68 als Chiffre

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Dem einen Grund zum Ausspeien, dem anderen Nostalgie. Dieses Jahr gibt es kein Entrinnen vor dem Jubiläum. Eine Generation feiert sich selber, vielleicht sogar selbstkritisch.

Was aber heisst 68 genau? Darüber gibt es wenig bis keine Einigkeit. Studentenunruhen, Vietnam, Hippies, Free Love, LSD, Arbeiterkämpfe: Politische Unruhen. Bilder reihen sich aneinander. Napalm, lange Haare, Sit-Ins, nackte Körper, Demonstrationen, Barrikaden.

1968 ist Dreh- und Angelpunkt. Als Zahl bezeichnet es einen kulturhistorischen Wendepunkt und meint nie nur dieses eine Jahr. Immer geht es auch um das, was zuvor war und um das, was danach kam. Will man 68 begreifen, dann lässt sich höchstens eines mit Sicherheit sagen: Es gab ein vorher und es gab ein nachher.

Zur Zeit streitet man sich über diese Chiffre. Ihr Erbe, wenn es ein solches gibt, ist so unklar wie es umstritten ist.

Die sexuelle Befreiung gebar die Liberalisierung des Sexes, im guten wie im schlechten. Verklemmte Sexualvorstellungen wichen einer Toleranz, aber zugleich stürzte sich das Kapital auf diesen neuen Markt. Die kommerzielle Pornographie, vom Schmuddelgschäft zur globalen Industrie hochgewachsen, die ihre Arbeitskräfte wie jede andere Industrie verschleisst und ausbeutet, hat heute das Monopol auf unsere Vorstellungskraft hinsichtlich des Sexuellen.

Der lange Sommer der Theorie. Es gibt das Bonmot, dass die Kritik und der revolutionäre Wille so stark kultiviert wurden, dass jene, die am belesensten in Kritischer Theorie waren, auch am Beliebtesten beim anderen Geschlecht waren. Man stelle sich die Anmachesprüche vor, zitternde Knie bei „Affirmation des Bestehenden“ und verdrehte Augen bei „repressiver Entsublimation“.

Von diesem Willen, die Welt in einem Atemzug verstehen, kritisieren und auseinander zu reissen, um sie neu entstehen zu lassen, ist wenig bis nichts geblieben. Die Theorien von damals sind ebenso verschwunden wie der Elan, die Gesellschaft radikal zu verändern. (Auch das eine häufige Deutung von 68: Dass Theorie und Praxis der Revolution nicht mehr getrennt waren) – Wer heute noch Marx zitiert, erntet Unverständnis. Und – sowohl paradox wie auch nicht unbedingt erstaunlich – erst recht, wenn das Gegenüber selbst 68er war.

68 als Chiffre eigener Vergangenheit. Die Generation von damals ist behäbig und selbstgenügsam geworden. Hat es sich auf dicken Sesseln gemütlich gemacht. Wer sich damals anschickte, das System von innen zu infiltrieren, den berüchtigten „Marsch durch die Institutionen“ zu vollführen (wie geschickt: Revolutionäres Gebaren UND noch Karriere machen!), der sitzt heute entweder als fette Qualle wie seinerzeit die Nachkriegsgewinnler an den Schalthebeln der Macht – oder wenn er nicht so erfolgreich war, muss er sich ohnmächtig mit bürokratischem Fitzelkram rumschlagen.

Nach 68, so scheint es, ist alle Politik tot, und alle Kritik auch. Sie sind nur Langeweile im Strudel des Spektakels, Hindernisse des Amüsements. Der Imperativ damals hat sich so verkehrt. Die Ansage an die Adresse der Jugend: „Reiht euch ein, marsch – und muckt nicht auf!“ – lautet heute „Amüsier‘ dich krass, hopp – und muck nicht auf, Alter!“

Im Strudel der Nostalgie droht die Gefahr, 68 endgültig zu musealisieren. Keine Kulturinstitution, die sich nicht irgendwie an der Jahreszahl anlehnt, um jene Generation als Besucherinnen und zahlende Kundschaft für sich zu gewinnen.

68 als Chiffre. Dem muss entgegnet werden. Durch historische Analysen ohne falschen Respekt. Stellt euch einfach vor, sie wären schon tot. Und man muss sich 68 als Chiffre (wieder) aneignen. Nicht in Warenform, sondern als Einladung. Nicht als Party, sondern als Fest, als Beisammensein. (Solidarität lebt man, man schreit sie nicht als Slogan)

Und wenn wir das Gespenst jener Zeit hervor beschwören, dann weder um es auszutreiben oder um es zu heiligen, sondern um es zu unserem Tanz zu zwingen. Denn was die letzten Jahrzehnte gezeigt haben: 68 ist zu wichtig, als dass man es jener Generation überlassen dürfte, die ihre unbequemen Ideale wenn auch nicht immer verraten, so aber doch häufig vergessen hat.

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