Es gibt kein Leben in Flaschen. Dialektik der Ausleerung

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Im Treppenhaus war ein Treiben, Kommen und Gehen, dass man davon kirre werden konnte. Besonders als emeritierter Professor der Philosophie. Überall standen Umzugkartons herum. Die Frankfurter versuchten, sich in ihrer Wohnung zu verbarrikadieren. Doch es war sinnlos. Einerseits sind die Wände zu dünn, man hörte jedes Wort der neuen WG-Nachbarn. Andererseits mussten sie, wenn die Post kam, ja doch auf dem Max-Horkheimer-Pfad einen Weg durch den Umzugkartondschungel finden, um an der Haustüre den neuesten Blauen Band der MEW in Empfang nehmen zu können, aufgeregt wie Schulkinder, die am Kiosk die neueste BRAVO kaufen.
Doch allen Widerständen des Systems, der Kulturindustrie und des totalen Verblendungszusammenhanges zum Trotz, begann sich sanft das Leben zu regen in der WG der Kritischen Theoretiker. Den Tag voller Sonnenschein und Energie begrüssend, öffnet sich vorsichtig die zarte Knospe des junggebliebenen Lebens, um sich im Genuss der Sonne, begleitet von Richard Straussens Also Sprach Zarathustra zur vollen Blüte zu entfalten. Blüten, zur Sonne, zur Freiheit!
«Guu…ten…» Max Horkheimer, genannt ‹das Mammut›, nickte einfach wieder ein, wo er stand. Immerhin war es erst 9 Uhr 30. Teddie ruckelte sanft an dessen Schulter. Als er die Wirkungslosigkeit seines Tuns einsah, liess er das Mammut schlafen, wo es stand. Adorno schlurfte – «gähhhhn» – in seinen Hegel-Pantoffeln zur Küchentheke. Nicht nur musste sich Teddie den Kaffee selbst zubereiten. Es hatte niemand ihm Butterbrote gemacht. Er verstand ja schon: Haushalt, Reproduktionsarbeit, Feminismus. Die Emanzipationsbewegung ist dringend zu begrüssen. Dennoch fühlte er sich hilflos, so hilflos. Benji, der sich zu einem Frühaufsteher entwickelt hatte, stellte ihm manchmal Butterbrote bereit, bevor er mit seiner Berner Sennenhundes spazieren ging. Heute hat Benji das nicht getan. Teddie war nicht böse auf ihn, nein. Nur enttäuscht.
Das Mammut schnarchte mittlerweile. Wacker hielt es sich – nicht gerade aufrecht, doch war es entfernt davon, umzufallen. Teddie war gerade im Begriff, in Zeitlupentempo sich Kaffee in die Tasse zu füllen, auf der «Baujahr 1903. Nur Originalteile» stand. Kurz bevor er den Transfer des Kaffees aus der Kanne des Allgemeinen in seine Tasse des Besonderen abgeschlossen hatte, betrat Herbert Marcuse die Küche. Für seine Verhältnisse war er früh auf. Teddie behielt die Beobachtung für sich.
«Guten Morgen, Herbert.»
«Moin! Moin!», antwortete der Herbert.
Teddie blickte den Herbert flehentlich an. Dieser verstand und machte sich daran, Butterbrote für alle zu bereiten. Teddie fand jetzt diesen Montagmorgen schon weniger schlimm und begann im Kopf zu singen: «Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er Butterbrote bitte sehr!» Er setzte sich an den Küchentisch. Früher, als sie noch jung waren, hatte er starke Vorbehalte gegen den Herbert gehabt. Dessen existentialistische Habilitation war ihm immer noch ein Graus. Hegel fundamentalontologisch zu interpretieren – tz. Sieht doch jedes Kind, dass das nicht geht. Auch als er erfuhr, dass der Herbert ebenfalls in die WG einziehen würde, blieb er skeptisch, dachte Teddie, während er Herberts Butterbrote erwartete. Heute wusst er es aber zu schätzen, dass der Herbert mit ihnen wohnte.
«Tadaa!» Herbert servierte Teddie zwei Butterbrote und biss herzhaft in sein eigenes.
«Danke», flüsterte Teddie. Er war versöhnt. Nicht mit der Welt, nicht mit dem Kapitalismus – aber mit der real existierenden Wohngemeinschaft. Der Herbert stellte die übrigen Butterbrote auf den Tisch. Teddies Blick wanderte mit, und er erblickte wieder das Mammut. Teddie sah, dass das Mammut schlief. Und er sah, dass es ein guter Schlaf war. Doch Teddie hörte, dass das Mammut schnarchte. Und das Schnarchen war fürchterlich. Teddie griff nach einem Apfel aus dem Früchtekorb und warf ihn dem Mammut an den Kopf. Volltreffer. Das Mammut schreckte auf, verlor das Gleichgewicht, vollführte eine Revolution und konnte sich im letzten Moment fangen. Der Herbert und Teddie streckten ihre Karten hoch: Teddie gab acht Punkte, der Herbert sieben. Das Mammut begriff, wo es sich befand. «In einem Irrenhaus. Es heisst ‹Institut für Sozialforschung›, doch in Wahrheit ist es ein Irrenhaus.»
Es setzte sich an den Tisch; Teddie goss ihm Kaffee ein, der Herbert reichte ihm drei Butterbrote.
«Ich hatte wieder einen Alptraum», sagte Teddie.
Das Mammut verdrehte die Augen. Teddie setzte seine Psychoanalysesitzungen zu früh an, dachte es.
«Ich träumte», fuhr Teddie unbeirrt fort, «ich war auf dem Weg nach Hause von meiner Vorlesung über Ontologie und Dialektik. Auf einmal taucht der Heidegger aus einer dunklen Gasse auf, springt mich an und missbraucht mich als sein Rösslein. Gehetzt renne ich die Strasse hinunter, denn ich kann ihn nicht abschütteln, ich habe Herzrasen und der Heidegger schreit mir in die Ohren: ‹Jedes Dasein ist ein in der Welt geritten Sein!› »
Der Herbert vergass allen Takt und lachte lauthals los.
«Schrecklich», kommentierte das Mammut trocken.
Um den Schrecken seines Alptraumes zu überwinden, setzte Teddie an zu einer triumphierenden Rede, wie er in seiner Vorlesung über Ontologie und Dialektik Heideggers Fundamentalontologie souverän an die Wand kritisiere. Es sei ja glasklar, dass die Dialektik, als Denkungsart, der Ontologie haushoch überlegen sei. These, Antithese, Sieg.
Doch noch bevor Teddie auch nur den ersten Satz beenden konnte, vernahmen sie von draussen vor der Tür Gepolter. Diese wird aufgerissen, Benji stolpert hinein, strauchelt auch noch über die Leine seines Berner Sennenhundes und fällt hin. Seine Brille fliegt davon.
«Ick gloob es nit, wat is det für ein Heckmeck, eyh! Ick hab die Existentialisten jetzt schon ufm Kiecker! Die mach‘n mir noch janz meschugge!» Benji rappelte sich auf.
«Die wer?» Teddies Augen weiteten sich, angsterfüllt.
«No, die Existenzialisten!» Benji klopfte seinen Mantel ab. «Haste Tomaten uff den Ohren?» Teddie verfiel in Angststarre.
«Schaut so aus, als wärn wir nicht mehr die einzije WG, wa?», sagte der Herbert. «Wer zieht denn alles ein?»
«Der olle Sartre, die de Beauvoir, der Camus und der Merleau-Ponty. Ach, und dem Foucault ham‘s och en Zimmer jejeben, weil er‘s bei uns nit mehr ausjehalten hat.»
«Ich habe mich gefragt, wo der steckt», sagte das Mammut.
Der Herbert freute sich. Im Gegensatz zu Teddie hatte er keine Berührungsängste. Saufen können‘s wenigstens, die Existentialisten. Mit Camus um die Häuser zu ziehen ist immer ein Vergnügen.
Benji hing die Leine seines Berner Sennenhundes Charlie auf. «Übrijens», sagte Benji während er sein Butterbrot schnabulierte, «heute abend machen‘s eine Einweihungsparty. Der Heidegger, die Arendt und der Jaspers sind einjeladen. Und wir ooch.»
Teddie fiel in Ohnmacht.

Um Punkt 19 Uhr stand die Teddie-Mammut-Bande in Abendgarderobe vor der Tür der Existentialisten-WG. Teddie und das Mammut wurden begleitet von Grete und Maidon.
Teddie war am Morgen in eine äusserst sture Ohnmacht gefallen und wollte partout nicht erwachen. Nachdem Riechsalz und die schlimmsten Jazz-Aufnahmen – sie wurden aus Teddies Versteck im Holzboden hervorgeholt – nicht fruchteten, beschlossen der Herbert und Benji schadenfreudig grinsend, den Teddie einfach unter die heisse Dusche zu stellen. Das Mammut verdrehte die Augen und behauptete seine Hände in Unschuld zu waschen, griff aber auch nicht weiter ein. Sie hievten Teddie unter die Dusche. Dieser ohnmachtete unerbittlich weiter. Benji drehte den Hahn auf – und Teddie auferstanden aus der Dusche und den beiden zugewandt, begann lauthals wie besessen zu schreien und machte den beiden die schlimmsten Vorwürfe der Respektlosigkeit, wobei er sich auch noch historisch fragwürdiger Vergleiche bediente. Der Herbert und Benji bekamen nun doch etwas Bammel, ob sie nicht doch zu weit gegangen seien, versuchten jedoch, ihre Pokergesichter zu wahren. Zutiefst gekränkt stampfte Teddie in sein Zimmer, wo er sich einschloss und schmollte und auf dem Klavier donnernd Neue Musik spielte und weiter schmollte. In der WG rief das Mammut sofort Alarmstufe Rot aus. So schlimm war es Teddie nicht mehr gegangen, seit er sich zum ersten und letzten mal eine Hollywood-Schnulze angetan hatte . Grete und Maidon wurden notfallmässig herbeigerufen. Sie versuchten durch die Tür auf ihn einzureden. Nach drei Stunden betrat Grete sein Zimmer, wobei er ihre Stimme nach einer Stunde erst hörte, als er seinen Klavierdonner unterbrach. Nach weiteren vier Stunden kamen die beiden heraus, Teddie sah immer noch recht mitgenommen aus, hatte sich jedoch seine Abendgarderobe von Grete anlegen lassen. Während dieses Nachmittags herrschte äusserst bedrückte Stimmung in der Küche. Das Mammut konnte bloss so tun als sässe es über administrativen Angelegenheiten des Instituts, unfähig sich ernsthaft darauf zu konzentrieren. Der Herbert blätterte lustlos im neuesten Buch Erich Fromms herum, Die Liebe der Liebe oder: Warum alles besser wäre, wenn wir alle uns lieb hätten. Gelegentlich schüttelte er den Kopf und legte seine Stirn in Falten. Nur Benji klapperte unbeirrt auf einer Schreibmaschine die er sich vom Mammut «ausgeliehen» hatte. Ein diplomatisches Gespür für den Ernst gewisser gravierender Situationen war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Gewöhnlich verachtete er diese Geräte, doch hatte er gerade diesen genialen Einfall, der unedingt festgehalten werden musste. Erst als er die Schreiborgie unterbrach, um sich einen Joint zu bauen und sein Blick zufällig auf den Gang in Richtung Teddies Zimmer ging, hielt er inne. Gretel starrte ihn an und Benji fühlte: «Alle Schreibmaschinen stehen still, wenn ihr strenger Blick es will.» Benji dämmerte, dass er für die nächsten Monate nicht gut bei ihr angeschrieben sein würde, was ihn äusserst schmerzte, da sie ihm eine wichtige Gesprächspartnerin war. Benji liess Joint und Schreiben sein; vielleicht war der Einfall doch nicht so wichtig. Er fügte sich dem allgemeinen Schweigen. Nur schwere Friedhofsstimmung war dieser Situation angemessen. Um die Zeit zu vertreiben, übernahm er vom Herbert Fromms neuen bestseller, nachdem dieser ihn durch hatte, und blätterte darin ebenso kopfschüttelnd. Der Herbert nahm sich anschliessend eine andere Broschüre vor: Marx und Engels intim.

Punkt 19 Uhr standen die Frankfurter vor der Türe der Existentialisten+Foucault-WG. Schweigend starrten sie die Türe an. Niemand wagte es auf die Klingel zu drücken. Unauffällig versuchten sie das Mammut vorzuschieben, von wegen Direktor. Doch der Herr Direktor liess sich nicht einmal bitten, sondern machte, würdevolles Mammut, das er war, keinen Wank. Durch die Türe hörten sie ein lebhaftes Gespräch.
«Mais je te dis que la mayonnaise est ratée ! C‘est absurde.» Der Herbert erkannte die Stimme von Camus.
«Mais non, elle n‘est pas ratée ! Laisses-moi faire, Albert.»
Dann hörten alle Benji laut niessen.
«T‘as entendu, Albert ? Certainement les allemands sont arrivés mais ils n‘osent pas entrer à cause de tes référats sur l‘absurdité de la mayonnaise.»
«Il faut s‘imaginer la mayonnaise un produit hereux !», hörte man Camus noch zurückrufen, darauf Schritte.
Die Frankfurter hatten die ganze Zeit über geschwiegen, die Türe anstarrend, als befänden sie sich in einem Fahrstuhl. Nur der Herbert schmunzelte. Kurz darauf öffnete Camus die Türe. Er hatte eine Kochschürze an mit der Aufschrift: «I ❤ the absurdity of my existence.» Zudem trug er eine Kochmütze. Beide waren mit etwas bekleckert, das wohl besagte Mayonnaise war.
«Ah, soyez les bienvenus, chers collègues.»
Teddie hustete.
«Nous sommes très honorés d‘avoir pu accpeter votre invitation», ergriff Benji schnell das Wort. Benjis Französischkenntnisse unterschieden sich von jenen manch anderer deutscher Philosophen: sie waren vorhanden. Allerdings konnte er zwar Proust übersetzen, die Übersetzung seiner Kunstwerk-Arbeit überliess er jedoch lieber einem Franzosen. Sie war ihm zu kompliziert.
«Mais ne restez pas dehors», sagte Camus. «Venez, entrez. Madame Arendt et les autres ne sont pas encore arrivés.» Jemand atmete erleichtert auf. «Est-ce que vous voulez un verre de gewürztraminer ? C‘est Jean-Saul Partre qui l‘a apporté de son grand-père à Strasbourg.»
«Oui, volontiers.» Camus reichte dem Herbert und den anderen ihre Gläser. «Alors Albert, mon pote, ça va ?»
«Ben pas mal. La vie est parfois plus, parfois moins absurde, n‘est-ce pas ?»
Während der Herbert und Camus einander den neuesten Tratsch aus Paris erzählten, setzten sich die niemzi Teddie und Mammut in die Ohrensessel des Salons. Nur Benji inspizierte neugierig die WG-Bibliothek. Mit Büchern konnte er es einfach besser als mit Menschen. Es war zu befürchten, dass das Exil und die stille Arbeit in der französischen Nationalbibliothek bleibende Schäden an ihm hinterliess.
Das Mammut und Teddie blickten einander nervös an. Sie hofften auf die baldige Ankunft ihrer Ehefrauen. Erst nachdem sich Teddie beruhigt hatte, war aufgefallen, dass die Frankfurter ja gar kein Gastgeschenk für die Franzosen hatten. Maidon und Grete hatten die Augen verdreht. Es sei ja typisch für die Herren Professoren vor lauter Theorie an so etwas nicht zu denken. Sie erklärten sich bereit, irgendwo noch eine Flasche Wein aufzutreiben. Franzosen Wein mitzubringen war freilich absurd. Doch aus Dankbarkeit legte niemand Einspruch ein. Und wenn irgendwo, dann würden absurde Handlungen ja am ehesten hier goutiert. Doch wenn ich das Weinregal betrachte, dachte Teddie, während er im Ohrensessel sass, sehe ich, dass zuerst einige Flaschen Wein vernichtet werden müssen, bevor es Platz für neue hat.
Es klingelte. Die Klingel spielte die ersten Töne des chant des partisans. Teddie hoffte inständig, dass es Maidon und Grete waren.
«Albert, occupe-toi du reste, s‘il te plaît !», rief Simone de Beauvoir ihm zu, während sie sich die Hände an ihrer Schürze trocknend zur Tür ging. Der Herbert und Camus verzogen sich in die Küche. Vom Jean-Saul Partre und von Foucault keine Spur. Simone de Beauvoir öffnete die Tür, Teddies Hoffnung erfüllte sich.
«Pardonnes-nous notre retard, nous sommes désolées.»
«Ça ne fait rien. Laissez-moi prendre vos manteaux.» Als sie die Mäntel aufgehängt hatte, rief sie in den Gang hinaus: «Écoute Jean-Saul, je sais que tu es en train d‘écrire ton œuvre super important et bouleversant mais nos invités sont là. Tu viens, oui ?» Gegrummeltes, unverständliches Französisch erklang als Antwort. «Vous devez l‘excuser», wandte sich de Beauvoir an ihre Gäste, «comme je viens de dire, il est en train de travailler et quand il écrit il oublie tout autour de lui. Parfois c‘est pire qu‘une drogue.» Grete und Maidon blickten sie voller Verständnis an.
«Über was der Partre wohl schreibt?», wandte sich Teddie ans Mammut, «Meine Unverständliche Philosophie Teil 2: Das Nichts und das Sein
Das Mammut lächelte nur verlegen. Ihm war es unangenehm, wenn Teddie ausserhalb des Instituts oder der WG solche Witze riss. Eines Tages würde er sicher noch einflussreiche Personen vergraulen. Auch Grete warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, wandte sich jedoch gleich wieder de Beauvoir zu:
« Laissons tomber les hommes. Nous avons lu tout vos livres et nous en sommes enthousiasmées ! »
« Je suis flatée que mes livres vous plaisent.» Die drei Frauen vertieften sich in ihr Gespräch.
Benji hat sich mittlerweile ein Buch von Camus aus dem Regal genommen und sich in die Lektüre des Buches und in den Ohrensessel versenkt. Niemand wollte ihn dabei stören, er ging offenbar leicht vergessen.
Wieder klingelte es an der Türe. Camus öffnete, da die Damen am Clubtisch Platz genommen hatten.
« Bonsoir ! »
«Entschuldigen Sie die Verrrspätung, wirrr haben die Wohnung nicht gleich gefunden», murmelte ein verlegener Heidegger. Arendt, Blücher, Jaspers und Heidegger traten ein.
« Alors, vous vous connaîssez, n‘est-ce pas ? Il ne faut pas vous présenter ? »
«Ja.», sagte Tedie.
«Ah d‘aillerus», sagte Camus, «Merleau-Ponty vous prie de l‘excuser ; il n‘est pas encore de retour de son voyage. »
Endlich blickte Benji von seiner Lektüre auf, er hat die Arendt schon lange nicht mehr gesehen. Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie bemerkte, dass er ebenfalls anwesend war.
Alles wollte sich wieder in‘s Gespräch vertiefen, doch penetranter Rauch und atemberaubender Gestank verstörte die Gesellschaft.
« Mais qu‘est-ce que vous brûlez là-dedans, les hommes ? », rief de Beauvoir in die Küche, « faut-il toujours vous surveiller ? » Das schien Foucaults Stichwort zu sein, der gerade zur Tür herein kam. Er zog seine Schuhe und die Lederjacke aus, holte sich in der Küche ein Bier und setzte sich zu den Gästen, seine Beine auf dem Clubtisch parkierend.
« Tout va bien », vermeldete das Team Albert-Herbert.
Der Rauch indes wurde nicht schwächer, im Gegenteil. Doch des Rätsels Lösung näherte sich. In eine dicke Wolke Pfeifenrauchs gehüllt stand Jean-Saul Partre, der berühmte existentialistische Philosoph im Gang.
« Bonsoir à tous », sagte Sartre.
«Herrr Parrrtrrre, es ist mirrr eine ehrrre, sie kennenzulerrrnen.» Heidegger ging auf ihn zu, sichtlich kostete es ihn Überwindung.
«Das kann ja ein heiterer Abend werden!», rief Teddie aus. Niemand hörte ihn. Er ging in die Küche. «Herbert, magst Du mir mein Glas nachfüllen?» Teddie stellte fest, dass der Herbert und Albert bereits bei der zweiten Flasche Gewürztraminer waren. Heute Abend war es ihm egal. Er begab sich wieder in den Salon. Beschämt blickte er zu Boden. Er konnte sich nur allzu gut vorstellen, welch nicht gerade wohlgesonnenen Blicke in getroffen hätten. Er hat die Arendt einmal ein geschwätziges Waschweib genannt. Er war nicht stolz darauf. Er musste sich selbst eingestehen, dass es nicht verwunderlich sei, wenn sie ihm das immer noch übel nahm. Er steuerte seinen Ohrensessel an, als Simone de Beauvoir die Diskussionen unterbrach und zu Tisch bat. Jean-Saul Partre und sie setzten sich nebeneinander, der Herbert und Camus am nächsten zur Küche, da sie den Service übernahmen, in einer Reihe sassen Teddie, Grete, das Mammut und Maidon, ihnen gegenüber Hannah Arendt, Heinrich Blücher, Karl Jaspers und Martin Heidegger. Benji und Foucault bildeten am anderen Ecke des Tisches vis-à-vis vom Herbert und von Camus einen Ecken der Nicht-Verheirateten. Als Vorspeise wurde Hühnersalat serviert an Doch-noch-gelungener-Mayonnaise. Während der Salat verzehrt wurde, sprach niemand. Als Camus und der Herbert das Geschirr abräumten und die Hauptspeise – choucroute royale – servierten, sagte Teddie zu Grete und zum Mammut: «Gestern kam ein Student zu mir, der mich fragte, ob ich ihm die Dialektik erklären könne. Ich antwortete ihm, dass man sie nicht erklären könne. Sie sei ein Prozess, durch den man hindurchgehen müsse.» Die beiden lächelten aus Höflichkeit. Ein begabter Witzeerzähler war Teddie nicht.
« Si je comprends bien », begann Partre langsam zu sprechen, « vous parlez de la dialectique, oui ? »
«C‘est juste», antwortete Teddie knapp.
« Ah, c‘est intéressant», setzte Partre sein Selbstgespräch mit Teddie fort, «je pense d‘écrire un jour un grand livre que j‘apellerai Raison de la critique dialectique. » Doch sogleich wendete er sich an die Gegenüber der Frankfurter, er schien das Interesse an letzteren bereits verloren zu haben:
« Est-ce que vous vous débrouillez bien ? Je trouve intéressant ce que vous écrivez sur l‘existentialisme. »
« On ne va pas mal », ergriff Arendt das Wort, « malheuresement il y a des ennemis philosophiques entêtés en allemagne. »
« C‘est dommage », sagte Partre, der keinen blassen Schimmer hatte, von wem sie sprach. « Mais je suis convaincu que les bonnes personnes vont vous entendre. »
Während sich das Gespräch über existentialistische Philosophie fortsetzte, erzählte de Beauvoir Grete und Maidon von ihrer Autobiographie. Das Mammut und Teddie hörten höflich-interessiert zu. Camus und der Herbert besprachen ihre Vorträge, die sie übermorgen an der besetzten Sorbonne halten würden. Benji lauschte aufmerksam Foucaults Ausführungen über dessen Macht-Analysen. Dieser wiederum war sehr interessiert, als er von Benji erfuhr, dass es Gerüchten zu Folge einen bisher unbekannten Exilautor gäbe, der bald ein opus magnum zu publizieren gedenke. Gemäss informierten Kreisen laute der Titel: Opportunismus und Repression.
Heidegger sagte zu allem gar nichts. Heidegger schwieg. Es müsste doch allen klar sein, dass es im Wesen der deutschen Sprache liegt, die einzige zu sein, in der sich wahrhaft tiefgründige Erkenntnisse, the ones that really matter, ausdrücken lassen. «Das Sein zum Tode», dachte er im Stillen, «ist ein Vorlaufen in ein Seinkönnen des Seienden, dessen Seinsart das Vorlaufen selbst ist. Im vorlaufenden Enthüllen dieses Seinkönnens erschliesst sich das Dasein ihm selbst hinsichtlich seiner äussersten Möglichkeit. Auf eigenstes Seinkönnen sich entwerfen aber besagt: sich selbst verstehen können im Sein des so enthüllten Seienden: existieren.» Keine Sprache war so kompliziert, dass sich diese tiefschürfende Erkenntnis hätte ausdrücken lassen. Es war übrigens auch die einzige, die er beherrschte.
Mittlerweile war man bei Dessert und café angelangt. Camus hat tiramisù gemacht. Teddie und das Mammut wären am liebsten bald aufgebrochen, doch Grete und Maidon waren in ein intensives Gespräch mit Simone de Beauvoir vertieft über die Stellung der Frau in der gegenwärtigen Gesellschaft, wobei sie die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich erläuterten. Sie waren nicht sehr gross.
Der Herbert und Camus überlegten laut, ob sie, nach getätigtem Abwasch nicht noch «auf einen Cognac» in die Bar gleich um die Ecke gehen wollten. Teddie schwante, um welche Unzeit der Herbert nach Hause kommen würde. Falls er überhaupt nach Hause käme.
Heidegger hat sich nach dem Nachtisch in einen Ohrensessel gesetzt, auch wenn vorher Teddie drin gesessen hatte, und war eingeschlafen. Arendt stupfte ihn zärtlich an der Schulter, als sie, Blücher und Jaspers ihre Mäntel bereits angezogen hatten. Das Mammut und Teddie nutzten die Gelegenheit und gingen ebenfalls eine Tür weiter. Benji und Foucault diskutierten begeistert Zusammenhänge von der technischen Reproduzierbarkeit und Disziplinarmassnahmen. Foucault fragte an Benji und de Beauvoir gewandt, ob sie auch noch in besagte Bar hinunter kämen. De Beauvoir stimmte zu, und Benji, der es besser mit Büchern als mit Menschen kann, wollte ebenfalls mitkommen, da er seinen Gesprächspartner nicht verlieren wollte. Partre hielt sich kaum noch wach, obwohl seine Pfeife rauchte.
So gingen die Alten nach Hause und die Junggebliebenen zogen weiter. Grete und Maidon wären gerne mitgegangen. Doch einerseits hatten sie grossen Respekt vor dem Pariser Nachtleben und andererseits fürchteten sie, ihre Ehemänner könnten nicht mehr den Weg nach Hause finden.

Am nächsten Tag liess Benji sich nur kurz in der Küche blicken. Das Mammut und Teddie waren schon auf. Es war nur zu vermuten, ob der Herbert den Weg nach Hause gefunden hatte. Nach einem freundlichen «guten Morgen» sprachen die beiden nicht weiter mit Benji. Er war wieder einmal melancholisch, todtraurig und zutiefst deprimiert. Aus dem Tiefkühler holte er sich eine Box Vanille- und Schokoeis und kam den ganzen Tag nicht mehr aus dem Zimmer.
Als er an diesem Morgen mit unerträglichen Kopfschmerzen aufgewacht war, hatte er festgestellt, dass sich in seinem Aktenköfferchen, das er immer bei sich trug, ein BH befand. Beim besten Willen jedoch konnte er sich nicht daran erinnern, wie dieser wohl hineingekommen sein mag.

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