Schloss Hartheim – Die Normalität des Bösen

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Ausschnitt_Schloss_Hartheim_mit_Rauch

Ein Renaissance-Schloss in Oberösterreich in der Nähe von Linz. Man hat die Berge entweder noch nicht vor sich oder gerade hinter sich gelassen und befindet sich in einer Ebene mit flachen Hügeln. Im Winter meist Grau und nass ist es hier eher im Sommer schön. Das Schloss Hartheim war um ca. 1600 gebaut worden. Es hatte ein paar Besitzerwechsel gegeben und war schliesslich im Jahr 1898 in ziemlich heruntergekommenen Zustand an den österreichischen Kaiser Franz Josef geschenkt worden, um daraus eine „ Anstalt für Schwach- und Blödsinnige, Idioten und Cretinöse“ zu machen, wie auf einem Schild am Eingang verewigt ist.

Durch eine Art Tunnel betritt man an diesem Schild vorbei einen Innenhof. An den Seiten des Innenhofen sind ebenfalls Schilder angebracht und Kränze niedergelegt. Allerdings erinnern diese an Opfer des Nationalsozialismus. Was ist hier geschehen? Warum wurde diese Schloss zu einem gewaltigen Friedhof?

Bis 1940 war hier ein Pflegeheim für Menschen mit Behinderung. Danach wurde das Schloss zur einer Tötungsmaschine. Es wurde umgebaut. In die ebenerdigen Kellergeschosse baute man eine Gaskammer und ein Verbrennungsofen. Danach wurden in Schloss Hartheim ca. 30 000 Menschen vergast. Davon zuerst ca. 18 000 Menschen mit Behinderungen danach ca. 12 000 KZ-Häftlinge aus Dachau und Mauthausen.

Die Menschen wurden in gegen Blicke von aussen abgedichteten Bussen hergebracht. Die Busse fuhren erst direkt in den Schlosshof. Als man grösser Buses verwenden wollte, baute man eine Scheune zum Blickschutz. Man registrierte die Opfer um sicher zu sein, die Richtigen hier zu haben. Dann wurden sie ausgezogen. Wenn jemand durch Äusserlichkeiten besonderes Interesse hervor rief wurde er fotografiert. Leute die Goldzähne hatten wurde mit einem Kreuz markiert, um diese später entfernen zu können. Danach wurde die bis zu 100 Personen (meist 30-60) in einen kleine Raum von 25 Quadratmeter geführt und vergast. Das Ganze dauerte im Normalfall keine 2 Stunden. Hierbei war Hartheim mit anderen Orten eine Art Testbetrieb zur industriellen Vernichtung von Menschen die nicht ins spiessig-rassitische Bild des vermeintlichen Idealdeutschen passten.

Hartheim hat einige Besonderheiten, die viel über die Zeit erzählen. Im Dorf um das Schloss muss allgemein bekannt gewesen sein, was im Schloss geschah. Da war der beissende Geruch des Krematoriums, und es wurden Lastwagen voll Asche und Knochen durch den Ort gefahren um sie in die nahe gelegenen Donau zu kippen. Das wurde aber ziemlich schnell aufgegeben und die Überreste der Menschen so wie deren Habseligkeiten wurden im Schlossgarten vergraben. Diese Gräber aus Asche, Knochenresten, Zigarettenetuis, Kruzifixe, Tassen, Rasiermesser, Kämmen usw. wurde allerdings erst 2002 entdeckt. Im Dorf gibt es bis heute praktisch niemanden der offen zugibt, dass er oder seine Eltern oder Grosseltern gewusst haben, was in Hartheim zu dieser Zeit geschah.

Der bürokratische Aufwand welcher betrieben wurde, um die Familien aus der ganzen damaligen „Ostmark“ über das Verbleiben ihrer getöteten Angehörigen zu täuschen, war um ein vieles höher als der Aufwand der Tötung selbst. So waren im Büro über 60 Leute angestellt um Sterbeurkunden zu fälschen und falsche Todesursachen zu erfinden, während mit dem Tötungsprozess gerade mal 20 Menschen betreut waren.

Man könne auch sagen, wer ein Interesse daran gehabt hätte, sich zu empören und zu wehren wurde aktiv getäuscht. Wer keine direkten Verbindungen zu den Opfern hatte wurde passiv getäuscht im Sinne von es wurde ihnen so leicht wie möglich gemacht alles zu verdrängen. Wer aber etwas sehen wollte, hätte schnell begreifen könne was vor sich ging.

Die Angestellten in Schloss Hartheim hatten aber ein gutes Leben und wurden sehr gut bezahlt. Es war kein Wachpersonal dabei, sondern nur medizinisches und einige Polizisten in leitenden Funktionen. Auf Fotos von Betriebsausflügen, welche in denselben Bussen stattfanden, die normalerweise die zum Tode bestimmten herankarrten, sind Menschen in gelöster fröhlicher Stimmung zu sehen. Ein Paar das sich während dieser Arbeit kennen gelernt hatte, feierte seinen Hochzeit im Schloss.

Warum hat man aber als erstes nicht die Juden oder die politischen Gegener getötet, sondern die Menschen mit Behinderung? Weil sie einfach verfügbar und praktisch wehrlos waren. Durch die Institutionalisierung in Heimen ab der Mitte des 19. Jahrhundert waren diese Menschen erfasst und man konnte auf sie zugreifen. Also war es doch logisch, dass man mit ihnen übte, was man danach mit den Juden im noch viel grösserem Ausmass vorhatte.

Ich finde das insofern bemerkenswert, als das man erkennt, das der Holocaust immer als Vernichtung geplant war, Arbeitskraft hin oder her. Die Gaskammer und die Öfen in Hartheim wurden dann 1944 wieder ausgebaut. Ab Januar 1945 wurde wieder ein Heim für Kinder daraus, zumindest dem Anschein nach, denn es war ja auch nie etwas anderes gewesen. Als die Alliierten kamen um strafrechtliche Untersuchungen vorzunehmen, waren die Keller voller Gerümpel und sahen ganz normal und unauffällig aus.

Nach einer Überschwemmung des Ortes 1954 durch die Donau wurden im Schloss Mietwohnungen eingerichtet. Und von da an lebten dort ganz normal Menschen die auch die ehemaligen Gaskammern und das Krematorium als Abstellkammer nutzen. Hier wurde erst 1969 eine Gedenkstätte eingerichtet und die letzen Mieter des Hauses zogen erst 1995 aus. Irgendwann fand man anscheinend dann doch, dass ein Haus in dem ein Massenmord stattgefunden hatte, und wo viele Angehörigen gerne ihre Trauer zum Ausdruck bringen möchten, sich als Mietkaserne nicht so ganz eignete.

Was mich neben den Taten, welche so kann man sagen, der Auftakt zu den grössten Verbrechen der Menschheitsgeschichte waren, noch viel mehr schockiert hat, ist der Umgang der Menschen mit diesem Ort. Es reichen anscheinend ein paar Holzbretter und wenn dahinter etwas ist, was man nicht wissen will, dann sieht es der grösste Teil der Menschen nicht mehr, selbst wenn der beissenden Geruch verbrannter Menschen schreiend daran erinnert müsste. Diese Behauptung hält man Aufrecht solange es irgendwie geht und man findet auch nichts daran über einer ehemaligen Gaskammer zu wohnen, von der man ja eh nichts wusste. Kein Grauen darf die durch zu behauptenden Normalität stören und sonst war dieses Grauen berechtigt.

Was die Täter betrifft so ist ein einziger Pfleger bekannt, ein Franz Sitter, der sich geweigert hatte an dem Töten der Leute teilzunehmen. Er wurde an die Front geschickt, wo er als Sanitäter eingesetzt war und den Krieg überlebte. Alle anderen machten mit. Von den beiden Haupttätern erschoss sich der eine, Rudolf Lonauer, samt Familie. Der Andere, Georg Renno, tauchte unter und liess sich danach um einer Verurteilung zu entgehen todkrankschreiben, obwohl er noch 20 Jahre lebte und über 90 wurde. Dieser Feigling hat bis zum Tod keine Reue gezeigt.

Erschossen wurde hingegen ein paar Dorfbewohner die Schmiereien gegen Nazis an Hauswänden anbrachten und Flugblätter gegen die Vorgänge im Schloss verteilten.

Vielleicht ist zu erwähnen, das die Normalisierung dieses Wahnsinns als Ideologie in Form der FPÖ schon längst wieder an der Regierung in Österreich beteiligt ist. Auf Landes wie auf Bundesebene. Das sich dagegen kein starker Widerstand regt, ja dieser eher immer schwächer wird, scheint irgendwie Tradition zu haben in diesem Land, auch wenn immer alle das Gegenteil behaupten. Die Nazis waren ja auch nicht so schlimm gewesen. Und dann ist oft der Satz zu lesen. „Jetzt lasst sie doch erst mal machen.“ Man müsste da jeweils ergänzend sagen: „Leugnen kann man immer auch noch im Nachhinein.“

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2 Antworten to “Schloss Hartheim – Die Normalität des Bösen”

  1. Albrecht Says:

    Das mit den unbedarften Mietern ist starker Tobak. Wussten sie es nicht? Wollten sie es nicht wissen?
    Irgendwie möchte ich ja auch nicht wissen, was mein Vormieter alles für Ekeleien gemacht hat. Aber wenn mein Vormieter in seinem Kellergeschoss einen Vernichtungsofen betrieben hätte, würde ich das also schon gerne wissen.

    Oder mindestens eine Mietreduktion verlangen…

  2. saileklein Says:

    Ab 1969 war da eine Gedenkstätte. Sie haben zumindest ahnen können. 😉

    Natürlich wussten die das recht genau. Das ist ja der Punkt. Kommt das nicht rüber?

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