Ga-Gaga-Rin-Rage: Das grosse Christbaum-Schleppen in Basel

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IN BASEL WAR DIE HÖLLE LOS!
… … …
Na gut, es war ein Höllchen bloss.

 
 
Am Sonntag, 13. Januar fiel die Gruppe Konverter einmal mehr in Basel ein. Wir hatten das angekündigt unter dem Titel Ga-Gaga-Rin-Rage. Das Programm beinhaltete:
1. Einen künstlerischen Spaziergang
2. Eine Diskussionsrunde mit Gekritzel plus Märchen-Lesung
3. Einen Vortrags-Besuch
Dies nun ist der Rechenschaftsbericht.

Wann nahm das Unheil seinen Anfang? Vergangenen November. Al Brecht besuchte die Kunsthalle Kleinbasel, die mit einer Eröffnungsausstellung (Tjefa Wegener: Aktfotografie) die Tatsache feierte, dass sie endlich neue Räumlichkeiten gefunden hatte, und zwar in einer ehemaligen Bäckerei. „Die Wände trugen noch Spuren alter Schokolade“, so Albrecht.
Bei dieser Ausstellung lernte Al Brecht den Russen Ivan Isaev kennen, der als Curator in Residency in Basel wirkte (ein Projekt des Ausstellungsraums Klingental mit dem Atelier Mondial und Pro Helvetia).
Ivans Projekt blind_spot sollte eine offene, verstreute Plattform für alle bieten, die mitmachen wollen – ein Konzept, das sich mit unserem durchaus überschneidet. Eins führte zum anderen, und so lud uns Ivan nach Basel ein. Es sollte eins seiner letzten Projekte in der Stadt sein; zwei Tage später reiste er nach Russland zurück.

 
Spaziergang mit Ulla M. Brella

Zu viert stiegen wir am Hauptbahnhof Zürich in den Zug. Neben Al Brecht hatten sich Ulla, Rogerg und Mama Migros zur Exkursion eingefunden; Barry B. hatte sich wegen fortgeschrittener Erschöpfung entschuldigt.
Wir hatten befürchtet, den Spaziergang bei kalten Regenwetter durchführen zu müssen – doch wurden wir angenehm überrascht. Der Regen machte Pause während des Spaziergangs, und es war zwar nicht gerade warm, aber immerhin wärmer als in Zürich (wie es so oft der Fall ist). So kamen wir guter Dinge an unserem Ziel an, wo uns Ivan abholte und uns Tramtickets zahlte. (Kleiner Schreckmoment: Hatten wir uns grade indirekt von Pro Helvetia mitfinanzieren lassen?)
Treffpunkt war der Kannenfeldplatz. Allzu viele Spaziergänger warens nicht (der Wetterbericht hatte wohl abgeschreckt), aber Jasmin von der erwähnten Kunsthalle war darunter. Zunächst gings durch den Kannenfeldpark über den nassen, morastigen Rasen. Es war wie in dieser Szene in Die unendliche Geschichte, in der Atréju sein Pferd an die Sümpfe der Traurigkeit verliert. Unsere armen Schuhe.
Im Park kamen wir an einer Art Arena vorbei; die perfekte Gelegenheit für eine Spontanlesung eines Auszugs aus Al Brechts Spartacus. Da geht Marcus Flavius Tullus (Rogerg) mit seinem Sohn (Jasmin) zum Gladiatorenmeister Batiatus (Al Brecht), um sich einen Privatkampf mit Spartacus anzusehen. Unsere Jacken flatterten im Wind.

Im Anschluss an die Impromptu-Lesung liessen wir den Park hinter uns und gingen die Kannenfeldstrasse runter. Einzelne in der Gruppe wurden melancholisch, als wir die Hausnummer 59 passierten: Im Mai 2015 wurde das damals leerstehende Haus im Rahmen der zweiten Atopie für eine Kunstausstellung besetzt – und schon tags drauf von der Polizei geräumt. Inzwischen ist alles abgerissen und neu gebaut. Gleich dahinter steht die römisch-katholische Antoniuskirche.
Hier fand die erste von drei künstlerischen Übungen statt, die Ulla eingeplant hatte.

Station 1: Seitwärts gehen
Vorbild hierfür war die Zürcher Agentur für Gehkultur von Marie-Anne Lerjen, die Spaziergänge mit bestimmten Übungen verbindet, was wiederum einen neuen Blick auf die Umgebung anregen soll. So folgten wir langsam der Kannenfeldstrasse, blickten dabei streng seitlich und achteten ganz bewusst darauf, wie sich die Architektur veränderte.

Nach der Übung traten wir in die Antoniuskirche, weil Ivan sie sich ein letztes Mal anschauen wollte. 1925-27 erbaut, war das die erste reine Betonkirche der Schweiz. So ist der Kirchenraum architektonisch streng und spröde (einzige Auflockerung: die Weihnachtskrippe neben dem Altar), aber in seinen Ausmassen beeindruckend. Wirklich hübsch ist so ein Brutalismus nicht, aber das Spartanische hat fraglos etwas Spirituelles.
Draussen hing ein Transparent mit folgender Aufschrift:

K.I.R.C.H.E.
Komm in Reichweite – Christen haben Energie

Station 2: Eine Schildkröte spazieren führen
Inspiration für die nächste Übung war Walter Benjamin, der einst in einem Fragment seines Passagen-Werks schrieb: „1839 war es elegant, beim Promenieren eine Schildkröte mit sich zu führen. Das gibt einen Begriff vom Tempo des Flanierens in den Passagen.“ (Ein ähnlicher Satz findet sich in seiner Abhandlung Das Paris des Second Empire bei Baudelaire: „Um 1840 gehörte es vorübergehend zum guten Ton, Schildkröten in den Passagen spazieren zu führen. Der Flaneur liess sich gern sein Tempo von ihnen vorschreiben.“) Ulla zeigte dazu eine entsprechende Illustration aus der Zeit herum.
Nun bestand die Übung darin, so zu spazieren, als hätte man eine Schildkröte an der Leine. Al Brecht trug eine grüne Jacke sowie einen Rucksack, war also genau richtig angezogen, um selbst eine Schildkröte zu spielen (zudem merkte Ulla an, dass seine zusammengeflickte Mütze an einen Schildkrötenpanzer erinnere). Al Brecht hatte praktischerweise sogar einen Schal, mit dem Rogerg ihn an die Leine nehmen konnte.

Im Rahmen der Übung stiessen wir zufällig auf einen Laden namens Shampoo Dogs. Dabei handelt es sich um eine Selbstbedienungs-Hundewaschanlage. Diese ist das ganze Jahr über täglich geöffnet, jeweils von 6 bis 22 Uhr. Darin stehen zwei grosse Hundewasch-Maschinen, die mit Geldeinwurf funktionieren. Damit nicht genug: Auch einen Automaten für Hundefutter und Co. steht dort. Wir waren hin und weg.

Weiter zum Rhein. Dort sahen wir einen Pontonier-Sportler, der in seinem Boot (einem sogenannten Weidling) rheinaufwärts stachelte (das heisst, er stiess das Boot mit einer langen Stange gegen den Wasserlauf vorwärts). Unsere Mama Migros feuerte ihn mit lautem Rufen an.

Station 3: Sich den perfekten Ort vorstellen
Der Wahlbasler Lucius Burckhardt (gestorben 2003) hatte in den 70ern die Promenadologie erfunden. Da gehts darum, die Umweltwahrnehmung zu erweitern (dürfte auch eine Inspirationsquelle der Agentur für Gehkultur sein). Eine von Burckhardts Ideen ist, sich einen perfekten Ort in einer Stadt vorzustellen, zum Beispiel einen öffentlichen Platz, und diese Vorstellung dann mit der vorliegenden Realität zu vergleichen.
In diesem Falle wies uns Ulla an, die Augen zu schliessen, und sagte: „Stellt euch den perfekten Kunstort vor.“ Diesen sollten wir mit dem Ort vergleichen, an dem wir unseren Spaziergang beendeten – dem Warteck.

 
Molotovs Märchen und der rasierte Bernhardiner

Das Warteck war einst eine Bier-Brauerei, in den 90ern wurde diese in einen Werkraum umgebaut. Dort gibts Ateliers, Werkstätten, Ateliers, Ausstellungsräume, Ateliers, etc. Ivan hatte uns in den Kunstraum Kaskadenkompensator (kurz Kasko) eingeladen. Wobei wir den eigentlichen Raum gar nicht nutzten, sondern in der kleinen Küche davor verblieben und picknickten: Während des Spaziergangs hatten wir Bier gekauft, Ulla hatte Tee mitgebracht (vor Ort gabs einen Wasserkocher), Ivan Schokolade und Macadamia-Nüsse. Gäste waren kaum welche da.

Al Brecht hatte eine Rolle Packpapier mit nach Basel genommen. Diese breiteten wir auf einem Tisch aus und kritzelten mit Filzstiften darauf herum, während wir assen, tranken und diskutierten.
Eine ältere Dame erzählte uns von Bondage, bzw. der japanischen Variante Shibari. Die Idee der Fesselung bestehe in einer extremen Nähe, in einer Intensivierung der Gefühle bis zum Schmerz.
Mit Ivan sprachen wir über unseren Kunstbegriff. Unsere Idee des Dilettantismus besteht darin, die Kunst zu entprofessionalisieren und zu entökonomisieren: Alle sollen Kunst machen können (selbst Künstler), und dabei soll es niemals um Geld gehen. Mit seiner Plattform blind_spot und der Idee eines „weak curating“ geht Ivan in eine ähnliche Richtung: Er bietet als Kurator einen Platz für alle, die etwas machen wollen, ohne sich in ihr Tun einzumischen. Keine Hierarchie zwischen Kurator, Künstler und Publikum. In seinen eigenen Worten:

platform blind_spot is a short term, soft and powerless institution that aims to develop the values of passivity, weakness, subtlety and deceleration through the means of contemporary art, cultural collectivism, mumblecore modality and alternative economical relations.

Das ist auch als ein Statement gegen die Leistungsgesellschaft zu verstehen. Mehr dazu hier.
Der Unterschied zwischen Dilettantismus und blind_spot liegt allerdings in Ivans Idee von hijacking the institutions, also dem Kapern der Kulturinstitutionen. Quasi die Kunstszene-Äquivalent zum politischen Marsch durch die Institutionen. Der Dilettantismus versucht weniger diesen Marsch zu gehen als einen alternativen, ganz anderen Weg zu finden.

Rogerg las dann noch eines seiner Märchen vor. Es ging darin um einen Gartenzwerg und Maulwürfe. Jasmin stellte die Handlung spontan nach.

Hier gibts das vollgekritzelte Packpapier in der Gesamtansicht.

 
Old New Year Talk bei Bartels

Nachdem wir im Kasko aufgeräumt hatten, zogen wir in Richtung des Kleinen Markgräflerhofs. Dort unterhält die Stiftung Bartels Fondation einige Ateliers. Und in einem dieser Ateliers sollte Ivan einen Vortrag über seine Zeit in Basel halten. Wir waren zum Grossteil ziemlich betrunken.

Unterwegs stiessen wir auf einen Christbaum, den jemand vor die Türe gestellt hatte. Ivan entflammte sofort vor Begeisterung und wollte den Baum mitnehmen. Rogerg erklärte sich bereit, ihm beim Schleppen zu helfen (er war der einzige, der Handschuhe trug).
Wie Ivan erklärte, hatte eine der Künstlerinnen, die er zu blind_spot geholt hatte, die Idee gehabt, entsorgte Christbäume einzusammeln, wiederzubeleben und einzupflanzen. Leider wurde nichts daraus, denn die Frau reiste wieder ab, bevor die Leute überhaupt anfingen, ihre Christbäume zu entsorgten. Nun aber war es endlich passiert: Ivan hatte einen Christbaum. Wir nahmen die Fichte mit zum Kleinen Markgräflerhof und stellten sie dort in einer Ecke ab.

Das Atelier hatte eine kleine Küche. Auf der Ablage hatte ein älterer Mann von der Stiftung einen Apéro vorbereitet, wohl für den Anschluss der Veranstaltung. Wir hielten soweit an uns, dass wir den Wein in Ruhe liessen – wir hatten ja noch Bier–, aber wir plünderten die Platte mit den Gebäckstangen. Dazu gabs Hummus als Dipp. Der erwähnte ältere Mann schaute indigniert. Und wenn ich jetzt im Rückblick darauf zurückblicke sowie Google zu Rate ziehe, befürchte ich, dass es sich dabei um Rainer Bartels selbst handelte. Fuck.

Das Atelier füllte sich und füllte sich und füllte sich mit Menschen; die Betreiber mussten immer mehr Stühle herbeischaffen, die letzten wurden an die Decke hoch gesetzt. Viele Leute mit überschlagenen Beinen und einer Hand am Kinn. Endlich konnte Ivan seinen Vortrag beginnen. Er erklärte der Runde nochmal sein Konzept, dazu projizierte er mit einem Beamer Bilder von seiner Basler Zeit an die Wand. Er erklärte auch, was es mit dem Christbaum auf sich hatte, und äusserte die Hoffnung, dass die Stiftung sich um den Baum kümmern würde. Man müsste mal nachfragen, was daraus wurde.

Als wir noch im Warteck diskutiert hatten, hatte Ivan den Wunsch geäussert, dass die Gruppe Konverter bei der Diskussion eingreife. Dazu kam es nicht wirklich. Ulla und Rogerg reisten zurück nach Zürich, während Jasmin und Al Brecht noch Biernachschub holen gingen (Mama Migros hatte sich schon während der Warteck-Happenings verabschiedet). Wie Al Brecht ein paar Tage später im Hauptquartier erklärte, war trotz des Alkoholnachschubs nichts mehr passiert. Aber vielleicht erinnerte er sich auch bloss nicht mehr daran.

Wie Jasmin ihrerseits berichtete, stiegen sie und Al Brecht im Anschluss an die Veranstaltung ins Tram. Jasmin packte vorsorglich das gekaufte Bier ein, vergass in der Menschenmasse aber ihre Videokamera, ihr Fahrrad und den grossen, bunten Regenschirm, den sie extra für Ullas Spaziergang von den Nachbarn ausgeliehen hatte. Das Velo steht – wahrscheinlich immer noch – beim Philosophicum (wie es da gelandet ist, weiss keiner), und der Schirm befindet sich in der Nähe der Hundewaschanlage. Immerhin die Kamera hat zu Jasmin zurückgefunden.

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2 Antworten to “Ga-Gaga-Rin-Rage: Das grosse Christbaum-Schleppen in Basel”

  1. saileklein Says:

    kann man hunde soweit trainieren, dass sie die waschanlage selber bedienen können? Sonst ist das doch eher eine halbe sache!

    • Gregor Says:

      Oha, das würde sicher gehen. Wenn wir dann noch den Hunden beibringen, anderen Hunden den Umgang mit der Waschanlage beizubringen, braucht gar keine Menschen mehr. 😀

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