Wir haben alles aber sind nichts

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Für dich, Mensch der Zukunft.

Meine Möglichkeiten blieben mir lange verborgen, ja das Leben selbst blieb mir lange vorenthalten. So bitter es auch klingen mag, ich muss es nun zugestehen. Mein Weg kreuzte sich nie mit dem was ich wollte, sondern nur mit dem was war. Mit dem was ist. So wie viele andere Menschen sank ich den Kopf und suchte nach Sicherheit in der, mir vorgegebenen, Realität. Mein Verständnis von Freiheit war nur ein blindes herumstolpern innerhalb einer Käseglocke die mir die Illusion gab nicht in einem Gefängnis zu leben. Je mehr der Beton, der Vater des Fortschritts, mit seiner eisigen Kälte mein Alltag eroberte, desto mehr sehnte ich mich nach der Wärme einer gleichgesinnten, monotonen Herde. Mein Leben war gekennzeichnet durch Apathie und beherrscht von einer erlernten Hilflosigkeit die mich verleitete an Parteien, an die Wirtschaft, an die bürgerliche Familie, an den Fortschritt, ja an den Staat selbst zu glauben. Doch der Glaube an all diese Sachen bedeutet das Leben selbst zu verneinen. Angst vor meinen Möglichkeiten zu haben bedeutet Angst vor meinem eigenen Spiegelbild zu haben. Nun bin ich 85 Jahre alt und Frage mich, wie viele Jahre war ich wirklich lebendig?“

Nonno Roberto

Es war ein eiskalter und regnerischer Morgen, als ich schweißgebadet in meine Küche kam. Ich konnte den Wind deutlich durch die Fenster pfeifen hören und den Donner so fest in meinem Magen spüren, als ob ich Thor selbst, verspeist hätte. Sogar meine Knie fingen an zu zittern und ich bekam das Gefühl ein Erdbeben würde innerhalb von Sekunden mein gesamtes Ich in tausend Teile zerreißen. Wer hätte dann das Puzzle wieder zusammengesetzt? Ich weiß es nicht.

Zum Glück waren an jenem Morgen keine Experten in der Nähe um mein Leid zu dokumentieren, um mein Unglück zu messen und eine Diagnose auszusprechen. Zu meiner Verzweiflung gab es aber auch kein einziges, heiliges Produkt des Fortschritts im Haus um die stechenden Gedanken ruhig zu stellen und mein Dilemma zu mindestens vorübergehend zu lösen. Nur meine Eltern saßen wie gewohnt am Frühstückstisch und aßen stillschweigend ihr Bio-Müsli.

Ihre gefühllosen und bleichen Gesichter erinnerten mich an zwei Totenmasken, die hinter den Gipsfassaden nur noch Platz für bittere Erinnerungen beherbergten. Ich ignorierte beide und ging direkt auf den Kühlschrank zu. Meine Augen brannten vor Müdigkeit und ein bitterer Geschmack im Mund verbreitete ein Gefühl von Ohnmacht und Ekel in meinem Kopf, sodass es mir schwer fiel zu entscheiden ob ich Käse, Joghurt, Lachs, Milch, Eier, Speck, Salami, Obst oder Salat zum Frühstück wollte. Ja, ich badete im Überfluss, doch fühlte mich leer wie noch nie, ich hatte sogar verlernt zu akzeptieren das es mir schlecht geht. An jenem Tag hatte ich wiedermal überhaupt kein Bock zu kommunizieren, kein Bock auf alles um mich herum; aber ein moderner und pflichtbewusster Mensch weiß natürlich wie man seine Emotionen wieder in Griff bekommt, um so zu tun, als ob die Pandora Büchse nie geöffnet wurde, und um so schnell wie möglich wieder funktionieren zu können.

Ich wohne direkt an einer Hauptstraße, hier winkt das Echo der 24 Stunden Gesellschaft Tag und Nacht als hätte es Angst nicht wahrgenommen zu werden. Als hätte es Angst das alle vergessen, das wir im Zeitalter der unbegrenzten Konsummöglichkeiten leben. Ich komme hier selten zur Ruhe, ist es nicht der Verkehr der mich wachhält, so sind es die Gedanken rund um meine finanzielle Lage oder die Ängste und Zweifel rund um meine eigene Persönlichkeit. Immerhin kann ich meine Schulden noch im Kopf berechnen. Wenn es mir schlecht geht, könnte ich eigentlich die Methode meiner Mutter verwenden: Schnell das Fenster aufmachen und an der Bushaltestelle gegenüber die 3 Heroinjunkies und Alkoholiker, die den Ganzen Tag ins leere starren, beobachten und wiederholen : „Es geht mir super.“ Wenn dass nicht klappt, dann taucht sie ins Internet, dort findet sie immer etwas das sie aufheitert, seien es Statistiken über den Welthunger oder die neusten tragischen Nachrichten aus dem Leben anderer Menschen.

An jenem Morgen hätten mir beide Optionen nicht geholfen, ein erdrückendes Gefühl hatte sich bereits in mein Hirn eingerostet. Ich musste raus.

Ich lief stundenlang durch die Stadt, draußen blickte hinter den Justizpalästen ein reiches Land auf mich hinunter, eine blühende Wirtschaft lächelte mich sogar mit glitzernden Zähnen an, doch ich fühlte mich trotzdem unsicher und fremd, denn auf so ein materielles Reichtum kann man nicht stolz sein, schon gar nicht wenn man bedenkt, auf was für einer Grundlage solch ein Reichtum entstanden ist. In einem solchen Moment der Verzweiflung hilft, laut meinem Freund nur eins: mein Gehirn durchspülen, den Kopf abschalten und mir einreden dass alles gut wird. Doch damit werde ich mir langweilig. Zum Glück wird meine innere Gefühlswelt noch nicht komplett von der äußeren Realität gesteuert. Soweit ich mich von meiner gesellschaftlichen festgesetzten Rolle, zumindest für den Moment, distanzieren kann finde ich Ruhe und in dieser Ruhe wir mir bewusst was Möglich ist. Diese Ruhe erweckt in mir das Verlangen nach mehr von diesen unbeherrschbaren Möglichkeiten, doch ein Leben, das sich nicht einer mathematischen Rechnung ähnelt, ein Leben das sich nicht dem Kontrollzwang unterwirft, verbreitet Schrecken unter den braven, rationalen Bürger. In solchen trübsinnigen und nachdenklichen Momenten muss ich immer an meinen Großvater denken.

,,Was ist zählt und ich will nicht auf das werden warten“, hatte er damals gesagt, bevor er sich Mut antrank, sich eine Pistole an den Kopf hielt und an dem Abzug drückte. Doch warten, als Zustand der Wachsamkeit und sich selbst und seiner Umgebung bewusst werden, damit das hier und jetzt wichtiger wird, kann sich auch lohnen..nur auf etwas zu warten ist ein großer Fehler …aber heutzutage fürchtet man sich vor dem Warten und der Stille, überall herrscht Hektik und alle haben das Gefühl ununterbrochen reden zu müssen. Viele denken sogar, dass sie während dem reden Meinungen aussprechen anstatt Interessen, sie merken nicht wie sie selbst von den Diskursen der Gesellschaft instrumentalisiert werden und wenn sie durch ihre Scharlatanerie behaupten sie könnten soziale Probleme lösen, so können sie höchstens ein vorübergehendes Pflaster für die Probleme finden. Aber man baut sich natürlich die Illusion auf, dass tatsächlich was verändert wurde.

Ich sprach zu mir selbst und hatte komplett die Orientierung verloren während ich planlos durch die Straßen schlenderte. Der kalte Regen hatte sich mittlerweile wild mit meinem Schweiß vermischt, sodass bald ein salziger Geschmack in meinem Mund entstand und meine Augen brannten. Das mit dem Selbstmord meines Großvaters wurde übrigens ein Schuss nach hinten, denn es gelang ihm nicht sich umzubringen, er blieb gelähmt und wartete 2 Jahre auf seinen Tod. Meine Großmutter, eine sehr religiöse und strikte Frau, interpretierte Großvaters tränende Augen als Zeichen für seine Liebe. Ich musste schmunzeln als meine Mutter mir das erzählte.Zu diesem Zeitpunkt war ich 13 und war über die Nachricht zunächst nicht gerührt. Ich wollte mich mit dem Thema, wie auch vielen anderen, nicht beschäftigen. Dazu gibt es ja zahlreiche Angebote, ja eine ganze Industrie basiert auf dem Gedanken von : „Lasst sie, sich vergessen“. Jedoch holte mich das Leben weg vom Spektakel, denn die Toten wurden immer mehr. Ja, Selbstmord. Nach dem gescheiterten Versuch meines Großvaters folgten zwei Nachbarn und mehrere Personen aus meiner Schule. Suizid ist ein heikles Thema, ich darf jedoch darüber reden und auch darüber lachen, meine familiäre Tragödie gibt mir das Recht dazu, hieß es in meinem ehemaligen Freundeskreis. Ob mir die Gesellschaft das Recht gibt über irgendwas Witze machen zu dürfen, ist mir zum Glück mittlerweile scheißegal. „Opa ist tot und das ist gut so ich freue mich für ihn“, sagte ich zu meiner Mutter nach der Beerdigung, denn er hatte außer meiner Großmutter keine sozialen Kontakte, war isoliert und all die Jahre in der Fabrik hatten in ihm Rückenschmerzen und Frustration hinterlassen. Dies war seine Lebenslage noch bevor er gelähmt in seinem Rollstuhl saß, dass er gegen seinen Wille am Leben gehalten wurde, wurde mir erst im Verlauf meiner Jugend klar. Meine Eltern und ich bekamen ihn sowieso selten zu sehen, er wohnte ihn Frankreich, mehrere Autostunden von uns entfernt. Aus den Augen aus dem Sinn…wie man so schön sagt.

Opa hat versucht sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wer ihn für seine Tat verurteilt ist ein narzisstisches Arschloch, ich hätte an seiner Stelle das gleiche getan“, sagte ich mit kindlicher Naivität zu meinen Schulkollegen, die mit gespitzten Ohren und aufgerissenen Augen jedes Detail über seinen Tod verfolgten als wären meine Worte ein 24 Stunden-Ticker nach einem Terroranschlag. Ich war übrigens das einzige Mädchen in meinem Freundeskreis, was teilweise sehr mühsam sein kann. Dennoch verstanden wir uns gut und zogen zusammen durch die Straßen, einige zu Fuß andere mit dem Fahrrad. Somit konnte ich zum Glück ein wenig Abstand von den Problemen in meiner Familie gewinnen, ab und zu nahm ich sogar meine Kugelpistole mit, die ich aus einem Markt in Italien hatte, um auf geparkte oder fahrende Autos zu schießen. Als Mädchen wird man zwar doppelt so komisch angeglotzt wenn man erwischt wird, aber irgendwie lassen sich viele Personen durch gespielt naives verhalten sehr leicht manipulieren. Oft hatte ich den Drang mir die Kugelpistole an den Kopf zu halten, ich fühlte mich dadurch überraschenderweise zum ersten Mal meinem Großvater nahe. Ich begann langsam ihn zu „verstehen“ und hinter die Maske dieser Welt und meiner Familie zu blicken. Es war anfangs sehr beängstigend, weil ich mich dadurch selbst in Frage stellen musste. Schnell bemerkte ich dass ich eigentlich keine Identität besaß. Angespornt durch Neugier und Hass suchte ich zuerst die Konfrontation mit meinen Lehrer und Eltern, so wie es fast jede pubertierende Jugendliche tut. Ich erinnere mich bis heute noch daran wie die braven Bürger schrien:

Ja es läuft vieles falsch, aber sei realistisch, behalte deinen Blick an der Oberfläche und schau nur was wir haben.“ Ich hörte schon bald die Verzweiflung in ihren Worten, denn es blieb ihnen nichts anderes übrig als sich auf das haben zu konzentrieren um diese Welt zu rechtfertigen, denn das was wir als Menschen geworden sind im großen und ganzen zum Kotzen ist und komplett in Frage gestellt werden muss.

Mein Spaziergang hat, nach all den chaotischen Gedanken, bis heute kein Ende gefunden. Ich beschloss an diesem deprimierenden Tag nicht mehr zurückzukehren und ein Leben lang in Bewegung zu bleiben. Das Problem ist nur, dass überall wo ich hinkomme, habe ich das Gefühl ich würde wieder am Anfang meiner Reise stehen, denn mein Teufelskreis ist aller Teufelskreis. Egal wie weit ich mich von allen entferne, sie rücken mir immer ein Stück näher. Endlich habe ich Zeit und Geduld gefunden um dies zu entdecken.

Ob ich ab und zu zurückschaue? Nur dann, wenn ich aus der Ferne brodelnde Gedanken rieche und ein Gewitter über den Köpfen der Menschen aufzieht. Nur dann schaue ich zurück und schmücke den Wind mit der Möglichkeit des Unmöglichen damit der Duft, der mir Halt gegeben hat auch anderen Halt und Kraft gibt. Nun hat der Wind nachgelassen, darum nehme ich mir die Zeit um dir zu schreiben, Mensch der Zukunft, weil die äußere Welt nicht meine Welt ist und dies werden dir die Geschichtsbücher nicht erzählen. Unter Fakten, Zahlen, Statistiken werde ich untergehen, doch ich habe einen Moment mit dir geteilt damit du vor dem Unmöglichen nicht zurückschreckst, denn es sind und waren schon immer viele die über das Unmögliche geträumt haben aber nur wenige die zum Traum selbst wurden.

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Eine Antwort to “Wir haben alles aber sind nichts”

  1. Albrecht Says:

    Gefällt mir.
    Es ist tatsächlich absurd, dass man schon halb als Experte für Selbstmord angesehen wird, wenn man einen im eigenen Umfeld erlebt hat.
    Und die Tage gerade einen Spruch gehört: „Wenn es Ihnen schlecht geht, machen Sie sich nicht noch unnötig Sorgen. Es kann ja nur noch besser werden. Hingegen sollten Sie sich Sorgen machen, wenn es Ihnen gut geht…“
    Das ist doch auch irgendwie ne interessante Vorstellung: Angst und Sorgen denen, denen es sowieso schon gut geht. Wir hingegen, bei denen es knurrt, sollten nicht jaulen, sondern knurren.
    Was hat denn der brave Bürger anderes, als eine verzweifelte Zuversicht? Wir hingegen sind auf grimmige Weise zuversichtlich, gerade wegen unserer Verzweiflung… 🙂

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