Offener Brief aus Schwamendingen

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[ein Brief aus Schwamendingen, der uns zugeschickt wurde; anlässlich der Suche gewisser linker akademischer Kreise nach einer sozialen Identität… da versuchen manche Leute auf dem Reissbrett das herzustellen, was sie an sich selber nicht wahr haben möchten und suchen danach, wie sie „die Massen“ für ihre Partei gewinnen könnten…]

Dieses Jahr werden sie vermutlich anfangen mit dem Häuser Abreissen. Dann werden wir von hier weg ziehen müssen. Wir wissen noch nicht, wohin. Wir wohnen seit zehn Jahren hier, seit beschlossen wurde, dass die Autobahn überdacht werden soll. Wir leben hier so vor uns hin, mal besser, mal schlechter, neben der Autobahn und hinter den Schallschutzwänden. Die Architekten haben tolle Pläne, von Grünflächen, Parks, Begegnungszonen. Die Politiker, die sind schon ganz scharf darauf; sie sagen, das Quartier würde dadurch endlich aufgewertet werden. Alle freuen sich wie bekiffte Käfer drauf. Nicht nur die Sozialisten, auch die Christen, die Faschisten und die Liberalen und die Evangelikalen und was weiss ich. Die einzigen, die sich nicht freuen, sind wir, die wir hier wohnen.

Wir werden nichts davon haben, weil wir dann von hier weggehen müssen. Wir haben jetzt den Lärm, den Dreck, das Schütteln, wenn wieder ein schwer beladener Lastwagen vorbei donnert. Aber uns stören diese Dinge nicht wirklich. Wir würden gerne weiter hier leben, aber wir wissen: Wir dürfen nicht. Sie werden die alten Häuser abreissen und es wird neue Häuser geben, schöne Häuser, grosse Häuser. Und weil sie neu, schön und gross sein werden, werden sie auch teuer sein und deswegen werden wir es uns nicht mehr leisten können, hier zu wohnen, wenn man aus diesem Drecksloch ein „schönes Quartier“ macht. Es werden dann andere Leute hier wohnen, die sich das neue, schöne und grosse leisten können, Leute, die nicht wissen, wie es ist, in so einem Drecksloch zu wohnen.

Sie nennen es nicht Abreissen oder Einreissen, sie nennen es „Rückbau“.

Wir haben einen Kumpel hier bei uns, der uns immer wieder zum Lachen bringt. Nicht, weil er lustig ist, sondern weil er unfreiwillig komisch ist. Wir wissen bis heute nicht genau, was er macht oder arbeitet. Irgendwas mit Kultur oder mit Journalismus, vielleicht studiert er auch noch. Wir mögen ihn, obwohl er manchmal nervt, wenn er den Kopf wieder voller Ideen hat und uns von etwas überzeugen möchte. Seit ein paar Wochen jammert er immer über Trump, wie schlimm der doch sei. Uns ist das alles eigentlich scheissegal.

Der Rest von uns lebt so vor sich hin. Miese Jobs, die keine Freude machen, aber es bringt halt Geld rein. Ein paar von uns leben von Sozialhilfe, das ist eigentlich noch schlimmer als ein mieser Job, weil die vom Amt dir immer im Nacken sind. Da ist es manchmal angenehmer, einen Job zu haben, wo du wenigstens weisst: Jetzt ist Feierabend, jetzt könnt ihr mir nichts mehr tun. Ich könnte jetzt hier lauter Jobs aufzählen, aber ich glaube, das ist langweilig. Es ist immer die gleiche Geschichte: Dreckige Arbeit, lausige Bezahlung, der Chef ist ein Wixer und die Kunden sind Arschlöcher. Immer kommt dir einer komisch und du entwickelst einen Hass auf die ganze Welt, den musst du dann irgendwie loswerden. Dampfst dir die Birne zu, ballerst am PC oder gehst raus und prügelst dich aus Langeweile, man schmeisst Fensterscheiben ein, schiesst mit Feuerwerkskörpern auf die Polizei oder du suchst dir irgendwas, wo du deine Energie rein stecken kannst wenn du älter wirst, so ein kleines bisschen Glück, wie ein Schrebergarten oder im Modellflugzeugbau. Wenn all diese Stricke reissen, werden die Leute so klein und wütend, dass sie jeden Müll glauben, dann schimpfen sie über Ausländer und glauben, die wären schuld daran. Als ob die Ausländer ein goldenes Leben hätten, so ein Blödsinn.

Manchmal kommt unser Kumpel von einem Abend in der Stadt zurück. Er hat sich dann mit irgendwelchen gescheiten Leuten getroffen und ist aufgeregt. Man sieht ihm an, dass er die Sachen, die er gehört hat, nochmals aussprechen muss. Es ist als ob er unter Strom ist. Das muss sich dann entladen. Er spricht dann immer wie diese Leute, benutzt lauter Fremdwörter und spricht extra so, damit man ihn nicht verstehen kann. Gleichzeitig will er aber, dass wir ihn verstehen. Als wir ihn fragten, warum er so kompliziert spricht, meinte er, dass man es nur so richtig sagen kann. Wir könnten ihn sonst missverstehen. Aber wenn wir ein paar Bier intus haben, jammert er wieder, dass wir ihn missverstehen und dass wir von diesen Dingen offenbar nichts verstehen. Er will mit uns reden, aber er will dass wir so reden, wie er dann spricht. Wir fühlen uns dann immer dümmer als wir sind, sagen ihm das aber nicht. Wenn er uns für dümmer hält, tun wir noch dümmer als wie er uns hält. Wir verarschen ihn dann, ziehen ihn auf, stellen uns blöd an und tun primitiv. Wir machen dann auf Vollproll und so, sprechen von Bitches und Spackos, reden wie 14jährige, die einen auf krass machen. Das ärgert ihn dann noch mehr. Uns freut es, es ist unser Spass.

Es braucht Worte wie ‚Differenz‘, ‚Habitus‘ oder ‚Kontext‘ und ‚Diskurs‘. Einmal sprach er von Reterritorialisierung, daran kann ich mich noch gut erinnern. Wir haben „Reh-Terror“ verstanden und uns vorgestellt, wie die Rehe aus dem Wald kommen, mit Sprengstoffgürteln behangen und Autos rammen. Wir waren bekifft und hatten einen riesen Lachflash. Er fand das gar nicht komisch, seufzte immer, rieb sich Augen und Stirne, als würde sein Hirn weh tun, wenn er uns zuhörte.

Er hat mich am nächsten Morgen enttäuscht gefragt, ob ich das nicht verstehe, dass es diese Wörter braucht. Ich habe gefragt, warum es diese komplizierten Wörter braucht, wenn es auch einfachere Wörter gibt. Er hat dann gesagt, und das hat mir eingeleuchtet, dass es diese Wörter braucht, weil sie das, was konkret ist und sich mal so oder so zeigt auf einer abstrakten Ebene zusammen fassen. Dass es solche abstrakten Kategorien braucht, mit denen man die Scheisse in der Welt zusammen fassen kann. Das hat mir wie gesagt eingeleuchtet, aber ich habe ihn dann gefragt, ob diese Worte, die er immer braucht, etwas zusammen fassen, oder ob sie nicht einfach gut klingen und das selbe wie ein einfaches Wort meinen. Was denn falsch wäre an den Worten ‚Unterschied‘, ‚Verhalten‘, ‚Zusammenhang‘ und ‚Diskussion‘? Warum werden hier kompliziertere Wörter gebraucht anstatt der Wörter aus dem Alltag? Hat das nicht vielleicht seinen Grund dort, weil man sich abgrenzen möchte, als ob man eine eigene Geheimsprache erschafft, wie wir es als Kinder taten, damit andere nichts verstehen? Darauf wusste er auch keine Antwort…

Er schuftet immer, aber was genau, versteht keiner. Immer liest er Bücher, die langweilig sind, von denen er sagt, dass er sie lesen muss. Man sieht ihm an, dass er sich zwingt, solche Bücher zu lesen. Es macht ihm keine Freude. Ich würde nie ein Buch lesen, dass ich eigentlich nicht lesen möchte.

Immer arbeitet er, liest, schreibt. Ich habe ihn mal gefragt, wozu das ganze. Es war einer der Momente, wo er ehrlich antwortete. Er meinte, sonst würde er nie einen Job kriegen. Er müsse härter und besser und noch mehr schuften als alle anderen, um zu beweisen, dass er der Beste ist. Dauernd ist er also auf Achse, steht auf, schuftet für sich, legt sich hin und am nächsten Tag wieder. Immer macht er für irgendwelche Leute die Arbeit, erzählt von ihnen, dass sie spannend wären und er ihnen den Kaffee holen muss oder sie daran erinnern muss, dass sie zu einer Vorlesung oder zu einer Probe oder eine Sitzung gehen müssen. Er bläst ihnen Zucker in den Arsch und fühlt sich wohl dabei, kriegt aber keine Kohle.

Er hat mir dann auch ein paar seiner Bücher gegeben. Ich habe in ein paar rumgeblättert. In ein paar habe ich kluge Sätze gefunden, also nicht nur Sätze mit langen Wörtern, die so klingen möchten, als ob sie klug wären, sondern wirklich kluge Scheisse, wo sich einer was überlegt hat. Da wurde erklärt, wie das wäre mit der Klasse und dem Proletariat und es las sich richtig. Es fühlte sich genau so an, wie ich mich fühlte, wie wir uns fühlten. Dass man ausgebeutet wurde, das ganze Leben und dass man es manchmal nicht merkte, dann war man sich selber fremd und wenn man es merkte, dann war man sich seines Lebens bewusst. Dann konnte man sich zusammen schliessen, zuerst wie zu einer Gang, später zu einem Grösseren, bis man richtig viele war – dann müsse es weiter gehen: die Ausgebeuteten sollen ihre Ausbeuter zum Teufel jagen oder sie aufhängen und tot schlagen und sie – also wir – können dann eine Gesellschaft aufbauen, in der niemand mehr ausgebeutet wird, weil wir selber darüber bestimmen.

Als ich mit ihm darüber reden wollte, verzog er nur das Gesicht und setzte zu einem langen Monolog an. Dass es so was wie Klasse nicht gibt, Proletariat wäre die falsche Bezeichnung, das alles wäre gescheitert, das hätte eine Schule in Frankreich bewiesen, lauter gescheite Leute an der Universität, ich weiss die Namen nicht mehr. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, frage ich mich, warum das überhaupt von Bedeutung sein soll, was da ne handvoll Franzosen geschrieben haben. Egal was die geschrieben haben, wie ich mich in meinem Leben fühle, davon wissen die doch nichts. Die sind doch sowieso schon tot oder sind alte Säcke. Was wissen die schon von meinem Leben?

Der Kommunismus wäre gescheitert, das hätte man klar gesehen, sagte er. Warum denn, habe ich gefragt, und er meinte, weil die Leute immer noch ausgebeutet wurden, dann halt von einer Partei anstatt von ihren Chefen. Dann hätte man die Parteileute halt auch zum Teufel jagen sollen, meinte ich. Da zuckte er nur mit den Schultern, ich merkte ihm an, dass er sich nicht wirklich mit dem Thema auseinander gesetzt hatte. Ich fragte ihn, ob man das denn nicht versucht hätte, die Ausgebeuteten gegen die Partei, ob es das denn nicht gegeben hätte, dass das Proletariat mal ganz für sich über sich selber bestimmt hätte. Er wusste es nicht, faselte aber lange und es lief darauf hinaus, dass es halt nie einen Kommunismus, einen wirklichen gegeben hätte. Wenn es aber, fragte ich ihn, nie wirklich Kommunismus gegeben hat, wie kann man dann behaupten, dass der Kommunismus gescheitert ist, so wie es diese Franzosenschule mache. Das wäre doch widersprüchlich. Das ärgerte ihn, weil er keine Antwort wusste. Er meinte nur, dass Niemand über so etwas sprechen würde. Wer über so etwas spricht, sagte er, zeigt, dass er nichts verstanden hat.

Von Proletariat könne heute keine Rede mehr sein. Das hat es früher gegeben, vor hundert Jahren, als alle noch in die Fabrik oder Minen gegangen sind. Aber heute wäre die Gesellschaft eine andere und wenn man – vielleicht – noch von Proletariat reden könne, dann irgendwo in China, wo sie die Smartphones herstellen. Dort gebe es noch Arbeiter, aber hier gebe es keine Arbeiter mehr. Hier gebe es auch keine Fabriken oder Minen, darum gebe es keine Arbeiter. Hier gibt es nur Büros und hier gibt es Angestellte, aber keine Arbeiter. Ich habe kurz nachgedacht und habe ihn dann gefragt, gut, es gibt keine Arbeiter so wie vor 100 Jahren, aber sind wir nicht trotzdem alle noch Proletariat? Nein, antwortete er, eben weil wir keine Arbeiter mehr seien. Dann verstand ich, wie er dachte und ich fragte nach, was ich vermutete: Sind denn Arbeiter und Proletariat das selbe deiner Meinung nach? Ja, im Prinzip schon, meinte er. Ich glaube nicht, antwortete ich, und es ging wie ein Stromschlag durch mich hindurch. Eben nicht, sprach ich begeistert: Ich glaube, das ist wie bei deinen abstrakten Begriffen. Die Dinge zeigen sich konkret so oder so, mal so oder so, aber es braucht eine abstrakte Kategorie, mit der man das beschreiben kann, was sich immer wieder verändert. Oder warum sonst gibt es hier zwei Wörter, Arbeiter und Proletariat?

Mein Hirn machte wie einen Sprung, aber er sah mich aus einer Mischung aus Zorn und Mitleid an, für die ich ihn rückblickend am Liebsten in die Fresse geschlagen hätte. Als wäre mein Verstand zu klein für so etwas, als hätte ich nichts begriffen. Ich fühlte mich aber, als hätte ich etwas ganz wichtiges plötzlich verstanden. Aber sein Blick war, als hätte ich nicht nur immer noch nichts verstanden, sondern als hätte ich mit diesen Gedanken jetzt sogar noch weniger verstanden.

Er meinte auf jeden Fall, er wäre kein Proletarier, weil er würde nicht ausgebeutet. Schluss fertig Diskussion. Das sagte er, nachdem er in der Woche jeden Morgen früh aufgestanden war und spät zurück gekommen war, und er den gescheiten Leuten gedient und gefallen hatte, die von den Franzosen schwärmten, die behaupteten, es gäbe keine Proleten.

Ich habe dann noch ein bisschen weiter recherchiert und gelesen. Es war nicht immer einfach, diese Dinge zu verstehen, aber irgendwann hab ich das glaube ich geschnallt. Proletariat sind einfach alle Leute, die arbeiten müssen um zu überleben, weil sie nichts anderes haben, das ihnen Geld macht, nicht wie Leute, die Besitz haben. Man ist also wie eine Hure, muss den eigenen Körper oder das Hirn verkaufen, muss sich hübsch anziehen und mit den Augen klimpern und steht immer irgendwie wie am Strassenrand und hofft, dass irgendeiner kommt und dir Geld gibt, dafür, dass du ihm eins bläst, weil er zu faul ist, um sich selber eins runter zu holen. So irgendwie. Und die kleinen Jefes, die Schichtleiter oder Kapos, die sind wie die Zuhälter, die drängen dich immer, drohen dir mit Prügel, und wenn du nicht spurst, dann entlassen sie dich, prügeln dich hässlich, also geben dir ein schlechtes Arbeitszeugnis oder sorgen sonst irgendwie dafür, dass du keine Arbeit mehr kriegst. Immer bist du die Nutte von irgendwem. Du kannst auch Geld zusammen kratzen und öffnest deinen eigenen verfickten Sexscheiss, einen Salon oder so. Aber dann bist du nicht nur die Nutte, dann bist du auch dein eigener Zuhälter. Weil da ist dann auch nichts mit faul abhängen, du musst dich dann jeden Tag zur Arbeit zwingen. Das kann auch keine Lösung sein.

Und eben alle Nutten zusammen: Das ist die ausgebeutete Klasse, das ist Proletariat. Aber nur wenn sie das schnallen, dann sind sie Proletariat. Vorher sind sie einfach nur Schlampen. Auch das leuchtet mir ein. Schlampen, die so tun, als wären sie keine, die sind einfach nur eklig. Aber von den Schlampen, die wissen, dass sie so sind und auch dazu stehen, vor solchen hat man Respekt. Die haben einen höheren Bewusstseinszustand erreicht. Die wissen, dass sie in diesem Leben bloss gefickte sind, die erzählen das nicht schöner, als es eigentlich ist, die tun nicht so, als ob ihnen das gefällt. Die sagen: Es ist Scheisse, aber was will man machen, so sind die Kack-Regeln in dieser Welt.

Vielleicht ist mein Kumpel so eine Schlampe. Er tut noch so, als wäre er keine, macht sich Illusionen. Ja, wenn ich mir das so überlege, stimmt das eigentlich. Aber er ist mein Kumpel, irgendwie mag ich ihn doch. Aber er hat das halt noch nicht begriffen, dass er eine Schlampe wie alle anderen ist. Er hat seine Sprache und diese gescheiten Leute. Es ist wie eine Sekte, oder eine harte Gang. Er möchte zu ihnen gehören, aber sie wollen ihn nicht. Er will so sein wie sie, er würde alles für sie machen. Ein bisschen wie bei den Hell’s oder so ähnlich. Nur eben, anstatt einer Harley und einer Lederjacke musst du dort die richtige Sprache haben. Nein, doch mehr wie eine Sekte. Du musst die richtigen Bibelstellen kennen und die immer sagen, wenn das Thema kommt und bist von dir selber überzeugt und denkst, die anderen haben es alle noch nicht geschnallt, aber dafür kommen sie in die Hölle. Ja, eher so, so sind diese Leute.

Vor ein paar Tagen ist er zu mir gekommen. „Ich will ein Aufrisspapier schreiben, hilfst du mir?“ Ich dachte zuerst, es geht um Weiber und er will mit mir um die Häuser ziehen und was aufreissen, hab mich schon gefragt, wie da Papier mit rein spielt und wieso schreiben. Aber es geht um irgendein Magazin, dort will er was schreiben. Ich hab mir das aufgeschrieben, den Titel, „Linke Politik: Identität und soziale Frage.“ Er hat auch schon viel geschrieben, ewig langes Geschwurbel über Politik und das Politische, das sei irgendwie nicht das Gleiche. Aber er meinte, er braucht mich, die Gespräche mit mir wären spannend und ich sollte sagen, was ich von seinem Text halte. Ich habe ihn ehrlich gesagt gar nicht verstanden, aber was mich geärgert hat, war dieses: Es war ein Text über Leute wie uns, aber er schrieb, als würde er nicht dazu gehören. Es las sich wie diese Gespräche von diesen Schlampengruppen, die rüber zu den anderen schauen und dann immer laut sagen, so dass es jeder hört: „Oh mein Gott, sie ist soooooo eine Schlampe!“ und dazu die Augen rollen. Dabei sind sie selber die grössten Schlampen.

Natürlich ging es in seinem Text nicht um Schlampen oder so was, aber die Art war genau so. Es ging darum, dass immer mehr Leute die Faschisten wählen und dass sie das machen, weil sie dumm sind und weil sie verwirrt sind und dass man sie erziehen müsse und dass man das früher schon gemacht hätte aber heute nicht mehr kann, weil sich die Zeiten geändert hätten und darum müsse man jetzt andere Wege finden, um die Leute zu erziehen. Das alles war so von oben herab, als wäre er nicht hier in Schwamendingen, sondern als würde er dort unten bei den Reichen wohnen oder auf dem Züriberg und blickte runter auf das Quartier. Es war auch ein Rumgeflenne, warum die Leute lieber die Faschisten wählen anstatt die Sozialisten, und so ein Hosen-runter-Schwanz-vergleich-Text zu der Frage, wie man mehr Stimmen für die Sozialisten gewinnen kann.

Und da begriff ich, dass das mit diesem Problem zu tun hatte, dass er mir damals nicht erklären konnte, das Problem zwischen Partei und Proletariat. Diese gescheiten Leute, die immer Franzosen wie die Bibel zitieren, diese Sekte, zu der er dazu gehören wollte, die waren wie diese Partei, die sich Kommunisten nannten, aber eigentlich gar nicht waren. Denn es kann ja nur kommunistisch sein, wenn es vom Proletariat kommt. Wenn es von einer Partei kommt, ist es eben nicht mehr kommunistisch, wie die Geschichte gezeigt hat.

Und da wurde mir klar, dass das gefährlich ist, wohin es ihn zieht. Trotz allem ist er mein Kumpel, auch wenn er mich häufig nervt. Und ich fand, ich schreib auch einen Text, in meinen eigenen Worten. Weil, wenn er irgendwann doch zu denen gehört, dann ist er nicht mehr auf meiner Seite, dann ist er nicht mehr Teil von meiner Klasse. Er hat dann nie verstanden, dass er eigentlich auch nur eine Schlampe ist und hat nie Bewusstsein über sein Leben erreicht. Sondern er will aufsteigen, will Zuhälter werden, und anderen Schlampen sagen, dass sie Schlampen sind und ihnen alles erklären, warum sie doch keine Schlampen sind und jetzt sollen sie für ihn was machen, weil er so ein toller Hecht ist.

Das alles ist nur dafür da, uns zu verwirren. Diese Leute sind selber verwirrt, ich sehe es ja an meinem Kumpel. Und obwohl er fühlt, dass er verwirrt ist, denkt er, alle anderen sind verwirrt, und diese Leute bestärken ihn in dem Glauben. Diese Leute erzählen, dass es keine Klasse gibt, kein Proletariat und machen die Sprache kompliziert, um ihn von uns zu spalten.

Darum schreibe ich diesen Text, um klar zu sagen: Hört auf damit. Hört auf, uns erklären zu wollen, hört auf damit, so zu tun, als wärt ihr etwas besseres. Hört auf damit, immer kompliziertere Worte zu erfinden, wenn es eigentlich so scheiss einfach ist. Lasst meinen Kumpel in Ruhe und lasst uns in Ruhe. Ihr könnt immer gerne bei uns hier in Schwamendingen vorbei kommen, das Bier ist billig und wird aus der Dose getrunken und ist lauwarm. Ihr könnt mit uns reden, ihr könnt uns Sachen fragen und ihr könnt auch über uns denken, was ihr wollt. Denkt ruhig schlecht über uns. Wir machen das selbe auch in eurer Gegenwart. Aber wenn ihr hierher kommt, kommt als Proletariat und nicht als Partei. Kommt nicht als Welterklärer, kommt nicht mit eurer Sprache. Seid nicht die Schlampen, die ihre Nasen rümpfen und über die anderen schimpfen, was sie für Schlampen sind. Erzählt uns von eurer Wut und eurem Hass über eure Jefes, wie euch dieses Leben ankackt und wie euch die Bossen immer drängeln oder das Amt und überlegt euch mit uns, was wir machen können, ob wir dem Chef einen grossen Haufen braunen Dampf auf den Tisch knallen, ihm die Reifen aufschlitzen oder die Bremsleitung und dann lachen wir, dieses laute Hyänenlachen in der Nacht gegen die Kälte im Rauch und wir vergessen und erinnern diese Zeiten die warme Luft unsere Lippen die Zähne die fletschen ein Knurren auf Vorrat und Augen wie funkelnde Blutdiamanten, die Mauer in unseren Köpfen, die wir besteigen und von der wir runterschreien…

Wir sind Proletariat – Was seid ihr?

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