Die Verteufelung des e-books ist die fortgesetzte Verteufelung des Taschenbuchs

by

Vor ungefähr vier Jahren schrieb der Autor eine erste abgeschlossene Fassung dieses Textes, der anschliessend mehrmals noch überarbeitet wurde. In dieser Zeit hielt sich der Autor für unglaublich gescheit, hätte gerne wie der Herr Professor Adorno geschrieben und glaubte immer Recht zu haben. Heute weiss er, dass er Recht hat. In seiner Oblomow’schen Trägheit unterliess er es, den Text nochmals zu überarbeiten und notwendige Streichungen vorzunehmen. Veröffentlicht wird der Text nur, weil zwei liebe Menschen damals sich des Textes annahmen. Der Autor hat ihre Anmerkungen berücksichtigt, soweit er in der Lage war, ihre Handschriften zu entziffern.

 

Die Debatte darum, ob das «Kulturgut» Buch vom Untergang bedroht sei, ist nicht neu. Zu erinnern ist an Theodor W. Adornos Essai Bibliographische Grillen (Adorno 2003: 345-357) und an jenen Hans Magnus Enzensbergers, Bildung als Konsumgut. Analyse der Taschenbuch-Produktion (Enzensberger 1964: 134-166). Während Adorno stärker das Verkommen der Bücher überhaupt zu Werbeträgern kritisiert und die damit einhergehende Degradierung der Lesenden zu Konsumierenden, trifft die Kritik Enzensbergers das Taschenbuch als solches härter. So scharfsichtig Enzensbergers Analyse des Taschenbuchs und dessen Produktion und Produktionsbedingungen ist, hat ihm die Entwicklung nach seinem Essai (1958, revidierte Fassung von 1962) nicht nur Recht gegeben, etwa in Bezug auf den «Luxus» einer programmatischen Linie, die sich Verlage nicht mehr leisten würden. Den Reclam Verlag trifft die Enzensberger’sche Kritik kaum, da er das Bildungsideal des 19. Jahrhunderts vertritt. Die Taschenbücher aus Reclams Universal-Bibliothek sind für Lesende interessant, denen es zwar an ökonomischem Kapital mangeln mag, allerdings über genügend symbolisches Kapital verfügen, um die Reclam-Taschenbücher wertschätzen zu können. Wenn Enzensberger behauptet, Philipp Reclam hätte seine Leserschaft – zunächst Schüler und Studierende, später auch Arbeitende – eben gekannt und wusste, was sie wollten, weshalb er keine marktstrategischen Finessen und Manipulationen habe anwenden müssen, so dürften fairerweise Verleger und Lesende von sogenannter Unterhaltungs- und Trivialliteratur nicht verteufelt werden. Warum sie verteufeln, wenn sie bekommen, was sie wollen? Enzensbergers Kritik mag auf das falsche Bewusstsein abzielen, das unbestritten durch viele (Taschen-)Bücher Lesenden eingeflösst wird; sein Argument verfehlt allerdings das Ziel. Insgesamt tut er dem Taschenbuch Unrecht an. Beispielsweise, wenn er die Aufbereitung von Klassikern zum Konsumgut analysiert. Seine Kritik, dass dabei die Mentalität von Massenkonsum und Ausverkauf der Kultur zu Tage tritt, ist zweifelsfrei richtig; es handelt sich allerdings um ein Problem auf der Ebene der Produktion und nicht um eines des Taschenbuchs als Medium. Dass es auch anders geht, beweisen nämlich die Vorworte und Anhänge französischer Taschenbuchausgaben von Klassikern und kanonischen Werken, deren Texte sorgfältig editiert sind. Seit der Publikation von Enzensbergers Taschenbuchanalyse erfolgten auch positive Entwicklungen. Damals musste er noch feststellen
In zwölf Jahren haben sie [die Taschenbuchverleger] keine einzige Schrift über das skandalöse Versagen unserer Städteplanung, über das zunehmende Verkehrschaos, über die Fehlleistungen unserer Schulpolitik, über die zunehmende ökonomische Konzentration hervorgebracht. Das sind Beispiele aus der deutschen Innenpolitik, von außenpolitischen Gegenständen ganz zu schweigen. Das Taschenbuch hat ein Publikum, das in die Hunderttausende geht. Worauf warten die Verleger? Warum exponieren sie sich nicht? Bereitwillig liefert der Apparat Zuckerbrot und Zirkusspiele. Kultur läßt er sich ablisten. Tabu bleibt, was im politischen Alltag nützen könnte. Auch hierin spiegelt sich eine Lage. Wer sich damit begnügt, sie zu reflektieren, statt sie zu ändern, hat schon kapituliert. (Enzensberger 1964: 160)
Mittlerweile liegen nicht nur Enzensbergers eigene Essais als Taschenbücher vor; auch Bücher des Philosophen Giorgio Agambens, des Soziologen Richard Münchs und Robert Menasses kulturtheoretische Schriften und Reden – um es bei diesen Beispielen zu belassen – liegen in der edition suhrkamp als Taschenbücher vor.
Im kürzlich erst erschienenen Buch Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990 (München 2015) bemerkt der Autor, Philipp Felsch, dass im Anschluss an die Kritiken am Taschenbuch eine ironische Wendung erfolgte. Denn ausgerechnet im Medium des Taschenbuchs verbreiteten sich die theoretischen Schriften. Der Erfolg und die Beliebtheit der Theorie und der Philosophie war der Erfolg von Theorie in Taschenbüchern, die bei Suhrkamp und Merve verlegt wurden (und es immer noch werden).


Seit einiger Zeit flammt eine neue Debatte auf, die Gefahr, die jetzt droht, ist digital. Das e-book könnte das gedruckte Buch ausrotten. Die Frage ist, um den Untergang welcher Bücher überhaupt gezittert wird. Die raunende Beschwörung «des» Buches verrät, dass die Antwort stillschweigend als beantwortet gilt. Wohl kaum wird das Taschenbuch gemeint sein und die Mehrheit gebundener Bücher vermutlich ebenfalls nicht. Die Untergangsstimmung ist inszeniert. Die Diskussion erfolgt nämlich hinter geschlossenen Türen, unter Ausschließung sogenannter Unterhaltungs- und Trivialliteratur. Verachtung der Massen als Distinktionsmerkmal – was man sich darauf und damit alles einbilden kann. Auf diesen Büchern liegt ein Berührungstabu, als ob man sich daran seine gebildeten Finger verbrennen könnte. Verstoßen wird gegen dieses Tabu dennoch, heimlich und verschämt. Inoffiziell legitimiert ist solche Literatur als Lektüre im Sommerurlaub oder zur Entspannung nach dem anstrengenden Arbeitstag – für RTL II sind sich die Lesenden dieser Literatur dann doch zu schade und immerhin sind es Bücher. Gerne werden solche Bücher auch als «kleine Sünde» im Bücherregal versteckt hinter all den sogenannten (ungelesenen?) Klassikern – religiöse Termini wie Sünde sind schon lange in die Sprache der Werbung und jener, die sich ihr aussetzen, eingewandert, wo die Worte zu Kitsch erniedrigt werden.
Freilich, unerträglich ist die bedeutungslose Superlativ-Rhetorik, mit der Bücher in ihren Klappentexten zugepflastert werden. Dass ein Buch von einer literarischen Autorität beweihräuchert wird, macht es nur im seltensten Fall besser. Doch ist das Problem keines des Taschenbuchs, sondern des Literaturbetriebs und seiner Gleichgesinnten. Der Sack Taschenbuch (e-book) wird geschlagen, den Esel Produzent meint man. Ausgehend von der Kritik am Taschenbuch dürfte man nicht glauben, dass es Bücher einer überzeugenden Schlichtheit gibt wie jene aus den Reihen des Suhrkamp Verlags: Bibliothek Suhrkamp, edition suhrkamp, stw. Diese Bücher weichen nicht der Scylla des totalen Konsumguts aus, um der Charybdis der falschen Aura zu verfallen; ihnen gelingt die Durchfahrt. Die Verschandelung der Bücher ist keinesfalls ausschliesslich ein Phänomen des deutschsprachigen Literaturbetriebs. An den Büchern aus dem angloamerikanischen Raum ist sie schon viel weiter getrieben worden. Doch nicht jede Kultur lässt ihren Büchern dieses Schicksal widerfahren; vielleicht bekommt ja jede Kultur die Bücher, die sie verdient – und die falschen Diskussionen gleich mitgeliefert. Von dieser Gefahr bleiben jene Bücher, die es zu retten und bewahren gälte, sogenannte Klassiker, nicht verschont. Beliebt ist folgende Strategie, weil sich eine ihrer beiden Optionen immer anwenden lässt: der Dichter – die Dichterin? – wird für den überzeitlich «gültigen» Stoff beweihräuchert oder es wird lobend festgestellt, dass der Dichter fest in seiner Zeit verwurzelt gewesen sei – als ob Individuum und Gesellschaft nicht ohnehin jeweils durch einander vermittelt seien. Soviel spricht für das e-book, es entfällt der hohle Rhetorikterror der Werbepropaganda. Fiel Adorno allerdings schon in den Bibliographischen Grillen auf, dass den Büchern das principium individuationis entzogen wird, trifft das um so mehr auf das e-book zu: das e-book wird auf einem reader gelesen; jedes Buch, jeder Text ist darauf gleich schwer, die Berührung stets die gleiche – Berührung mit einem Display übrigens, das wohl bald nach dem Kauf und erstem Gebrauch voller Fettabdrücke sein wird, die kaum noch entfernbar sind. Mögen das Dünkel sein, ist doch klar, dass ein reader und die auf ihm gespeicherten e-books nicht im Geringsten eine Vielfalt und Diversität bilden können, wie es einer Bibliothek möglich ist. Andererseits lässt sich der reader leichter transportieren.

Aus der Anzahl von e-book-Kritikern erhob sich einer, der ganz genau wissen will, wie mit ihnen zu verfahren sei, und der das Schicksal des Mediums besiegeln will. In der Nr. 3 / 2014 veröffentlichte die VOLLTEXT-Zeitung einen Beitrag des Schweizers Felix Philipp Ingold mit dem Titel Laienherrschaft – in Klagenfurt und anderswo. Ingold ist Publizist, Übersetzer und Schriftsteller. Im letzten Abschnitt seines Textes – Titel: Literatur als Kunst – spricht der Dichterfürst das Urteil, dass die gesamte sogenannte Unterhaltungs- und Trivialliteratur fortan auschließlich in Form von e-books publiziert werden solle, wobei das gedruckte Buch nur noch der «echten» Literatur vorbehalten ist. Ingold vergöttert den Fetisch Buch und veranstaltet den Tanz um das goldene Kalb der falschen Aura. Enzensberger kritisierte immerhin die Tatsache dass Literatur eine minoritäre Angelegenheit ist: Daß die großen Werke seit eh und je den wenigen gehören, daran trägt der Ladenpreis die kleinste Schuld; unbarmherzig drückt der Sachverhalt aus, worauf unser Gemeinwesen beruht. (Enzensberger 1964: 165). Für Ingold ist das völlig egal, solange man ihm den Pöbel fernhält. Seine scheinbar neutrale Forderung, Literatur habe hermetisch, deren Lektüre mühselig zu sein, ist hochgradig politisch: nicht alle Lesenden haben Zeit und das Vermögen, Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften zu lesen oder sich mit Paul Celans Lyrik auseinanderzusetzen. Das ist der Preis, den solche Literatur zu zahlen hat, und er ist hoch: zugänglich ist sie nur jenen, die sich im Besitz des erforderlichen symbolischen Kapitals wissen. Hermetik und zähe Lektüre sind kein Garant für «Literatur als Kunst», wie es Ingold zu Folge sein sollte: Die Extreme berühren sich: was die letzte Kommunikation durchschneidet, wird zur Beute der Kommunikationstheorie. Kein festes Kriterium zieht die Grenze zwischen der bestimmten Negation des Sinnes und der schlechten Positivität des Sinnlosen als eines beflissenen Weitermachens um seiner selbst willen. (Adorno 2003: 409-430. Hier: 426-427).
Ingold glorifiziert einen trügerischen Individualismus. Vielleicht befürchtet er, mit seinen Ansichten doch etwas alleine dazustehen, weshalb er die «kleine Minorität» – auch Dichterfürsten unterlaufen bisweilen Tautologien – beschwört, die «Literatur als Kunst» lesen will und an «sprachlichen Formalien und Experimenten interessiert» sei. Der ideologische Ästhetizismus (einen anderen gibt es nicht) ist ein Skandal. Heute noch mehr als zu Zeiten Georges und Rilkes. Vergessen wurde, was autonomer Kunst widerfuhr: […] aber in die autonomen [Kunstwerke] ist die Politik eingewandert […]. (Adorno 2003: 430). Kunstreligion, lieber verherrlichend, denn kritisch reflektierend, mag den Vorschlag Ingolds begrüßen, seine Vorstellung jedoch, Verlage würden munter in diesen exklusiven Büchern die crème de la crème publizieren und es sich zufrieden sein, ist naiv.
Ingolds Kult der Autonomie und des Individualismus ist ein Schulfall von Projektion. Weil einem selbst der materielle Erfolg nicht vergönnt ward, ist alles Erfolgreiche und Populäre zu verachten. Leider entgehen ihm mit dieser Haltung einige der besten zeitgenössischen Gedichte der Gegenwart – sie wurden von deutschsprachigen Rappern geschrieben (wer seine Dünkel überwinden kann, dem seien die Lieder Dendemanns empfohlen). Überhaupt ist Ingolds Vorschlag, das Buch exklusiv der Kunstliteratur vor[zu]behalten, hoffnungslos idealistisch, um nicht zu sagen: sinnbefreit. Wer auch künftighin Bücher kaufen wollte, könnte sich dann einigermaßen darauf verlassen, dass er […] auch deutlich mehr Qualität geboten bekäme […]. Ingold bleibt uns die Antwort schuldig, wer denn die Auswahl jener exklusiven Bücher zu verantworten hätte. Er selbst? Gedenkt er ein Kunsttribunal einzurichten, das mit schwarz-weißer Kunstmeinung entscheidet: Das ist Kunst – das ist ein Abfallprodukt für den Pöbel? Alleine die Frage offenbart schon die Absurdität solcher Gedanken.

Um die Möglichkeiten des e-books skizzieren zu können, lohnt es sich an einen Abschnit aus Walter Benjamins Kunstwerk-Aufsatz (Benjamin 1980: 471-508. Hier: 493) anzuknüpfen. Die Passage wird im Folgenden in beinahe ganzer Länge zitiert:
Jahrhunderte lang lagen im Schrifttum die Dinge so, daß einer geringen Zahl von Schreibenden eine vieltausendfache Zahl von Lesenden gegenüberstand. Darin trat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts ein Wandel ein. Mit der wachsenden Ausdehnung der Presse, die immer neue politische, religiöse, wissenschaftliche, berufliche, lokale Organe der Leserschaft zur Verfügung stellte, gerieten immer größere Teile der Leserschaft – zunächst fallweise – unter die Schreibenden. Es begann damit, daß die Tagespresse ihnen ihren «Briefkasten» eröffnete, und es liegt heute so, daß es kaum einen im Arbeitsprozeß stehenden Europäer gibt, der nicht grundsätzlich irgendwo Gelegenheit zur Publikation einer Arbeitserfahrung, einer Beschwerde, einer Reportage oder dergleichen finden könnte. Damit ist die Unterscheidung zwischen Autor und Publikum im Begriff, ihren grundsätzlichen Charakter zu verlieren. Sie wird eine funktionelle, von Fall zu Fall so oder anders verlaufende. Der Lesende ist jederzeit bereit, ein Schreibender zu werden. Als Sachverständiger, der er wohl oder übel in einem äußerst spezialisierten Arbeitsprozeß werden mußte – sei es auch nur als Sachverständiger einer geringen Verrichtung –, gewinnt er einen Zugang zur Autorschaft.
So lassen sich sowohl die Kommentarfunktionen der Zeitungen im Internet als auch das e-book im Zusammenhang mit self publishing als Fortsetzung dieses Prozesses analysieren. Diese Entwicklung lässt sich durchaus als demokratisierende beschreiben. Auch Projekte von Fortsetzungs-Blogs, in denen die Lesenden die bisher erschienen Teile einer Geschichte kommentieren und so die Fortsetzung beeinflussen können, nehmen an diesem Prozess teil. Literaturbetrieb und Kulturindustrie hingegen versuchen die Unterscheidung von Produzierenden und Rezipierenden aufrechzuhalten. Systemimmanent mag das seine Gründe haben; aufrechterhalten wird der fragwürdige Privilegiertencharakter (Ebd.: 493). Walter Benjamin überträgt das oben Zitierte auf den Film. Was er zur Filmproduktion in Westeuropa schreibt, lässt sich wiederum auf den Literaturbetrieb übertragen:
In Westeuropa verbietet die kapitalistische Ausbeutung des Films dem legitimen Anspruch, den der heutige Mensch auf sein Reproduziertwerden hat, die Berücksichtigung. Unter diesen Umständen hat die Filmindustrie alles Interesse, die Anteilnahme der Massen durch illusionäre Vorstellungen und durch zweideutige Spekulationen zu stacheln. (Ebd.: 494)
Kaum ausgesprochen, wird der Einwand erfolgen, dass die meisten Kommentare nichts wert und viele selbst veröffentlichte e-books unlesbar seien, alleine schon aufgrund des deutlich spürbaren Fehlens eines Lektorats. Der Einwand trifft zu, doch er begeht einen Kategorienwechsel: das Medium kann nichts dafür. Auch vor dem Web 2.0 gab es schon falsches Bewusstsein und Bildung war auch früher schon privilegiert.

Nach «schlechter», bzw. unterhaltende Literatur (manche wollen, dass diese Adjektive synonym sind) fragt der Betrieb nach, an dem jeder teilnimmt, der publiziert, mag er oder sie sich noch so distinguiert geben. An sich ist das nicht zu verurteilen; die Tatsache aber, dass alle Produzierenden am Betrieb teilnehmen, deren Texte publiziert werden, sollte dem Autor als Produzent ermöglichen, auf die Produktion einzuwirken. Vielleicht wird sich auf Basis des Mediums e-book tatsächlich ein zum konformen Literaturbetrieb parallel existierendes System entwickeln, allerdings nicht so, wie Ingold es sich vorstellt. Nicht das gedruckte Buch könnte das zukünftige Medium der sogenannten «hohen» (besser wäre: der kritischen) Literatur sein, sondern das e-book, weil es nicht, oder nicht so sehr auf den Literaturbetrieb angewiesen ist. Wie schwer, wenn nicht unmöglich, für Produzierende es aber ist, den Literaturbetrieb zu beeinflussen, davon legt die Entscheidung Elfriede Jelineks Zeugnis ab, die sich vom gedruckten Buch und dem mit ihm zusammenhängenden Literaturbetrieb komplett zurückzog, Texte nur noch auf ihrer Internetseite (http://www.elfriedejelinek.com/) veröffentlicht und sich an dem Projekt «Fiktion» (http://fiktion.cc/) beteiligt. Auch als ihre Entscheidung bekannt wurde, manifestierte sich ein Paradebeispiel von Projektion: «ja, ja, die hat gut reden», wurde gesagt, «die braucht ja kein Geld mehr». Neid der Erfolglosen. Viel eher als der materielle Erfolg der Elfriede Jelinek ist den Empörten wohl ihre Literatur selbst der Stachel im Fleisch der Gesellschaft, den sie spüren. Doch es soll gar nicht verleugnet werden, dass kritische Produzierende in einer Zwickmühle stecken. Einerseits sind sie darauf angewiesen, in ihrer Produktion möglichst autonom arbeiten zu können, andererseits wünschen sie ihren Werken und Schriften möglichst viele Lesende erreichen zu können. Das wünschen sie ihnen, weil die Kritik am falschen Bewusstsein und an der Gesellschaft wirkungsvoller ist, je mehr Menschen ihre Augen dafür öffnen können.
Im Neid der Erfolglosen manifestiert sich auch eine deutliche Überbewertung der ökonomischen Seite. Es kann autonom Produzierenden nicht darum gehen, ob es sich allein vom eigenen Werk leben lässt; der «freie Künstler» war immer schon mehr Mythos denn Realität gewesen. Ökonomische Autonomie ist keine Bedingung zur Produktion autonomer, bzw. kritischer Kunst. Der Vorwurf an Elfriede Jelinek übersieht außerdem, dass, um den Literaturbetrieb sachlich und treffend kritisieren zu können, ein tiefer Blick in seine Produktionsbedingungen unumgänglich ist.

Literatur

Adorno, Theodor W. und Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann, Band 3, Frankfurt a.M. 2003.
Adorno, Theodor W.: Noten zur Literatur. Gesammelte Schriften Band 11, Frankfurt a.M., 2003.
Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften Band I 2, hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt a.M. 1980.
Enzensberger, Hans Magnus: Einzelheiten I. Bewusstseins-Industrie. Frankfurt a.M. 1964.

Advertisements

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: