtraum, von dem er sich noch immer nicht ganz erholt hatte. Ihm träumte, Gretel Adorno, Max Horkheimer und dessen Frau Maidon seien auf einmal wilde Jazz-Fans geworden, die versuchten, Adorno zu überzeugen vom ekstatischen, von allem befreienden Jazz. Unfähig etwas dagegen zu tun, stand Adorno gebannt da, während die drei zuckend um ihn herum tanzten. Adorno schüttelte es. Gemächlich tastete er sich vorwärts – seine Augen hatten sich noch nicht an das Licht gewöhnt. Er kochte heisses Wasser für den Kaffee.
Er schlurft zum Kühlschrank, öffnet ihn….
und machte ihn sofort wieder zu.
Ihm wurde gelb und grün im Gesicht, doch Adorno fasste neuen Mut, denn Kaffee ohne Milch kann er einfach nicht trinken. Vorsichtig öffnete er die Kühlschranktüre erneut und während sich seine Hand langsam in Richtung Milch bewegt, schielt er zum ekelhaften Objekt hinüber, das sein Auge erblickt hatte. Hinten, im Ecken des obersten Fachs stand ein geöffnetes Joghurt, dessen Schimmel die ursprüngliche Akkumulation bereits abgeschlossen hatte. Angewidert nahm Adorno die Milch schnell heraus und schloss hastig die Kühlschranktüre.
Währenddessen hatte der zweite Frühaufsteher der Wohngemeinschaft seinen Weg in die Küche gefunden. Adorno erschrak, als er sich umdrehte und seinem Kaffee zuwenden wollte – denn hinter ihm stand Max Horkheimer.
«Guten Morgen Teddie.»
«… guten Max. Du hast mich erschreckt.»
«Tut mir Leid.»
«Kaffee?»
«Gerne.»
«Ich hatte einen fürchterlichen Alptraum.»
«Wovon träumtest Du denn?»
«Ich träumte, dass Gretel, Du und Maidon sich in wilde Jazz-Fans verwandelten und mich umtanzten und mich vom Jazz überzeugen wolltet.»
Horkheimer schüttelte es ebenfalls bei dieser Vorstellung.
«Und zu allem Übel steht auch noch ein geöffnetes verschimmeltes Joghurt im Kühlschrank.»
«Widerlich.»
«Weisst Du, wer es herein gestellt haben könnte?»
«Nein. Ach, in der bürgerlichen Gesellschaft war freilich einiges schlecht, aber weisst Du noch, als wir noch jünger waren, da waren die Joghurts noch gut. Die sind nie verschimmelt. Keine massenproduzierten Waren, wie es sie heute gibt.»
«Wo Du recht hast, hast Du recht.»
Die beiden setzten sich an den Tisch und vertieften sich in ein Gespräch darüber, was in der bürgerlichen Gesellschaft alles noch gut gewesen war.
Da sie miteinander diskutierten, bemerkten sie nicht, dass schon der dritte Mitbewohner in der Küche auftauchte. Die Hände weit von sich gestreckt stolperte Walter Benjamin durch den Raum und stiess an jedes Möbel an. Er hatte seine Brille wieder einmal in der Küche liegen lassen. Horkheimer wurde auf den Hinzugekommenen aufmerksam und nachdem er dessen Brille ausfindig gemacht hatte, reichte er ihm diese.
«Besten Dank.»
«Gern geschehen.»
«Habt ihr gut geschlafen?»
«Niemand schläft gut, wenn der Herbert erst zu Uhrzeiten nach Hause kommt, bei denen anständige Menschen schon wieder zur Arbeit gehen.»
«Hm.»
«Teddie hatte einen Alptraum.»
«Hm?»
«Er träumte, dass Grete, Maidon und ich uns in Jazz-Fans verwandelten, ihn wild umtanzten und vom Jazz überzeugen wollten.»
Die Vorstellung bringt Benjamin zum Lachen.
«Und zu allem Übel», schaltete sich Adorno in die Diskussion ein, dem es merklich unwohl dabei war, wenn seine Alpträume kolportiert werden, «steht im Kühlschrank ein verschimmeltes Joghurt.»
«Oj wej. Wisst Ihr, wem es gehören könnte?»
«Nein, aber Max fand, dass das bei den Joghurts der bürgerlichen Gesellschaft, die wir frühen assen, niemals passiert wäre.»
«Da hat er recht. Man sehe sich alleine schon die Kartonverpackungen der Joghurts an. Dank der technischen Reproduzierbarkeit gleicht eine Verpackung der anderen.»
Adorno und Horkheimer blickten einander an, verdrehten die Augen und hofften, dass in der Ausführung, die jetzt offenbar folgen wird, Benjamin wenigstens nicht von Aura sprechen wird.
«Die technische Reproduzierbarkeit hat dazugeführt, dass ein Joghurt wie das andere aussieht, so wie ein Ei dem anderen gleicht. Zudem geht die technische Reproduzierbarkeit einher mit einem Verlust an Erfahrung, mit einer regelrechten Erfahrungsarmut. Niemand stellt heutzutage mehr seine eigenen Joghurts her, darum weiss auch niemand mehr, wie man Joghurts selbst herstellt.»
Benjamins Zuhörer begannen, von ihm unbemerkt, bullshit-bingo zu spielen, während sie sich die grösste Mühe gaben, den Schein zu wahren, dass ihre Aufmerksamkeit ungeteilt sei.
«Arm sind wir geworden. Doch ob diese Armut vom kommenden Sozialismus oder von einer neuen Barbarei kündet, ist unklar. Alles wird davon abhängen, ob wir unsere eigenen Joghurts machen können.»
Horkheimer und Adorno schoben unauffällig ihr bullshit-bingo zur Seite; keiner der beiden hatte gewonnen, da Benjamin die Aura nicht erwähnte. Sie tranken ihre Kaffees fertig und zogen sich in Horkheimers Arbeitszimmer zurück, weil er die grössten Zimmer der Wohngemeinschaft hat. Benjamin frühstückte nie; wer braucht schon Kaffee, wenn er in den Taschen immer was zu naschen hat?

(more…)