Mai 68: La chinoise, Barbarella, Erotissimo

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Zum dritten Mal hat die Gruppe Konverter dieses Jahr Thementage zu Ostern veranstaltet — nach dem Irischen Osteraufstand 1916 und der Russischen Revolution 1917 ging es diesmal um den französischen Mai 1968. Dafür habe ich einen Kinoabend organisiert, mit drei Filmen, die das politische und gesellschaftliche Klima von damals ausschnittsweise wiedergeben sollen.

 
La chinoise
Von Jean-Luc Godard, Frankreich 1967, 96 min.

Fünf Studierende verbringen den Sommer gemeinsam in einer Wohnung und diskutieren. Sie begeistern sich für den Maoismus oder streiten darum, ob man zum Ziel der Revolution auch Gewalt einsetzen soll.
Godard war 1966 bereits ein Star-Regisseur (seit À bout de souffle 1960 und dem internationalen Durchbruch der Nouvelle Vague) sowie ein Endedreissiger (= alter Sack), als er die Studentin Anne Wiazemsky (damals 19) kennenlernte (Wiazemsky und Godard waren verheiratet von 1967 bis 1979). Über sie fand er Zugang zu den Studentenkreisen in Nanterre, wo im Frühling 1968 jene Unruhen ihren Anfang nehmen sollten (Bewegungen 22. März), die ganz Frankreich und schliesslich Europa packten. Godard begeisterte sich für die Studentenkreise und radikalisierte sich sowohl politisch als auch filmisch. La chinoise ist ein Ergebnis davon.
(Über diese Hintergründe gehts übrigens auch in Michel Hazanavicius‘ Biopic Le redoutable, das auf einem Buch Wiazemskys über ihre Beziehung mit Godard basiert. Ganz lustig und lehrreich, der Film, wenn auch ein bisschen flach — und natürlich vollständig unpolitisch.)
Die Ausgangslage mit den fünf Studierenden ist inspiriert von Dostojewskis Die Dämonen von 1873 (in anderen Übersetzungen Die Besessenen, Böse Geister oder Die Teufel), der von fünf revolutionären Verschwörern im zaristischen Russland handelte. Im Buch wie im Film verkörpern die fünf Hauptfiguren verschiedene Fraktionen, die sich ihre verschiedenen Positionen um die Ohren hauen. So besteht La chinoise denn auch zu 90% aus ausführlichen Dialogszenen, was die Geduld mitunter arg strapaziert. (Die Leute in der Konverter-Garage waren kurz davor, gegen meine Filmauswahl zu rebellieren.)
Aber der Film hat auch seine spielerischen Seiten. Da wird zum Beispiel das Elend der vietnamesischen Bevölkerung dargestellt, indem eine der Studentinnen, auf dem Kopf ein chinesischer Strohhut, von Modell-Flugzeugen angegriffen wird. Oder da wird ein Spielzeugpanzer mit Mao-Bibeln beworfen: Der Kampf kommunistischer Gruppen gegen die reaktionären.
Aus heutiger Sicht läuft es einem bei der allgemeinen Beigeisterung für Mao und dessen Kulturrevolution (die ja 1966 angefangen hatte) mitunter kalt über den Rücken. Wenn eine der Studentinnen (gespielt von Wiazemsky) sagt, wenn sie im Sommer Pfirsiche pflücken gehe, so sei das so, wie wenn in China ein Professor aufs Feld geschickt werde, so würde man ihr am liebsten eine runterhauen.
Aber bei aller Begeisterung Godards für die politische Jugendbewegung scheint auch eine kritische Distanz durch. Der Pfirsich-Spruch kommt, als die Studentin von ihrem Professor (Francis Jeanson, im echten Leben tatsächlich auch ein Professor von Wiazemsky) argumentativ auseinandergenommen wird und sie ihm nur hohle Phrasen entgegenhalten kann. (Freilich hat die Szene auch ein bisschen was von mansplaining. Überhaupt scheint im Film eine gewisse Altväterlichkeit Godards durch.) Überhaupt sind die fünf Studierenden bald völlig untereinander zerstritten. Es kommt zwar zu einem Anschlagversuch, der geht aber komplett in die Binsen. Am Ende räumen die Studenten die Wohnung (die sie von den Eltern einer Freundin für die Sommerferien bekommen haben) und kehren zurück in ihre gutbürgerliche Existenz. Die Revolution zerfällt an inneren Streitereien, an der Realität und an der Bequemlichkeit der Studierenden. Also hat La chinoise vieles an der 68er-Bewegung (und ihrem Scheitern) vorweggenommen.
(Ob es wohl daran liegt, dass Godards Filme in den Studentenkreisen nicht nur begeistert aufgenommen wurden?)

 
Barbarella
Von Roger Vadim, Frankreich/Italien 1968, 98 min.

La chinoise war ein Film zum Durchbeissen (so geduldstechnisch), Barbarella einer zum Durchatmen. Die Titelheldin (gespielt von Jane Fonda) ist eine Weltraumagentin, die vom Erdenpräsidenten den Auftrag erhält, einen Wissenschaftler namens Durand Durand (Milo O’Shea) aufzuspüren. Dieser arbeitet anscheinend an einer Superwaffe, die den galaktischen Frieden bedrohen könnte, und ist im System Tau Ceti abgetaucht.
Barbarella ist sicher der bekannteste dieser drei Filme; eine Science-Fiction-Komödie mit erotischem Touch — Barbarella läuft gern nackt oder zumindest in sexy Outfits durch die Gegend und vögelt sich durch die halbe Galaxie. Kein Wunder, wurde Jane Fonda mit dem Film zur Sexikone. Regisseur Roger Vadim hat sichtlich Freude daran, seine damalige Frau der Kamera zu präsentieren, ähnlich wie Godard seine Wiazemsky in La chinoise.(„Schaut her, was für eine geile junge Freundin ich hab!“)
Die Figur Barbarella gehört jedenfalls zu den zentralen Symbolfiguren der sexuellen Revolution; eine selbstbewusste junge Frau, die Abenteuer erlebt und sich in Sachen Liebe holt, was sie will. Das mag einerseits ein Vorbild für Frauen sein, hat aber auch etwas von einer Männerfantasie. Jane Fonda selbst war es damals ja gar nicht so wohl in der Rolle …
Ebenso wie die Comicvorlage von Jean-Claude Forest (erstmals 1962 erschienen) ist der Film nicht nur freizügig, sondern auch voller schräger Ideen und Figuren. Da begegnet Barbarella zum Beispiel dem Vogelmenschen Pygar (John Phillip Law), der von einer bösen (sowie masochistisch veranlagten und lesbischen) Diktatorin geblendet wurde und aus Trauer seine Flugfähigkeit verloren hat. Nachdem Barbarella mit ihm Sex hat, kann er aber wieder abheben.
Oder wer könnte den sensationellen schlittenziehenden Land-Rochen vergessen, der unsere Heldin mal mitnimmt?
Kostüme, Spezialeffekte, Kulissen: Alles erinnert ein bisschen an die Augsburger Puppenkiste, ist aber herrlich durchgeknallt und bunt. Ein Film wie eine Bonbonschachtel.

 
Erotissimo
Von Gérard Pirès, Frankreich/Italien 1969, 100 min.

Den Film kannte ich vorher gar nicht; ich bin erst im Laufe meiner Recherchen (= beim Googlen) zum Kinojahr 1968 darauf gestossen. Aber Erotissimo erwies sich als Überraschungshit und wurde zum allgemeinen Liebling des Filmabends.
Eine ältere Hausfrau (Annie Girardot) ist nah dran an der totalen Verzweiflung, weil ihr Gatte (Jean Yanne) sie allem Anschein nach nicht mehr anziehend findet. Ihre Avancen ignoriert er einfach. Es führt kein Weg dran vorbei: Sie muss mit der Zeit gehen und zu einer modernen, sexuell offenen Frau werden, um ihren Mann zurück ins Bett zu kriegen. Der Witz an der Sache: Der Gatte ist bloss erotisch so abwesend, weil seine Firma Besuch vom Steuerprüfer (Francis Blanche) und er damit ganz andere Sorgen hat.
Regisseur Gérard Pirès war ein passionierter (Hobby-)Rennfahrer, der gleichzeitig auch irgendwie Verbindungen zur Filmindustrie knüpfte und mit Erotissimo sein Filmdebüt vorlegte. Seinen grössten Hit hatte er dreissig Jahre später mit Taxi — jenem Actionfilm, in dem es ein rasender Taxifahrer mit Bankräubern zu tun kriegt. Womöglich habt ihr mal davon gehört. Ein gewisser Luc Besson produzierte den Film, und Taxi war derart erfolgreich, dass er vier Fortsetzungen und ein US-Remake nach sich zog.
Dass Erotissimo von einem Rennverrückten stammt, glaubt man sofort, denn die Komödie ist in einem halsbrecherischen Tempo inszeniert, da gehts Schlag auf Schlag, Gag auf Gag. Der Film ist bis zum Rande voll mit Witzen und Regieeinfällen; eine wilde Mixtur aus Nouvelle Vague und Monty Python’s Flying Circus (die Engländer starteten ja auch im Jahre 1969). Oh, und in einer Szene tritt völlig unvermittelt Serge Gainsbourg als schmieriger Kinobesucher auf. What the fuck.
Und nicht nur das: Erotissimo ist auch eine Satire auf die sexuelle Revolution, zeigt sehr treffend, wie Werbung, Magazine und die sonstigen Ungeheuer des Kapitalismus die erotische Befreiung dankbar aufnahmen, um sie marktwirtschaftlich zu verwerten. Opfer sind die „Konsumenten“: Für die Ehefrau bedeutet die sexuelle Revolution keine Befreiung, sondern nur einen neuen Zwang. Früher musste eine gute Frau keusch sein, jetzt muss sie alle Stellungen kennen.
Diese Aussagen trifft Erotissimo spielerisch, ohne die herablassende, geschwätzige Art von La chinoise und ohne die latente Notgeilheit von Barbarella. Ein kleines Wunder, dieser Film.

 
Der Artikel erschien gleichzeitig beim Kulturmutant.

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