Autor-Archiv

Als mich der Staat adoptierte

11. August 2018

Dieser Text wurde letztes Jahr von der Feministischen Gruppe „Comadres Púrpuras“ aus Venezuela auf dem Infoportal „Frontal 27“ publiziert. Eine ehemalige Chavistin erzählt über ihre Erfahrungen als Aktivistin der „Bewegung für eine Fünfte Republik (MVR), die sich 2006 mit der Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV) zusammenschloss. Sie erkannte erst nach 19 Jahren, dass das militaristisch-chavistische/maduristische Regime nichts mit Emanzipation zu tun hat. (more…)

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Pathetisch

21. April 2018

Ein „Danke“ wäre nicht genug.

Meine Erleichterung ist nur ein Sprung davon entfernt sich ins Unbekannte zu stürzen.

Tagelang wach und nur beim verschwinden unserer inneren Finsternis erfand ich den Tag für mich neu. (more…)

Über die Kulturindustrie in „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer

21. April 2018

Die Kulturindustrie kann als „eine Form der intellektuellen Produktion unter den Bedingungen von Fordismus12 bezeichnet werden und ist somit unmittelbar an die Entwicklungen des Kapitalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts gekoppelt. Jegliche Ansätze, die die Kulturindustrie auf eine bloße Medientheorie reduzieren, werden ihrem begrifflichen Inhalt nicht gerecht. Vielmehr bezieht sich der Begriff „Kulturindustrie“ auf jegliche kulturelle Äußerung innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse seit dem Fordismus. Das beinhaltet die Wissenschaft, den städtischen Raum, die Musik, die Politik, die Architektur usw.3 Auch wenn der Kultur innerhalb kapitalistischer Gesellschaften ein Hauch der Selbstbestimmung und Originalität anhaftet, die den Schein erwecken, sich der rationalisierten kapitalistischen Produktionsweise zu entziehen, identifizieren Horkheimer und Adorno die Kultur als vereinheitlichtes, uniformes System, das die wirtschaftliche Rationalität beständig reproduziert. „Film, Radio, Magazine machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen.“4 (more…)

Exkurs in die Verwesung

12. März 2018

Schon als Jugendlicher bekam er seine Pickel aus dem Gesicht geboxt. Zwischen Eiter, Blut und Tränen, blieb nie viel Zeit übrig, um ein Selbstvertrauen aufzubauen. Sein Kopf glich einer Abrissbirne, seine Emotionen liefen im Takt der Pendelbewegungen des Lebens, und er rannte in regelmässigen Abständen gegen die Wand. Doch nur sein Charakter zerbrach. Er war Staub, aber redet sich ständig ein, er sei Wind. (more…)

Einige Gedanken zur „Repräsentierten Wirklichkeit“

25. Februar 2018

Der kurze Beitrag „Revolutionäre Repräsentation und digitale Solidarität“, der in einer Zürcher Zeitung anfangs 2017 erschien, formuliert eine spannende Kritik am unreflektierten Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln, vor allem mit dem Internet, innerhalb revolutionärer Kreise und an ritualisierten Aktionsformen seitens einiger AktivistInnen. Dennoch bleibt die Gesamtaussage des Textes, vielleicht aufgrund der begrenzten Platzmöglichkeit innerhalb der erwähnten Zeitung, ein Stück weit unklar. Wer den Beitrag nicht kennt wird in diesem Text den Hauptargumenten begegnen, eine Auseinandersetzung mit dem Original ist nicht unbedingt notwendig. Dennoch wird auch die vorliegende Schrift das Phänomen der modernen Kommunikationsmittel nicht in ihrer gesamten Bandbreite erfassen können, sie soll jedoch Fragen und Argumentationen aufwerfen die im oben erwähnten Beitrag m. E. zu kurz gekommen sind oder gar nicht berücksichtigt wurden. Die repräsentierte Wirklichkeit wird hierbei nicht nur aufs Internet bezogen, sondern auf die herrschende Logik der Warengesellschaft, die alle Bereiche unseres Lebens durchdringt. (more…)

Wir haben alles aber sind nichts

30. Januar 2018

Für dich, Mensch der Zukunft.

Meine Möglichkeiten blieben mir lange verborgen, ja das Leben selbst blieb mir lange vorenthalten. So bitter es auch klingen mag, ich muss es nun zugestehen. Mein Weg kreuzte sich nie mit dem was ich wollte, sondern nur mit dem was war. Mit dem was ist. So wie viele andere Menschen sank ich den Kopf und suchte nach Sicherheit in der, mir vorgegebenen, Realität. Mein Verständnis von Freiheit war nur ein blindes herumstolpern innerhalb einer Käseglocke die mir die Illusion gab nicht in einem Gefängnis zu leben. Je mehr der Beton, der Vater des Fortschritts, mit seiner eisigen Kälte mein Alltag eroberte, desto mehr sehnte ich mich nach der Wärme einer gleichgesinnten, monotonen Herde. Mein Leben war gekennzeichnet durch Apathie und beherrscht von einer erlernten Hilflosigkeit die mich verleitete an Parteien, an die Wirtschaft, an die bürgerliche Familie, an den Fortschritt, ja an den Staat selbst zu glauben. Doch der Glaube an all diese Sachen bedeutet das Leben selbst zu verneinen. Angst vor meinen Möglichkeiten zu haben bedeutet Angst vor meinem eigenen Spiegelbild zu haben. Nun bin ich 85 Jahre alt und Frage mich, wie viele Jahre war ich wirklich lebendig?“

Nonno Roberto

Es war ein eiskalter und regnerischer Morgen, als ich schweißgebadet in meine Küche kam. Ich konnte den Wind deutlich durch die Fenster pfeifen hören und den Donner so fest in meinem Magen spüren, als ob ich Thor selbst, verspeist hätte. Sogar meine Knie fingen an zu zittern und ich bekam das Gefühl ein Erdbeben würde innerhalb von Sekunden mein gesamtes Ich in tausend Teile zerreißen. Wer hätte dann das Puzzle wieder zusammengesetzt? Ich weiß es nicht.

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Gegen das Nicht-Leben

30. November 2017

Die Zeitschrift „Anarquía y Comunismo“, erscheint seit dem Jahr 2014 in Chile und ist Online unter https://anarquiaycomunismo.noblogs.org/ als Pdf erhältlich. Die folgende Übersetzung stammt aus der Herbstausgabe dieses Jahres.

Der Wunsch unser aktuelles Leben zu verwerfen, um es gegen ein anderes umzutauschen ist heutzutage Teil unseres Alltagsverstandes. Egal ob wir uns dabei das Leben anderer Menschen wünschen oder eine vollkommen neue Lebensform anstreben, die passive Akzeptanz des Bestehenden prallt meistens gegen die verallgemeinerte Unzufriedenheit die die durch-kommerzialisierte Menschheit bedrückt. Der tägliche Verkehr innerhalb dessen unser Leben stattfindet, kann als ein Kommen und Gehen zwischen unserem Zuhause und den Zentren der Produktion und des Konsums zusammengefasst werden. Diese verschiedenen Orte innerhalb derer sich der proletarisierte Mensch bewegt, verkörpern die Zerteilung seines Lebens: Die Haushalte wurden für immer mehr Schichten innerhalb der Bevölkerung zu Nischen der Ruhe und der Gefangenschaft… wahre Haftanstalten für die Erholung des Menschen. Wenn der Mensch arbeitet, tut er dies nicht im Einklang mit seinen Bedürfnissen, sondern im Einklang mit den Bedürfnissen der Warenproduktion. Die Arbeit ist nur ein Mittel, um einen Teil der menschlichen Bedürfnisse zu decken. Letztere gehören ebenfalls zu den Sphären des Marktes. Die Zeit zur Erholung und Entspannung, in denen der Mensch endlich Zeit für sich und andere hat (von denen er aufgrund der bestehenden Verpflichtungen und Entbehrungen getrennt wird) verbringt er meist vor dem Bildschirm oder mit dem sonstigen Konsum von anderen Waren. Somit bewegt sich auch die Gestaltung der Freizeit innerhalb derselben Mechanismen wie der Rest der sozialen Verpflichtungen des Menschen: Auf die Pflicht zur Unterhaltung folgt, anhand der Pflicht zur Produktion, die Beschränkung der eigenen Zeit und Energie.

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29. Juli 2017

‚Mundus vult decipi‘! WORTHÜLSEN GEGEN DAS LEBEN IM FALSCHEN. Zürich 2017.

15. Juli 2017

jesuisauto

Pierre Clastres, anarchistischer Ethnologe.

18. Juni 2017

Pierre Clastres (1934-1977) war ein anarchistischer Ethnologe aus Frankreich. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit indigenen Völker aus Südamerika wie z.B den Guayaki aus Paraguay, den Chulupi aus dem Gran Chaco (eine Region die Gebiete aus Argentinien,Bolivien,Paraguay und Brasilien umfasst), den Yanomami (eine Region innerhalb Venezuela und Brasilien) und den Guarani aus Brasilien. Clastres betreibt politische Anthropologie und ist leider in vielen Kreisen (selbst viele Ethnologie Studenten haben sich kaum mit ihm befasst) relativ unbekannt. Zu seinen bekanntesten Schriften gehören „Die Gesellschaft gegen den Staat“, „Archäologie der Gewalt“ und „Über französische Marxisten und ihre Anthropologie“. Letzterer Text zeigt Clastres kritische Einstellung gegenüber dem wissenschaftlichen Opportunismus vieler Marxisten (nicht gegen die Marxsche Kritik per se), er versucht aufzuzeigen wieso Begriffe wie Produktion oder Produktionsverhältnisse nicht auf primitive, indigene, nicht-gespaltene Völker anwendbar sind. Mit viel Humor und einer sehr direkten Art greift er die zentralen Thesen von marxistischen, als auch von strukturalistischen Anthropologen an. Dieser Text konnte Clastres jedoch nie überarbeiten und er ist einer seiner letzten Schriften.

Der hier aufgeführte Text „Über was lachen Indianer?“, ist ein Auszug aus seinem Hauptwerk „Die Gesellschaft gegen den Staat“. In diesem Werk kritisiert er die zentrale Stellung vom Staat innerhalb der politischen Anthropologie seiner Zeit, er versucht aufzuzeigen, dass der Staat nicht eine allgegenwärtige natürliche Entwicklung innerhalb von menschlichen Gesellschaften ist, sondern dass die Geschichte vieler indigener Völker aus dem Amazonas Gebiet, die Geschichte von Völkern ist, die mit ihren Strukturen und Normen versuchten den Staat zu verhindern. „Über was lachen Indianer?“, sind Mythen der Chulupi Indianer die Clastres während seiner Feldforschungen aufgenommen hat. Wie er selbst sagt: „Die Wirkung bleibt nie aus: das anfängliche Schmunzeln weicht schnell einem kaum unterdrückten Glucksen, dann schallendem Gelächter, bis am Schluss nur noch Freudengeheul erschallt. Während das Tonbandgerät diese Mythen aufnahm, übertönte der Lärm der etwa zehn zuhörenden Indianer zuweilen die Stimme des Erzählers, der selbst jeden Augenblick im Begriff stand, seine Fassung zu verlieren. Wir sind keine Indianer, doch vielleicht finden wir, wenn wir ihren Mythen lauschen, einen Grund, uns mit ihnen zu freuen.“

Kapitel 6 Worüber lachen die Indianer?

Die strukturale Analyse, die die Erzählungen der »Wilden« endlich ernst nimmt, lehrt uns seit einigen Jahren, dass derlei Erzählungen tatsächlich äusserst ernst sind und dass sich in ihnen ein System von Fragen artikuliert, die das mythische Denken auf die Ebene des Denkens schlechthin erheben. Da wir dank den Mythologica von Claude Lévi-Strauss nunmehr wissen, dass die Mythen nicht reden, um nichts zu sagen, erwerben sie in unseren Augen ein neues Prestige: und man erweist ihnen gewiss nicht zuviel Ehre, wenn man ihnen Gewicht beimisst. Vielleicht aber birgt das jüngst erwachte Interesse an den Mythen auch die Gefahr, dass wir sie diesmal allzu »ernst« nehmen, wenn man so sagen darf, und ihre gedankliche Dimension nicht richtig beurteilen. Kurz, wenn man ihre weniger gespannten Aspekte im Dunkel liesse, würde sich eine Art Mythomanie breit machen, die einen Zug vergässe, der vielen Mythen gemeinsam ist und ihren Ernst nicht ausschliesst: nämlich ihren Humor. Nicht weniger ernst für die, die sie erzählen (die Indianer z. B.), als für die, die sie sammeln oder lesen, können die Mythen dennoch eine ausgeprägte Vorliebe für das Komische entwickeln und zuweilen die ausdrückliche Funktion erfüllen, die Zuhörer zu vergnügen, ihr Gelächter auszulösen. Wenn man bemüht ist, die Wahrheit der Mythen vollständig zu bewahren, darf man die reale Bedeutung des Lachens, das sie verursachen, nicht unterschätzen und muss berücksichtigen, dass ein Mythos von ernsten Dingen reden und gleichzeitig diejenigen zum Lachen bringen kann, die ihm lauschen. Der Alltag der »Primitiven« steht trotz seiner Härte nicht immer im Zeichen der Mühsal und Sorge; auch sie verstehen es, sich Augenblicke der Entspannung zu verschaffen, und ihr ausgeprägter Sinn für das Lächerliche bringt sie häufig dazu, sich über ihre eigenen Ängste lustig zu machen. Und nicht selten betrauen diese Kulturen ihre Mythen mit der Aufgabe, die Menschen zu zerstreuen, indem sie ihr Dasein gewissermassen entdramatisieren. Die beiden Mythen, die wir vorstellen wollen, gehören zu dieser Kategorie. Sie wurden im letzten Jahr bei den Chulupi-Indianern gesammelt, die im Süden des paraguayschen Chaco leben. Diese teils burlesken, teils unzüchtigen Geschichten, denen es trotzdem nicht an einer gewissen Poesie mangelt, sind allen Mitgliedern des Stammes, ob jung oder alt, wohlbekannt: doch wenn sie wirklich Lust zum Lachen haben, bitten sie einen im traditionellen Wissen bewanderten Greis, sie ihnen ein weiteres Mal zu erzählen. Die Wirkung bleibt nie aus: das anfängliche Schmunzeln weicht schnell einem kaum unterdrückten Glucksen, dann schallendem Gelächter, bis am Schluss nur noch Freudengeheul erschallt. Während das Tonbandgerät diese Mythen aufnahm, übertönte der Lärm der etwa zehn zuhörenden Indianer zuweilen die Stimme des Erzählers, der selbst jeden Augenblick im Begriff stand, seine Fassung zu verlieren. Wir sind keine Indianer, doch vielleicht finden wir, wenn wir ihren Mythen lauschen, einen Grund, uns mit ihnen zu freuen.

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