Manifest des Dilettantismus

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Ein hoch auf den Dilettanten! Denjenigen, von dem man sagt, dass er es nicht kann und lieber lassen sollte. Der Dilettant ist Widerspruch: Er macht es trotzdem. Dem Dilettanten ist es egal, dass er etwas nicht kann, im Gegenteil: Gerade weil er es nicht kann, macht er es.

Dilettantismus heisst, sich nichts einreden zu lassen.

Dilettantismus heisst: Hin zu stehen, zu machen.

Dilettant ist man nicht durch eine Art des Denkens, eine Art des Bewusstseins. Dilettant zu sein ist keine Theorie. Einen Dilettanten erkennt man nicht an seiner Meinung. Der Dilettant tritt in die Welt durch seine Tat.

Ein jeder ist Dilettant, nur lässt es sich nicht jeder anmerken. Alles ist dilettantisch, alles ist Dilettantismus. Vom Kaffeekochen bis zur Weltrevolution.

Dem Dilettant gegenüber steht der ernannte Experte, der Könner, der Profi. Der Dilettant macht die Dinge selber, anstatt sie einem Experten zu überlassen. Er macht sie nicht gut, er macht sie zum ersten mal. Aber er macht sie selber. Der Dilettant eignet sich die Welt an, indem er macht, was er besser lassen sollte. Der Dilettant lernt, indem er macht, der Dilettant ist ein Praktiker, alles wurzelt bei ihm in der Aktion. Der Dilettant besitzt die Neugier des kindlichen Gemütes, den Willen, sich die Welt anzueignen, unabhängig von dem, was Andere ihm sagen. Der Dilettant besitzt die Freiheit, zu tun, was ihm gefällt, egal ob es Anderen gefällt. Er sagt der Welt nicht weniger als dieses: „Ich mache es trotzdem, egal was ihr denkt.“

Der Dilettant weiss, dass er ziemlich sicher scheitern wird, doch ist es ihm egal. Das Leben ist zu kurz, als dass man sich zurück drängen liesse. Denn der Dilettant hört nicht auf die Stimmen jener, die ihn beherrschen wollen. Der Dilettant hört nicht auf seine Lehrer, die es ihm austreiben wollen; nicht auf die Bürokraten, die es verhindern wollen; nicht auf die Macht, die es ihm verbieten will.

Der Dilettant weiss, dass er nicht alleine ist. Deswegen schliesst er sich mit anderen Dilettanten zusammen.

Der Dilettantismus ist das Bündnis aller Dilettanten für die Interessen der Dilettanten.

Talent ist ein Mythos, und das Wort von der Kunst ist Schwachsinn: Noch keiner hat es durch harte Arbeit allein an die Spitze geschafft, und keiner ist von der übermenschlichen Art, dass sein Tun als Kunst zu bezeichnen ist.

Jeder ist Dilettant. Aber keiner will es sein.

Jeder ist Dilettant. Aber alle tun so, als wären sie es nicht.

Zum Dilettantismus sind wir alle erschaffen: Wir versuchen uns in Ungewohntem; neugierig unternehmen wir die Schritte. Der Dilettant fürchtet sich nicht vor der Peinlichkeit, vor dem Scheitern. Der Dilettant weiss, dass er nur so lernt. Der Dilettant bringt es zu nichts, das wirft man ihm vor: Dass er es lieber den Experten überlassen soll. Aber der Dilettant will es zu gar nichts bringen. Er grinst. Dem Dilettant wirft man vor, dass er die Sache nicht ernst nimmt. Genau das ist das Radikale am Dilettanten, dass er die Regeln des falschen Spiels verstanden hat und sie nicht ernst nehmen kann.

Im Dilettanten ist der Keim einer Welt der Freien und Gleichen.

Der Dilettant ist ein Revoluzzer, ohne dass er es weiss.

Der Dilettant will kein Geld für das, was er macht. Der Dilettant macht die Dinge aus überzeugung, aus Leidenschaft, aus Neugier, aus Liebe, aus Langeweile, aus Protest, aus Wut, aus einer Laune heraus. Der Dilettant verfährt dabei, wie er es aus seinem Leben kennt: Dass die Dinge wertvoller sind, wenn sie keinen Wert besitzen.

Der Dilettant widerspricht allen Titeln, jeder Ausbildung. Der Dilettant hält nichts davon, dass man an sich arbeiten soll. Alles was nach Arbeit riecht, ist ihm suspekt. Der Dilettant ist faul, aber der Dilettant sagt lieber: Ich geniesse es.

Der Dilettant weiss, dass die momentane Gesellschaft eine voll Schwachsinn ist. Und dass man erst recht nicht noch bezahlt werden soll für Schwachsinn.

Der Dilettant benötigt keine Rechtfertigung für das, was er macht. Er macht es.

Der Dilettant braucht keine Bewilligung vom Amt. Er macht es trotzdem.

Der Dilettant braucht keinen Segen einer Kirche oder sonst einer geistigen Institution. Wozu auch?

Der Dilettant geht keinen Vertrag ein, der ihn zur Leistung zwingt, oder andere ihm unterwirft. Der Dilettant nimmt sich, was er braucht, und teilt, was er hat.

Der Dilettant kennt kein Talent, kein Vermögen, keinen Besitz.

Nicht jeder Dilettant liebt den Dilettantismus. Hoch ist die Zahl jener Dilettanten, die sich schämen. Ihr Ziel ist es, nicht mehr länger Dilettant zu sein. Sie sind gerne bereit, sich selber einzutauschen, für Ruhm, für Erfolg, für Aufmerksamkeit; wie Zirkustierchen sind sie bereit, durch den brennenden Reifen zu springen. Wie Papageien schnattern sie die Regeln und den Schwachsinn nach, den man ihnen vorwirft. Irgendwann glauben sie daran und wie der Pfarrer von der Kanzel erzählen sie es immer und immer wieder. Dass es Spezialisten gibt, Experten, Professionelle – und nur diese sollen dürfen, nur diese sind berufen für den Beruf: Alle anderen sind Stümper, sind Versager, und sollen die Klappe halten.

Der Dilettantismus hebt die Trennung auf, die da heisst: Es gibt solche, die es können – und solche, die es besser nicht versuchen sollen. Es ist die Trennung von Herr und Knecht, die sich hier wiederholt. Der Dilettantismus sagt: Wir brauchen keine Herren, wir können das schon selber. Wenn einer kommt, der nennt sich Experte – dann wird er davon gejagt. Wenn einer kommt mit einem Papier, und sagt, schaut her: Hier steht, ich bin der und der und mir gehört dies und das, und ich kann dies und das, nun habt ihr mir zuzuhören und zu tun, was ich sage, dann lacht der Dilettant.

Der Dilettant liebt es, sich auf fremden Sofas zu fläzen. Denn er liebt es, wenn Fremde sich auf seinem Sofa fläzen. Der Dilettant nimmt sich jedes Recht heraus, dass er auch jedem anderen eingesteht. Der Dilettant nimmt sich die Bühne, aber nicht für sich: Sondern damit jeder andere Dilettant sieht, dass es möglich ist. Der Dilettant nimmt sich den Raum, die Plätze, die Häuser, die Fabrik, die Wirtshäuser. Er nimmt sie nicht für sich, sondern weil er der Meinung ist, dass alles allen gehört.

Der Dilettantismus ist keine Kunsttheorie.

Der Dilettant ist ein Zuschauer, der eingreift. Er ist der Zuschauer, der sich vom Stuhl erhebt. Er ist der Zuschauer, der nicht mehr nur still und stumm zuschauen will. Der Dilettant ist die Erhebung aus der Passivität, der Dilettant ist der Keim der Erhebung aller. Der Dilettant trägt die Revolution in sich, eine Revolution gegen die Experten, die auch nur Dilettanten sind.  

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5 Antworten to “Manifest des Dilettantismus”

  1. Transcending: Mit dem Kopf gegen die Spüle | kulturmutant Says:

    […] die Beine zu stellen, ist beeindruckend, und als Mitglied der Gruppe Konverter bin ich ganz und gar für den Dilettantismus. Aber Transcending – The Beginning of Josephine ist auch ein gutes Beispiel, an dem sich einige […]

  2. Protokoll Gründungskongress der DI (Dilettantistischen Internationale) | Gruppe Konverter Says:

    […] wird das Manifest des Dilettantismus nochmals verlesen und zur Diskussion freigegeben. Als erstes wird die durchgängige Verwendung der […]

  3. Dilettantismus? Wirklich? Wirklich. | delirium Says:

    […] zu einem Untergrund zu konstituieren. Zu diesem Zweck wurde mit einem Manifest der Begriff des Dilettantismus in die Runde geworfen. Im Jubiläumsjahr Dadas mit seinen vielen Manifesten sinnigerweise ein […]

  4. Gregor Schenker Says:

    „Sich hinter Trash-Allüren zu verstecken, genügt dannzumal noch nicht und bringt bloss den Vorwurf einer doch recht biederen Selbstgefälligkeit ein. Da hilft dann auch das Anknüpfen an linke Traditionen wie das Ausrufen von ‚Internationalen‘ wenig – zumal mit dem Verweis, die ‚Situationistische Internationale‘ sei auch nur ein Haufen Versoffener gewesen. Etwas mehr als ein nostalgischer Saufabend mit dem grossspurigen Titel ‚Gründungskongress‘, der wehmütig vergangenen Bewegungen hinterhertrauert, wäre auf jeden Fall zu erwarten.“

    https://delirium-magazin.ch/2016/04/10/dilettantismus-wirklich-wirklich/

  5. Albrecht Says:

    Hehe… ja, es wurde gesoffen. Es wurde gefeiert, diskutiert, gestritten und alles verworfen, um es wieder von Neuem zusammen zu setzen. Der Wille, im Verlauf eines Abends an einem Thema dran zu bleiben, ist halt doch eher für einen Kongress bezeichnend. Im Gegensatz zu ihren blasierten Veranstaltungen (Ich hörte, es gibt am Donnerstag wieder eine) ist so ein Kongress eben nicht der Dramaturgie einer traurigen Party verpflichtet, sondern den Inhalten. Dass sich Thema und Inhalte danach richten, wer dabei ist, kann zuletzt ja kaum vorgeworfen werden.

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