Es gibt kein Leben in Flaschen. Dialektik der Ausleerung I

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Im Treppenhaus war ein Treiben, Kommen und Gehen, dass man davon kirre werden konnte. Besonders als emeritierter Professor der Philosophie. Überall standen Zügelkartons herum. Die Frankfurter versuchten, sich in ihrer Wohnung zu verbarrikadieren. Doch es war sinnlos. Einerseits sind die Wände zu dünn, man hörte jedes Wort der neuen WG-Nachbarn. Andererseits mussten sie, wenn die Post kam, ja doch auf dem Max-Horkheimer-Pfad einen Weg durch den Zügelkartondschungel finden, um an der Haustüre den neuesten Blauen Band der MEW in Empfang nehmen zu können, aufgeregt wie Schulkinder, die am Kiosk die neueste BRAVO kaufen.
Doch allen Widerständen des Systems, der Kulturindustrie und des totalen Verblendungszusammenhanges zum Trotz, begann sich sanft das Leben zu regen in der WG der Kritischen Theoretiker. Den Tag voller Sonnenschein und Energie begrüssend, öffnet sich vorsichtig die zarte Knospe des junggebliebenen Lebens, um sich im Genuss der Sonne, begleitet von Richard Straussens Also Sprach Zarathustra zur vollen Blüte zu entfalten. Blüten, zur Sonne, zur Freiheit!
«Guu…ten…» Max Horkheimer, genannt ‹das Mammut›, nickte einfach wieder ein, wo er stand. Immerhin war es erst 9 Uhr 30. Teddie ruckelte sanft an dessen Schulter. Als er die Wirkungslosigkeit seines Tuns einsah, liess er das Mammut schlafen, wo es stand. Adorno schlurfte – «gähhhhn» – in seinen Hegel-Pantoffeln zur Küchentheke. Nicht nur musste sich Teddie den Kaffee selbst zubereiten. Es hatte niemand ihm Butterbrote gemacht. Er verstand ja schon: Haushalt, Reproduktionsarbeit, Feminismus. Die Emanzipationsbewegung ist dringend zu begrüssen. Dennoch fühlte er sich hilflos, so hilflos. Benji, der sich zu einem Frühaufsteher entwickelt hatte, stellte ihm manchmal Butterbrote bereit, bevor er mit seiner Berner Sennenhundes spazieren ging. Heute hat Benji das nicht getan. Teddie war nicht böse auf ihn, nein. Nur enttäuscht.
Das Mammut schnarchte mittlerweile. Wacker hielt es sich – nicht gerade aufrecht, doch war es entfernt davon, umzufallen. Teddie war gerade im Begriff, in Zeitlupentempo sich Kaffee in die Tasse zu füllen, auf der «Baujahr 1903. Nur Originalteile» stand. Kurz bevor er den Transfer des Kaffees aus der Kanne des Allgemeinen in seine Tasse des Besonderen abgeschlossen hatte, betrat Herbert Marcuse die Küche. Für seine Verhältnisse war er früh auf. Teddie behielt die Beobachtung für sich.
«Guten Morgen, Herbert.»
«Moin! Moin!», antwortete der Herbert.
Teddie blickte den Herbert flehentlich an. Dieser verstand und machte sich daran, Butterbrote für alle zu bereiten. Teddie fand jetzt diesen Montagmorgen schon weniger schlimm und begann im Kopf zu singen: «Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er Butterbrote bitte sehr!» Er setzte sich an den Küchentisch. Früher, als sie noch jung waren, hatte er starke Vorbehalte gegen den Herbert gehabt. Dessen existentialistische Habilitation war ihm immer noch ein Graus. Hegel fundamentalontologisch zu interpretieren – tz. Sieht doch jedes Kind, dass das nicht geht. Auch als er erfuhr, dass der Herbert ebenfalls in die WG einziehen würde, blieb er skeptisch, dachte Teddie, während er Herberts Butterbrote erwartete. Heute wusst er es aber zu schätzen, dass der Herbert mit ihnen wohnte.
«Tadaa!» Herbert servierte Teddie zwei Butterbrote und bis herzhaft in sein eigenes.
«Danke», flüsterte Teddie. Er war versöhnt. Nicht mit der Welt, nicht mit dem Kapitalismus – aber mit der real existierenden Wohngemeinschaft. Der Herbert stellte die übrigen Butterbrote auf den Tisch. Teddies Blick wanderte mit und er erblickte wieder das Mammut. Teddie sah, dass das Mammut schlief. Und er sah, dass es ein guter Schlaf war. Doch Teddie hörte, dass das Mammut schnarchte. Und das Schnarchen war fürchterlich. Teddie griff nach eine, Apfel aus dem Früchtekorb und warf ihn dem Mammut an den Kopf. Volltreffer. Das Mammut schreckte auf, verlor das Gleichgewicht, vollführte eine Revolution und konnte sich im letzten Moment fangen. Der Herbert und Teddie streckten ihre Karten hoch: Teddie gab acht Punkte, der Herbert sieben. Das Mammut begriff, wo es sich befand. «In einem Irrenhaus. Es heisst ‹Institut für Sozialforschung›, doch in Wahrheit ist es ein Irrenhaus.»
Es setzte sich an den Tisch; Teddie goss ihm Kaffee ein, der Herbert reichte ihm drei Butterbrote.
«Ich hatte wieder einen Alptraum.», sagte Teddie.
Das Mammut verdrehte die Augen. Teddie setzte seine Psychoanalysesitzungen zu früh an, dachte es.
«Ich träumte», fuhr Teddie unbeirrt fort, «ich war auf dem Weg nach Hause von meiner Vorlesung über ‹Ontologie und Dialektik›. Auf einmal taucht der Heidegger aus einer dunklen Gasse auf, springt mich an und missbraucht mich als sein Rösslein. Gehetzt renne ich die Strasse hinunter, denn ich kann ihn nicht abschütteln, ich habe Herzrasen und der Heidegger schreit mir in die Ohren: ‹jedes Dasein ist ein in der Welt geritten Sein!› »
Der Herbert vergass allen Takt und lachte lauthals los.
«Schrecklich», kommentierte das Mammut trocken.
Um den Schrecken seines Alptraumes zu überwinden, setzte Teddie an zu einer triumphierenden Rede, wie er in seiner Vorlesung über «Ontologie und Dialektik» Heideggers Fundamentalontologie souverän an die Wand kritisiere. Es sei ja glasklar, dass die Dialektik, als Denkungsart, der Ontologie haushoch überlegen sei. These, Antithese, Sieg.
Doch noch bevor Teddie auch nur den ersten Satz beenden konnte, vernahmen sie von draussen vor der Tür Gepolter. Die wurde aufgerissen, Benji stolperte hinein, strauchelt auch noch über die Leine seiner Berner Sennenhundes und fällt hin. Seine Brille fliegt davon.
«Ick gloob es nit, wat is det für ein Heckmeck, eyh! Ick hab die Existentialisten jetzt schon ufm Kiecker! Die mach‘n mir noch janz meschugge!» Benji rappelte sich auf.
«Die wer?» Teddies Augen weiteten sich, angsterfüllt.
«No die Existenzialisten!» Benji klopfte seinen Mantel ab. «Haste Tomaten uff den Ohren?» Teddie verfiel in Angststarre.
«Schaut so aus, als wärn wir nicht mehr die einzije WG, wa?», sagte der Herbert. «Wer zieht denn alles ein?»
«Der olle Sartre, die de Beauvoir, der Camus und der Merleau-Ponty. Ach und dem Foucault ham‘s och en Zimmer jejeben, weil er‘s bei uns nit mehr ausjehalten hat.»
«Ich habe mich gefragt, wo der steckt», sagte das Mammut.
Der Herbert freute sich. Im Gegensatz zu Teddie hatte er keine Berührungsängste. Saufen können‘s wenigstens, die Existentialisten. Mit Camus um die Häuser zu ziehen ist immer ein Vergnügen.
Benji hing die Leine seines Berner Sennenhundes Charlie auf. «Übrijens», sagte Benji während er sein Butterbrot schnabulierte, «morjen abend machen‘s eine Einweihungsparty. Der Heidegger, die Arendt und der Jaspers sind einjeladen. Und wir ooch.»
Teddie fiel in Ohnmacht.

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