Reisebericht des Besuches des Zentralkomitees Zureich und der Sektion Bern der Dillettantistischen Internationale (DI) bei der Sektion Tourismus, ehemals Ost

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(Anmerkung des armen Barry Bernhards: Die Innsbruckreise fand statt vor Verfassers Exkursion nach Lausanne und wäre deshalb, die Chronologie respektierend, vor dem Bericht über Letztere zu lesen. Illustrationen: El Gecko.)

Donnerstag, 18.10.2018

Barry sitzt im Hörsaal, es ist Donnerstag und die Vorlesung langweilig. Barrys Problem an der Uni ist: Er weiss Bescheid. Er weiss zu viel. Noch hofft er, nicht durchzudrehen, bis auch er sein Abschlusszettelchen in Händen hält, auf das in der verwalteten Welt so viel Wert gelegt wird. Der alte Herr Professor vorne erzählt nichts, das ihm nicht schon ein anderer alter Herr Professor oder ausnahmsweise eine alte Frau Professor erzählt hat, damals, in Zureich. Aus Langeweile verfasst Barry während der Vorlesung das Manifest Praktikant_Innen aller Länder, entdeckt die Lösung der Weltformel und findet mittels vertrackter Recherchen heraus, warum Marx die Anarchist_Innen um Bakunin in Wahrheit nicht mochte: die sassen im französischsprachigen Teil der Schweiz, dort mag mensch Käse. Als Deutscher findet mensch Käse pervers. Zudem erstellt Barry den Plan für die anarchistische Weltrevolution.

Dauernd schaut Barry auf die Uhr. Wann ist der Quatsch vorbei? In seiner Funktion als einziger Vertreter der Sektion Bern der Dilettantistischen Internationale hat er, in Rücksprache mit El Gecko, Vertreter des Zentralkomitees Zureich der Dilettantistischen Internationale, beschlossen, Saile, seinerseits einziger Vertreter der Sektion Ost der Dilettantistischen Internationale, einen Besuch abzustatten. Plötzlich leuchtet auf Barrys Mobiltelephon eine Schreckensnachricht auf: El Gecko ist krank! Erkältet. Es kann heute nicht reisen und hofft freitags nachzukommen. Schweiss bricht auf Barrys Stirn aus, seine Nerven sind angespannt, ein Gedanke jagt den anderen durch sein Hirn: „Jemand musste El G. infiziert haben, denn ohne dass es sich angeschlagener Gesundheit bewusst gewesen wäre, wurde es heute morgen krank.“ – „Na gut, dann foahr i eben ohne El Gecko“, denkt Barry, der bereits wieder in den in Österreich zu sprechenden Dialekt hineingekommen ist, „is eh oangnehmr.“

Nach der Vorlesung reist Barry flugs nach Zürich. Der Zug ab Zürich nach Innsbruck fährt pünktlich ab. Barry schreibt und liest, liest und schreibt. Er hat seine halbe Bibliothek für die Reise miteingepackt. In Feldkirch füllt sich der Zug. „Ojvej, jetzt wirds ernst; jetzt gilt es, mit den Wölfen zu heulen. Wenn die Österreicher rauskriegen, dass Du aus der Schweiz bist, fragens sicher, wo zur Hölle, das Nazigold hingekommen ist.“ Als er Tausend und eine Nacht fertig gelesen hat, liest er das Silmarillion. Nachdem er dieses ebenfalls ausgelesen hat, bemerkt Barry, dass der Zug zum wiederholten Male an Bludenz vorbeifährt. „Verflixt, wir sind in einer Raum-Zeit-Schleife gefangen, wie kommen wir wieder raus?“ Barry sieht keine grossen Handlungsmöglichkeiten, er versucht einige seiner Bücher in einer bestimmten Reihenfolge zu lesen. Als er in genau dieser Reihenfolge: Adam Smith: Wohlstand der Nationen – das Hegelsche Gesamtwerk – Das Kapital – Bakunin gelesen hatte, es bedurfte dreier Anläufe, löst sich der Zug aus der Raum-Zeit-Schleife.

Um seine dialektale Assimilation zu erproben, bestellt Barry einen „kleinen Braunen“ bei der Zugbegleiterin. Es schien, er könne sich verständlich ausdrücken. Als er jedoch nur Milch, keinen Zucker will, schaut ihn das Mäderl vom Service scheel an. „Vielleicht sollte ich von nun an Káffee – die Österreicher betonen auf dem „a“ – nur noch mit Milch und Zucker bestellen.

Saile holt Barry am Bahnhof Innsbruck ab.

„Alles klar, Herr Komissar?“, ruft Barry, erfreut ihn zu sehen.

Sie bedauern das Schicksal El Geckos und plaudern über dieses und jenes. Auch über den Katholizismus, der ja gerade im Tirol ein besonders virulentes Thema ist.

Zum Abendessen gibt es Wiener Schnitzel, die Sailes Freundin zubereitet hat.

Anschliessend spielen sie zu dritt Halt mal kurz, ein Kartenspiel, das Barry mitgebracht hat. Saile mag das kommunistische Känguru nicht, was wahrscheinlich daran liegt, dass Saile seine Freundin ebenfalls dauernd mit solchen Sprüchen neckt, er und das Känguru sich also schlicht zu ähnlich sind, als dass er es leiden könnte. Einmal gewint Saile, einmal seine Freundin.*

*Halt mal kurz stammt von Marc-Uwe Kling, einem Kleinkünstler, der mit einem kommunistischen Känguru zusammen wohnt. Es war früher beim Viet-Cong, ist ein Schnorrer vor dem Herrn und steht total auf Nirvana, aber das nur nebenbei. Die gemeinsamen Erlebnisse hat Marc-Uwe Kling in den Känguru-Chroniken, im Känguru-Manifest, in der Känguru-Offenbarung und in den Känguru-Apokryphen festgehalten. Natürlich hält das Känguru gerne ideologiekritische Vorträge und belehrt bspw. einmal Marc-Uwe Kling – während es Auto fährt – darüber, dass der Rechts-Vor-Links-Vortritt ein „reaktionär-konservatives Unterdrückungsmuster“ sei, „manifestiert in der StVo“. (Rechts vor Links)

Darauf spielen sie Carcassonne, ein Spiel, das auf gut österreichisch „Goarkasonn“ heisst. Barry gewinnt haushoch und Saile wird deswegen grantig. Zu allem obendrein beginnt Barry auch noch zu singen:

Die ganze Welt dreht sich um mich

Denn ich bin nur ein Egoist

Der Mensch, der mir am nächsten ist

Bin ich, ich bin ein Egoist

(Ein Egoist, ein Egoist)

Barry hat die Stimmung dermassen in den Keller gezogen, dass alle nur noch schlafen gehen wollen. Er hilft Saile, das Gästebett vorzubereiten. Währenddessen finden sie heraus, dass sie, wenn sie sich nur zu zweit sehen, so schweigsam schweizerisch sind und sich nichts zu sagen haben. „Morgen“, denkt Barry, als er im Bett liegt und mit Sailes Plüsch-Marsupilami kuschelt, das sich eigentlich auf einen Dreier gefreut hatte, „morgen geh i Dode ausgroabn.“

Freitag, 19.10.2018

Barry schläft aus und als er endlich dann doch einmal aufsteht, ist ein gemütliches Morgenessen bereitet. Während er und seine Gastgeber essen, trifft sie jedoch die zweite Schreckensnachricht: El Gecko ist so krank, dass er überhaupt nicht reisefähig ist. Saile und Barry lästern über das unverantwortliche Handeln El Geckos, das inakzeptabel ist und Saile tut seine Enttäuschung kund. Doch in diesem Fall können Saile und Barry samstags wandern gehen, denn mit El Gecko wäre dies nicht möglich gewesen. El Gecko ist nämlich der Anti-Wanderer. Zudem beklagen sie ihr Los als aus Zureich Weggezogene.

„Wer aus Zureich wegzieht, wird sozial unsichtbar, verschwindet unterm Radar, erhält keine Beachtung mehr!“

„Genau!“, stimmt Saile zu.

„Wer aus Zureich wegzieht, begeht sozialen Selbstmord!“

„Genau!“

Nach dem Morgenessen spielen sie zu dritt eine weitere Runde „Goarkasonn“. Barry gewinnt. Schon wieder. „Es ist kein Glücksspiel!“, merkt Barry an. Punkt um zwölf Uhr sind sie fertig. Saile und seine Freundin müssen sich auf den Weg zu einer Taufe machen. A Stückerl Weg nehmen sie Barry mit in Richtung Stadt. An einer Kreuzung lassen sie ihn aussteigen, geben ihm eine idiotensichere Wegbeschreibung, wie er in die Altstadt Innsbrucks käme und überlassen ihn ihr, ganz auf sich allein gestellt. Barry rückt sein Beret zurecht und flaniert durch die Stadt. In Bücher- und Musikläden hinterlässt er halbleere Regale, als wären Attilas Hunnen durch Innsbruck gezogen. „I bi echt so a scheiss Konsummensch“, denkt er. „I bi net bessr oals des schweizer Pärchen, von dem Saile erzählt hoat, das ihn gfroagt hoat, was es in Innsbruck scheens anzschaun gäb und letzten Endes doch nur wissn wolltn, wo ma guat shoppn koann.“ Barry hat von seinem konsumgeilen Beutezug Hunger bekommen. „Also der Saile hoat ja gsagt, in Innsbruck gäbs ja eh nix Gscheites, wo mensch essen könnte – abgesehen von dem einen Tipp, den i jetzt ignorier – da kann i groad auch ins Hard Rock Cafe gehen. Aber der Saile darfs net rausfindn, weil sonst haut er mich.“

Nachdem Barry gegessen und seine Beute betrachtet hatte, kam der Ober einzukassieren. Normale Menschen hätten einfach bezahlt, stattdessen begann Barry zu singen:

Unsre Technokratie ist famos

Nur die Kosten sind immer zu gross

Ach, wie wunderbar wär eine Welt

Ohne Geld, ohne jedes Geld!

Im Caféhaus bestellt mensch sich keck

Jeden Morgen sechs Eier mit Speck

Denn der Ober bringt, was mensch bestellt

Ohne Geld, ohne Geld!

„Wollns mir mitteilen, dass se net zoahln könn?“, fragt der Ober.

„I konn net und i wü a goar net!“, ruft Barry aus.

„Des geht net, sie müssn zoahln“, antwortet der Ober grantig.

„Niemand muss müssen! Wir solltn oalle mal net bezoahln und uns an Lenz moachn!“ Barry hebt wieder an zu singen:

Sie werden sagen: „Wenn alle das täten

Dann würde ja nichts funktionier’n!“

„Worauf ich Ihnen antworte“, sagt Barry und singt das Duett alleine:

Ja – wenn alle das täten, wenn alle das täten

Dann müssten wir improvisier’n!

Dann gäb’s keinen Krieg, keinen Autogestank

Keine schmutzigen Flüsse, keine Nationalbank

Kein Dies nicht, kein Das nicht – dann gäb’s eigentlich

Nur Menschen wie Sie und mich!

Das überzeugt den Ober und so wird ausgerechnet in der Innsbrucker Hard Rock Cafe-Filiale am 19.10.2018 rätekommunistisch organisiert. Barrys Umsetzung seines Weltrevolutionsplanes hat begonnen. Lenin hatte behauptet, die Revolution würde von der Schweiz ausgehen. Doch Barry weiss, dass Österreich das auserwählte Land ist, die Revolution von Österreich aus zu beginnen, ist, historisch betrachtet, viel perverser und unerwarteter.

Abends erzählt Barry brav, er habe sich genau alles angeschaut, was Saile und seine Freundin ihm empfohlen hatten. Nachts um 2 Uhr schleicht sich Barry aus dem Haus; Dode auszugroabn ist sein Ziel. Doch als er den Sarkophag der Hofkirche aufgebrochen hat, muss er feststellen, dass dieser leer ist. So schleicht sich Barry unverrichteter Dinge wieder nach Hause.

Samstag 20.10.2018

Frühmorgens ziehen die beiden Wandergesellen los. Nach einer Stunde Autofahrt ins Tal kommen sie am Fuss des Berges an. Sie legen eine erste Pause ein, bevor sie aufbrechen. Barry findet es toll, dass Saile einfach seine Trainerhose anhat und keine Funktionshosen. „Na sicher nicht zieh ich son Zeugs an!“ Und sie lästern über Funktionskleidung und Menschen, die Funktionskleidung tragen.

Sie legen zahlreiche Pausen ein. Doch ihre tabakabgehärteten Lungen vermögen auch beim Aufstieg Lieder zu singen:

Eine Wanderniere wandert durch die Welt

Holleri, heiho, holleri, heiho

Denn nun ist sie nicht mehr ständig angestellt

Holleri, heiaho

Durch die Rippen zwerchfellein

Über Stock und Gallenstein

Grüßt sie schnelle

Eine Zelle

Auf dem rechten Hüftenbein

Und dann heiter

Gleich weiter

Holleria, heiho

Ungefähr zur Mittagszeit erreichen sie die Hütte. Dort treffen sie auf Guru den Kreisler, genannt G. Kreisler, der auf einem Felsen im Schneidersitz sitzt.

Er hat die Augen geschlossen und meditiert. Saile und Barry sind doch recht ausser Atem. Sie müssen sich verschnaufen. Als sie sich erholt haben, treten sie vor Guru den Kreisler, ihn um Erleuchtung bittend. Sie haben gerade ihre Bitte vorgetragen, da wird es still auf dem Berg und im Tal, die Natur verstummt. Guru der Kreisler sitzt regungslos da und plötzlich hebt er an, das Lied für Kärntner Männerchor zu singen, der schönen Else traurig-schaurig, schaurig-traurig Lied. Das Echo hallt vom Berg zurück. Als er das Lied beendet hat, fährt Guru der Kreisler gen Himmel auf; einige Zeit noch ist es totenstill, dann kehren die Geräusche der Natur zurück.

Saile und Barry setzen sich zum Mittagessen auf eine Bank. Barry offenbart ihm seinen anarchistischen Weltrevolutionsplan, dessen Umsetzung bereits begonnen habe. Saile ist einverstanden und macht mit. Auf dem Berg beim Rastplatz ruft Barry die autonome Republik Barrystan aus.

Auch auf dem Rückweg frönen sie dem Genusswandern. Sie beschliessen zudem, eine Punkband zu gründen, da sie einen guten Bandnamen gefunden haben: Autonome Ego-Knödel. Barry erreicht eine Nachricht der Überraschung: El Gecko kommt doch noch! Saile und Barry holen ihn nach der Wanderung am Bahnhof ab.

Zum Abendessen gibt es Marillenknödel. Barry ist hungrig und vom Wandern voller Skifoahrnmüdigkeit. An diesem Abend sitzen sie, jetzt zu viert, spielend beisammen. Zunächst müssen alle wieder eine Runde Halt mal kurz über sich ergehen lassen, da El Gecko es noch nicht kennt. Danach spielen sie Tak, eine komplexere Version von Eile mit Weile. Die Partie dauert sehr, sehr lange. Saile und seine Freundin beteuern, das Spiel würde normalerweise nicht so lange dauern. Doch letzten Endes gewinnt das Team Saile-Barry souverän um 23:59. Dann ist gleich Bettruhe.

Sonntag, 21.10.2018

Barry und El Gecko schlafen wohl aus. Um 10 Uhr gibt es ein gediegenes Morgenessen. Der Kunsthistoriker Hellmuth, ein Bekannter von Saile, macht Führungen im Schloss Ambras. Saile hat nur für uns eine Führung mit dem Themenschwerpunkt „Horror“ organisiert.

Schloss Ambrass war einmal eine Burg, die zu einem Lustschloss umgebaut wurde. Nach der historischen Einführung zur Schlossgeschichte präsentiert uns Hellmuth der Kunsthistoriker das Kuriositätenkabinett des Erzherzogs Ferdinand II. Dieser ist nicht zu verwechseln mit dem berühmten Erzherzog Franz Ferdinand, der dem Attentat in Sarajevo zum Opfer fiel. In diesem Kabinett gibt es einige interessante Gemälde, Portraits, von Menschen mit physischen Beeinträchtigungen. Die Adligen holten sich solche Menschen an den Hof einerseits aus Interesse, andererseits zur Unterhaltung oder als Spielgefährten für die Kinder. Zudem hängt im Kabinett eine gemalte Kopie des verschollenen Portrait Vlad Tepes‘, der Bram Stoker als Vorlage für seinen Dracula diente. Anschliessend an die Führung verweilt mensch noch im Café. Barrys gekünstelter Wiener-Akzent beginnt allen auf die Nerven zu gehen. Zum Glück sagt er nicht so viel.

Bei Saile und seiner Freundin gibt es Pizza zum späten Mittagessen. Hellmuth war ebenfalls eingeladen. Auf das Essen folgt die grosse intellektuelle Diskussion, während der sie alle Probleme der Metaphysik lösen, alle Fragen der Geschichte, insbesondere der österreichischen und schweizerischen, beantworten und nebenbei die ‚Pataphysik revolutionieren.

Weil der Saile die Mitglieder des Zks und der anderen Sektionen so selten sieht, begräbt er sie vor lauter Freude unter einem Berg von Comic-Empfehlungen. Zudem tut er seinen Wunsch kund, die Sektion Ost möge fortan nicht mehr diesen Namen tragen, da historisch vorbelastet. El Gecko und Barry plädieren sofort für die Umbenennung in Sektion Tourismus. Denn die Sektion habe sich der Tiroler Lebensrealität anzupassen. Nun ist Saile stolzes Mitglied der Sektion Tourismus.

So war bald der Nachmittag vergangen, wer an der Uhr gedreht hat, wurde nicht bekannt und einander alles Gute wünschend und auf baldiges Wiedersehen hoffend verabschieden sich alle, Saile begleitet die Abreisenden noch zur S-Bahn Station.

Sobald El Gecko und Barry im Zug Sitzplätze erobert hatten – Barry setzte seinen bösen bedrohlichen Blick auf und biss allen maulenden Rentnern in den Arsch, die sich ihm in den Weg stellten – macht sich Barry an die Verfassung der letzten Notizen für den Reisebericht. Währenddessen fertigt El Gecko Skizzen für die dazugehörigen Illustrationen an. Nebenbei erzählt Barry eine Känguru-Episode nach der anderen. Entsprechend der Einteilung des Kängurus der postmodernen Welt in die fundamentalen Kategorien „witzig“ und „nicht witzig“, hält El Gecko diese Erzählungen zwar für durchaus „witzig“ doch ennerviert ihn des Bernhardiners Gequassel und seine Contenance verlierend ruft er aus:

„Oida, jedes Mal wenn Du eine Känguru-Story erzählst, tritt jemand der FPÖ bei!“

Barry verstummt sofort. Gelegentlich schauen sie einander an, Konkurrenzneid beginnt in ihren Augen aufzublitzen. Hüstelnd macht Barry eine Bemerkung über El Geckos Zeichnungskünste. Der tut, als höre er nichts. Barry wiederholt seine Bemerkung. Trotzig antwortet El Gecko, so ein verschlafener Bernhardiner könne doch nicht das eigene Schreiben ernst meinen, so versoffen wie er sei, seine Schreibversuche seien nur aus alkoholinduziertem Grössenwahn zu erklären.

Der Konflikt artet sofort aus in einen Streit darüber, wer der grössere Dilettant sei.* Böse Worte fallen, die beiden Streithähne werden handgreiflich und schlagen sich gleichzeitig gegenseitig k.o. Die bösen Worte sind hier nicht wiederzugeben, da die beiden kurz vor Zureich wiedererwachen und der Tatsache zum Trotz, dass Sonntagnacht ist, naturgemäss darauf Montagmorgen folgt, zwei Sixpacks Bier kaufen und Brüderschaft trinken.

*Dieses Verhalten ist Ausdruck eines agonal orientierten Machoverhaltens. Es ist völlig evident, dass hier gerade zwei Männer in Streit geraten, werden sie doch dahingehend sozialisiert, im Leben aktiv handelnd gegen andere zu bestehen und die – ebenfalls männliche Konkurrenz – zu überbieten. Am besten bekannt ist dieses immer wieder zu analysierende, zu kritisierende und zu überwindende engstirnige Konkurrenzverhalten aus den Bereichen der Partner_Innensuche und des Berufslebens. Und übrigens reicht die Manifestation dieses patriachal geprägten Verhaltens bis weit in linke Gruppierungen hinein, wo es schockierenderweise teilweise unwidersprochen bleibt. Dieser Umstand verifiziert wieder einmal Teddybär Wendelin Adolins Diktum, demgemäss es kein richtiges Leben im falschen gäbe. Sich gegen die schlechten Verhältnisse der verwalteten Welt zu stellen, bringe nicht automatisch mit sich, dass mensch vor deren unheilvollen Einfluss gefeit sei. Es gibt keine Immunisierung per se durch blosse linksradikale Einstellung. Dagegen wäre immer wieder auf die eigene Einstellung, blinden Flecken, Verhaltensweisen zu reflektieren, denn die selbstlegitimierte konfrontative Predigt vom hohen Ross herab ist autoritär und im Grunde auch konterrevolutionär, stellt sie doch nur einen vergeblichen Versuch der Indoktrination dar, der bei den Subjekten, die in ihrem Zustand der Wissens- für die Dissensmentalität zu gewinnen wären, höchstens Abwehrreaktionen auslöst, welche nur das Gegenteil des Gewollten bewirken können.

Selig wanken die beiden frühmorgens gen Albisrieden; die Morgendämmerung ist angebrochen. Allerlei angenehme Abkürzungen und schwappsige Schwänke später erreichen sie das Hauptquartier des Zentralkomitees Zureichs der Dilettantistischen Internationale. Al Brecht, erster Vorsitzender und ein wahrhaft albitraumhafter Opa, ist bereits wach und steht draussen vor der Tür; er hat Pantoffeln an und eine Wolldecke über die Schultern geworfen und raucht seine Pfeife.

„Hallo Kinder, na, wie war Euer Ausflug zur Sektion Ost der Dilettantistischen Internationale?“

„Sektion Tourismus!“, korrigiert Barry.

„El Gecko wants a cracker!“, ruft El Gecko.

„Ich mag noch nicht schlafen gehen“, sagt Barry. „Kommen die Leute von der Sektion Lausanne noch zum Spielen raus?“

„Barry, Barry, was erzählst Du bloss für einen Unsinn … Habe ich Dir nicht erklärt, dass es die Sektion Lausanne gar nicht gibt?“

Barry ist enttäuscht und gesenkten Hauptes schleppt er sich ins Hauptquartier, er spürt nun doch die Müdigkeit. Er kann nicht verstehen, warum Al Brecht behauptet, es gäbe keine Sektion Lausanne. Eines Tages, wenn er gross ist, wird er nach Lausanne fahren und sich selbst auf die Suche nach dieser sagenumwobenen Sektion der Dilettantistischen Internationale begeben …

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3 Antworten to “Reisebericht des Besuches des Zentralkomitees Zureich und der Sektion Bern der Dillettantistischen Internationale (DI) bei der Sektion Tourismus, ehemals Ost”

  1. Albrecht Says:

    Köstlich, köstlich…
    Die Zeichnungen von El G, die würzen das Ganze auf. Man kann so richtig mitgehen, mit diesen antropmorphisierten, äh, -anthropomorphologisch, nein, verdammt. Halt diese Tierdingsbums, also Tiermenschen mein ich. Ja. genau.
    Macht weitere solche Sachen! Ich befehl‘ es euch! 😛

  2. saileklein Says:

    niemand hat die beziehung zu meiner freundin je genauer beschrieben!

  3. saileklein Says:

    passend zum thema:

    https://saileklein.wordpress.com/2018/11/26/stadtbilderibk-1/

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