Rückzugskampf der Postmoderne

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Auf Zeit Online erschien am 19.12.2016 ein Gastbeitrag von Michael Hampe. (http://www.zeit.de/2016/52/kulturwissenschaft-theorie-die-linke-donald-trump-postfaktisch-rechtspopulismus – leider muss man sich anmelden, um den Artikel lesen zu können.) In diesem wirft er „der“ kulturwissenschaftlichen Linken, aus der Hampe kurzerhand ein Kollektiv macht, vor, nichts anderes zu tun, als „historisch [zu] dekonstruieren und politisch [zu] korrigieren“. Dieser „KWL“ gehe es, so Hampe, im Moment schlecht. Schuld daran sei nicht ihre Theorie, welche Hampe sicherheitshalber en passant dennoch diffarmiert. (Diese Form der Polemik hat den für den Herren Philosophen angenehmen Vorteil, dass er keine Argumente zu liefern braucht.) Das Problem dieser Linken bestehe darin, dass sie – so der Vorwurf Hampes – jegliche Art von Wahrheiten und Fakten relativiere und zu diskursiven Konstruktionen reduziere. Nun stellt Hampe einen Zusammenhang her zwischen dieser Linke und dem Rechtspopulismus: Die Theorie der „KWL“ liefere den RechtspopulistInnen das Instrumentarium, um ihre „alternative facts“ zu legitimieren. Sinngemäss: „Wenn schon alles konstruiert ist, kann ich mir meine Welt zusammenkonstruieren, wie ich will, die Realität spielt dabei keine Rolle, wie Ihr ja selbst sagt.“

Am Ende des Artikels wirft Hampe dieser „KWL“ zudem vor, ihr eigenes Machtstreben nicht zu reflektieren, zudem dass sie akademisch arriviert, darum nicht mehr subversiv und ob der nicht stattfindenden Reflexion selbstbezogen geblieben sei.

Von diesem Artikel fühlten sich die ProfessorInnen an der UZH Sylvia Sasse und Sandro Zanetti auf die Füsse getreten. In ihrere Replik (http://geschichtedergegenwart.ch/postmoderne-als-pappkamerad/) gehen sie auf die Vorwürfe der FeindInnen der Postmoderne ein. Der Kritik, dass PopulistInnen verwirklichen würden, wovon die Postmodernen geträumt hätten, stellen sie die Behauptung entgegen, es handle sich dabei um „strategische Fehllektüre“, also darum, dass die PolemikerInnen die kritisierten Theorien absichtlich falsch verstünden. Es handelt sich dabei nur um eine Gegenbehauptung, denn Argumente, welche die Behauptung abstützten, geben die beiden nicht. Nun, recht mögen sie dennoch haben. Zumindest Hampes Artikel lässt vermuten, dass er sich dümmer stellt, als er ist.

(Immer wieder begegnet man übrigens im universitären Betrieb der strategischen bis sogar manipulativen Fehllektüre. So hat der Möchtegern Kritische Theoretiker Axel Honneth den französischen Soziologen Pierre Bourdieu einem solchen Verfahren unterworfen, um ihn anschliessend diskreditieren und der Brisanz seiner Gesellschaftskritik die Spitze brechen zu können. Cf. Stephan Egger: Endstation Frankfurt. Eine Polemik zur Rezeption Bourdieus in der deutschen Sozialphilosophie. In: Ullrich Bauer et al.: Bourdieu und die Frankfurter Schule. Bielefeld 2014. S. 85-106.

Auch Adornos Theorie scheint mir bei Akademikern Objekt solcher Verfahren zu sein. Oder zumindest wird der Fokus so verschoben, dass man sich mit gewissen Aspekten nicht mehr zu beschäftigen braucht – sonst müsste man ja die Sache mit Entfremdung und Klassengesellschaft wieder ernst nehmen.)

Die einzelnen Entgegnungen von Sasse / Zanetti haben ihre Richtigkeit: die KonstruktionskritikerInnen sind selbst KonstrukteurInnen eines bestimmten Postmoderne-Bildes und die rechtskonservativen GegnerInnen sind selbst daran interessiert, ihre Konstruktionen (Religion, Tradition …) als Wirklichkeit darzustellen. Zuletzt empfehlen die AutorInnen die Lektüre postmoderner Theorie, da einzig diese gegen die „konservative, rechtspopulistische Mimikry von postmodernen Begriffen als ‚Postmoderne'“ helfe. Denn bei letzteren sei nun wirklich „Hopfen und Malz“ verloren.

Ja, bei denen ist wirklich Hopfen und Malz verloren, allerdings sowohl bei den AnklägerInnen als auch bei den VerteidigerInnen der Postmoderne. Offenbar ist es ihren GegnerInnen gelungen, sich Teile davon anzueignen und zu instrumentalisieren. Wäre nicht kritische Selbstreflexion seitens der verteidigenden AkademikerInnen angebracht? Sasse / Zanetti erwähnen Hampes Artikel auch nur en passant, wodurch sich eine Replik erübrigt auf seine Vorwürfe der mangelnden Selbstreflexion, der Arriviertheit und der Selbstbezüglichkeit.

Glatten Lügen die Wahrheit entgegenzuhalten ist rechtens aber nur das eine. Das andere wäre, statt Energie nur darauf zu ver(sch)wenden, sich zu fragen, wie es dazu kommen konnte und ob es nicht sinnvollere Theorien der Gesellschaftskritik gibt? Freilich eröffnen die postmodernen / poststrukturalistischen Theorien in gewissen Hinsichten neue Perspektiven. Doch offenbar bleiben radikal linke Strömungen und Theorien wie Anarchismus und Marxismus die einzigen, bei denen eine radikale Veränderung der Gesellschaft in der Theorie selbst verankert ist. Dafür, was die Herren und Damen PoststrukturalistInnen „Konstruktion“ nennen, gab es zuvor schon einen Begriff: Ideologie. Doch nach 1968 verloren die marxistischen Theorien rasant an Coolness, während sich Foucault, Derrida und Butler zunehmender Beliebtheit erfreu(t)en. Ihre Theorien haben den Vorteil, dass man sich ganz auf Diskurse konzentrieren kann, also auf Sprache. Die Sprache zu verändern, sie „subversiv“ zu gestalten, reicht dann aus, um als links zu gelten. Das ist auch bei Weitem nicht so anstrengend wie dialektisches Denken oder die Aufhebung der Klassengesellschaft ernsthaft anzustreben.

Dass die Vorwürfe an die Postmoderne nicht in den Texten ihrer TheoretikerInnen stecken, wie Sasse / Zanetti behaupten, geschenkt. Doch etwas ist bei der Rezeption mächtig schief gelaufen, gerade bei selbsternannten Linken.

Gerade die VerteidigerInnen der Postmoderne würden sich auch weigern, Marx & Co. wieder oder überhaupt einmal zu lesen.

Rechte und Konservative haben jedoch noch nie versucht, sich Dialektik oder Begriffe wie „Ausbeutung“, „Entfremdung“ und „Proletariat“ anzueignen.

Nachtrag 2018: Die erwähnten kritischen Begriffe sind zwar nie von rechts vereinnahmt aber seinerzeit stalinistisch ideologisiert worden. Insofern wäre auf die Theorie zu reflektieren und zu analysieren, inwiefern es in der marxistischen Theorie ein Autoritätsproblem gab, das dazu führen konnte. Zudem wären die elementaren Begriffe wie Klasse, Proletariat, Ideologie / falsches Bewusstsein etc. grundsätzlich in Frage zu stellen und zu aktualisieren, damit sie abgesehen vom polemischen Gebrauch wieder eine analytische Relevanz erhalten.

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