Gastbeitrag Hannes Sättele: „Lateinamerika: Begegnen“

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Wir bringen hier den Vortrag von Hannes Sättele, den er anlässlich der guatemaltekischen Woche gehalten hat. Mit bestem Dank für den Abend und für die Diskussionen:

Lateinamerika : Begegnen

An manchen bewölkten Sommermorgen, wenn ich in Zürich aufwache, und meine Fenster öffne, fühlt sich die feuchte Luft an wie an der Pazifikküste, sehr Früh, wenn die meisten noch schlafen, noch bevor die Sonne aufgewärmt und sich auf den Weg gemacht hat. So wache ich in Zürich zu früh auf, während die Pazifikküste noch in Träumen schwebt.

Es ist ziemlich unmöglich, denjenigen Kulturraum, den wir “Lateinamerika” nennen, als das Produkt einer linearen Abfolge in der Geschichte zu beschreiben. Die treffendste Umschreibung die mir einfällt, ist “Lateinamerika” als der phantasmatische Moment einer sich mit Variationen wiederholenden Urszene der unerwarteten, aber auch unmöglichen, kulturellen Begegnung. Es ginge dabei um Fakten ausserhalb einer konstituierten Welt, um Wunder und Katastrophen zugleich, die nur wilde und gewaltige Wucherungen im Reich einer unbekannt bleibenden Sprache, die unsere Träume vergessen haben, vernehmbar werden könnte.

In den klischeehaften Phrasen zu Lateinamerika geistert zumindest nicht selten etwas von jener unverarbeiteten und nie gänzlich verarbeitbaren Begegnung herum, vergangene oder noch bevorstehende.

Verschiedene Diskurse haben immer wieder versucht die in der Urszene der Begegnung involvierten Teile und ihre Verbindung deskriptiv oder normativ zu definieren: ob vertikal – also hierarchisch, wie es für den in Anführungszeichen “alphabetisierenden” Kolonialismus der spanischen Krone und der katholischen Kirche typisch gewesen ist–, ob horizontal – also die Hierarchien einebnend, wie es für die klug auf dem sogenannten „Mestizismus“ basierenden Nationalismen bezeichnend gewesen ist–, ob ausschliessend – also die Abstände und Unterschiede betonend, das „Individuum“ (das geradezu von den anderen „dividiert“, also abgeschieden ist), was die bürgerliche Tendenz charakterisiert –, oder einschliessend – also die lateinamerikanische Volksgemeinschaft als versprechende andere Ordnung betonend.

Eine durchaus schematische Beschreibung verschiedener Diskurse der Begegnung, wie sie hier geradezu skizzenhaft versucht worden ist, hat sowohl den Vorteil der Klarheit, als auch den grossen Nachteil der Unwahrheit. Denn, aus der Nähe betrachtet, scheitert jeder dieser Diskurse, in seinem expliziten Versuch eine Erklärung der kulturellen Begegnung zu liefern. Implizit ist in jedem vom ihnen immer noch ein abgründig gründender Moment des Widerspruchs, der in meinen Augen die Diskurse über “Lateinamerika” überhaupt ausmacht. Die Natur dieses Widerspruchs hat übrigens keineswegs damit zu tun, dass es in Lateinamerika ein einheimisches Substrat gäbe, das dem kolonialen, imperialistischen, kapitalistischen oder wie auch immer gearteten hegemonialen Machtdiskurs mystisch entgegengesetzt bliebe.

Es gibt kein eingeborenes Substrat, keine „Hoffnung“ für eine „andere Welt“. Diese Welt war von Anfang an eine „andere“. Es ist der widersprüchliche Moment einer in Raum und Zeit verschobenen Begegnung, der in Lateinamerika seine Wirkung immer wieder gezeigt hat. Dies soll heissen, dass schon die „ursprüngliche“ Begegnung in Lateinamerika (was das auch immer heissen soll) schon in Raum und Zeit verschoben war, und also nur imaginiert oder phantasiert, aber nie referentiell festgehalten werden konnte. Die bereits ursprünglich nur bildhaft zu habende Begegnung sah sich stets durch weitere Assoziationen überbordet und fortgesetzt. Lateinamerika ist der Schatten einer immer wieder nur verschoben stattfindenden Begegnung, die unerwartete Wendungen und Wind-ungen aufweist. Lateinamerika ist eine Schlange, die Flügel trägt.

Ich hatte in Lateinamerika immer das Gefühl ein Fremder zu sein, doch nicht weil die anderen heimisch gewesen wären. Der Lateinamerikaner bleibt selbst für den Lateinamerikaner ein Ausländer: Ein anderer, der ihm gleicht, aber noch nicht erfunden wurde, weil er schon gewesen ist.

Von diesem grundlegenden Gedanken ausgehend, kann man die ursprüngliche Begegnung vom Indio mit dem Spanier jenseits des kolonialistischen Schemas neu betrachten: Sie war, trotz dem evidenten Machtverhältnis, keine einfache kulturelle Aufzwingung, sondern das Aufklaffen einer Andersheit auch innerhalb der jeweils eigenen Kultur; der Indio veränderte unter dem Zeichen der Begegnung seine Beziehung zu sich selbst, er veränderte seine Kultur anhand seiner eigenen Kultur, in dem er in den Augen von Fremden die verschiedenen Tendenzen, die in ihr eine Rolle spielten, neu wertete und kombinierte. Ähnliches geschah mit der Kultur der Spanier; sie wollten diese „neue Welt” beschreiben und aufzeichnen, was beispielsweise das bestehende Verhältnis zwischen Schrift und Bild in ihrer eigenen Kultur zumindest bis zu einem gewissen Punkt in Frage zu stellen und zu verschieben vermochte.

„Einsicht: Alle wissen, / dass Mexiko ein erfundenes Land ist“ (Günter Eich).

Die sich stets überholende Begegnung prägt noch heute eine lateinamerikanische Realität, in der vieles als umkehrbar erscheint. Der Norden wird zum Süden, oder die Vergangenheit zur Modernität. Gehen wir nun unsere davor gebrachten Diskursbeispiele erneut durch, so lassen sie sich jetzt auch aus einer umgekehrten Perspektive beleuchten. Der unter dem Zeichen des „Mestizismus“ stehende Nationalismus machte in Mexiko den Indio zwar irgendwie sichtbar, erklärte also diesen von nun an zu einem Bestandteil der nationalen Kultur (es seien hier die grossen Muralisten erwähnt: Rivera, Orozco, Siqueiros); doch gleichzeitig handelte es sich hierbei um eine kluge Selbstinszenierung und Machtfundierung des Staates, der auf diese Weise eine obszöne materielle Realität weiterhin ignorieren konnte: Die Armut der Indios, die heute noch aktuell ist.

„Aus einer Ecke warf ihm der alte Gaucho, der die dort die ganze Zeit über ungerührt gesessen hatte, und in dem Dahlmann die Chiffre des Südens sah (seines Südens), einen nackten Dolch vor die Füsse“ (Borges).

Uneindeutige Prozesse wurden auch bei den intelektuellen Schriftstellern der phantastischen Literatur evident: Einerseits gab es ihre Ablehnung oder Zurückhaltung gegenüber den populären Klassen Argentiniens. Diese Distanznahme war damals das Identitätszeichen der bürgerlichen Intelektuellen Argentiniens, die sich über den nur scheinbar souverän ausgeführten Ausschluss von anderen Subjekten definierten. Es weiss aber jeder, dass der andere, damit er überhaupt ausgeschlossen werden kann, zuerst in irgendeiner Form als Subjekt anerkannt werden muss, was zu einem Widerspruch führt. Die regelrechte Obsession mit einem nicht reifizierbaren Anderen, den es gleichzeitig geben und nicht geben soll, der also nur phantasiert oder imaginiert werden kann, hat die lateinamerikanische Literatur, wie keine andere geprägt. Die imaginative Wendung der Sprache in der phantastischen Literatur hatte das besondere Potential die lateinamerikanische Realität der widersprüchlichen Begegnungen vernehmbar zu machen, wie dies sonst kein einziger Diskurs vermocht hatte.

„Los argentinos somos derechos y humanos“.

Es wurden bisher drei Kristallisationen der verschobenen Begegnung angedeutet, welche die lateinamerikanische Kultur stark geprägt haben: Die Kolonie, der nationale Staat (mit Mexiko als Paradigma), und das Dilemma der Schwankung zwischen populären und bürgerlichen Kräften (mit Argentinien als Paradigma). Doch gibt es noch eine dritte Kristallisation der widersprüchlichen Begegnung, welche die heutige Situation in Lateinamerika ganz besonders prägt: Es handelt sich um die durch die lateinamerikanischen Diktaturen (und „eigentlich“ auch von den Amerikanern) gewalttätig eingeführte Staatsordnung, deren Erfolg nicht mehr von der Formation einer nationalen Identität, sondern von einer Positionierung innerhalb des globalen Finanzmarktes abhängig ist. Innerhalb dieser neuen politischen Konfiguration lebt die ursprünglich verschobene oder widersprüchliche Begegnung in einer geradezu extremen Form weiter. Denn die finanzielle Weltordnung bringt durch das Geld eine Austauschbarkeit mit sich, welche die in Lateinamerika ohnehin verschwommene Grenze zwischen scheinbar unterschiedlich seienden Dingen weiter relativiert. Es sind heute vor allem moralische Fragen, welche in Lateinamerika beunruhigen, weil sie sich kaum mehr mit irgendeiner Sicherheit beantworten lassen. Und es besteht kein Zweifel, dass der perverse Unterdrückungsapparat der Diktaturen für solche Unentscheidbarkeiten und Austauschbarkeiten grundlegend gewesen ist: Die Angestellten der Konzentrationslager, die Folterer, haben sind intime Beziehungen mit ihren Gefangenen eingegangen; oder sie haben ihnen die Kinder weggenommen, um sie selber grosszuziehen. Die solch gearteten Diktaturen haben den Weg für eine finanzielle Staatsordnung eingeebnet, welche die Unentscheidbarkeiten und Austauschbarkeiten zur institutionalisierten Regel gemacht hat, die involvierte Gewalttätigkeit durch die demokratische „Transition“ meistens nur bedingt eindämmend bzw. exquisit sublimierend.

Lateinamerika ist vielleicht doch kein erfundenes Land, sondern eine Evidenz.

Man kann sicher sagen, dass in Lateinamerika ein neuer Realismus herumgeistert (zum Beispiel in der Plastik von Teresa Margolles). Die lateinamerikanische Kunst versteht, dass sich ihre aktuelle Realität oft nicht mehr erzählen und vergegenständlichen lässt (auch nicht durch die imaginative Investition der phantastischen Literatur), sondern dass die Realität real geworden ist, den Bildschirm zerschmettert, ins Auge sticht. Es geht also darum, als Künstler eine riskante Position einnehmen zu können, sein eigenes Auge, manchmal auch mehr als das, für eine künstlerische Realität zu opfern. In diesem Sinn sind auch die subjektiv-dokumentarischen Elemente zu verstehen, welche das Narrativ der heutigen künstlerischen Szene in Lateinamerika prägen.

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Eine Antwort to “Gastbeitrag Hannes Sättele: „Lateinamerika: Begegnen“”

  1. Arne Says:

    Hat er was geraucht? So ein Mist habe ich noch nie gelesen

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