[Montagsgedanken] Potcheen oder Poitín? Über die Sauferei im Kapitalismus…

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„Potcheen“ heisst es auf der Flasche, angliziert vom Gälischen Poitín. Es handelt sich um – wie es auf der Flasche ja auch so schön für den amerikanischen (aber auch allgemein internationalen) Touristen in Klammer angemerkt ist – „Moonshine“. Also die irische Variante des illegal destillierten Hausschnaps in ländlicher Gegend, der für den Eigengebrauch hergestellt wurde.
Hervor stechen tun hier vor allem das grosse, quer geschriebene „now legal“ (es fehlt eigentlich nur noch ein Ausrufezeichen) und darunter der Vermerk des „illegal since 1661“.

Und da fragte sich Herr Schmulmeier, ob es denn überhaupt noch selbst gebrannt war, wenn er es nicht selbst gebrannt hatte...

Und da fragte sich Herr Schmulmeier, ob es denn überhaupt noch selbst gebrannt war, wenn er es nicht selbst gebrannt hatte…


Da wird also legal ein Produkt hergestellt, das einstmals illegal hergestellt wurde. Die Bewerbung ist schrill: Der Verweis auf die Illegalität geht einher mit dem Verweis auf seine Legalität. Der Mechanismus dabei wird Jedem ersichtlich: Hier will man legal Geld machen mit dem Ruf eines Getränkes, der sich durch seine Illegalität auszeichnet – und wodurch sich das ganze Projekt der Lächerlichkeit Preis gibt. Denn, das sollte ja klar sein, was legal ist, kann schlichtweg nicht gleichzeitig illegal sein. Die Werbung für ein behördlich abgesegnetes Produkt, das sich eigentlich durch den Gesetzesverstoss definiert, führt die Widersprüchlichkeit des Kapitalismus einmal mehr vor Augen. Diese Widersprüchlichkeit ist banal: Alles muss in die Warenform überführt werden, selbst das, das sich durch seine Opposition zur Warenform auszeichnen könnte.

Vergegenwärtigen wir uns, dass Poitín ab dem 16. Jahrhundert in ländlichen Gegenden hergestellt wurde, von Bauern, welche keine Bewilligung zur Destillation inne hatten, die aber die Materialien dazu hatten und das Bedürfnis nach einem Schnaps. Die Destillen wurden in umstrittenem Landstrichen aufgestellt, damit keine klare Identifikation des Landbesitzers, bzw des Brenners möglich war. Destilliert wurde in der Nacht oder bei schlechtem Wetter, damit Polizisten, die allenfalls in der Gegend waren, keinen Verdacht schöpfen konnten, wenn sie Rauch am Horizont oder den Geruch von Feuern wahr nahmen.
Ich will hier jetzt auch gar nicht vertieft darauf eingehen, inwiefern solche illegale Heimbrennerei die Warenform angreift oder doch auf einer illegalen Ebene bestätigt. Gewissermassen die kleinkriminelle Ausprägung dessen ist, was im legalen Markt existiert. Dem Bild des Kleinbauern vormoderner Zeit, dessen Leben von Armut und Entbehrung gekennzeichnet ist, welcher sich sein eigenes Schnäpschen brennt und dafür von der Staatsmacht verfolgt wird, gesellt sich später jenes einer illegal operierenden Kraft bei, welche ihre Geschäfte jenseits des legalen Marktes vollführt, also der organisierten Kriminalität einer Mafia unter Al Capone, die vor Einschüchterung, Gewalt und Brutalität nicht zurück schreckt, oder wenn man die Linie weiter ziehen möchte, bis hin zu den Drogenbaronen heutiger Ausprägung. Die Tatsache der illegalen Aktivität allein ist kein Beweis der Überwindung der Warenform.

Auf einer geistigen Ebene finde ich es hingegen interessant, wenn ich es mir aus der Perspektive des Käufers oder des Verkäufers überlege. Es geht weit darüber hinaus, dass hier ein einfach gebrannter Schnaps verkauft wird. Niemand kauft diese Flasche, bloss weil er einen billig gebrannten Schnaps haben möchte – und auf der Seite des Verkäufers ist die selbe Überlegung: Dieser Schnaps verkauft sich nicht, weil die Leute günstig an Schnaps kommen möchten.
Nein, es ist gerade eben der Nimbus des nicht Erwerbbaren, welcher solche Produkte umgibt, der die Logik des Marktes provoziert. Etwas, das nicht erwerbbar ist, darf nicht existieren.
Der Mythos des Verbotenen spielt hier zwar rein und gehört zur Verkaufsstrategie, aber er wird kombiniert mit der erschwerten Verfügbarkeit (die selbst auch wieder mythologisiert wird). Der Absinth und seine Geschichte führt das sehr schön vor Augen. Ab den 90ern kam dessen Konsum wieder auf, wurde befördert durch einige Hollywoodfilme, welche den Absinth gewissermassen als den magischen Saft seiner Epoche darstellten, nichts anderes als die spirituelle Variante jenes Gesöffs, welches die Gummibärenbande schlürfte. So wie die Gummibärenbande trank, um die Gesetze einschränkender Physik zu überwinden, trinkt der Kleingeist Absinth, um die Gesetze des Geistes hinter sich zu lassen. Der Rausch hierbei ist reine Fiktion, blosser Mythos. Der Rausch des Absinths um die Jahrhundertwende ergab sich durch den Konsum grosser Mengen. Das Deilirum des Absinthkonsumenten ist eben nie mehr als das Delirium des Alkoholkonsumenten gewesen. Der Erfolg des Absinths lag immer auch in seinem Preis begraben: Als billige Variante gegenüber dem Konsum von Wein hat er sich im Frankreich des 19. Jahrhunderts durchgesetzt, ähnlich wie sich in Grossbritannien im 18. Jahrhundert der Gin als billiger Alkohol für die Massen durchgesetzt hatte. Angetrieben durch die verheerende Wirkung unter der Arbeitschaft und den entsprechenden Bigotterien, dass Moral und Gesundheit Grossbritanniens kurz vor der Zerstörung stünde, wurde in Grossbritannien 1751 der Gin Act installiert. Dieser reglementierte vor allem den Verkauf von Gin zwischen Produzenten, Händlern und Konsumenten und bedeutete den Tod für kleine (Zwischen-)Händler und unterstützte die grossen. Gleichzeitig wurde der Konsum von Tee und Bier öffentlich ermuntert. Eines der bekannteren Bilder aus jener Zeit ist der Doppeldruck „Beer Street and Gin Lane“ von William Hogarth, welcher fast schon propgandistisch den Konsum von Bier als selig, heilend und förderlich darstellt, während der Konsum von Gin ins Elend, Unglück und in Heillosigkeit führt. Frühere Versuche, den Gin über Steuern zu verteuern führten 1743 in London zu Aufständen der Arbeiterklasse. Erst nach der Reglementierung durch den Gin Act setzte sich entsprechend aufwändiger hergestellter und teurerer Gin auch als Getränk einer Oberschicht durch.
Dem Absinth als Getränk der Armen und der Arbeiterklasse war ein ähnliches Schicksal beschieden: Sein komplettes Verbot war nie eines der Alkoholika, sondern ein Verbot jener Alkoholika, die mit einer entsprechenden Unterschicht assoziiert wurde.

Egal ob Gin, Absinth oder Potcheen: Die Reglementierung, Legalisierung oder Illegalisierung stand oder steht immer im Verhältnis zu den gesellschaftlichen Gruppen, die ihn trinken. Die rückwirkende Mythologisierung hat ihre Wurzel in einer historischen Verteuflung, die ihrerseits den Hass auf die Armen und die Arbeiterklasse bezeugen. Der Absinthtrinker von heute (er selbst nennt sich lieber „Geniesser“) ist einer Werbemasche aufgelaufen, die er selbst noch antreibt. In diesem Sinne darf man all jene urbanen Hipster, die sich beflissentlich dem Absinthtrinken hingeben, darauf hinweisen, dass Baudelaire, wenn er heute lebte, einen biligen Fuselwodka von Aldi gegen seine Schmerzen runter kippen würde. Edouard Manets Bild würde heute „Der Dosenbiertrinker“ heissen und Henri Toulouse-Lautrec würde Vincent van Gogh porträtieren, wie er vor einem Plastikbecher sitzt, der mit billigstem Sangriawein aus dem Tetrapack gefüllt wurde. Dies sind die äquivalenten Getränke von heute zu der damaligen Zeit: Die Alkoholika, welche sich durch einen tiefen Preis auszeichnen und in der Arbeiterschaft getrunken werden.

In diesem Sinne wird ersichtlich, worin das Verdächtige auch bei diesem Bunratty-Potcheen steckt. Er ignoriert das Geschichtliche, in dem er es auf ein Etikett verkürzt („illegal since 1661“) und zeigt seine Ignoranz, in dem er es zur Ware macht („now legal“). Das vermeintlich aussergewöhnliche und besondere, das der Konsument unterbreitet zu erhalten meint, ist das gewöhnliche, aber in anderer Verkleidung. Warum sollte der Konsument für einen Billigfusel ein Vielfaches davon zahlen, was ihn der Billigfusel im Supermarkt kostet? Denn dieser Potcheen ist genau dies: Ein Billigfusel. (Ja, wir haben davon gekostet, trotz allem. Aber dies hier ist ja keine Schnapskenner-Kritik, wie man sicher gemerkt hat.) Warum macht er es? Weil es der Nimbus des Speziellen ist. Es ist eben nicht der Billigfusel aus dem Supermarkt um die Ecke zuhause, es ist der Fusel in einem anderen Land, verbrämt mit Lokalkolorit und ahistorischer Geschichtlichkeit. Eigentlich müssten diese zwei als Zusatzstoffe auf der Inhaltsangabe verzeichnet sein.
Dies wird auch ersichtlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass dieser Potcheen aus Bunratty kommt und dort verkauft wird. Bunratty Castle liegt ein paar Minuten Fahrtzeit ausserhalb von Limerick und ist gewissermassen ein Themenpark irischer Geschichte und Kultur im Schnellverfahren. Die normannische Burg von Bunratty, deren Silhouette als modernes Wappen, bzw. Markenzeichen auf allem prangert, was von dort kommt, wird flankiert durch verschiedene Bauten vormoderner Zeit. Ein ganzes Dorf vermittelt nostalgisches Flair zum Durchwandern. Eine Mischung aus Freilichtmuseum, mit Angestellten in historischen Kostümen, das man naiv staunend durchwandern kann und an dessen Ende Souvernirshops einladen, sein Geld auszugeben. Ein metaphysisches Schaudern erfasst den Besucher angesichts dieser unbewohnten Häuser, die mit dem Narrativ der irischen Massenemigration und der Armut belegt werden, die für das 19. Jahrhundert kennzeichnend war. Es mutet komisch an, für das Durchwandern eines Dorfes mit verwitterten Häuschen, die von Efeu bewachsen sind, die im Schatten einer historischen Ruine stehen, extra Eintritt zu bezahlen – finden sich doch im ganzen Land eben tausende solcher Orte. Im Schatten niemals fertig gestellter Bauruinen, deren Bau noch während der Celtic Tiger Jahre begonnen wurden, stehen die verlassenen und überwucherten Häuser, deren Bewohner auf der Suche nach Arbeit und besseren Lebensbedingungen das Land verliessen. Wenn das ganze Land gegenwärtig von den selben Mechanismen durchdrungen wird wie 150 Jahre zuvor bereits, erscheint es bizarr, sich als Konsument das Flair vergangener Armut anzueignen.

Diese Flasche Potcheen ist deswegen auch so erhellend: Denn sie zeigt nochmals jedem vor Augen, woran wir uns bei anderen Gegenständen schon gewöhnt haben. Wie beschrieben, wurden Gin oder Absinth ähnlichen Veränderungen unterzogen im Verlauf der Geschichte. Während beim Potcheen die Lächerlichkeit und die Widersprüchlichkeit uns in die Augen springen, sind sie uns bei anderen Produkten oder Waren nicht mehr so deutlich. Dort haben sie sich vermischt mit zusätzlichen Bildern. Es geht nicht um die Flasche Potcheen, sondern es geht um das, was an ihr bewusst wird, was an ihr exemplarisch gezeigt werden kann: Das, was an anderer Stelle unbewusst geworden ist. Die Waren des Kapitalismus werden für den Konsumenten zusätzlich ausgerichtet, um ihren Käufer zu finden. Die Gadgets, die ihre Nützlichkeit behaupten sind gleichzeitig hinderlich und aufwändig und eine Zumutung. Die Produkte, welche sich ins Leben des Konsumenten einfügen sollen, unterwerfen es seinem eigenen Rhyhtmus. Die Waren, welche Zufriedenheit und Glück versprechen, hinterlassen nach ihrem Kauf ein unbefriedigendes Verlangen. Wo sie das Individuum und seine Subjektivität ansprechen möchten, geschieht dies auf der breiten Ebene.

Auch im Ozean der Überproduktion ist nicht alles Rettung, was schwimmt...

Auch im Ozean der Überproduktion ist nicht alles Rettung, was schwimmt…

Die Gegenstände des Gebrauches sind zu Waren des Tauschwertes geworden, so weit es die Seite der Verkäufer anbelangt. Um ihren Verkauf jenseits ihres Gebrauches noch zu realisieren muss zu Tricks gelangt werden: Sie müssen dem Käufer zusätzlich verkauft werden. Jenseits ihres eigentlichen Gebrauchswertes muss ein weiterer Gebrauch behauptet werden, welcher ein Pseudogebrauch ist. Dafür werden Narrative bedient, Bilder evoziert: So wird aus einer Flasche Billigschnaps ein vermeintlicher Träger zusätzlicher Eigenschaften. Potcheen umgibt der Hauch des ehemals Verbotenen, des Rebellischen, des Illegalen. Die gleichzeitige Versicherung, dass es sich dennoch um eine legale Ware handelt, demaskiert die Lüge des ersteren, den Mechanismus, dass es sich um blosse Behauptung handelt, dass es darum geht, ein Bild zu geben, ein „image“.
Alles endet mit dem Erstaunen darüber, dass dieser Potcheen eben kein Poitín ist – es gar nicht sein kann. Es macht so viel Sinn wie ein Selbsthilfebuch für Analphabeten.

Cetero censemus capitalismum esse delendum…

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7 Antworten to “[Montagsgedanken] Potcheen oder Poitín? Über die Sauferei im Kapitalismus…”

  1. Attack of the Weekly Links: Schnaps, Langstrasse, Kanon | kulturmutant Says:

    […] Potcheen oder Poitín? Wenns um Alkohol geht, diskriminiere ich normalerweise nicht. Aber der irische Potcheen dürfte so ziemlich die ekelhafteste Plörre sein, die mir jemals untergekommen ist. Nun hat Kollege Albrecht von der Gruppe Konverter in seinen Montagsgedanken über die theoretischen … […]

  2. Gregor Schenker Says:

    So kann man also billiges Dosenbier saufen und macht damit noch ein politisches Statement. Hoch die Tassen!

    Dieser Potcheen ist übrigens nicht nur theoretisch bedenklich, sondern auch etwas vom Grauenhaftesten, das ich je getrunken habe.

  3. saileklein Says:

    gibts da mal ein testrinken?

  4. Vom Kunstkenner für den Kunstkenner II: Die Whiskeyprobe | Gruppe Konverter Says:

    […] (Der Potcheen übrigens ist ein alter Freund, über den es schon einmal in diesem Beitrag über die Sauferei im Kapitalismus ging) […]

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