teurer wandel

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optimist

Besuch am Innsbruck Natur Film Festival: Am Mittwoch wird u.a. gezeigt ein Kurzfilm über den Kampf um die Arktis und dann ein Kurzfilm welcher veranschaulicht, dass wir schon seit langem Bescheid wissen über den Klimawandel. (50 Jahre im Film, eigentlich 100 Jahre sagt der Professor anschliessend) Dreist meine Idee mit dem Vergleich zum Tabakrauchen geklaut, die ich mal in einem Comic verarbeitet hatte. Obwohl evtl. auch dieselbe Idee gehabt. Soll es ja geben. Die Dokufilme am Festival sind allgemein halt typische Dokfilme und darum ich leider nicht so grosser Fan vom Festival geworden, hätte mir da mehr neue Zugänge gewünscht in Form und Inhalt.

Bemerkenswert aber die Diskussionsrunde mit versch. Professoren der Uni Innsbruck; Klimaforscher und Meteorologen, geleitet von einem Geschichtsprofessor. Als erstes eine Statement von jedem Teilnehmer, wo stehen wir und was sind die nächsten Schritte. Erstmal sympathisch niemand tut so als könnten demokratische Prozesse was ausrichten, jeder weiss, dass die politische Macht in Europa bei verschiedenen Grosskonzernen liegt. Wie Stahlberger das schon besungen hat, vermittelt der Klimawandel aber das Gefühl an den Kleinbürger, mal bei etwas grossem dabei sein zu dürfen. Leider wird nicht diskutiert, wie es wenigstens ein wenig zum Interesse des Kapitals werden könnte, die Erde zu retten. Oder wie man trotzdem per Nationalstaat oder EU Druck machen könnte, oder durch Verbote, davon wissen aber Naturwissenschaftler evtl. auch zu wenig und man bräuchte dazu Ökonomen und Politologen zum Beispiel marxistische Ökonomen  und marxistische Politologen aber diese sind wohl schon ausgestorben oder sehr sehr selten geworden  in der freien Uni-Wildbahn.

Angst vor den Antworten? Auch klar, wer den menschengemachten Klimawandel leugnet, kann auch erzählen die Erde sei flach, ein weiterer Marketingaufschrei der einzige Frau in der Runde einer Meterologin. Das Gespräch dreht sich nicht um Lösungen, den zu denen können wir hier im Raum nichts beitragen so scheint es, bissel wie in der Kirche, sondern eher philosophisch um den guten Glauben und das Thema Optimismus und so hätten auch Herr Müller und Herr Meier von neben an am Podium sitzen können und feststellen, dass in den 80er Jahren das Thema Klimawandel ganz ganz klein gewesen ist an der naturwissenschaftlichen Fakultät und heute ist das ganz anders. Als die Fragen zu konkret werden, die Illusion zu offensichtlich zu zerspringen droht, dass dieser Abend irgendeine Relevanz hat, ausser sich erst zu fürchten und dann in ein, irgendwie wird schon alles gut werden, leben s halt mit bissel mehr Bewusstsein, das tu eh gut, abzuschwenken, antwortet ein Professor angepisst: „Na dann kommens doch in die Vorlesung!“

Ist auch nervig, immer redet man von der Erderwärmung in Grad, dabei ist viel wichtiger wie viel Energie von der Sonne pro Quadratmeter Erde hängenbleibt. Und da kann einem schon mal der Kragen platzen, wenn dann einer fragt, in der Arktis hätte es ja dieses Jahr bis zu 15 Grad, ja 20 Grad wärmere Tage gegeben als durchschnittlich, dieser dumme Pöbel also interessiert sich der jetzt fürs Thema oder nicht. Eine spannende Frage wäre auch gewesen, ob es sich für die Karriere eines Naturwissenschaftlers sehr gelohnt hat, sich schon früh mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben, weil um so schöner die Kulisse, umso schöner der Aufschrei jener die die Fakten leugnen, umso mehr Potential für wissenschaftliche Aufklärung als kapitalmarktpolitische Konkurrenz zu banalem Hausverstand, ich hoffe man kommt hier meinem Text noch nach, ich komme dem Professor nämlich nicht mehr nach, weil jetzt erklärt er die super abstrakten mathematischen Klimamodelle doch noch ausserhalb seiner Vorlesung und macht für mich geistige Quantensprünge und aus ist es mit dem Bewusstsein, weil für mich nicht messbar, was er messen tut und damit eine Aussage macht.

Auch wichtiges Thema in der Diskussion. Europa und insbesondere Österreich. Wie sehr „wir Europäer“, das unsäglich überhebliche „wir Europäer“, ja das wird immer hin betont, hauptsächlich für den Klimawandel verantwortlich sind, und zwar nicht mit Anteilen der Amis oder der Chinesen, nein nur die Europäer, die haben von Anfang der Industrialisierung an soviel Schmutz produziert, das holst du ewig nicht auf. Aber schnell wieder zu was anderem nämlich ob wir besonders betroffen sein werden vom Klimawandel und hier Beruhigung, Gott nicht besonders gerecht, weil „wir“ sind nicht besonders betroffen, also nicht so betroffen, wie zum Beispiel verschiedene Inseln und Meeresregionen die jetzt schon dem Untergang geweiht sind oder jene Teile Afrikas die verwüsten werden. Das Aufatmen im Saal ist fast hörbar. Jemand aus dem Publikum fragt ob es dann hier so wird wie in der Mongolei, also Bergsteppe mit seltenem starken Niederschlag und der Professor antwortet nein, er glaube es werde eher so werden wie in den Pyrenäen.

Wir sind also zwar schuld, haben eine historische Verantwortung ,aber eben auch machtlos, weil Büchse der Pandora schon offen. Damit uns die Aussicht auf diesen Höllentrip für Schuldige wie Unschuldigen nicht zu viel Angst macht, bilden wir uns ein, mit einer guten Haltung die Welt retten zu können. Der Mensch kann einen Eisbrecher bauen mit Atomkraftmotoren mit 75000 PS, der zum Nordpol fahren kann mit 108 Besatzungsmitgliedern sowie 100 Passagieren an Bord, Luxus wie Sauna, Sporthalle, Schwimmbad, Restaurants inklusive, damit man da Monate drauf leben kann, ohne einen Hafen anzulaufen, womit man für Propagandazwecke auch mal ein olympisches Feuer mitnehmen kann. Was man aber nicht hinbekommt, ist das Eis dort am Nordpol vor dem Eichhörnchen im Menschen zu schützen und auch nicht vor dem Wolf im Menschen um mal nicht das längst ausgeleierte Wort Gier zu benutzen. In dieser Schizogesellschaft wünschen sich die Herren von der Uni den grössten gesellschaftlichen Wandel, den die Menschheit je gesehen hat, ja da klingt es dann schon fast so kommunistisch, wie der Name des russischen Eisbrechers „50 Let Pobety „(50. Jahrestag des Sieges) weil sonst schaffen wir die 1,5 Grad nicht ohne diese gewaltigen Wandel. Jene 1,5 Grad die definiert wurden, weil damit der Schaden, so hoffen die Wissenschaftler ohne es wissen zu können, reparabel bzw. aus haltbar für die Ökosysteme bleibe.

Ich bin mit einem Ornithologen und einer Glaziologen an dem Abend da, welche immer wieder rein schreien möchten, weil sie so emotional sind. Sie verbringen nämlich die Hälfte des Jahres in der Arktis und begleiten Tourireisen. Sie glauben daran, dass wenn mehr Leute, grad auch Entscheidungsträger aus Politik und Wirschaft, und man muss schon ganz viel Entscheidungen tragen, damit man sich so eine Reise überhaupt leisten kann, die Artiks besuchen, das Bewusstsein gesteigert werden könnte, diese zu retten. Obwohl bis jetzt nur das Bewusstsein gestiegen ist, wie man die Arktis effizienter ausrauben kann, wie dass in einem nach Geldmassstäben defierten System halt ist, wo Natur keine Preis hat und würde pro geschossenem Eisbären 10 Barrel Öl rausschauen, gäbe es die Tiere schon lange nicht mehr. Und meine zwei Begleiter nehmen alles sehr persönlich an diesem Abend, weil wenn man wo das halbe Jahr verbringt, wird das auch ein wenig zur Heimat, auch wenn es völlig absurd ist, etwas als Heimat zu haben, wo man als Mensch so gut überleben kann wie auf dem Mond.

Ich mag die zwei sehr, aber ich würde ihnen unterstellen, dass sie ihren Job so sehr lieben, dass sie daran glauben müssen, er würde etwas ändern, denn sonst müssten sie einsehen, dass es kontraproduktiv für den Schutz der Arktis ist, was sie tun, schon allein der Flugreisen wegen, mit denen sie die viele Touristen da hochbringen. Ich kenne auch einen Biologen der ständig zwischen der Schweiz und Borneo pendelt um die Auswirkungen des Klimawandels auf Bäume zu untersuchen. Der ist nicht weniger Idealist als die Beiden. Ich glaube nicht, dass diese Leute emotional fähig sind, dass einzusehen, nicht weil sie schwache Menschen wären, nein in unserer Gesellschaft gelten solche Leute sogar als starke Menschen, follow your passion und so, nein weil sie einfach Menschen sind, und damit primär von Emotionen geleitet, der Verstand ist nur für die Ästhetik zuständig.

Ich denke an Kitzbühel im Tiroler Unterland wo die Bergbahnen sehen, wie ihnen der Schnee jedes Jahr später kommt und früher davon schmilzt. Ihre Reaktion ist, dass sie schon Anfangs Oktober, wo es eigentlich noch nie Schnee hatte, zwei Kunstschneeschneisen in das grüne Gras legen, damit wer will, schon im Herbst Skifahren kann, das erinnert dann wieder an die ewige letzte Zigarette des aufhörenden Rauchers.

Wir verlassen den Kinosaal und draussen sind es 24 Grad. Es ist 10 Uhr abends in Innsbruck in den Alpen am 9. Oktober.

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Eine Antwort to “teurer wandel”

  1. Albrecht Says:

    Wie immer, Saile, es gefällt: ein atemloser Text – bei einem Thema, wo die Atmung meistens schnappt, über ein Problem, so gross, dass es nur in kleinen Portionen verstanden werden kann. Wie hiess das Wort nochmals? Ah ja, „Wursteln“. Bei der ganzen Klimawandel-Debatte immer dieser Verdacht, man kommt zusammen, emotionaler Höchsteinsatz („So warm dieser Herbst, jetzt kann es keiner mehr leugnen!“ / „Sie Panikmacher, Sie, geniessen Sie das schöne Wetter!“) und die moralische Pflicht, auf kollektivem Niveau Köpfe zu schütteln, zu mahnen und sich im apokalyptischen Schauer einzuwühlen. Die Diskussionen sind fiebrig, man möchte sagen: Die Temperatur der Beteiligten ist bereits 1.5 bis 2.0 Grad gestiegen. Aber eben: Solche Fiebrigkeit verwandelt sich nur in fiebriges Wursteln.

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