Die Leiden des jungen S.

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Innenansicht. Ein Fernsehstudio. Irgend ein Abendprogramm, das sich niemand ansieht, bis auf diesen komischen Typen mit den ungepflegten Haaren, der immer in unserem hippen Café rumsitzt, und uns von „Adorno“ erzählt. Dabei sind italienische Nachspeisen sowas von out.

Moderator: Bei mir hier im Studio sind Herr Schrattmann, auf dessen Leben die Kurzgeschichten Herrn Gregor Schenkers aufbauen, sowie Herr Schenker selber. Guten Abend, die Herren.

Schrattmann: Guten Abend.

Gregor Schenker: Genau.

Moderator: Unsere Runde wird vervollständigt durch ein Schaf, das wir heute Morgen draussen vor der Türe fanden.

Schaf: Mir war kalt.

Moderator: Sehr schön. Herr Schrattmann, Sie baten mich zuvor, Sie wollten gleich zu Beginn etwas klar stellen.

Schrattmann: Ja, es ist nämlich so, dass Herr Schenker mich völlig falsch darstellt.

Gregor Schenker: Ach hören Sie doch auf.

Schrattmann: Doch, doch – ich bin bei weitem nicht so kleinbürgerlich und bieder, und seit diese Geschichten im Umlauf sind, werde ich andauernd angesprochen. Wildfremde Leute möchten ein Selfie mit mir machen, schreien hell auf, wenn sie mich sehen und zeigen mit dem Finger auf mich und rufen meinen Namen.

Gregor Schenker: Sie geniessen doch die Aufmerksamkeit, deswegen hatten Sie sich ja bereit erklärt dazu.

Schrattmann: Ja, aber das hatte ich mir anders vorgestellt.

Gregor Schenker: Wir hatten einen Vertrag, Sie können sich nicht beklagen.

Schrattmann: Schon, aber ich wusste doch nicht, worauf ich mich einlasse! Ich komme ja rüber wie ein Füdlibürger, das gaht doch nöd!

Gregor Schenker: Vertrag ist Vertrag. Wenn so ein Vertrag nichts mehr gilt, bricht das System zusammen. Das möchten Sie ja nicht?

Schrattmann: Nein, nein, um Himmels Willen. Ich würde niemals etwas Illegales machen, ich finde es nur nicht richtig. Das wird man doch noch sagen dürfen.

Moderator: Kann man also sagen, dass Sie vom Ruhm überrascht wurden?

Schrattmann: Oh ja, das kann man so sagen, das meine ich doch.

Moderator: Und Sie, Schaf – wären Sie gerne berühmt?

Schaf: Sollte ich das?

Moderator: Ich weiss nicht, deswegen frage ich Sie ja…

Schaf: Das ist sehr freundlich von Ihnen. Gibt’s hier auch was zu Essen?

Moderator: Erst später. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie zuerst mitmachen müssen, das war die Bedingung, haben Sie das etwa vergessen?

Schaf: Nein. Bitte nicht böse werden.

Schrattmann: Sie sollten sich schon an die Vereinbarungen halten, Schaf.

Moderator: Genau.

Gregor Schenker: Also hören Sie mal…

Moderator: (zu Schaf) Wenn Sie nicht mitmachen, dann werfe ich Sie wieder zurück in die Gosse, wo ich Sie aufgelesen habe!

Gregor Schenker: Sehen Sie, weil das so einfach nichts bringt, werde ich jetzt meine Salami auf den Tisch legen. (öffnet seinen Reisverschluss)

Moderator: Wie bitte?

Gregor Schenker: Man muss die Scheinheiligkeit denunzieren. Eins in die Fresse des öffentlichen Geschmacks.

Schrattmann: Mein Gott!

Moderator: Unterstehen Sie sich, das ist ein öffentlicher Sender!

Schaf: Ich hoffe, das ist keine Schafssalami.

Gregor Schenker: Das ist mir Wurst und Salami, so lang wie breit.

Salami: Puh, endlich bin ich da raus.

Moderator: Och, die ist ja eigentlich putzig, ich glaube das können wir doch senden.

Schrattmann: Auf keinen Fall! Ich bezahle das mit meinen Steuern!

Salami: Als Produkt der Fleischindustrie betrachte ich solche Entwicklungen ambivalent. Es ist der pornographische Blick, oder besser gesagt: Das pornographische Betrachtungsprinzip alles sogleich einer ästhetischen Verwertungs- und Leistungslogik zu unterwerfen. Es ist die Fleischlichkeit, die sich aufdrängt. Ich habe ja in meinen jungen Jahren in ein, zwei Food-Pornos mitgespielt, ich erwähne das nur, um den Vorwurf, ich würde nur theoretisieren vorweg zu entkräften. Der Druck ist gross, es geht immer darum, wer die dickste Salami hat. Was da retouchiert wird, wie da gespielt wird mit dem Blickwinkel, dem Licht… Die Bilder sind darauf aus, dem Betrachter ins Gesicht geschlagen zu werden.

Moderator: Und dann kam es zu einer Wende?

Salami: Ja, ich spritzte mir täglich Nitratpökelsalz um das auszuhalten. Ich habe mich kaputt gemacht. Früher war ich ein Schwein, ich habe mich meinen Mitmenschen gegenüber dreckig verhalten. Aber wenn Sie einmal durch die Verwurstungsmaschinerie der Kulturindustrie hindurch mussten, können Sie das auf die Dauer nicht aufrecht halten. Die Mutation des Charakters ist eine des Fleisches. Irgendwann merkt man: Das ist nicht das eigene Fehlen, das eigene Scheitern, die eigene Unzulänglichkeit. Es sind überrissene Leistungsvorstellungen, die permanent aufrecht erhalten werden und denen wir uns alle unterwerfen.

Moderator: Also haben Sie eine Wandlung durchgemacht?

Salami: Richtig: Heute sind mir solche Sachen nicht mehr Wurst, heute bin ich Wurst.

Schrattmann: Das klingt wie bei diesen indischen Gurus, diese Zen-Yogas oder wie die heissen. Nein, nein, ich bin Christ und sage, da müssen wir das Abendland verteidigen.

Gregor Schenker: Wer ist denn heute noch Christ, das ist doch aus der Mode…

Schrattmann: Das sagen Sie.

Moderator: Bitte, beruhigen Sie sich. Sollte es nicht um Kunst gehen?

Salami: Berechtigter Einwand.

Gregor Schenker: Genau. Sprechen wir über meine Kunst.

Schrattmann: Ach, Sie wollen doch bloss Öffentlichkeit, wollen Bekanntwerden und Kohle machen.

Gregor Schenker: Sie etwa nicht? Warum haben Sie sich denn als Sujet hergegeben?

Schrattmann: Das lässt sich nicht vergleichen!

Gregor Schenker: Sie haben nichts verstanden, Sie Ignorant!

Schrattmann: Selber Ignorant, Sie Cüplisozi, Sie linker Staatsangestellter!

Gregor Schenker: Jetzt wird‘ ich aber gleich…

Moderator: Bitte, bitte! Beruhigen Sie sich!

Salami: Nun, Herr Schrattmann trifft einen berechtigten Punkt. Unter dem Druck, die eigenen Erzeugnisse zu verkaufen, ist die Kunst dazu gezwungen, sich Öffentlichkeit dort zu suchen, wo sie sie eigentlich nicht zwingend möchte, oder aggressiv vorzugehen, indem sie die Öffentlichkeit überhaupt herstellt, die gleichzeitig ihre Subsistenzgrundlage bildet. Aber wir müssen hier von partikularen Öffentlichkeiten sprechen, bestenfalls. Ich bin zwar kein Anhänger von Habermas, und finde die Thesen von Sennett einiges bedeutsamer für die heutige Zeit. Aus der Perspektive der Kunst konnte die Privatisierung des gesamten Bereichs des Öffentlichen nur beantwortet werden, indem man die eigenen Waren aggressiv vermarktet und gleichzeitig à la mode sowohl die Vermarktung wie auch die Warenform sympathisch gestalten und letztlich dadurch zu verschleiern sucht.

Moderator: Wie äusserst sich das, gehen Sie ins Theater oder an Konzerte?

Salami: Ungern. Ich habe immer das Gefühl, dass man mir was verkaufen will. Die Inhalte sind gleich, egal ob reaktionär, konservativ, oder appellativ. Immer verlasse ich die Orte in einem eingelullten Zustand. Wie Kerschenzew schon formulierte: Als Zuschauer bin ich nur dazu da, Eintritt gezahlt zu haben und an dem Ort zu sitzen, wo morgen bereits ein anderer sitzt.

Moderator: Wie sehen Sie das, Schaf?

Schaf: Was denn?

Moderator: Finden Sie diese Entwicklungen in der Literatur und Kunst bedenklich?

Schaf: Sollte ich das?

Moderator: Nun ja, man könnte.

Schaf: Tut man das?

Moderator: Eine Mehrheit hat kein Verständnis dafür.

Schaf: Oh, wenn es die Mehrheit ist, dann schliesse ich mich da an.

Gregor Schenker: Das ist doch opportunistisch, haben Sie keine eigene Meinung?

Schaf: Doch, doch. Wie alle anderen auch habe ich eine eigene Meinung. Da möchte ich nicht anders sein.

Gregor Schenker: Sie können doch nicht einfach der Masse nachrennen, Sie Schaf!

Schaf: Aber ich bin doch ein Schaf!

Moderator: Eine schwierige Situation. Wie sehen Sie das, Salami?

Salami: Existenziell betrachtet stimmt das natürlich. Dem Schaf kann man ja nicht vorwerfen, dass es sich wie ein Schaf verhält. Paradoxerweise kommt im Schaf sowohl der Naturzustand wie jener der totalen Vergesellschaftung parallel zum Tragen. Es ist Schaf qua seiner Kondition und dieser Einschränkung unterworfen – gleichzeitig ist es aber Schaf einer Herde, und als solches dem Gemeinwesen unterworfen. Die Frage wäre doch wohl eher, ob das Schaf die Schranken seiner eigenen Existenz zu überwinden trachtet und dadurch als soziales Wesen die Entität der Herde zu sprengen vermag.

Moderator: Wie sehen Sie das, Schaf?

Schaf: Mäh?

Gregor Schenker: Mir ist das zu theoretisch, aber ich habe Lust auf eine Lammkeule…

Schaf: Määääh!

 

 

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