[Montagsgedanken] Funktion

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An alle Funktionen und Positionen ist die Frage zu stellen: Drängen sie zur Aufhebung ihrer selbst? Welches auch immer ihre Funktion ist, drängen sie zur Auflösung jener Not, welche ihnen den eigenen Auftrag erteilte? Diese Frage ist total und verweist dadurch auf das Umfassende der Strukturen; sie kann an jede entsprechende Instanz gerichtet werden.


Ein Beispiel (welches das Problem runterbricht): Der Arzt, welcher seinen Patienten Ratschläge zur Ernährung und Lebensweise gibt, damit seine Patienten gesünder leben und schlussendlich den Arzt weniger benötigen, unterscheidet sich von jenem, der bloss Untersuchungen anstellt und Rezepte ausschreibt. Der zweite Arzt schafft sich jene Klientel, die seiner Dienste weiterhin bedarf. Ähnlich einem Dealer erschafft er sich die Kundschaft, indem er ihnen eine neue Sucht als Ausweg aus ihrer Situation anbietet. Dies ist gut für sein Geschäft – wäre er aber an der Gesundheit seiner Patienten interessiert, würde er sich anders verhalten. Oder überspitzter gesagt: Jener Arzt, der sich selbst entbehrlich gemacht hätte, wäre tatsächlich ein grosser Arzt.
Darauf zielen wir, wenn wir diese Frage stellen: Drängen die Funktionen zu ihrer Selbstaufhebung?

Wo die Funktionen auf ihre Selbstaufhebung zielen und diese verfolgen, findet sich jene Dialektik wieder, die häufig verneint wird. Die (behauptete) Notwendigkeit einer Führungsschicht, eines Kaders, einer Gruppe von Expertinnen, von ausgebildeten und entsprechend diplomierten Fachkräften, welche es besser wissen, geht immer Hand in Hand mit der Behauptung, dass jene, die untergeordnet sind, diese benötigen. Was als etwas natürliches behauptet wird, ist in sich bloss Tautologie: Was unten ist, muss in einer Struktur eine untere Position einnehmen, weil es unten ist. Was ist, was es ist, muss bleiben, wo es ist.
Politik funktioniert so, Kunst funktioniert so, Arbeit funktioniert so. Macht legitimiert sich dadurch, dass sie da ist, wo sie schon immer war und leitet dadurch ihren Anspruch ab, dass sie benötigt ist und auch zukünftig bleiben wird, wo sie ist.

Die Funktion will sich selbst also nicht aufheben, sofern sie an der Macht ist – und wenn sie nicht an der Macht ist, sucht sie ihre Ersetzung, selbst wenn sie die Zerstörung ihres Trägers im Visier hat.

Die Versuche, solche Macht zu übernehmen gebärden sich zwar häufig revolutionär, sind aber von reformistischem Geist. Die Übernahme – unabhängig ob sie mittels Gewalt oder bürokratischer Kleinarbeit vollzogen wird – ist immer eine konservative und muss entgegen ihrer Ambitionen in ihr Gegenteil umschlagen, da sie nur das Personal, nicht aber den Betrieb ersetzt hat. Man kann das z.B. an der Schleyer-Entführung durch die RAF sehr deutlich sehen. Die RAF entführte Schleyer, den Arbeitgeberpräsidenten. In dem Moment, wo sie ihn entführt hatten, hielten sie nicht mehr den Arbeitgeberpräsidenten in ihrer Hand, sondern den Privatmann Schleyer. Hatten sie ihn für seine Funktion entführt, so erübrigte sich der Grund für seine Entführung in dem Moment, da er seine Funktion nicht mehr ausführen konnte. Daran scheiterte letztlich jedes grosse Projekt politischer Erneuerung, dass sie die Besetzung, nicht aber die Rollen veränderte, um es mit einer Theatermetapher zu sagen. Die Hoffnung, mittels eines besseren Kandidaten einen Posten auszufüllen, um dadurch eine Veränderung herbei zu führen, ist so wenig revolutionär wie die Hoffnung, durch einen besseren, verständnisvolleren Monarchen könnte sich die Monarchie als System vielleicht abschaffen. Oder eben: Wer den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer umbringt, hat zuletzt nur die Privatperson Schleyer umgebracht – die Funktion des Arbeitergeberpräsidenten hingegen bleibt lebendig. Sie wird vom designierten Nachfolger ausgefüllt.

Es gälte also, nicht den Träger der Funktion, sondern die Funktion zu zerstören. Wie aber will man solches erreichen? Eine Funktion kennt keinen Ort, keine Physis. Sie ist körperlos. Wie ein verfluchter Geist fährt sie in ihre Träger ein, beseelt sie und fährt wieder aus ihnen heraus, wenn ihr Träger kraftlos geworden ist.

Der Dilettantismus ist der Geisterjäger solcher Funktionen, er ist ihr Exorzismus wie er auch jene Kraft ist, die sich weigert, Träger solcher Funktion zu sein.

Das wirklich revolutionäre, das die russische Revolution gebracht hatte, war das Modell der Sowjets, wie es Debord so schön auf den Punkt brachte. Gleichzeitig hatte sie den grössten Anteil an einem zweiten, anderen Modell, das im 20. Jahrhunderten als Blaupause jeder Revolution diente. Das Modell einer Kaderpartei von Berufsrevolutionären, die sich einzig und allein der Übernahme politischer Macht widmet und zugleich Agitation und Propaganda bedient, um ihre Rolle innerhalb der Masse zu stärken, dieses Modell war Fluch und Erbe der russischen Revolution (Siehe auch den Beitrag zu Lenins Aprilthesen hierzu). Es wird sowohl von angreifender, wie auch verteidigender Seite immer wieder gerne kolportiert: Es wäre aber nicht die Ausrichtung auf die Übernahme von Strukturen und Positionen, die zweifelhaft gewesen wäre, sondern die rücksichtslose und vermessene Vorgehensweise. Oder platt gesagt: Wären die Bolschewisten behutsamer, freundilcher und verständnisvoller vorgegangen, wären sie auch erfolgreich mit ihrer Revolution gewesen.
So klingt es aus den Mündern jener, die das bolschewistische Modell verteidigen, egal ob Leninisten, Trotzkisten oder Stalinisten – so klingt es auch aus den Mündern der konservativen Kritikern. In diesem Punkt gleichen sich die zwei. Aber warum eigentlich?

Die (westliche) Kritik am bolschewistischen und hierarchischen Modell kann nur so weit gehen, wie sie die eigene (Partei-)Hiearchie nicht offenbart. Eine Partei dafür zu kritisieren, weil sie sich volksnahe gibt, Hoffnungen und Erwartungen in der Masse schürt und diese als Basis eines Machtanspruchs behauptet, um dann ihre Berufspolitiker in angenehme Posten zu bringen, wo sie auf eigenen Vorteil bedacht sind – solche Kritik kann Niemand, der in einer (westlichen) Demokratie lebt bringen, ohne dass sie sogleich auf das eigene System zurück fiele. Entsprechend lautet die Kritik dann auch häufiger, dass es sich um einen Einparteienstaat gehandelt habe. Die Tatsache der Partei selbst und ihrer Organisation wurde hingegen selten bis nie zur Sprache gebracht, eben weil sich darin eine verstörende Parallele fühlen lässt. Der Anspruch sowohl eines westlichen wie eines stalinistischen Parteipolitikers, Kraft seiner Ausbildung, Erfahrung und Ansichten der ideale Repräsentant für eine Masse „einfacher“ Menschen zu sein und hierfür in Form eines gut bezahlten Postens gewürdigt werden zu wollen, spricht Bände.

Hätte Lenin tatsächlich revolutionären Weitblick gehabt, hätte er nicht vor Stalin im Amt des Parteisekretärs gewarnt, sondern vor dem Amt des Parteisekretärs an sich.

Das Scheitern der revolutionären Arbeiterbewegung ist die tatsächliche Tragödie der sozialen Kämpfe in der Moderne. Jene Bewegung, die sich 1917 das erste mal anschickte, das gesamte System umzuwerfen und von der Basis, von Unten her neu zu bilden, verfiel an jenem Punkt dem eigenen Niedergang, da es sich genötigt sah, übergeordneteStrukturen und Funktionen zuzulassen, die es kontrollieren und beherrschen sollte. Alle revolutionären Bewegungen der Moderne, alle Putsch und Putschversuche, jede gewaltsame oder friedlich durchgeführte oder angedachte Übernahme wiederholten in der einen oder anderen Form diesen Mechanismus.

 

Cetero censemus capitalismum esse delendum.

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