Die Schlange

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Kapstadt. Ich stehe in einer der vielen Schlangen am Flughafen. In der Hand mein Ticket und Pass. Ich schaue mich um. Eine junge Frau vor mir trägt eine Krone aus Straussenfedern, die mit Neonfarbe besprüht ist. Ihr Reisebegleiter steckt in einer violetten Filzhose und trägt ein Glitter-Berber-Gilet. Ich bemerke zwei orangerote Armbänder an ihren Handgelenken. Plötzlich fallen mir immer mehr von diesen Armbändern in meiner Schlange auf. Alle Armbänderträger sind jung, schlank, gutaussehend, sonnengebräunt. Und vor allem sind sie alle mit irgendwelchen Attributen ausgestattet. Aus einer Hemdbrusttasche hängt eine verwelkte Wüstenblume. Eine blonde Frau trägt einen künstlichen Blumenkranz, der schon bessere Tage gesehen hatte. Ein Mann mit Bart, Augenringen und Leinenhose hat eine Ukulele über seine rechte Schulter gehängt. Es ist eine Parade von Kostümierten, die sich mir hier präsentiert. Mitten drin stehe ich in meinen Jeans und blauem T-Shirt, Pickel im Gesicht und Bleich wie ein eleganter Caprice des Dieux.

Nach dieser ersten Schlange schleppen wir uns alle zur nächsten Station. Ticketkontrolle. Eine schleichende Schlange aus Naturalien und Neon. Die Parade formiert sich neu. Dieses Mal verschlägt es mich hinter drei Mädels aus Zürich, die ausgiebig diskutieren. Auch sie tragen die obligatorischen bunten Pluderhosen und die orangeroten Armbänder. Ihre Attribute: ein gelber Lippenstift, ein T-Shirt mit Weltkartenaufdruck, zwei Bananenohrringe. Wie die meisten Leute, die alleine in einer Schlange stehen, höre ich ein bisschen zu, was die drei sich so zu erzählen haben. Ich lasse mich unterhalten:

Der gelbe Lippenstift: Das isch einfach voll fantastic gsi. Also ich mein s’Ganze. D’ Wüsti, s’ Festival, die geile Führ und eifach … de Wibe.

Der gelbe Lippenstift seufzt und verdreht sehnsuchtsvoll seine Augen. Das Weltkarte-T-Shirt und die Bananenohrringe seufzen im Chor mit.

Das Weltkarte-T-Shirt: JAAA, da gönd mer nöchst Jahr wieder ane, das Festival isch einfach voll social. From all over the world chömed d Lüt und mached voll Party.

Der gelbe Lippenstift: Ja, from all over the world. Mir hand all zäme tanzt – zmitts i de afrikanische Wüeschti underem em schwarze Sternehimmel. Und alli sind det so voll Down-to-earth.

Die Bananenohrringe: Boah und die vegane Currys und Banane-Barbecues.

Der gelbe Lippenstift: Ich han mer so en organic-Gwürzstreuer mit Festival-Ufchläber kauft.

Das Weltkarte-T-Shirt: Voll geil! Ich so Socke us Bambus. Die sind so vo schwarze Fraue in Südafrika hergstellt worde. Also alls so us natürliche Sache. Mega kuschelig und sogar fairtrade. Häsch der au öppis im Öko-Village kauft?

Das Weltkarte-T-Shirt dreht sich zu den Bananenohrringen um.

Die Bananenohrringe: Das Pärli Bananeohrering. Weisch Banane sind ebe mini Lieblingsfrücht.

Das Weltkarte T-Shirt und der gelbe Lippenstift: Wow, ja voll schön.

Mittlerweile sind wir vorne beim Schalter angekommen. Die Bananenohrringe wurden soeben nach ihrem Pass gefragt. Wir steigen allesamt ins Flugzeug ein. Ich quetsche mich nehmen einen Mann in Giraffenhosen, dessen Hufe in knallroten Schuhen versteckt sind. Sein Kollege eine Reihe vorne staubt mit seinem Zebra-Punk die Sitzlehne ab. Wir heben ab. Die Stunden ziehen sich und wir fliegen. Unter uns ist Afrika. Eine bunt gefüllte Nussschalle in einer weissen, wolkigen Masse. Um mich herum schlafen die glücklichen Gesichter und träumen von schwarzen, afrikanischen Nächten.

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