Buchkritik: Chase von Dean Koontz

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Originaltitel: Chase
Autor: Dean Koontz
Übersetzung: Thomas Hag
Verlag: Heyne

Dean Koontz ist so etwas wie der hässliche und dumme Zwilling von Stephen King: Ungefähr im gleichen Alter, hat ebenfalls den literarischen Durchbruch Anfang der 1970er erlebt, ebenfalls in der Horrorliteratur unterwegs (wenn auch stärker auf Thriller/Science Fiction konzentriert), fast genau so erfolgreich auf den Bestsellerlisten – aber als Schriftsteller signifikant untalentierter und weltanschaulich vor allem in der Spätphase absolut zum Kotzen (nach der so reaktionären wie doofen Esoterik-Strunze „Der Geblendete“ aka „From the Corner of his Eye“ hab ich fast acht Jahre lang keins seiner Bücher auch nur angefasst).
„Chase“ gehört zu seinen ersten Werken, allerdings hatte ich hier nicht das 1972er Original vorliegen (das damals unter dem Pseudonym K.R. Dwyker erschien), sondern die „vom Autor vollständig überarbeitete Ausgabe“ von 1995. Bekanntlich hat Koontz auch „Demon Seed“ und andere Texte dergestalt rezykliert – was zu einem Autoren passt, dessen Originalität sich darauf beschränkt, neben seinen ganzen Serienkiller-Geschichten ab und zu auch etwas mit sprechenden Hunden zu schreiben.

Zur Handlung: Vietnamveteran Ben Chase wird als Kriegsheld gefeiert, kann allerdings die Aufmerksamkeit und den Presserummel, die ihm zuteil werden, absolut nicht ab. Kein Wunder, leidet er doch unter schwersten Schuldgefühlen, weil er im Einsatz einmal Frauen und Kinder des Vietcong erschossen hat.
Wie dem auch sei: Eines Abends wird er Zeuge eines Mordes und haut dem Killer aufs Dach; der Bösewicht entkommt aber. Zu seinem Entsetzen steht Ben jetzt schon wieder in allen Zeitungen, aber das ist nicht das Schlimmste: Der Mörder hat ihn erkannt, belästigt ihn mit Anrufen und verübt schliesslich Anschläge auf sein Leben – Bens militärische Ausbildung und Erfahrung bewahrt ihn aber davor, ins Gras zu beissen.
Weil die Polizei ihm nicht glauben will (Chase ist Alkoholiker und befindet sich in psychologischer Behandlung), nimmt unser Held eigene Ermittlungen auf, kommt dem Killer auf die Spur und verliebt sich nebenher in die Archivarin Glenda Kleaver.

Der Roman beginnt eigentlich ganz vielversprechend: Der psychisch kaputte Ben Chase und der Killer (welcher sich selbst „Der Richter“ nennt) sind ganz interessante Antagonisten (für Koontz-Verhältnisse – weder der schuldbeladene Vietnamveteran noch der fanatische Killer reissen Bäume der Originalität aus) und das nicht einmal 200-seitige Büchlein verliert kaum Zeit mit unnötigem Geplänkel. Aber mit der Einführung von Glenda setzt sich das Ding in den Sand, denn bei ihr handelt es sich um einen dieser unsäglichen Gutmenschen mit hartem Schicksal, die bei Koontz öfters auftauchen und als (durchsichtiges) Sprachrohr des Autors vermeintlich tiefsinnige Lebensweisheiten unter die Leser bringen.
Im vorliegenden Fall bedeutet das: Weil sie als Kind jahrelang missbraucht wurde, diese Erfahrung inzwischen aber überwunden hat, hat Glenda eine tiefe Einsicht in das Gefüge der Welt erlangt und hilft Ben mit Gerede über Türen, die man suchen, finden und durch die man hindurchgehen muss, über sein Trauma hinweg. Voilà. Glenda ist wirklich das absolut perfekte Wesen: Eine liebliche Stimme, fantastisches Aussehen, allen Menschen gegenüber liebe- oder zumindest verständnisvoll. Nicht zum Aushalten.

Als wenig subtiles Spiegelbild zu Glenda dient Louise (die ebenfalls Opfer des Killers geworden wäre, hätte Ben nicht eingegriffen): Erst 17 Jahre alt, aber total verdorben. Der Tod ihres Freundes lässt sie völlig kalt, dafür flirtet sie hemmungslos mit Ben und reibt sich demonstrativ im Schritt, als dieser mit Glenda vorbeikommt, um ihr Fragen zur Mordnacht zu stellen. Mit diesem Dreiecksverhältnis sind wir übrigens zur Aussage des Buches vorgestossen:
Aufgrund seiner Erlebnisse im Krieg und seiner Schuld stellt Ben den Sinn des Lebens radikal in Frage und ist dabei, sich aufzugeben; der „Richter“ weckt nochmals die Erinnerungen an das Grauen. Auf der einen Seite begegnet er nun Louise, welche ein plumpes Sinnbild für die abgebrühte und hedonistische Jugend ist, der nicht einmal ein Menschenleben viel zählt. Stattdessen vögelt man hemmungslos herum und begegnet schlimmen Erlebnissen mit einem Schulterzucken.
Auf der anderen Seite begegnet Ben Glenda, die ihre Sinnzweifel angesichts des Bösen auf der Welt überwindet und zu einer höheren Weisheit gelangt (während Lucy explizit als „infantil“ charakterisiert wird).
Zieht Ben zu Anfang noch selbst in Zweifel, dass das Leben irgendeine Bedeutung hat, findet er gegen Ende des Buches den Zynismus eines jugendlichen Bademeisters, dem er bei seinen Ergebnissen begegnet, nur noch langweilig.
Kurz: Es gibt zwar Schlechtes auf der Welt, aber deswegen darf man nicht den Glauben daran verlieren, dass das Leben einen Sinn hat.

Der „Richter“ verkörpert eine weitere Seite, welche Koontz von der leicht esoterisch-spirituellen Perspektive Glendas unterscheidet, nämlich die Seite der religiösen Fanatiker. Will sagen, der Killer tötet, weil er der Überzeugung anhängt, dass sündige Menschen bestraft werden müssen (Lucy nebst Freund, oder dann auch den „Kindermörder“ Chase). Und gegen Schluss stellt sich heraus, dass die eigentlichen Auslöser allen Übels ebenfalls streng religiöse Knallköpfe sind (die gleichzeitig, wie der Killer, der Arischen Allianz angehören – nicht, dass das sonderlich wichtig für die Story wäre).

Apropos Killer: Abgesehen von den nervigen weiblichen Charakteren, mit deinen Koontz seine plumpe Botschaft übermittelt, stört an „Chase“ vor allem eins: Der „Richter“ ist eine Pfeife, die alles in allem herzlich wenig anstellt. Abgesehen vom eingänglichen Mord bringt der Kerl *nichts* auf die Reihe. Er tötet weder Bens aufdringliche Vermieterin, noch bringt er Glenda auch nur ein bisschen in Gefahr. Ein paar Belästigungen am Telefon, einige halbgare Mordanschläge (die für Ben als ausgebildeter und erfahrener Soldat keine sonderlich grosse Gefahr darstellen), das war’s. Er wird dann am Ende auch ohne grosse Probleme ausgeschaltet. SPOILER VORAUS: Ben befragt ein paar Leute, spürt den Killer in dessen Wohnung auf und überwältigt ihn. Danach übergibt er ihn *nicht* der Polizei, weil er weiteren Presserummel im Falle einer Verhaftung vermeiden will. Stattdessen erschiesst er den völlig wehrlosen „Richter“ und verwischt seine Spuren. Ein moralisches Problem ist das übrigens weder für Ben noch, wie’s scheint, für Koontz.

Was bleibt also? Ein Roman, der vielversprechend und spannend (wenn auch nicht wahnsinnig originell) beginnt, sich dann aber mithilfe einer einfältigen Botschaft sowie einiger plumper Charaktere und einem unfähigen Killer selbst versenkt. Sicher nicht das schlechteste Buch aus Koontz’scher Mache, aber herzlich unnötig.

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3 Antworten to “Buchkritik: Chase von Dean Koontz”

  1. hydewerk2 Says:

    Hallo Gregor,

    der Spoiler ist eigentlich überflüssig, denn nach dem Vorabverriss wird wohl kaum jemand noch großes Interesse haben, das Buch zu lesen (ich auch nicht;)
    Von Koontz habe ich einige Bände noch ungelesen im Schrank stehen, bis auf „Cold Fire“, welches ich im Original gar nicht so schlecht fand.

    Beste Grüße

    Frank

  2. gregorschenker Says:

    Es gibt tatsächlich das eine oder andere Buch von Koontz, das gar nicht so schlecht ist; „Cold Fire“ kenn ich nicht, aber „Intensity“ fand ich ganz gut, oder den „Demon Seed“-Neuschreib „Security“.

  3. hydewerk2 Says:

    „Intensity“ habe ich als deutsche Version, werde ich mal antesten.
    Ansonsten habe ich noch ein paar Originalausgaben:
    The door to december
    Lightning
    Phantoms

    Falls Du da ncoh ein paar Tipps zu hast…;)

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