Beton, 7. Szene (Kinski vs. Brecht)

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Den Kritischen wird häufig empfohlen, das Land doch zu verlassen, „wenn es dir hier nicht gefällt.“ Als ob es so einfach wäre.

(Am Bahnhof. Klaus steht auf dem Perron und raucht. Er schnippt die Zigarette weg und schaut in die Ferne. Eine Durchsage ist zu Hören.)

Stimme: Auf Gleis dreinundzwanzig fährt der Reichszug Richtung Metropolis, Zwischenhalt in Auschwitz und Birkenau. Die Fahrgäste bitten wir, sich zu beeilen, der Zug fährt um neun Uhr zehn.

(Klaus erschrickt, spricht zum Publikum)

Klaus: Wieder ein Zug, der davonfährt; einmal davon, seh ich ihn nur in der Ferne immer kleiner werden. Wie schnell so ein Zug doch fährt, wie schnell er über das Land zieht, die Landschaft in Streifen von sich abstossend, wie schnell er davon ist, und wie schnell er wieder da ist.

(Zwei Figuren hasten an Klaus vorbei, jener sieht ihnen kurz nach)

Klaus: Wie schnell die Menschen rennen, und ich sehe sie nicht, wie sie rennen, und sehe sie nie mehr wieder. Wie sie sich in die Ranzen von Maschinen quetschen, diesen dunkeln, düsteren Blech- und Stahltechniken, die sausen ohne Geräusch, und an Bahnhöfen wieder ausgespuckt werden, auf Plätzen wo sie hinfallen, auf Beton und Asphalt, wo sie hinfallen wie unförmige, beinlose Krüppel, wie Kinder die nicht laufen können und aufgehackter Schädelkappen in ihrer Hirnflüssigkeit zucken, wie noch lebende Teile eines Zitterfisches in der hauchdünnen Lache frisch Erbrochenem auf dem Beton. Ausgekotzt von Maschinen drängt es sie wieder in die Züge, weiter, um einen Ort zu finden, der ohne Beton ist. (Pause) OHNE BETON!

ÜBER DEN SIEG DER TECHNIK

Oh Prometheus der uns das Feuer gab,

der den Beton bereitete

der uns verdarb

und den Menschen, einem Kinde gleich,

welcher aus dem Beton geboren

auf ihm liegt, so sanft und weich

und sich nicht von ihm lösen kann!

Ich muss es sagen: dann

ist das Monster dem Beton verschworen

und die Hoffnung liegt nun lang begraben

unter Menschlein dies nicht wagen

aus dem Beton, der sich verbreitete

sich aufzurichten und nur einmal umzusehn!

An vielen Orten war ich, doch dem Beton entkam ich nie. Immer wieder fand ich nur den harten Maschinenstein. Es ist als ob die Erde überzogen wäre mit einer Schicht, die undurchlässig ist.

Berhold: (tritt auf) Und die Fahrkarte zum Beton heraus ist aus Beton selbst; wohin der Betonmensch auch geht und sich niederlässt, den Beton nimmt er immer mit: nach ein paar Jahren holt ihn der Beton wieder ein. Der Gedanke, dem Beton entfliehen zu können, ist kein Gedanke, es ist Beton. Und darum kann er auch keinen Erfolg haben.

Klaus: Berthold! Wie froh bin ich dich zu sehen!

Berthold: Klaus, lass mich dich umarmen. (sie umarmen sich)

Klaus: Wie ist es dir ergangen?

Berthold: Nicht schlecht. Hast du von Horst gehört?

Klaus: Gerhard überbrachte mir die Nachricht.

Berthold: Grauenvoll, nicht?

Klaus: Ich war mehr von Gerhard als von seiner Nachricht entsetzt.

Berthold: So schlimm war es?

Klaus: Berthold, komm und steh mir bei. Ich halt es nicht mehr aus.

Berthold: Steh auf und recke die Brust. Es gibt noch Hoffnung.

Klaus: Wo, Berthold, wo? Rom wurde auf den pontinischen Sümpfen erbaut und Rom herrschte Jahrhunderte über Rassen und Geschlechter, dass es stank, so unerträglich. Der faulige Gestank des Sumpfes stank aus den Mäulern der Legionen die die Welt eroberten und Kultur eines Weltreiches über die Welt brachten, es stank wie gekotzt jede Lüge der Konsuln und Senatoren die am Morgen zuvor noch im Wasser des Sumpfes gebadet hatten. Sieh dich um, Berthold, wie die Dekadenz ihren unerträglichen Siegeszug wieder feiert.

Berthold: Rom wurde zerstört, Rom ist nicht mehr. Auch für unsereins wird sich einst eine neue Welt erheben, eine neue Welt voller neuer Menschen die sich nicht mehr länger von einer Minderheit togatrangender, fettleibiger Patrizier unterdrücken lassen werden.

Klaus: Diese Tage scheinen mir zu weit entfernt, doch ich kann mir den Tag des Umsturzes vorstellen: wie die Menschen aufschreien und räubernd durch die Strassen ziehen, auf der Suche nach der Zerstörung aller alten Ikonen und den Niederriss vergrünspanter Statuetten.

Berthold: Wie sie die Villen und Landhäuser der Fetten abfackeln und wie als eine einzige geballte Hand die Feine niederschmettern.

Klaus: Wo sind bloss die Germanen unserer Zeit, die das Römische Reich auseinanderreissen, die wandalisieren, massakrieren, räubern, plündern, brandschatzen und in Stärke und Verwegenheit abenteuerlustig bis hinter die Ohren in ihre rauschenden Bärte grinsen?

Berthold: In den Fabriken, auf den Äckern. Dort sitzen sie müde und einsam.

Klaus: Und keiner traut dem Beton zu trotzen, alle haben sie sich ihm schon unterworfen.

Berthold: Dem Beton? Den Herrschenden haben sie sich unterworfen. Der Beton ist das Mittel das gebraucht wird, um die Arbeitenden zu unterdrücken. Doch sobald die Arbeiter den Beton übernommen werden haben, werden sie den Beton, das Mittel der reichen Klasse, gegen diese verwenden in einer eisernen, steinharten Diktatur, dann wird Gerechtigkeit über die Welt mit betonharter Faust herrschen.

Klaus: Bist du toll? Der Beton genügt sich selbst, er benötigt keine neuen Meister die in seinem Namen neues Leid über die Welt bringen, sondern er muss zerstört und zerkleinert werden, bis kein Fünkchen Macht mehr aus dem Beton strömt.

Berthold: (lacht) Klaus, du kannst nicht gegen Beton sein. Der Beton ist Fortschritt.

Klaus: Du hast recht. Er schreitete fort und reisst uns mit obwohl wir nicht so schnell rennen können. Wir werden von der dampfenden und zischenden Maschinerie des Betons getragen, in den Schwaden pechschwarzen Rauchs sehen wir nicht wohin wir fahren, und die fallen oder keuchen oder husten bleiben still unter dem Getöse der Geräuschkulisse. Das nennt sich dann Fortschritt. Wie wir auf dem Zug des Betons sitzen bewegen wir uns nicht und bewegen uns doch, da die Maschinerie läuft; und die darüber verwirrt und entfremdet sind bleiben ungehört im grimmen Taumel der Fortschreitenden.

Berthold: Du kannst dich doch nicht im Ernst gegen den Beton stellen?

Klaus: Doch, ich kann. (geht ab)

Berthold:

DAS LIED VON DEN MILLIONEN

In unseren Städten da wohnen

und arbeiten Millionen –

und unter diesen Millionen

leben ein dutzend Personen

die die Arbeitenden entlohnen.

In unseren Städten da fronen

und verkrüppeln sich die Millionen

für den Mehrwert der einzelnen Personen

für ein paar Franken, Rubel, Kronen

für ein ein unaussprechliches Wohnen.

Es sei, den Menschen zu schonen,

der Mensch nunmal nicht geboren.’,

so sprechen die Personen,

ganz frech und unverfroren,

denn sie sprechen aus ihren Millionen.

Und die Personen

schreien zu den Millionen:

auch ihr seid alle Personen,

jeder frei und mit eignen Parolen,

nun beugt euch jetzt dem Entlohnen.’

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