Vom Kunstkenner für den Kunstkenner II: Die Whiskeyprobe

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Wein ist nicht immer Wein – in diesem Fall ist der Wein Whiskey.
Da sich die Kultur oben in ihrer beflissenen Manie gegenüber jenem zeigt, das nach unten gleichzeitig als Alkoholismus der Massen denunziert wird, ist nicht weiter erstaunlich. Während das Proletariat seine Entschuldigung fürs Saufen zähnefletschend und bissig (und manchmal humorvoll) hervor bringt, differenziert sich der Connaisseur euphemistisch von solchem Pack. Saufen wird hier nicht entschuldigt: Es wird umgedeutet und umbenannt. Zur Degustation.

(Der Potcheen übrigens ist ein alter Freund, um den es schon einmal in diesem Beitrag über die Sauferei im Kapitalismus ging)

Alkohol und Sprache sind ein ungleiches Gespann, ein ungleicher Kampf, wo mal das eine, dann das andere die Oberhand inne hat. Sie gehen Hand in Hand; so löst der Alkohol die Zunge – und wie das selbe Sprichwort aufzeigt, bannt die Sprache den Alkohol in solchen Volksweisheiten. Jedes Reden über Alkohol trägt in sich aber auch die Vernichtung jeglicher Sinngebung, denn früher oder später ist keine verständliche Artikulation mehr möglich. Und von der sozialen Zerstörung wollen wir hier nicht weiter reden: Sie ist zu erinnern, umso stärker als der Alkohol die Erinnerung sich aneignet, indem er sie ausser Kraft setzt.

Nun denn. Die Anordnung ist simpel: Zwei Whiskeys (die man nur im weitesten Sinne als solche bezeichnen kann) treten gegeneinander an, der eine mieser als der andere. (Zwei gehen rein – einer geht raus!)
Als perfomatives Experiment denunziert es den elitären Kult um solche Kulturbeflissenheit; der wahre Kenner rümpft die Nase und erklärt solche Brände als etwas, das die Zunge nicht wert ist: Kein Tropfen von ihnen sollte die Zunge berühren – und kein Wort über solche Tropfen über die Zunge fliessen. („Ich täte mir lieber die Zunge ausreissen, als so was zu trinken!“)

Der erste Eindruck

– Sowohl der Mekhong wie auch der Potcheen sind ölig, leimig und scharf.
– Der Potcheen hat eher was von Leim, der Mekhong von Terpentin.
– Ja, es erinnert mich ans Leimschnüffeln von früher.
– Und mich an die Farbe, mit der ich Modellfiguren früher bemalte.
– Erstaunlich: Zwei Getränke, welche Gerüche aus der Kindheit hervorholen.
– Zwei Schnäpse. Wohlgemerkt.
– Aber ich habe ja diese These: Saufen hat immer was mit Kindheit, Erinnern, mit Vergangenheit und der Unerträglichkeit der Gegenwart zu tun.
– Du meinst, der Schnaps als Zeitmaschine.
– Als eine Art falsche Zeitmaschine, ja. Man trinkt, um zu vergessen; man trinkt, um zu verdrängen; man trinkt, um sich besser zu fühlen. Bei manchen geht das in die Kindheit zurück, wo sie sich geborgen fühlten.
– Und man wird ja auch wieder wie ein Kind: dümmer, emotionaler, unbeholfener. So richtig besoffen zu sein ist wie als Erwachsener wieder in eine kindliche Anordnung zurück zu kehren: Man ist unbeherrscht, schreit, weint, vergisst alle sozialen Konventionen.
– Und, vergiss nicht: Man pfeift auf die sozialen Konventionen. Man verliert den Respekt vor Polizei, Politik und Priestern. Betrunken würde man seinen Chef verprügeln.
– Das sind Sehnsüchte, die durch den Schnaps katalysiert werden.

Das Urteil unserer Experten

Mekhong – rostfarben, ölig und penetranter Terpetingeruch. Auf der Zunge fade, pelzig und im Rachen brennt er, dass die Tränen kommen möchten.
Fazit: Ein Grund weniger, jemals wieder nach Thailand zu gehen.

Der Mekhong: Nagellackentferner, der nur entfernt an Whiskey erinnert. Ich würde ihn dennoch kaufen, einfach um etwas zu haben, das ich unerwünschten Gästen auftischen kann. Auch für die Momente im Leben, da man mit allem zweifelt, ist er sehr tauglich. Ein Schluck davon, und selbst der grösste Selbthass kann nicht so hoch sein wie der jener Leute, die solches herstellen.
Ich finde er hat was von gekotztem Ton. So stelle ich mir das Resultat vor, wenn ein Golem zu viel trinken würde.

Potcheen – klare Flüssigkeit, unklare Geschmacksrichtung. Es ist Fusel, der so fuselig ist, dass er dialektisch schon als Anti-Fusel zu bezeichnen ist. Selbst Fusel kennt noch einen Standard, der wird hier unterboten. Er brennt ungefragt, tötet die Zunge ab. Es ist als ob er sich selbst den Weg bahnen müsste, den Rachen und die Kehle gegen sich selbst unempfindlich machen will. Das macht ihn schon fast zu einem Konzeptwhiskey. Etwas, das ein Künstler herstellen wollte. Fazit: Ein Whiskey, der sich vor sich selbst ekelt.

Der Potcheen: Ist das eine Note Basilikum? Nicht möglich, das muss mein Mittagessen sein, das hochdrängt. Wie du sagst, der Potcheen hat etwas perfides. Er ist ein Fahrstuhlwhiskey, er holt sich das Aroma von unten und transportiert es wieder hoch.

Der Vergleich

Die Schwierigkeit beim Mekhong ist der Geruch (Terpentin), der sich in die Nase ätzt. Aber hat man diese erste Hürde genommen, geht er leichter runter als der Potcheen. Er hinterlässt doch noch ein, zwei Aromen (erdig, lehmig), die dem Potcheen abgehen. Der Potcheen hingegen, wie hattest du gesagt, ein Konzeptwhiskey. Er ist der Dialektiker unter den beiden, der Mekhong der Proletarier. Der Widerstand beim Potcheen baut sich nicht in der Nase und vorher auf, sondern erst wenn man ihn getrunken hat. Er ist kein Verführer, ich schmecke zwar eine leichte Fruchtnote, aber das kann auch nur Wunschvorstellung sein. Der Potcheen ist stumpf, er ist leer und nichtssagend, er ist eine Leerstelle, in die man hineinprojiziert. Allenfalls: Ein bisschen, als ob man mit Peroxid gurgeln würde.

Die Kritiker verzichten auf eine Wertung.

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3 Antworten to “Vom Kunstkenner für den Kunstkenner II: Die Whiskeyprobe”

  1. Gregor Says:

    Der Mekhong ist voll in Ordnung, den trink ich immerhin lieber als Jack Daniel’s. Hauptsache, man wird besoffen.

    Aber der Bunratty-Potcheen ist wirklich eine völlig untrinkbare Plörre. Einmal im Militär leerten wir einen ranzigen Kräuterschnaps, der jahrelang in irgendeinem Schrank herumstand — und selbst der schmeckte besser. So was wie der Bunratty kommt dabei raus, wenn man Whisky aus schimmliger Gerste und Industrieabwasser destilliert. Da kann man grad so gut den Nachttopf eines Schwerstalkoholikers austrinken.

  2. Albrecht Says:

    😀 😀 😀
    „Den Nachttopf eines Schwerstalkoholikers austrinken“
    Bitte, Feuer frei. Schlagt mir auch gerne die nächsten Versündigungen vor, die unsere Kunstkenner ausprobieren sollten.

  3. saileklein Says:

    passende tasse:
    https://shop.hanseplatte.com/becher-alkohol.html

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